Haiku als Erscheinungslyrik

Bei dem Versuch, das Besondere am Haiku zu beschreiben, mag die Frage entstehen, ob es im Unterschied und in Abgrenzung zur Gedankenlyrik des Aphorismus als Erlebnislyrik bezeichnet werden kann.

Doch was ist eigentlich ein Erlebnis ?
Allein schon die Tatsache, dass wir alle ein und dieselbe Erscheinung ganz unterschiedlich erleben, zeigt, dass dabei der persönliche Anteil eine entscheidende Rolle spielt.

Beim Haiku aber ist persönliche Zurückhaltung geboten: Nicht meine Empfindungen, Gefühle und Erlebnisse sollen im Haiku zur Sprache kommen, sondern die Erscheinung selbst.
Den Lesern wird im Haiku nur die Erscheinung präsentiert, und diese entfaltet dann in ihnen ihre Wirkung. Das ist es, was Haiku so spannend und attraktiv macht.

In gewisser Zuspitzung* kann man beim Haiku deshalb von Erscheinungslyrik sprechen.
Es gilt die Regel:
Je klarer zwischen Erscheinung und Erlebnis unterschieden wird, desto stärker ist die Wirkung als Haiku.

Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, dass die Erscheinung als solche klar und einfach dargestellt und verständlich sein soll. Wenn das nicht hinreichend berücksichtigt wird, verwandelt sich das vermeintliche Haiku in ein Rätsel, womit wir wieder bei der Gedankenlyrik gelandet wären.

Beispiele an Hand von Bashōs Froschhaiku

Haiku (in freier Übertragung):
Ein Frosch springt
in den alten Tempelteich –
das Wasser gluckst.

Aphorismus:
Kein Teich ist so still,
dass der Sprung eines Frosches
ihn nicht doch bewegt.

Erlebnislyrik:
Erhabene Stille
und plötzlich ein Frosch –
der Teich ist gerührt.

Rätsel:
Am alten Teich
im Tempelhain –
das Wasser klingt.
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* Zuspitzung deshalb, weil zwischen Erscheinen und Erleben keine scharfe Trennlinie gezogen werden kann.
Es geht eher um eine Akzentsetzung als um einen absoluten Gegensatz.

Frosch sei Dank, Bashō

Worum es beim Haiku geht, lässt sich besonders gut am Beispiel von Bashōs berühmtem Froschhaiku veranschaulichen.
Um es in seinem ursprünglichen Sitz im Leben verständlich zu machen, möchte ich es so umschreiben:

Stiller Tempelteich.
Ein Frosch springt hinein –
plumps!

Hier steht die Einfachheit des eindeutigen Bildes in einem auf-reizenden Kontrast zu der Erhabenheit des Ambientes: Stille, Meditation, Entleerung von allem Weltlichen, Versenkung. Wer wagte dies alles zu stören?!
Und dann kommt so ein Fröschlein und plumps!

Neben der großen Portion Humor, die hier sichtbar wird, spricht sich darin auch eine fröhliche Kritik an einer Zeremonialität aus, die Gefahr läuft zu erstarren.
Der kleine Frosch wird zum Lehrmeister und zeigt dem traditionsfixierten Bewusstsein das wirkliche Leben.

So funktioniert Haiku. Es führt nicht in höhere Sphären, sondern tiefer in die Wirklichkeit hinein.

Doch sollen wir nicht nach Höherem streben, ist das nicht ein vornehmer Wesenszug des Menschen?

Wenn da nur die Verbindung nicht abreißt!
Höhere geistige Denksphären haben die Tendenz, sich zu verselbständigen, sich selbst zu genügen, sich gegen Äußeres zu immunisieren.
Auch darauf verweist Bashōs Froschhaiku. Der abgeschiedene, geheiligte Tempelbereich ist so eine höhere geistige (Denk- und Besinnungs-) Sphäre, die leicht zu einem Elfenbeinturm werden kann.
Frosch-sei-Dank ist sie es bei Bashō nicht geblieben.

Plumps, mir fällt ein Stein vom Herzen!

Die Ironie von der Geschichte ist: Wir haben Bashō längst ein Denkmal gesetzt. Vielleicht freut er sich, wenn ein Täubchen darauf scheißt.

Haiku meets Bibel – 4. Äpfel und Birnen?

Bei den vorangehenden Beiträgen zu Haiku meets Bibel kann die Frage gestellt werden, ob da nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Haiku sind Kurzgedichte, deren Ursprung und geistiges Zentrum in Japan liegt und die im Laufe der letzten hundert Jahre weltweit viele Freunde und Modifikationen in anderen Ländern und Kulturen gefunden haben.

Die Bibel ist eine kanonisierte Sammlung von Schriften, auf die sich der jüdische und der christliche Glaube im Sinne von autoritativen Urzeugnissen beziehen und berufen.

Beim Haiku handelt es sich um kurze Sprachkunstwerke, die bestimmten ästhetischen Kriterien folgen und an ihnen gemessen werden. Haiku sind also eine literarische Form, die bis heute gepflegt und verändert wird.

Die Bibel ist dagegen eine abgeschlossene und in sich höchst unterschiedliche Aneinanderreihung von historisch weit zurückliegenden Inhalten, die vor allem durch institutionalisierte Glaubensgemeinschaften auf verschiedene Weise mit oft letztgültigem Anspruch rezipiert werden.

Haiku und Bibel liegen also nicht nur geografisch und zeitlich weit auseinander, sie sind auch von sehr verschiedener Art. Was soll sich denn da eigentlich begegnen und in Beziehung treten?

Der Vergleichspunkt, der Entsprechungsraum und das Begegnungspotential liegen nicht in der Vorfindlichkeit der materialen Inhalte oder der formalen ästhetischen Schemata.
Sowohl das Haiku wie auch die Worte der Bibel kreisen aber um etwas Tieferes, Hintergründiges,
das mit Worten nicht begriffen werden kann, das aber dennoch zu Worte kommt und Wort wird,
das als Ungesagtes und Unsagbares zu sprechen beginnt,
das nachhallt und fortwirkt,
das vor allem auf Begegnung aus ist, auf Hören, Verstehen und Sich-Einlassen,
das sich in diesem Prozess auf persönliche Weise erschließt, ohne sich dabei dingfest machen zu lassen.
Es geht um ein Mysterium mitten im Alltäglichen, das gewohnte Sehweisen verrückt, neue Einsichten erschließt und Zusammenhänge herstellt, die den Betrachter zu einem Teilhaber an einer tieferen Wahrheit werden lassen.

Wer argwöhnt, dass hier eine neue Vereinnahmung des Haiku durch spirituelle Erlösungslehren versucht wird, mag diesen Überlegungen mit Skepsis begegnen.
Er sollte sich aber der Frage stellen, ob er nicht einem verengten und vor allem fixierten Begriff von Spiritualität aufsitzt. Echte Spiritualität ist nicht in festgehaltenen Lehren, sondern im Innehalten und Sich-Öffnen für die geheimnisvolle Tiefe des realen Lebens zu finden.
Wer das Haiku von der Umklammerung durch das Religiöse befreien will, sollte dabei auch selbstkritisch sein und prüfen, ob er „das Religiöse“ in seiner existentiellen Tiefe überhaupt schon erfasst hat, oder ob er nur auf frühere, zeitlich gebundene Manifestationen des Religiösen abzielt und die echte Spiritualität als aktuelle Begegnung mit dem Mysterium mitten im Alltäglichen so gerade verfehlt.

Meine These ist:
Das Haiku und die biblische Religion nähern sich dem Mysterium des Lebens auf zwei unterschiedlichen Wegen. Auf beiden Wegen lauern unterschiedliche Gefahren, bei denen ein Blick von der jeweils anderen Seite befreiend und vertiefend sein kann.
Der biblischen Religion droht in unserem Zusammenhang vor allem Gefahr vonseiten des Objektivismus: Das Bemühen um den rechten Glauben führt leicht dazu, dass die prinzipielle Unfassbarkeit und Lebendigkeit in der Begegnung mit dem Mysterium einem System fixierter Glaubenssätze geopfert wird. Da kann der Haiku-Blick zu einer Befreiung aus der Verhaftung in erstarrten Gedankengebäuden beitragen.
Das Haikudichten unterliegt bei uns eher einer subjektivistischen Gefahr: Die Faszination des Haiku führt leicht zu der ambitionierten Versuchung, das Mysterium mit selbstgemachen Wortschöpfungen einkreisen zu wollen. Da kann eine spirituelle Haltung zu einer Vertiefung beitragen, die das Haiku vor der Banalisierung und dem Abgleiten in eine Art wortkunstgewerbliche Serienproduktion bewahrt.

Haiku meets Bibel – 3. Blick-Kontakte

Im ersten Beitrag wurde unter der Überschrift Neuland festgestellt, dass die Haikutradition und die christliche Tradition bei uns im Verhältnis zueinander weitestgehend den Charakter von isolierten Inseln haben. Man nimmt sich wechselseitig nicht oder nur oberflächlich und reserviert zur Kenntnis, nimmt allenfalls die anscheinend völlige Andersartigkeit der anderen Seite wahr und sieht nicht, dass unter der Oberfläche tiefere Entsprechungen oder gar Gemeinsamkeiten verborgen sein können, deren Entdeckung eine Horizonterweiterung und Bereicherung auch für das Verständnis der eigenen Tradition eröffnet. Ein erster Gesprächsgang scheint die These von der Fruchtbarkeit solcher Begegnungen zu bestätigen.

Als zweites wurde auf den biblisch-theologischen Zentralbegriff der Offenbarung hingewiesen, in dem eine gewisse Analogie zum Aufblitzen eines echten Haiku-Momentes gesehen werden kann. In beiden Fällen geht es nicht um etwas Gesuchtes und Gemachtes, sondern um ein Überwältigtwerden des Subjektes durch eine neue Erfahrung mitten im Alltag. Die alltäglichen Dinge und Zusammenhänge werden plötzlich durchsichtig, so dass etwas Tieferes durch sie hindurchscheinen kann (Epiphanie).

Die Folgen eines solches Erlebnisses sind im biblisch begründeten Glauben und beim Haikudichten auf den ersten Blick recht unterschiedlich:
Der Glaube sieht in einer solchen Erfahrung die Begegnung mit einem personhaften Gott, in der er den Zuspruch und Anspruch für eine neue Lebensweise findet. Die Begegnung mit dem Göttlichen verändert sein Leben in der Tiefe und führt vor allem zu neuen praktischen und ethischen Konsequenzen, die in der Regel mit einer Befreiung aus alten Bindungen und einer Horizonterweiterung verbunden sind. Es kann aber auch geschehen, dass spätere Versuche, diese Erfahrung zu zementieren, zu neuen Verengungen und Abschottungen führen, bis schließlich Erneuerungen und Reformationen diese Verkrustungen wieder aufsprengen.

Beim Haikudichten stehen die Wahrnehmung des besonderen Augenblicks und seine adäquate ästhetische Gestaltung im Vordergrund. Eine programmatische Erneuerung des Lebens oder geschichtliche Mission ist nicht intendiert. Doch stellt sich die Frage nach dem Nachhall – ein Zentralbegriff bei der Haikudichtung – und der Wirkung eines tiefen, gelungenen Haiku. Dient es vor allem dem Ruhm des Dichters, oder hat es tiefere Konsequenzen, eröffnet es neue Lebenseinsichten und Einstellungen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die besondere Qualität der Todeshaiku? Und wie erklärt sich die Faszination, die das Haiku heute nicht nur im Sinne einer kurzlebigen Mode auf westliche Menschen ausüben kann? Verbirgt sich dahinter bei aller persönlichen Unterschiedlichkeit so etwas wie eine Sehnsucht und Suche nach der Begegnung mit dem tieferen Leben und einer heileren Welt, ja vielleicht sogar eine uneingestandene Berufung, beim Auffinden dieses Lebens und dieser Welt mitzuwirken?

Wenn Haikufreunde und Bibelfreunde einen offenen Blick auf den Anderen wagen, eröffnen sich viele spannende Fragen. Möglicherweise sind die tieferen dieser Fragen für viele ungewohnt oder gar unangenehm. Neuland und Horizonterweiterung finden wir jedoch nicht durch die Abwehr, sondern in der Begegnung mit dem Anderen. In diesem Sinne möchte ich zu weiteren Blick-Kontakten ermutigen.

Haiku meets Bibel – 1. Neuland

Gibt es noch unentdecktes Neuland?
Geografisch gesehen ist diese Frage heute im Großen und Ganzen wohl zu verneinen. Und auch über fremde Kulturen wissen wir inzwischen recht gut Bescheid. Das mittlerweile akkumulierte Wissen, das nicht zuletzt im Internet abgelegt ist, übersteigt die Fassungskraft eines Einzelnen immens.

Da keiner mehr das gesamte Wissen zu überblicken imstande ist, kann man von „Inseln des Wissens“ sprechen. Was ist damit gemeint? Um einzelne Wissensbestände, kulturelle Zusammenhänge und Traditionen bilden sich Communities, deren Mitglieder eine teilweise recht starke Affinität zu diesen Traditionen entwickeln. Die intensive Beschäftigung mit diesen Inseln des Wissens prägt sich rückwirkend in die auf sie ausgerichteten Personen und ihren Austausch in einer Communitiy ein. Auf diese Weise trägt sie auch zur Identitätsbildung Einzelner und ganzer Gruppen bei. Man versteht sich selbst beispielsweise als Haikufreund und ist bestrebt, mit anderen Haikufreunden in einen Austausch und vielleicht auch in einen Wettstreit zu treten.

Warum ich mich für die eine oder andere kulturelle Tradition stärker interessiere, mag verschiedene Ursachen haben. Der Intensität des Interesses entspricht aber immer auch ein zeitlicher Aufwand für und eine emotionale Bindung an seinen Gegenstand. Die äußerliche Insel des Wissens erzeugt damit ein innerliches Pendant: eine Insel der Aufmerksamkeit, der Vorliebe und Beheimatung.

Andere kulturelle Traditionen und Wissensbestände bleiben demgegenüber in der Regel außen vor, erscheinen weniger interessant und werden nicht gleichermaßen reflektiert und angeeignet. Meistens werden sie nur gleichsam aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen. Sollte dabei allerdings der Eindruck entstehen, dass diese Traditionen mit einem bestimmten Anspruch auftreten, der der eigenen Insel des Wissens zuwider zu laufen scheint, werden diese fremden kulturellen Zusammenhänge nicht selten abgewertet und in den internen Gesprächen der Inselcommunity entweder ignoriert, tabuisiert oder zu einem Popanz aufgebaut.

Diese Abwehr andersartiger Traditionen kann man als einen natürlichen Schutzmechanismus von Kultur-Insulanern verstehen, die ihr eigenes Terrain gegen fremde Einflüsse verteidigen und vor der befürchteten Aufweichung, Verwässerung, Zersetzung und Zerstörung bewahren wollen.

Wir befinden uns also in einer paradoxen Situation:
Auf der Seite der uns zugänglichen Informationen verfügen wir über weltweit ziemlich umfassende Wissensbestände, auch bei den Kulturen und ihren Traditionen. Unentdecktes Neuland ist zumindest im größeren Maße kaum mehr zu erwarten.
Auf der Seite der Aneignung durch Einzelne und Gruppen jedoch leben wir im Status von Insulanern, für die andere Kulturtraditionen oft fremdes, wenn nicht gar bedrohliches Ausland sind, dem nur selten ein positives Interesse entgegengebracht wird, weil alle Kräfte auf den Ausbau der eigenen Insel gerichtet werden.

So gesehen sind die Kultur-Insulaner ringsum von lauter unentdecktem Neuland umgeben, wie es unsere Vorfahren einst auch im geografischen Sinne waren. Wir haben nur ein recht oberflächliches und lückenhaftes Bild von den anderen Welten außerhalb unserer Insel, ein Bild das vor allem von den Gerüchten und Klischees lebt, die wir für die Wirklichkeit halten.

Was ich hier als allgemeine Diskrepanz beschrieben habe, begegnet mir bei uns in der westlichen Welt konkret als wechselseitige Ignoranz zwischen der „Haiku-Welt“ und der christlichen Welt. Während man in den christlichen Kirchen das Phänomen Haiku als exotisches Gewächs einer fremden Kultur bisher kaum zur Kenntnis nimmt, behandelt man in den westlichen „Haiku-Gemeinden“ die christliche Tradition oft mit der Ignoranz von Konvertiten, die von ihren eigenen kulturellen Wurzeln nichts mehr erwarten. Ein nennenswertes Interesse der einen für die andere Seite ist nicht einmal im Ansatz erkennbar, eher schon eine eigen-artige Abwehr des Fremdartigen.

Als Theologe, der mit der christlichen Tradition einigermaßen vertraut ist und mit großem Interesse die „Haiku-Welt“ bereist, komme ich zu dem Schluss, dass beide füreinander so etwas wie unentdecktes Neuland darstellen. Was aus der jeweiligen Inselperspektive von außen völlig andersartig und fremd erscheint, könnte jedoch in tieferen Schichten bislang unentdeckte Entsprechungen und Parallelen aufweisen. Und es könnte für beide Seiten sehr fruchtbar sein, das Eigene im Anderen und das Andere im Eigenen zu entdecken. Die Voraussetzung dafür ist lediglich vorurteilslose Offenheit für die jeweils andere Seite und die Bereitschaft, die eigene Insel nicht mit dem Mittelpunkt der Welt gleichzusetzen.

Zur Entdeckung dieses interkulturellen Neulandes möchte ich unter der Überschrift „Haiku meets Bibel“ gern einladen und in loser Folge Beiräge dazu liefern. Einen ersten Beitrag zum Begriff „Offenbarung“ habe ich dazu hier bereits am 03.07.2012 veröffentlicht. Ich ordne ihn jetzt sachlich als Beitrag 2 der beabsichtigten Folge ein.

Haiku meets Bibel – 2. Offenbarung

Wie verhält sich der christliche Glaube zur Geisteshaltung des Haikuschreibens?

Diese Frage ist bedeutungsvoll, weil nicht wenige westliche Haikuautoren gleichzeitig auch Christen sind. Schreiben sie als Christen Haiku, oder tun sie es unabhängig davon? Oder ist das Haiku ihrem Glauben im Grunde sogar wesensfremd?

Die Antwort hängt natürlich davon ab, wie die beiden Vergleichsgrößen „Christsein“ und „Haikuschreiben“ verstanden werden.

Geht man von einem grundlegenden Gegensatz zwischen westlichem und östlichem Geist aus, liegt es nahe, einen Widerspruch zwischen dem Christen und dem Haijin zu vermuten:

  • hier der Verkündiger einer Glaubensbotschaft – dort der Poet der einfachen Gegenwärtigkeit,
  • hier Absicht – dort Absichtslosigkeit,
  • hier das aktive, glühende Ich – dort die wahrnehmende Ichlosigkeit,
  • hier das Handeln aus Überzeugung – dort ein Empfangen und Erkennen im offenen Schauen.

Es ist verständlich, wenn westliche Menschen, die ihrer eigenen Tradition und gewaltbesetzten Unheilsgeschichte kritisch gegenüberstehen, nach einem Gegenpol suchen und ihn in der östlichen Geisteshaltung zu finden hoffen.
Was dabei leicht übersehen wird, ist die Tatsache, dass es sich bei dieser Gegenüberstellung um eine schematische Konstruktion handelt. Es ist ein stilisiertes Bild, das aus der Perspektive von Abkehr und Neuorientierung gezeichnet ist und mehr der Intention des Betrachters entspricht, als es seinem ursprünglichen Gegenstand gerecht wird.
Deshalb muss zunächst ins Bewusstsein gerückt werden, dass es „die“ christliche Grundeinstellung in Reinform ebenso wenig gibt, wie „das“ Haiku. Beide verwirklichen und brechen sich immer nur in konkreten, persönlichen Manifestationen. Das mag sehr unübersichtlich, wenn nicht gar verwirrend erscheinen. Es ist aber gerade darin ein Zeichen von Lebendigkeit statt Starre, von Reichtum statt Verengung.
Was christlicher Glaube und was Haiku ist, lässt sich nur in immer neuen Anläufen zu beschreiben versuchen, wobei die eigene Perspektive und Erfahrung stets mit in die Beschreibung einfließt.

Der christliche Glaube wird heute oft in stark verzerrter Weise gesehen. Es geht in ihm gerade nicht um eine bestimmte Weltanschauung, die mit moralischen Vorschriften versetzt als nicht hinterfragbare Heilslehre und unwandelbare Wahrheit für alle Zeiten, Gelegenheiten und für alle Menschen propagiert werden soll. In voraufgeklärten Zeiten hat man das oft so gesehen und gehalten – die Bibel aber redet anders.

In der Bibel erscheint der Glaube vielmehr als Geschichte der Befreiung und Loslösung von Fremdherrschaft und ideologischer Fixierung auf eine bestimmte Weltanschauung, wie es sie im alten Orient in Form einander ablösender Großreiche und sie stützender Astralreligionen, Fruchtbarkeitskulte und Herrschermythen durchweg gegeben hat.

An ihre Stelle tritt auf immer wieder überraschende Weise eine unmittelbare Begegnung und Erfahrung, durch die Menschen in der Tiefe ihrer Existenz berührt, erschüttert, angesprochen, herausgefordert und verändert worden sind. Dieses außerordentliche Geschehen wird mit dem treffenden Begriff der Offenbarung umschrieben.
Von besonderer Bedeutung ist die Offenbarung, die Moses erlebte, bevor er sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei führte: Aus einem brennenden Dornbusch vernimmt er die Stimme dessen, der sich als JAHWE vorstellt (2.Mose 3). Dieser Name bedeutet: „Ich werde sein“ oder auch  „Ich bin da“. Es geht um die pure Präsenz eines zugleich machtvollen und gütigen Gegenübers, durch die sich der Angesprochene ganz neu erfährt. Durchaus vergleichbare Erfahrungen machen später die Propheten und Apostel.
„Gott“ ist für dieses unfassbare Gegenüber nur eine im Grunde falsche Hilfsbezeichnung, weil sie als allgemeiner Begriff suggeriert, dass man es fassen, begreifen und einordnen kann wie andere Dinge oder Personen. Doch genau das führt in die Irre! Deshalb heißt es auch im (ursprünglichen) zweiten der zehn Gebote: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“ (2. Mose 20,4). Für unsere Zeit hat das Dietrich Bonhoeffer in den knappen Satz gefasst: „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht.“

Damit ist gesagt, dass es sich bei diesen Offenbarungserlebnissen um ein Geschehen handelt, das nicht ablösbar ist von der Begegnung. So wie es sich auch mit dem verhält, was wir „die Liebe“ nennen. Es geht um das Hervortreten  einer ganz neuen Sicht des Lebens, die nicht gewollt und nicht geplant war und einen Einschnitt in das bisherige Leben des davon Berührten bewirkt.

Es ist als ob plötzlich ein Schleier weggezogen und das Gegenwärtige durchsichtig wird für einen tieferen Zusammenhang, in den die Beteiligten eingewoben werden. Man nennt eine solche Offenbarung auch Epiphanie, ein „Phänomen“, ein Durchscheinen des Unerwarteten im Gewöhnlichen. Es schönes Beispiel dafür ist die Geschichte von der „Verklärung“ Jesu vor seinen Jüngern auf dem Berg (Markus 9,2ff.)

Auf diese Weise bricht das als „Gottesglaube“ benannte Offenbarungsphänomen seit Moses und der Geschichte des alten Volkes Israel über die Begegnungen mit Jesus von Nazareth bis heute unerwartbar und oft genug konträr zur bestehenden Ideologie und Herrschaft in das Leben von Menschen ein und setzt mitunter erstaunliche Ereignisse in Gang. Martin Luther, der daraufhin mit seinem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ ganz „allein gegen Kaiser und Reich“ antrat, ist nur ein Beispiel von vielen.

Haiku meets Bibel
Die christliche Grundhaltung ist also

  • nicht das Reden über „Gott“, sondern ein Stillwerden, Hören und Schauen,
  • nicht eine unbeirrbare Überzeugung und Meinung, sondern ein sich Berühren- und Verändernlassen von diesem Geschehen in der Tiefe der Begegnung,
  • nicht ein Ausleben des eigenen Ego, sondern ein Eingebundenwerden in einen größeren, lebensbejahenden Zusammenhang, für den wir das Wort „Liebe“ benutzen.

Alles das ist in der Geschichte der Kirche immer wieder von Machtinteressen  missbraucht und entstellt worden. Und es ist bis heute immer wieder neu und erneuert  aus diesen Verkrustungen  aufgetaucht, mitten im Alltäglichen als Offenbarung dessen, was schon Moses erlebt hat.

Die Christen feiern diesen Durchbruch des Lebens in den und durch die manchmal sehr engen Grenzen des Alltags auf besondere Weise vor allem im Abendmahl. Was das bedeutet lässt sich auf dem Hintergrund des hier Gesagten am treffendsten in einem Haiku ausdrücken:

Fünf alte Frauen 
Bei Brot und Wein
Da ist Er.

Bei allen kulturgeschichtlichen Unterschieden: Die Parallelen zwischen der christlichen Geisteshaltung und dem Geist des Haiku sind – bei rechtem Licht betrachtet – unübersehbar. Ihnen soll weiter nachgespürt werden, denn es ist zu vermuten, dass eine offene Begegnung zwischen Haiku und Bibel für beide Seiten eine sehr fruchtbare werden kann.