Im Rosengarten*

Mit dem Leben geht es wie mit dem Mann im Rosengarten. Seit vielen Jahren kam er hierher, um sich gemeinsam mit seiner Frau an den herrlichen Blumen zu erfreuen, die hier mit großem Aufwand, Fleiß und viel Hingabe gepflegt wurden. An schönen Tagen hielten es viele andere Menschen ebenso. Heute war so ein Tag, doch der Mann kam allein. Seine Frau konnte nicht mit ihm kommen. Sie lag seit kurzem auf dem angrenzenden Friedhof.
Er spürte den Schmerz, dass er nun allein vor den Rosen stand, die ihnen beiden so viel bedeutet hatten. Wie sollte er sich noch an den Blumen freuen können, wenn er diese Freude nicht mehr mit ihr teilen konnte?
Er müsste ihr eine Rose bringen können, durchfuhr es ihn. Eine Rose von diesen hier, die sie so oft gemeinsam betrachtet hatten. Natürlich durfte man hier nicht einfach eine Rose abbrechen. Nie wäre er auf einen solchen Gedanken gekommen. Doch jetzt war er da, der Gedanke an seine geliebte Frau, und der Wunsch wurde stärker, ihr die schönste Rose ans Grab zu bringen. Er hatte auch schon die eine im Auge und war sich sicher, dass seine Frau auch diese von allen am meisten schätzen würde.

Ohne einen weiteren Gedanke trat er über den Kiesweg zwischen die Rosen, ging auf die auserwählte zu, bückte sich und brach sie kurz über dem Erdboden.

Als er mit der Rose in der Hand auf den Weg zurückkehrte, sah er, dass viele Leute stehengeblieben waren, zu ihm hinsahen und unwillig ihre Köpfe schüttelten. Ein Mann kam auf ihn zu und fuhr ihn an: Was fällt dir ein, du Halunke! Ich werde das der Parkaufsicht melden. Ein Blumenschänder wie du sollte hier Hausverbot erhalten! Einige der Umstehenden nickten jetzt mit den Köpfen und äußerten Zustimmung. Die Sache war klar, und eine Antwort schien keiner von ihm zu erwarten.
Da trat ein Anderer, er mochte etwa in seinem Alter sein, auf ihn zu, fasste ihn leicht beim Ärmel und fragte ihn: Ich habe Sie schon früher hier gesehen. Sie sind doch ein Freund der Blumen. Warum tun Sie so etwas? Der Mann antwortete: Wollen Sie das wirklich wissen? Der Andere sagte: Ja, sonst hätte ich nicht gefragt. Irgendetwas muss Sie schließlich dazu bewegt haben, hier vor allen Leuten solche Geschichten zu machen. Er entgegnete: Sie haben völlig recht mit Ihrer Formulierung, und wenn Sie Zeit haben, erzähle ich Ihnen die Geschichte.
Beide setzten sich auf eine Bank. Der Mann hielt die Rose mit beiden Händen, betrachtete sie und fing dann an zu erzählen, wie oft er mit seiner Frau hier bei den Rosen gewesen war und dass er ihr jetzt die schönste ans Grab bringen wird. Der Andere hörte schweigend zu und legte schließlich behutsam die Hand auf seinen Arm. So saßen sie eine ganze Weile, und als es Zeit zum Gehen war, verabredeten sie sich, einander wieder hier bei den Rosen zu treffen, um sie gemeinsam zu betrachten.
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* Die Inspiration zu dieser Geschichte verdanke ich einem Haiku, das Hannes Lorenz am 21.07.2015 bei http://www.haiku.de veröffentlicht hat:

Im Rosengarten.

Eine Blüte nur brechen.

Für – för op et Graav

[ˈfri:dn̩]

In diesem Jahr erscheint er uns brüchig, wie seit langem nicht, der Frieden.

Die Nachrichten sind voll davon, und in unseren Gesprächen taucht er wieder als bange Vokabel auf,
nachdem er solange im Archiv der Selbstverständlichkeiten geruht hat.

Der Frieden ist wieder fraglich geworden.
Und ein fraglicher Frieden muss befragt werden, was denn gemeint sei, wenn er wieder neu zur Sprache kommt.

Hängt das Wort ursprünglich mit dem „Einfrieden“ eines Gebietes, dem Umzäunen einer Schonung zusammen?
Ein solcher „Frieden“ kann dann auch durch vertragliche Zäune, die man in Form von Gesetzen setzt, hergestellt werden.
Doch wer kann das machen?
Zuallererst diejenigen, die das Sagen haben. Und hier liegt wohl auch das Problem:. Diejenigen, die das Sagen haben, sprechen natürlich in erster Linie für sich selbst, wie man es bis heute immer wieder beobachten kann.

Ähnlich verhält es sich mit dem lateinischen „pax“, aus dem im Englischen „peace“ und im Französischen „paix“ abgeleitet sind.
Pax kommt von „pangere“, was „fangen“ und „befestigten“ bedeutet und auch noch in unserem Wort „Pakt“ nachklingt.
Wer schließt da mit wem einen Pakt? Und woran erkennt man, dass es kein Pakt mit dem Teufel ist?

Ist unser Friedensbegriff also schon von der sprachlichen Herkunft her frag-würdig, so erscheint es mir sehr sinnvoll, danach Ausschau zu halten, wie der Frieden in anderen Sprachen klingt.

Man kann schon darüber staunen, dass ausgerechnet aus dem Nahen Osten, der aus unserer Sicht am meisten umkämpften Region der Welt, ein umfassenderer und weiterführender Friedensbegriff zu uns gelangt.
Die semitische Verbalwurzel šlm findet ihren Ausdruck sowohl im herbräischen „schalom“ wie auch im arabischen „salam“.
Was diese Begriffe alles ausdrücken und enthalten, ist in unserem „Frieden“ auch nicht ansatzweise über-gesetzt worden.
Es geht um „personelle und sachlich integere Zustände bzw. deren Wiederherstellung…Seine vielen Aspekte, die im weitesten Sinne ungefährdetes Wohlergehen, Glück, Ruhe und Sicherheit umfassen, kommen jedenfalls dem sehr nahe, was im Alten Israel als Inbegriff des Segens verstanden wurde.“(1) Das ist weit mehr als Nicht-Krieg. Es geht um die „lebensfördernde Geordnetheit der Welt“.(2)
Bemerkenswert ist auch, dass sowohl im arbaischen „Salam (aleikum)“ wie im jüdischem „Schalom (alechem)“ mit diesem Begriff ein Gruß und Wunsch verbunden ist.
Die biblische Gußformel „Friede sei mit euch!“ hat Einzug in die Praxis der christlichen Gottesdienste gefunden.

Was wäre, wenn man dieses „Friede sei mit euch!“ nicht nur als eine alte Floskel betrachten, sondern sich als aufrichtigen Wunsch und Zuspruch auch für die, die anders als ich und meinesgleichen sind, zu eigen machen würde.
Wir kämen dem näher, was Martin Luther King am 28. August 1963 meinte, als er in seiner berühmten Rede sagte: „I have a dream…“(3)

Entscheidend dabei ist und bleibt: Dieser Frieden kann nicht mit Verträgen begründet oder gar mit Waffengewalt hergestellt werden. Es braucht offene Herzen, die den Mut haben, den eigenen Dämonen, vornehmlich der Angst, dem Hass und der Feindschaft, zu widerstehen und bereit sind, gegen diese inneren Feinde des Friedens den Jihad aufzunehmen, wie es in ihrem Glauben gereifte Moslems verstehen.(4)

Und nicht zuletzt: Der innere Frieden ist die Wurzel allen Glücks, auch im Verhältnis zwischen Mann und Frau.

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(1) http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/friede-schalom-3/ch/1f44da99ca16cead7add5b84acf1b15b/#h2
(2) ebd. Zitat aus: Steck, O.H., 1972, Friedensvorstellungen im alten Jerusalem. Psalmen, Jesaja, Deuterojesaja (ThSt 111), Zürich, S.29
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/I_Have_a_Dream
(4) „Jihad“ sollte nicht mit „Heiliger Krieg“, übersetzt werden. Die arabischen Wurzel Jahd bedeutet „Mühe, Mühsal“ und macht so sehr realistisch deutlich, dass es sich dabei um eine anstrengende innere Auseinandersetzung handelt. Vgl. http://www.mmnetz.de/onlinebuecher/jihad.htm

 

 

„das h ist ein scharpffer athem, wie man in die hende haucht“(1)

Zwei Wörter mit H gehen mir am heutigen Nationalfeiertag durch den Sinn.

Früher, als ich noch in der DDR lebte, war bei ähnlichen Gelegenheiten das Wort HURRA zu hören.
Sprachgeschichtlich ist es ein Kampf-, Jagd- und Hochruf, der auf das mittelhochdeutsche ‚hurren‘ = ’sich schnell bewegen‘ zurückgeht. Oft wurde er nicht nur einmal, sondern gleich dreimal hintereinander ausgestoßen: HURRA! HURRA! HURRA!

„die interjection war in den befreiungskriegen schlachtruf der preuszischen truppen und ward auch von fremden angenommen:

und Preuszens blüthe die knospe sprengt, hurrah!
ein jeder zur lanze, zum schwert sich drängt, hurrah!
es dröhnte das hurrah durch mark und bein,
die schaar Alexanders stimmt mächtig mit ein:
hurrah, hurrah, hurrah!“(2)

Deutlicher noch wird Schiller, der die Räuber in seinem gleichnamigen Stück singen lässt:

„Das Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezeter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmaus für unsre Trommelhaut!

 Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber, umfallen wie Mucken,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.

 Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen!
So haben wir halt unsern Lohn
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg vom heißen Traubensohn,
Und hurra rax dax! geht’s, als flögen wir davon.(3)“

Da drängt sich wie von selbst das zweite H-Wort auf, dass in diesem Jahr für uns verstärkt aus dem Reich der Phantasie in die Realität eindringt: HORROR. Die Ärzte im alten Rom bezeichneten damit Fieberschauer, Schüttelfrost und das Emporstarren der Haare. Seit dem späten 18. Jahrhundert ist es in der Allgemeinsprache ein Ausdruck für Schauder, Schrecken, Abscheu und Entsetzen geworden.

Beide Worte können in ihrer Wirkung so eng beieinander liegen – aus HURRA! kann HORROR werden.

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1 Valentin Ickelsamer (ca. 1500-1547), hat (laut Wikipedia) 1534 die erste deutsche Grammatik „Ain Teütsche Grammatica“ in deutscher Sprache geschrieben. Das Zitat daraus findet sich in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Band 10, Spalte 1
2 Ebenda, Band 10, Spalte 1968
3 Die Räuber, 4. Akt, 5. Szene