Spannung und Glaube – Predigt zu Exaudi (Eph.3,14-21)

Liebe Gemeinde,
was für das Leben einer Gesellschaft wirklich wichtig ist, ist oft auch umstritten und wirft Fragen auf. Daran werden wir heute gleich dreimal erinnert. Und damit haben wir uns zu beschäftigen.
Ich möchte diese drei Fragen zunächst vorstellen und dann den heutigen Bibeltext in diesen Zusammenhang einlesen.

Die erste Frage:
Heute ist der 8. Mai, ein wichtiges Datum unserer Geschichte.
Lange Zeit galt dieser Tag als Tag der Kapitulation und Niederlage unseres Volkes. Erst vierzig Jahre später kam es zu einer öffentlichen Neuinterpretation durch eine große Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er bezeichnete den 8. Mai als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.
Die geistigen und gesellschaftlichen Folgen dieser dunklen Zeit sind aber noch immer spürbar und erhalten aktuell neue Sprengkraft. Sie zeigt sich in den Fragen: Gibt es eine besondere Verpflichtung für Deutschland? Oder sollen wir eine „Alternative für Deutschland“ suchen? Über diese Fragen wird quer durch die Bevölkerung und oft bis in die Familien hinein heftig gestritten.
Hat die Bibel, und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Die zweite Frage:
Heute ist Muttertag.
Das scheint auf den ersten Blick weit weniger umstritten zu sein. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt uns, dass auch hier große Kontroversen zu finden sind.
An den Anfängen um 1865 stand eine von den USA ausgehende Frauen- und Mütterbewegung, die für die Rechte der Frauen eintrat und auch dafür, dass ihre Söhne nicht mehr in Kriegen geopfert werden sollen. Am 8. Mai 1914 wurde der 2. Sonntag im Mai in den USA durch einen Beschluss des Kongresses offiziell als Muttertag eingeführt.
Es folgte eine steigende Kommerzialisierung. Das ging soweit, dass ihre Begründerin, die Methodistin Anna Marie Jarvis, schließlich erfolglos dafür eintrat, diesen Feiertag wieder abzuschaffen.
In Deutschland haben die Nationalsozialisten daraus einen „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ gemacht und „Mütterweihen“ eingeführt, die am 3. Maisonntag 10 Uhr früh in betonter Konkurrenz zu den christlichen Gottesdiensten durchgeführt wurden.
Heute ist es der Tag, an dem der Blumenhandel seinen größten Umsatz im Jahr erzielt, noch vor dem Valentinstag.
Vor allem aber stellt sich die Frage, was mit den Frauen ist, die nicht Mutter geworden sind? Die Frage nach der Rolle, den Rechten und der realen Stellung der Frau in der Gesellschaft ist bis heute nicht ausreichend beantwortet – bei uns nicht, von den muslimisch geprägten Gesellschaften ganz zu schweigen.
Hat die Bibel und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Die dritte Frage begegnet uns im Evangelium dieses Sonntags: Sie gilt der Rolle und Stellung der Christen in der Gesellschaft.
In der Bergpredigt hatte Jesus seinen Jüngern im unmittelbaren Anschluss an die Seligpreisungen gesagt: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.
Heute haben wir im Evangelium gehört, dass er ihnen bei seinem Abschied schwere Zeiten ankündigt, in denen sie verfolgt und sogar um ihres Glaubens willen getötet werden.
Diese Erfahrung zieht sich von den ersten Christenverfolgungen im römischen Reich bis in unsere Gegenwart. Im Nahen Osten ist das auch heute noch eine traurige Realität.
Ist Religion doch keine Privatsache? Diese Frage ist auch bei uns wieder heftig umstritten. Viele Menschen sind misstrauisch gegen jede Art von Religion geworden. Sie wissen oft sehr wenig darüber und wollen häufig auch gar nicht mehr darüber wissen.
Und wir Christen finden uns immer wieder in einer Spannung vor: Wann und wo sollen wir unseren Glauben auch gegen eine gesellschaftliche Mehrheit zur Sprache bringen? Und wann und wo sollen wir uns besser anpassen oder auf unseren eigenen Bereich beschränken?
Hat die Bibel und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Liebe Gemeinde,
diese drei Fragen, die sich uns an diesem Sonntag stellen, beinhalten sehr viel mehr, als in  einem Gottesdienst behandelt werden kann. Es sind Fragen, die unser Leben und unseren Glauben in Spannung versetzen. Deshalb gehören sie trotzdem in den Gottesdienst.
Natürlich hat die Bibel nicht auf alles eine detaillierte Antwort. Wie sollte sie auch, da sie doch vor 2000 Jahren geschrieben wurde!
Sie ist kein Rezeptbuch für das Leben. Sie ist viel mehr! Die Bibel ist ein Kompass.
Ein Kompass zeigt die Richtung an und stellt uns gleichzeitig vor die Aufgabe, den Weg im Gelände selbst zu suchen.

Schauen wir einmal auf diesen Kompass und hören wir, was im Epheserbrief 3 geschrieben steht:
Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit,
stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen,
welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft,
damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Eph. 3,14- 21)

Was wir hier lesen ist ein Gebet, das bei der Suche nach Antworten helfen soll,
Wir spüren aus diesen Worten:
Hier geht es nicht um Einzelheiten, sondern ums Ganze.
Und es wird dabei nicht vergessen, dass dieses Ganze maßvoll und konkret im Einzelnen – in aller Breite, Länge, Höhe und Tiefe – gesehen und begriffen werden muss.
Die Spannung ist damit nicht aufgehoben, aber sie ist in einen neuen Zusammenhang gestellt.
Das Ganze kommt durch ein Gebet in den Blick.
Der Sonntag Exaudi ist auf das Gebet bezogen: Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich! (Ps27,7)

Entscheidend für unseren Glauben ist, dass er unser Leben, unsere Welt und alle diese schwierigen Fragen, die sich dabei stellen, ins Gebet nimmt. Das Gebet vermag Erstaunliches, was nur ihm gelingen kann: Es überbrückt die Spannung
zwischen dem, was ist, und dem was sein sollte
zwischen unserer Angst und dem Glauben
zwischen dieser Welt und Gottes Herzen.

Um nicht missverstanden zu werden:
Die Spannung bleibt bestehen, aber das Gebet befreit uns davon, das wir einseitig unter Druck stehen. Es befreit uns zu einer bipolaren Sicht und Lebensmöglichkeit, so wie sie uns Christus, der wahre Mensch und wahre Gott, vorgelebt und ermöglicht hat.

Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet: Wenn wir in den Spannungen unseres Lebens beten, geschieht dabei etwas, was nur der Glaube erfahren und begreifen kann: Gott vermittelt uns in diesem Kontakt seinen Geist.
Er gibt uns im Gebet den Tröster, von dem Jesus im Evangelium gesprochen hat.
In unserem Text aus dem Epheserbrief werden dabei zwei wichtige Funktionen und Bedeutungen hervorgehoben, die dieser Gebets-Geist für uns hat: Er vermittelt uns Kraft, und er gibt uns Erkenntnis.
In den konkreten Fragen und Auseinandersetzungen unserer Zeit gehören diese Kraft und Erkenntnis zu den wichtigsten Möglichkeiten des Glaubens, über die er zwar nicht verfügt, die er aber immer wieder erbittet und auch empfängt.

Erkenntnis lässt uns nicht ratlos mit unseren Fragen umherirren, sondern zeigt uns die verborgenen Wege der Liebe auf, die wir manchmal gar nicht sehen, weil unsere Ängste und Gewohnheiten sie verdecken.
Und Kraft bewegt und befähigt uns, diese Wege auch zu gehen, auch wenn wir dabei auf Widerstand und Anfeindung stoßen.
Das sagt sich leichter, als es ist? Gewiss!
Doch der Glaube kann Berge versetzen. Gewiss!

Amen

Das wirkliche Geheimnis von Weihnachten

Weihnachten
wir sehen uns
mit anderen Augen

 

Es weihnachtet wieder. Die Stimmung ist gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich wie alle Jahre wieder auf das schönste unserer Feste. Auf der anderen Seite aber steht der Freude sehr viel entgegen.

In diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Der Terror und das Anwachsen der Gewalt sind noch bedrängender als schon zuvor geworden. Immer mehr Menschen flüchten aus ihrer Heimat. Sie kommen zu uns und sind  unser Thema Nr. 1 geworden. Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Einzelne Gruppen stehen sich mit Unverständnis und mitunter auch hasserfüllt gegenüber. Die Politik wirkt oft hilflos. Der europäische Zusammenhalt und viel beschworene Werte treten hinter nationalen Interessen zurück. Der Ton in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist aggressiver geworden.

Angst und Gewalt greifen auf verschiedenen Ebenen um sich, äußern sich in vielen Formen, verwirbeln sich in lebensbedrohliche Eskalationsspiralen und entladen sich immer wieder über unschuldigen Menschen.

In diese Zeit fällt Weihnachten 2015.

Für viele ist das Fest längst schon zu einer sehr fragwürdigen Konsumveranstaltung geworden, der man sich nur schwer entziehen kann. Der von Coca Cola ausgestattete Weihnachtsmann ist allgegenwärtig. Oder macht er sich in diesem Jahr rarer, weil er zur Reizfigur werden oder weil er mit seinem Geschenkesack als potentieller Gefährder verdächtigt werden könnte?

Andere blicken halb erwartungsvoll, halb skeptisch auf ein paar gemeinsame Stunden mit ihren Lieben, die gerade in diesen Tagen meistens so viel um die Ohren haben, dass der Stresspegel noch um einiges höher liegt. Schaffen wir das? Hoffentlich geht es gut mit dem trauten Beisammensein! Das Wort von der schönen Bescherung ist recht vieldeutig geworden.

Und dann ist da unter all dem anderen auch noch die alte biblische Weihnachtsgeschichte mit dem Engelsgesang. Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde Frieden.  Das klingt ziemlich krass, wenn man im Blick behält – und wie könnte man das nicht im Blick behalten -, was Menschen in Gottes Namen und um Gottes Willen daraus machen.

Trotzdem: Auch am Heiligabend 2015 wird diese Geschichte wieder viele Menschen – viele sehr unterschiedliche Menschen – in die Kirchen ziehen. Sie erweist sich noch immer als nicht verbraucht und verschlissen und ist davor bewahrt geblieben, zur Groteske zu werden. Im Gegenteil: Sie zeigt sich bis heute erstaunlich ironie-resistent und hat von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Es scheint ein Geheimnis über dieser Geschichte zu liegen, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Schon viele Generationen vor uns haben versucht, diesem Geheimnis mit Worten, in Bildern oder durch Musik Ausdruck zu verleihen. Das Jauchzen vielstimmiger Chöre, die Bilder und Figuren aus kostbarem Gold und tiefsinnige Weissagungen von göttlichen Geheimnissen sind uns reichlich überliefert und werden in diesen Tagen wieder hervorgeholt. Wer noch in diesen Traditionen zu Hause ist, steht möglicherweise ergriffen davor. Sehr vielen anderen erscheint das alles wie die Ausstellungsstücke in einem großen Museum, die man während eines  Besuchs mehr oder weniger staunend, verstehend oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, um bald darauf wieder in die eigene Zeit zurückzukehren.

Und doch: Alle Jahre wieder diese Ausstrahlung! Was ist für uns das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte?

Wenn wir sie mit den skeptischen Augen unserer Zeit betrachten, werden wir kaum etwas Übernatürliches feststellen können, das den Fragen unserer kritisch geschärften Denkweise standhält.

Das Geheimnis der beiden ganz unterschiedlichen Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und aus dem Matthäusevangelium lässt sich nicht an harten Fakten festmachen. Ihre äußere Welt ist so wie die unsere. Sie ist von Armut und den Strapazen der kleinen Leute bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geprägt.

Und von politischer Willkür, von Angst, Gewalt und Mord und der dadurch erzwungenen Flucht. Und kein Engel oder Gott schreitet direkt dagegen ein.

Das Geheimnis, bei dem dann allerdings auch Gott und seine Engel und ein wunderbarer Stern ins Spiel kommen und zu leuchten anfangen, liegt in der Verwandlung der beteiligten Menschen. Von dieser Verwandlung erzählt und lebt die Weihnachtsgeschichte.

 

Da ist als erstes Maria, ein junges Mädchen, das zunächst voller Fragen und Zweifel ist, bevor sie verstehen und annehmen kann, was mit ihr geschehen soll. Sie wird Mutter werden und soll Jesus zur Welt bringen.
Und dann Joseph, der Mann an ihrer Seite. Er ist zuerst fassungslos über diese ungeahnte Schwangerschaft und will sich heimlich davonmachen. Doch er ändert seine Einstellung, er bleibt da und nimmt die Vaterrolle an. Als das Kind geboren ist, werden als erstes Hirten, die als Tagelöhner auch die Nacht auf den Feldern zubringen mussten, in die Geschichte einbezogen. Sie werden Zeugen einer himmlischen Erscheinung, die sie erschrecken lässt. Und sie fürchten sich sehr. Doch dann lassen sie sich ansprechen und bewegen. Sie suchen und finden das neugeborene Kind und seine Eltern. Sie selbst werden dabei froh und dankbar und fangen an, darüber zu reden. Und schließlich kommen auch noch Gelehrte aus dem Morgenland, die den Himmel nach Zeichen erforschen und zunächst an der falschen Stelle suchen. Herodes im Königspalast weiß nichts von einem neugeborenen König. Im Gegenteil: Er wird misstrauisch und setzt seine Machtsicherungsmaschinerie in Gang, die vielen Neugeborenen und Kindern bis zu zwei Jahren in und um Bethlehem das Leben kostet. Doch die weisen Männer, die später auch als Könige betrachtet werden, sehen ihren Irrtum ein und lassen sich nicht täuschen. Sie machen sich erneut auf die Suche und finden und beschenken das neugeborene Kind königlich. Auch sie werden dabei selber froh.

Die Ausstrahlung und das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte beruht auf der Verwandlung der beteiligten Menschen. Ihre Verwandlung äußert sich darin, dass sie trotz anfänglicher Ängste und Zweifel, trotz großer Strapazen, trotz bedrückender Verhältnisse, trotz Feindseligkeit und Gewalt ein so tiefes und starkes Ja zu dem ihnen geschenkten Leben finden, dass sie späteren Zeiten als Heilige erscheinen und auch für uns heutige Menschen noch weihnachtlich leuchtende Beispiele sind.

Diese Verwandlung schaffen sie nicht aus sich selbst heraus. Die Erzählungen sprechen hier vom Eingreifen göttlicher Kräfte. In ihrem Kern handelt es sich dabei stets um klare Worte, zur rechten Zeit das Richtige zu tun: Maria und die Hirten werden von Engeln angesprochen und auf die tiefere Bedeutung des Geschehens hingewiesen. Joseph und die Weisen aus dem Morgenland werden von Gott im Traum auf den richtigen Weg gebracht.  Gott erweist sich in den Erzählungen nicht als eine Art allmächtiger Kriegsherr, sondern als guter Geist, der das zerbrechliche Menschenleben schützt und ins rechte Licht setzt, indem er die Verwandlung der Menschen betreibt.

Ja mehr noch: Auch Gott selbst verwandelt sich. Das wird besonders deutlich am Anfang des Johannesevangeliums in einer Art Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Der göttliche Logos, die Kraft, der Geist, das Wort – alles Hilfsbegriffe für den, die oder das Unbegreifliche(n), kurz: Gott selbst – wird Mensch und wohnt unter uns, und wir können seine Herrlichkeit im Angesicht des Menschen sehen.

Wo es wirklich weihnachtet, hat die Angst ihre letzte Macht verloren, weil Gott nicht länger dafür herhält. Er selbst verwandelt sich aus einem höheren  Wesen, das den Menschen Angst einjagt, in ein schutzbedürftiges Kind, das ausschließlich zur Liebe provoziert. Gott ist die Liebe, heißt es, und in genau dieser Liebe wirkt die verwandelnde Kraft.

 

Kehren wir zum Schluss wieder in unsere Zeit zurück, die am Ende des Jahres 2015 so von Unruhe, Angst und Gewalt erfüllt ist, dass bange Fragen aufbrechen: Ist die Menschheit noch zu retten, oder treibt sie unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

Die Möglichkeit zu einem Weiter so scheint immer unrealistischer zu werden. Es spricht einiges dafür, dass wir nur eine einzige Chance haben: Uns auch verwandeln zu lassen, beginnend im kleinen Raum unseres persönlichen Lebens und hinauswirkend in das große Ganze dieser Welt. Zu Weihnachten ist mit dieser Geschichte schon der Anfang gemacht. Und es ist höchste Zeit, dass wir heute neu anfangen, Weihnachten wieder als das ernst zu nehmen, was es unserem Kalender nach ist: die große Wende der Zeiten.

Gesegnete Weihnachten!

Gibt es auch „spirituellen Rassismus“?

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Wir können nicht nicht reagieren.
Auch Ignorieren ist eine Reaktion.

Die eigentliche Frage ist deshalb, WIE wir reagieren.
Es geht darum, sich nicht in negative Prozesse zu verstricken.
Aber wenn man etwas zum Guten bewegen will, muss man sich erst einmal auf sein Gegenüber einlassen.

Andere einfach als „negative Menschen“ zu etikettieren und sie zu meiden, das könnte man durchaus auch als spirituellen Rassismus bezeichnen.

Der Spruch, der Sprecher und ich

Der Monatsspruch für September:
Sei getrost und unverzagt, fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken! (1. Chronik 22,13)

Wenn das jemand zu mir sagt, dann hat das in der Regel einen Grund. Und leider gibt es immer wieder viele Gründe zum Erschrecken und für berechtigte Furcht. Beispiele erübrigen sich.

Wenn das jemand zu mir sagt, dann spielt es für mich eine große Rolle, wer es sagt und wie er es sagt.
Davon hängt meine Reaktion ab. Sie kann schwanken zwischen: „Du hast gut reden, denn du steckst ja nicht in meiner Haut!“ und: „Das ist jetzt ganz lieb von Dir gemeint, aber so einfach lassen sich Angst und Schrecken nicht wegreden.“

Wenn das aber jemand zu mir sagt, der sagen kann: „Es werde Licht!“, und es wurde Licht, jemand der nicht nur redet, sondern mit seinen Worten Fakten schafft, dann wäre das etwas ganz anderes. Dann käme bei mir der Stein ins Rollen, der zuvor so schwer auf meinem Herzen lag.

Wenn ich dieses Wort heute höre, dann stehe ich vor der Frage, wie und von wem ich es mir gesagt sein lasse.
Und darin sehe ich die entscheidende Rückfrage zu der Frage, wie es weitergeht mit mir.

Angesichts von Gewalt und Leid

Zwischen dem,
was da immer wieder
an Nachrichten, Bildern und Schreien
in mich hineingeht,
und dem,
was danach
als Reaktion aus mir herauskommt,
zwischen beidem
muss es
einen inneren Unterbrecher,
einen reinigenden Filter,
eine menschliche und geistige
Instanz und Verantwortung geben!

Wenn ich
nach dem Prinzip
Aktion gleich Reaktion
Aufnahme gleich Weitergabe
rede, handle und lebe
werde ich
unweigerlich
auf meiner Tribüne
zu einem Mitspieler
und Mitschuldigen
in einem Krieg,
den ich eigentlich verabscheue.

Deshalb gilt es,
neue Wege der Empörung
zu finden,
die nicht im Dunkel enden,
sondern ans Licht führen.

Der Geist für’s Leben (Taufpredigt)

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2.Tim 1,17)

Ihr Lieben,

was soll aus N. und J., was soll aus den Kindern einmal werden?
Eine vielschichtige Frage!
Wichtig ist vor allem, wie sie mit dem Leben zurechtkommen,
vor allem mit sich selbst und mit ihrer Umgebung.
Anders ausgedrückt: Wessen Geistes Kind sind sie und werden sie sein?

In unserem Taufspruch wird zuerst der Geist der Furcht (oder Angst) genannt.
Der ist offensichtlich weit verbreitet – damals wie heute.
Das Leben, diese Welt ist zum Fürchten, sagen wir manchmal, wenn wir Nachrichten hören. Und wer seinen persönlichen Weg sucht und nicht nur mit der Masse dahintreiben bzw. mit den Wölfen heulen will, der macht unweigerlich die Erfahrung der Angst, wenn er merkt, dass sein kleines Ich einer großen Welt voller Bedrohungen gegenüber steht.

Angst ist erst einmal etwas ganz Natürliches und Nützliches. Sie macht vorsichtig und schützt so vor Gefahren. Aber sehr oft bleibt sie dabei nicht stehen. Gerade bei sensiblen und phantasievollen Menschen kann sie sich in der Seele ausbreiten wie ein Krebsgeschwür, das bald alles überwuchert und beherrscht.
Wenn das geschieht, hat uns die Angst im Griff, und bestimmt unser Leben.
Das kann soweit gehen, dass wir uns nicht mehr trauen unter Menschen zu gehen.
Oder wir überspielen die Angst, indem wir Anderen Angst machen. Das geschieht oft in der Politik.
Oder wir versuchen die Angst zu betäuben und steigen aus dem realen Leben aus. Das ist eine der Sackgassen beim Erwachsenwerden.

Angst ist ein sehr verbreiteter Ungeist, der das Leben zerstört, wenn er in uns an die Macht kommt.

Doch es gibt – Gott sei Dank! – ein Rezept und ein starkes Mittel gegen diese Krankheit.
Das ist das Rezept des Glaubens: Gott gibt uns den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn wir das genau betrachten, dann können wir sehen, wie die Macht der Angst damit überwunden wird.

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen, an einer Geschichte, die auch die Kinder schon verstehen können.
Es ist die Geschichte vom kleinen Angsthasen:

Es war einmal ein kleiner Angsthase, der fürchtete sich vor allem.
Vor dem Wasser, weil man darin ertrinken kann.
Vor der Dunkelheit, weil er dann an Räuber und Gespenster dachte.
Vor größeren Kindern, weil sie ihm wehtun könnten.
Aber die Anderen lachten ihn aus und riefen immer Angsthase! Angsthase! wenn sie ihn sahen. Sie wollten nicht mit ihm spielen.
Der kleine Angsthase war deshalb sehr einsam und traurig.
Die Angst machte ihm das ganze Leben kaputt!
Er traute sich nur mit dem ganz kleinen Ulli zu spielen, der viel kleiner war als er selbst.
Eines Tages schlich der böse Fuchs mit den scharfen Zähnen ins Dorf. Alle Hasen rannten weg, so schnell sie konnten, und versteckten sich in den Häusern. Nur der ganz kleine Ulli konnte noch nicht so schnell laufen, und deshalb schnappte ihn der Fuchs.
Und nun passierte etwas ganz Großartiges:
Der kleine Angsthase hatte den ganz kleinen Ulli sehr, sehr lieb. Deshalb lief er nicht auch weg, wie die anderen.
Nein, plötzlich war die Angst nicht mehr das Wichtigste. Sein kleiner Freund war jetzt viel wichtiger.
Ihn musste er retten. Und so packte er den großen Fuchs kräftig am Schwanz und zog daran, bis der Fuchs den kleinen Ulli los ließ.
Das war ganz schön mutig!
Das war echt stark!
Und das war auch sehr gefährlich! Wenn der Fuchs ihn mit den Zähnen zu fassen kriegte!
Der Fuchs versuchte ihn abzuschütteln. Er rannte mit ihm durch die stachligen Disteln.
Aber der Hase erkannte die Gefahr und ließ nicht los. Besser durch die Disteln als zwischen die scharfen Zähne des Fuchses! So hielt er den Fuchs immer weiter am Schwanz fest. Der Fuchs war ganz wütend und tobte. Und als er auf einen Baum zu raste, hatte der Hase eine kluge, eine rettende Idee: Jetzt, zur rechten Zeit, ließ er den Schwanz los, und der Fuchs krachte mit aller Wucht gegen den Baum. Danach konnte er nur noch winselnd wegschleichen, und der Hase war gerettet.
Die Anderen, die von weitem alles gesehen hatten, riefen laut: Bravo! Bravo! Der Hase bekam einen Orden für seinen Mut, und alle bewunderten ihn. Er war nun kein Angsthase mehr, und alle Kinder wollten mit ihm spielen.

Sein ganzes Leben hatte sich verändert.
In ihm herrschte nicht mehr der Geist der Angst.
Er hatte jetzt einen viel besseren und schöneren Geist: den Geist der Kraft, und der Liebe und der Besonnenheit.
Die Liebe zu dem kleinen Ulli hatte in ihm ganz viel Kraft und Mut geweckt.
Und die große Gefahr mit dem Fuchs konnte er durch Klugheit und Besonnenheit überwinden!

Liebe Eltern, liebe Paten,
wenn ihr euch fragt, was aus N. und J. werden soll, dann ist das auch die Frage, was ihr ihnen für ihr Leben geben könnt.
Der Taufspruch weist in eine gute Richtung:
– Helft ihnen, diesen Geist zu finden und mit diesem Geist zu leben!.
– Achtet auf das, was sie beschäftigt und bringt diesen guten Geist dahinein!
– Schafft und gestaltet mit ihnen gemeinsam in diesem Geist gute Erlebnisse!
– Entdeckt mit ihnen solche Geschichten, in denen Gott mitten in unserem Leben zu
reden anfängt!

Amen

Gott 9.0 und Erde 1.0

Gerade las ich einen Beitrag zu der Frage, warum Gott 9.0 nicht auf dem Kirchentag in Hamburg stärker präsent war. „Ja!“, dachte ich beim Lesen. Und gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich in Hamburg gar nicht danach gesucht habe. 

Dieser Widerspruch macht mich stutzig. Und dieses Stutzen erscheint mir jetzt wie ein Impuls zum weiteren Nachdenken.

Ich bin vom Konzept Gott 9.0 fasziniert. Ich sehe darin vor allem ein Modell mit großer Erklärungskraft und benutze es als eine Art Diagnose-Instrument, um bestimmte Phänomene, die mir sonst eher unverständlich blieben, zu verstehen und einzuordnen.

In diesem „Einordnen“ liegt natürlich auch eine große Gefahr. Wer wird schon gern von einer Modellperspektive her eingeordnet?!
Die andere Gefahr besteht darin, spekulativ abzuheben, BLAU, ORANGE, GRÜN und sogar GELB weit unter sich zurückzulassen und sich selbst in Bewusstseinssphären anzusiedeln, die – seien wir doch mal ganz ehrlich – kaum einer von uns in seinem Alltagsleben wirklich realisieren wird.

Dass Außenstehende, die Gott 9.0 skeptisch betrachten, da zur Vorsicht raten, kann ich auch als „Fan“ recht gut verstehen.

Meines Erachtens ist es nicht sinnvoll, über die Ignoranz und das Unverständnis der DEKT-Leitung zu stöhnen oder zu schimpfen oder sie mit einer Aufklärungskampagne zu Gott 9.0 zu überziehen.

Meines Erachtens sollte Gott 9.0 eher selbstkritisch danach fragen, warum diese (Negativ-) Eindrücke gegenüber Gott 9.0 entstehen können und welche möglichen Kritikpunkte vielleicht aufzuarbeiten wären, damit dieses großartige Modell mehr Beachtung findet.

Mein Eindruck, den ich übrigens nach dem großartigen Vortrag des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa auf dem DEKT gewonnen habe, ist folgender:
Wir wissen zwar um Gott 9.0, aber wir leben immer noch auf der Erde 1.0.
Wenn diese Verklammerung, will sagen die konkrete gesellschaftliche Verortung, unser Verhaftetsein an den Problemen hier und heute, durch den Dreh einer furiosen Bewusstseinsspirale verlassen wird, dann erzeugt das zu Recht Unbehagen.

Ein wenig erinnert mich das Ganze auch an die Philosophie Hegels. Er hatte ein grandioses Gesamtbild von der Entwicklung des Weltgeistes geschaffen, der in seiner Philosophie endlich zu sich selbst gekommen zu sein schien. Nach Hegel hat man sich dann wieder den Problemen der Zeit und des Zeitgeistes zugewendet, ohne dass Hegel damit bedeutungslos geworden wäre.

Was ich damit sagen will: Mir erscheint es sinnvoller und fruchtbarer, wenn Gott 9.0 jetzt eine inkarnatorische Richtung einschlagen würde und sich den heutigen Fragen und Problemen, die bei uns hauptsächlich zwischen BLAU und GELB liegen dürften, zuwenden würde.

Wenn der Teufel im Detail steckt, muss auch Gott dort aufkreuzen.
Wenn die lebensrelevanten Fragen mit den konkreten Lebensbedingungen und Entwicklungsprozessen unserer Zeit und Gesellschaft zusammenhängen, sollten sich auch Gott 9.0 und seine Jünger diesen zuwenden.

Ganz konkret:
Wenn Menschen Ängste vor der Zukunft haben,
wenn sie sich nicht mehr als wertvolles Glied in einer humanen Gesellschaft erleben,
wenn sie keinen Sinn mehr im Leben finden,
wenn sie zur leichten Beute von Glücksversprechern aller Art werden und in den Sog von allerlei Abhängigkeiten geraten,
wenn …

…dann hilft es ihnen wenig, wenn ich ihnen erzähle, dass wir alle miteinander in das Land der KORALLE unterwegs sind. Dann ist es vielmehr meine Aufgabe, mit ihnen im Gestrüpp ihres und meines Alltags einen Weg zu suchen, der zu mehr Licht und Hoffnung führt.

Kann Gott 9.0 DABEI hilfreich sein, hier, mitten im Daseinsraum 1.0 ?