Spannung und Glaube – Predigt zu Exaudi (Eph.3,14-21)

Liebe Gemeinde,
was für das Leben einer Gesellschaft wirklich wichtig ist, ist oft auch umstritten und wirft Fragen auf. Daran werden wir heute gleich dreimal erinnert. Und damit haben wir uns zu beschäftigen.
Ich möchte diese drei Fragen zunächst vorstellen und dann den heutigen Bibeltext in diesen Zusammenhang einlesen.

Die erste Frage:
Heute ist der 8. Mai, ein wichtiges Datum unserer Geschichte.
Lange Zeit galt dieser Tag als Tag der Kapitulation und Niederlage unseres Volkes. Erst vierzig Jahre später kam es zu einer öffentlichen Neuinterpretation durch eine große Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er bezeichnete den 8. Mai als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.
Die geistigen und gesellschaftlichen Folgen dieser dunklen Zeit sind aber noch immer spürbar und erhalten aktuell neue Sprengkraft. Sie zeigt sich in den Fragen: Gibt es eine besondere Verpflichtung für Deutschland? Oder sollen wir eine „Alternative für Deutschland“ suchen? Über diese Fragen wird quer durch die Bevölkerung und oft bis in die Familien hinein heftig gestritten.
Hat die Bibel, und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Die zweite Frage:
Heute ist Muttertag.
Das scheint auf den ersten Blick weit weniger umstritten zu sein. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt uns, dass auch hier große Kontroversen zu finden sind.
An den Anfängen um 1865 stand eine von den USA ausgehende Frauen- und Mütterbewegung, die für die Rechte der Frauen eintrat und auch dafür, dass ihre Söhne nicht mehr in Kriegen geopfert werden sollen. Am 8. Mai 1914 wurde der 2. Sonntag im Mai in den USA durch einen Beschluss des Kongresses offiziell als Muttertag eingeführt.
Es folgte eine steigende Kommerzialisierung. Das ging soweit, dass ihre Begründerin, die Methodistin Anna Marie Jarvis, schließlich erfolglos dafür eintrat, diesen Feiertag wieder abzuschaffen.
In Deutschland haben die Nationalsozialisten daraus einen „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ gemacht und „Mütterweihen“ eingeführt, die am 3. Maisonntag 10 Uhr früh in betonter Konkurrenz zu den christlichen Gottesdiensten durchgeführt wurden.
Heute ist es der Tag, an dem der Blumenhandel seinen größten Umsatz im Jahr erzielt, noch vor dem Valentinstag.
Vor allem aber stellt sich die Frage, was mit den Frauen ist, die nicht Mutter geworden sind? Die Frage nach der Rolle, den Rechten und der realen Stellung der Frau in der Gesellschaft ist bis heute nicht ausreichend beantwortet – bei uns nicht, von den muslimisch geprägten Gesellschaften ganz zu schweigen.
Hat die Bibel und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Die dritte Frage begegnet uns im Evangelium dieses Sonntags: Sie gilt der Rolle und Stellung der Christen in der Gesellschaft.
In der Bergpredigt hatte Jesus seinen Jüngern im unmittelbaren Anschluss an die Seligpreisungen gesagt: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.
Heute haben wir im Evangelium gehört, dass er ihnen bei seinem Abschied schwere Zeiten ankündigt, in denen sie verfolgt und sogar um ihres Glaubens willen getötet werden.
Diese Erfahrung zieht sich von den ersten Christenverfolgungen im römischen Reich bis in unsere Gegenwart. Im Nahen Osten ist das auch heute noch eine traurige Realität.
Ist Religion doch keine Privatsache? Diese Frage ist auch bei uns wieder heftig umstritten. Viele Menschen sind misstrauisch gegen jede Art von Religion geworden. Sie wissen oft sehr wenig darüber und wollen häufig auch gar nicht mehr darüber wissen.
Und wir Christen finden uns immer wieder in einer Spannung vor: Wann und wo sollen wir unseren Glauben auch gegen eine gesellschaftliche Mehrheit zur Sprache bringen? Und wann und wo sollen wir uns besser anpassen oder auf unseren eigenen Bereich beschränken?
Hat die Bibel und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Liebe Gemeinde,
diese drei Fragen, die sich uns an diesem Sonntag stellen, beinhalten sehr viel mehr, als in  einem Gottesdienst behandelt werden kann. Es sind Fragen, die unser Leben und unseren Glauben in Spannung versetzen. Deshalb gehören sie trotzdem in den Gottesdienst.
Natürlich hat die Bibel nicht auf alles eine detaillierte Antwort. Wie sollte sie auch, da sie doch vor 2000 Jahren geschrieben wurde!
Sie ist kein Rezeptbuch für das Leben. Sie ist viel mehr! Die Bibel ist ein Kompass.
Ein Kompass zeigt die Richtung an und stellt uns gleichzeitig vor die Aufgabe, den Weg im Gelände selbst zu suchen.

Schauen wir einmal auf diesen Kompass und hören wir, was im Epheserbrief 3 geschrieben steht:
Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit,
stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen,
welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft,
damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Eph. 3,14- 21)

Was wir hier lesen ist ein Gebet, das bei der Suche nach Antworten helfen soll,
Wir spüren aus diesen Worten:
Hier geht es nicht um Einzelheiten, sondern ums Ganze.
Und es wird dabei nicht vergessen, dass dieses Ganze maßvoll und konkret im Einzelnen – in aller Breite, Länge, Höhe und Tiefe – gesehen und begriffen werden muss.
Die Spannung ist damit nicht aufgehoben, aber sie ist in einen neuen Zusammenhang gestellt.
Das Ganze kommt durch ein Gebet in den Blick.
Der Sonntag Exaudi ist auf das Gebet bezogen: Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich! (Ps27,7)

Entscheidend für unseren Glauben ist, dass er unser Leben, unsere Welt und alle diese schwierigen Fragen, die sich dabei stellen, ins Gebet nimmt. Das Gebet vermag Erstaunliches, was nur ihm gelingen kann: Es überbrückt die Spannung
zwischen dem, was ist, und dem was sein sollte
zwischen unserer Angst und dem Glauben
zwischen dieser Welt und Gottes Herzen.

Um nicht missverstanden zu werden:
Die Spannung bleibt bestehen, aber das Gebet befreit uns davon, das wir einseitig unter Druck stehen. Es befreit uns zu einer bipolaren Sicht und Lebensmöglichkeit, so wie sie uns Christus, der wahre Mensch und wahre Gott, vorgelebt und ermöglicht hat.

Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet: Wenn wir in den Spannungen unseres Lebens beten, geschieht dabei etwas, was nur der Glaube erfahren und begreifen kann: Gott vermittelt uns in diesem Kontakt seinen Geist.
Er gibt uns im Gebet den Tröster, von dem Jesus im Evangelium gesprochen hat.
In unserem Text aus dem Epheserbrief werden dabei zwei wichtige Funktionen und Bedeutungen hervorgehoben, die dieser Gebets-Geist für uns hat: Er vermittelt uns Kraft, und er gibt uns Erkenntnis.
In den konkreten Fragen und Auseinandersetzungen unserer Zeit gehören diese Kraft und Erkenntnis zu den wichtigsten Möglichkeiten des Glaubens, über die er zwar nicht verfügt, die er aber immer wieder erbittet und auch empfängt.

Erkenntnis lässt uns nicht ratlos mit unseren Fragen umherirren, sondern zeigt uns die verborgenen Wege der Liebe auf, die wir manchmal gar nicht sehen, weil unsere Ängste und Gewohnheiten sie verdecken.
Und Kraft bewegt und befähigt uns, diese Wege auch zu gehen, auch wenn wir dabei auf Widerstand und Anfeindung stoßen.
Das sagt sich leichter, als es ist? Gewiss!
Doch der Glaube kann Berge versetzen. Gewiss!

Amen

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