Ich hab’s genau gehört


Es soll sicher lustig sein: die Oma in der grauen Strickjacke mit Zopfmuster über der obligatorischen weißen Bluse. Mit großer Brille und rosigem, vom Silberhaar umrahmten Teint schaut sie uns mit weit geöffneten Augen freudig erregt an. Die unglaubliche Botschaft, die sie bedeutungsvoll weiterzugeben bemüht ist – sie hat’s genau gehört. Da ist jeder Irrtum ausgeschlossen. Zur Bekräftigung hält sie ihre linke Hand hinter die Ohrmuschel, während sie mit der Rechten das angepriesene Produkt präsentiert.

Das Poster hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Ja, da werden viele zuerst schmunzeln.
Es gibt aber auch zu denken: Ältere Menschen haben oft Probleme mit dem Hören. Sie bekommen nicht immer alles so schnell mit wie viele Jüngere. Auch deswegen werden sie manchmal nicht mehr ganz für voll genommen. Einige begegnen ihnen mit einer gewissen Ungeduld. Andere neigen mitunter dazu, sie wie Kinder zu behandeln.
Das kann auf den ersten Blick lustig wirken, wie ja auch „die Oma“ auf den ersten Blick lustig wirkt und wirken soll.

Doch es steckt mehr dahinter als so ein flüchtiger erster Blick erscheinen lässt. Ältere Menschen wollen ernst genommen werden. Die schleichende Entmündigung, der sie nicht selten ausgesetzt sind, tut ihnen nicht gut. Sie tut auch der Gesellschaft nicht gut, weil damit die reichen Potentiale älterer Menschen verdeckt und Probleme produziert werden.

Es sind die in der Gesellschaft vorherrschenden Bilder vom Alter, die den Umgang mit dem Alter und mit älteren Menschen entscheidend prägen. Oft handelt es sich dabei um Klischees, die das Leben einengen und Menschen in ihren Möglichkeiten behindern.
Der 6. Altenbericht der Bundesregierung beschäftigt sich eingehend mit diesen Zusammenhängen und stellt am Ende zehn beachtenswerte Handlungsempfehlungen vor.

Keiner spürt es so wie Du

Keiner spürt es so wie DuBeim pinkfarbenen Überraschungsei hat Antje Schrupp den vermutlich wahren Kern unter der mehrfachen Ummäntelung desselben freigelegt: „Und zwar dass sich diese ganze Aktion eigentlich nur scheinbar an die Mädchen richtet. Die wirklichen Adressaten sind die Jungen. Die rosa Überraschungseier sind für sie sozusagen ein überdimensioniertes Stoppschild, das sagt: Achtung, Mädchenkram, Finger weg!
Eine weitere Spielart von Sexismus in der Werbung also? Nun ja, so bleibt man im Gespräch.

Wo die Knaben in der Werbung noch unausgereift erscheinen, gehen die Männer heute schon neue Wege. Der Baumarkt Hornbach hat im Frühjahr 2012 eine Kampagne mit dem Slogan „Keiner spürt es so wie DU“ gestartet. Wie Der Standard aus Wien am 7. März 2012 schreibt, stellt diese Kampagne „das sensitive Erleben in den Mittelpunkt„. Die Berliner Agentur Heimat kreierte neben TV-Spots das Riesenposter, das in Hamburg, Berlin und München viele Blicke auf sich zieht.

Wir sehen einen wohlgestalteten jüngeren Mann in Arbeitshosen und geöffnetem Hemd. Er lehnt an einer rissigen Hauswand. Die Risse gehen auch durch seinen nackten Oberkörper. Seine Augen sind geschlossen. Man spürt, wie der Mann spürt, was da geschehen ist. Und zu tun ist! In seiner Linken hält er schon die Maurerkelle – für den Betrachter, für den das Ganze gemacht ist, ist es die rechte Seite.

Was für ein Männerbild wird uns hier vorgestellt? Nicht der Macher, der mit schwerer potenzverstärkender Technik als kraftstrotzender Siegertyp zu Werke geht. Dieser Mann zeigt das, was Männern manchmal abgesprochen wird: Er fühlt. Er spürt wie kein anderer. Er tut zunächst nichts, er leidet. Ja, das Poster ist so gestaltet, als ob er die Risse und das Leiden wie Wundmale an seinem eigenen Leibe trägt.
Klingt das nicht ziemlich nach Jesus Christus? Ist die Botschaft hinter dem Bild nicht: Nur wer zum Spüren und Leiden fähig ist, kann dieses von innen her überwinden? Also nicht: Am Anfang war die Ratio, der Plan, der Wille, die Tat? Vor alledem steht hier das Wahrnehmen und das Am-eigenen-Leibe-Spüren.

Hat die Werbung wieder einmal von der Religion gelernt? Durchbricht sie hier mit unterschwelligen Anleihen bei der Theologie ein mittlerweile überholtes, aber längst noch nicht überwundenes Männerbild? Wie wirkt dieser spürende Mann auf andere Männer? Und wie sprechen sie untereinander über ihn, falls sie über ihn sprechen? Wie wirkt er auf Frauen, und was sagen sie dazu?

Die Antworten sind offen. Doch eines dürfte sicher sein: Das Riesenposter findet Aufmerksamkeit und kann Gespräche anstoßen. Hoffen wir, dass auch die daran Beteiligten sich mit Gespür daran beteiligen.
Ob die praktischen Aufgaben dann auch noch angepackt werden? Dem wird der Auftraggeber der Kampagne sicherlich auch genügend nachspüren. Wer will, mag ihm vorhalten, dass er die Diskussion um das Männerbild für seine Zwecke instrumentalisiert hat. Sinnvoller erscheint mir, diese Diskussion fortzuführen.

stay chilled

Gestern wurde unser Enkel in Berlin eingeschult. Zu diesem Zweck ist er auch neu eingekleidet worden. Auf seinem Hemd waren zwei Worte zu lesen: stay chilled.
Ich hoffe, dass er da nicht so schnell herauswächst.

Doch realistisch betrachtet, wird es wohl noch etwas dauern, bis er stay chilled sprachlich und inhaltlich verstehen lernt. Bis dahin ist das Hemd längst auf den kleinen Bruder übergegangen, wenn es den ersten Träger überdauern sollte.

Aber vielleicht ist die Botschaft ohnehin nicht primär für ihn bestimmt, sondern eher für die, die ihm gegenüberstehen. Ab morgen früh können es seine neuen Lehrer sein. Stay chilled, sagt das Hemd unseres Enkels nun zu ihnen. Vielleicht lernen auch die Lehrer etwas daraus…

Was siehst du?

In dem Harzer Bergstädtchen Altenau wohnen seit einigen Jahren die Würzel, die hier zu bewundern sind.

Ihre Haare sind würzige Kräuter, die auf den Altenauer Kräuterpark hinweisen. Doch auch anregende Würze für den Geist halten sie bereit. Einige von ihnen tragen Schilder mit würzigen Sprüchen.

Aufgelesen habe ich bei den Würzeln das Wort eines unbekannten Verfassers:

Der Optimist sieht in jedem Problem eine Aufgabe.
Der Pessimist sieht in jeder Aufgabe ein Problem.