über den köpfen der stadt

über den köpfen der stadt
reifen
die brombeeren

Viktoria Zellner

Nach meinem Empfinden ist der Wiener Autorin Viktoria Zellner hier ein sehr bemerkenswertes Haiku gelungen.

über den Köpfen der stadt
das weckt Erwartungen auf das, was sich da hoch oben abspielt. Unsere Reflexe bei sprachlichen Assoziationen sind heute stark medial beeinflusst. Sofort bauen sich Bilder auf, die ins Spektakuläre zielen. Braut sich über dem urbanen Moloch ein Unwetter zusammen, das sich meteorologisch oder vielleicht eher noch gesellschaftlich und politisch zu entladen droht?
Sitzen und entscheiden über den köpfen der stadt geheime Strippenzieher, die über diese Köpfe hinweg Entscheidendes ins Rollen bringen?
Genaues oder gar Verlässliches weiß man natürlich nicht, weil man ja unter diesen Köpfen lebt und zumindest statistisch gesehen nicht einmal zu den führenden Köpfen der Stadt gehört. Und wo der Weitblick und die Einsicht begrenzt ist, wachsen die Erwartungen gewöhnlich ins Riesige. Was mag da nur wieder geschehen über den köpfen der stadt?

reifen
mit diesem einen Wort setzt die Autorin einen neuen Akzent. Zwar reifen auch dunkle Pläne und Früchte, doch klingt hier ein vornehmlich positiver Grundton an. Reifen ist ein evolutionärer Vorgang, ein Wachstumsprozess, den wir zumindest nach Erreichen der mittleren Reife gern auch auf menschliche und gesellschaftliche Zusammenhänge anwenden, nicht zuletzt auch deshalb, weil wir hier einen gewissen Nachholebedarf und ein riesiges Potential für die Zukunft erkennen.
Und in Verbindung mit den köpfen legt es sich sowieso nahe, dass da eine dringend erwartete Veränderung im Denken und in der Einstellung der Menschen in den Blick kommen könnte. Gern hätte man dieses reifen schon in den Köpfen, aber es braucht nach aller Erfahrung seine Zeit, bis es dorthin gelangt. Zunächst steht da noch über, etwas Höheres also, vielleicht die Bewusstseinserweiterungen einer kleinen Gruppe oder gar eines einzelnen Genies, die selbst für die führenden köpfe der stadt noch nicht fassbar sind.
Solche Prozesse brauchen Zeit und Raum zu ihrer Entfaltung. Die Autorin räumt dem reifen die ganze mittlere Zeile ihres Haikus ein und steigert damit zugleich die Größe seiner Bedeutung und die Erwartung ihrer Leser. Es muss etwas sehr Bedeutendes sein –

die brombeeren.
Die geschickt aufgebaute Klimax, der über den Blick des Verstehens hinausreichende Tower der Erwartungen, wird mit diesem knappen Verweis auf die ebenso stachlige wie köstliche Wildfrucht aufgelöst und in das jedermann frei Zugängliche und oft kaum Beachtete zurückgeholt. Die köpfe der stadt haben es vielleicht noch gar nicht bemerkt, ja sie sind möglicherweise noch nicht imstande zu begreifen, was damit aus- und angesprochen ist, weil sie in ihre Konstruktionen versunken und verstrickt sind.

Für den Leser aber eröffnet sich die Möglichkeit zu einem überraschenden Blickwechsel vom irreal Grandiosen zum grandios Realen hin – ein Aufblitzen des geerdeten Geistes, der sich seit Bashō immer wieder im Haiku zu Gehör bringt.
Es sind die brombeeren, natürlich, diese Brombeeren, hier.

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gezopftes Haar offen

Engel Gabriel …
mein gezopftes Haar offen –
ein Weilchen damals

Angelika Holweger

Im Mittelpunkt dieses Haiku steht der (Erz-)Engel Gabriel. Von ihm ist in der Bibel zweimal die Rede, zuerst im Alten Testament im Buch Daniel (Kap. 8 und 9). In der christlich geprägten Welt ist er aber durch seinen zweifachen Auftritt im ersten Kapitel des Lukasevangeliums mit Zacharias, dem späteren Vater Johannes‘ der Täufers, und vor allem durch seine Begegnung mit Maria bekannt.

Lukas erzählt (1,26ff.), wie der Engel Gabriel von Gott zu Maria nach Nazareth gesandt wurde. Maria war eine Jungfrau, die mit Josef aus dem Hause des Königs David verlobt war. Der Engel begrüßt sie als Begnadete und löst damit bei ihr ein Erschrecken aus. Doch sie soll sich nicht fürchten, denn sie hat Gnade bei Gott gefunden. Sie wird schwanger werden und einen Sohn gebären und ihm den Namen Jesus geben. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden, von Gott den Thron Davids empfangen und sein Reich wird kein Ende haben. – Maria kann das nicht verstehen, da sie doch von keinem Mann weiß. – Der Engel sagt ihr, dass der Heilige Geist und die Kraft des Höchsten über sie kommen wird und das Heilige, das geboren wird, deshalb auch Gottes Sohn genannt werden wird.
Das ist die Vorgeschichte, die der Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 vorangeht wie die Empfängnis der Geburt.

In dem Haiku von Angelika Holweger steht der Engel Gabriel am Anfang: Er füllt die ganze erste Zeile aus und setzt ein Geschehen in Gang, das durch die Andeutung der drei Punkte bis in die Lektüre des Haiku hinein fortwirkt. Auch heute noch ist von ihm die Rede, und in manchem weihnachtlichen Verkündigungsspiel wird er in diesem Jahr wieder in Erscheinung treten und Gestalt annehmen. Vorzugsweise wird diese Rolle von jungen Mädchen gespielt. Auch in der bildenden Kunst wurde Gabriel trotz seines männlichen Namens (Mann, Stärke Gottes) als weibliches Wesen dargestellt.

Die Verbindung des Engels mit der persönlichen (mein) Erinnerung (damals) einer Frau (gezopftes Haar offen) legt es nahe, hier an eine Szene in einem früher aufgeführten Spiel zu denken. Das Besondere und im tiefsten Sinne Evangelische daran ist, wie in dem Haiku die biblische Geschichte mit dem persönlichen Erleben verschränkt wird.

Mehr noch: Geht man davon aus, dass diese Erinnerung einige Jahrzehnte zurückreicht und zu einer Zeit spielt, als „kleine Fräuleins“ noch streng angehalten wurden, ihr Haar sittsam geschlossen zu tragen, kommt in dieser Szene etwas geradezu Revolutionäres zum Ausdruck: Entgegen aller nahezu klischeehaften Vorstellungen, dass die Kirche als Wächterin der Sitten der sinnlichen Freiheit alle nur denkbaren Riegel vorschiebt, kommt es ausgerechnet in der vielleicht am besten besuchten kirchlichen Veranstaltung eines ganzen Jahres dazu, dass hier zu Weihnachten ein solches Fräulein sein gezopftes Haar öffnen, sich unverknotet einer großen Gemeinde präsentieren und sich selbst so frei und wild und lustvoll erleben kann, wie es wohl in Gottes Absicht bei der Schöpfung gelegen haben muss.

Der Gedankenstrich am Ende der Mittelzeile öffnet Raum diesem Geschehen und Erleben nachzuspüren. Das Verständnis des beschriebenen Vorgangs benötigt Raum wie die geöffneten Haare selbst.

Die dritte Zeile stellt gleich zwei zeitliche Bezüge her.
Diese weihnachtliche Öffnung (nicht nur) der Haare – nach dem christlichen Verständnis öffnet sich auch der Himmel an diesem Tag – währt ein Weilchen. Im Diminutiv kommt das Liebliche und Lustvolle dieses Augenblicks, der nicht der Alltag ist, zum Ausdruck.
Die Verknüpfung mit der Rückschau auf damals unterstreicht, dass es dabei um etwas ganz Besonderes ging, das nicht im Strom der Zeit versunken ist, sondern tief verinnerlicht wurde und nun erinnert werden kann. Gleichzeitig wird mit diesem letzten Wort aber auch deutlich, wie sehr sich Zeit und Leben seither geändert haben. Die Freiheit ist zur Selbstverständlichkeit geworden, ihre Süße zur Erinnerung.

In dem Haiku von Angelika Holweger begegnen sich religionsgeschichtliche, kultur- und zeitgeschichtliche Bezüge und werden mit dem persönlichen Leben verwoben. Auf diese Weise wird ein sehr komplexes und dichtes Geschehen und Erleben sichtbar, das zwei verschiedene Zeiträume überspannt und vergegenwärtigt.
Für mich ist es zugleich auch ein sehr beredtes Zeugnis dafür, welche tiefen Erinnerungsspuren eine ganzheitliche persönliche Begegnung mit biblischen Gestalten und Themen hinterlassen kann.

Das Haiku kann sich aber auch in anderen Kontexten öffnen: Wie würde es im Munde einer Muslima klingen? Für sie heißt Gabriel auf arabisch Djibril, der Engel der Offenbarung, der Mohammed die Verse des Korans übermittelte, damals.

wilde Erdbeeren … mein Weg ist noch lang

Angelika Holweger

Hier die wilden Erdbeeren, im Fortgang der Zeile ein Weg, der noch lang ist, und genau in der Mitte etwas Ungesagtes, eine Leerstelle aus drei Punkten.

Es ist die unausgesprochene und unaufgelöste Spannung zwischen der vorgestellten Mühe des langen Weges und fernen Zieles auf der einen und der unerwarteten Begegnung mit den wilden Erdbeeren auf der anderen Seite, die dieses Haiku auszeichnet.

In ihm tritt das Prinzip von Yin und Yang in Erscheinung. Das eine wird erst durch das andere zu dem, was es in diesem Zusammenhang ist: Angesicht des noch langen Weges erscheint die verlockende Gegenwart der wilden Erdbeeren noch süßer. Durch die Nähe dieser Verlockung scheint die Weite des noch zurückzulegenden Weges, der eigentlich kein längeres Verweilen gestattet, zu wachsen.

In der Leerstelle zwischen beidem aber nisten der entscheidende Augenblick und das Zögern, das zu einer Entscheidung genötigt ist. Die Punkte werden – auch optisch – zum Dreh- und Angelpunkt einer Wippe.

Wer mit durchschnittlich gesundem Pragmatismus an die Entscheidung herangeht oder dieser mit dem heute in jeder coaching zone propagierten Konzept der Work-Life-Balance begegnet, wird beides unter einen Hut bringen: Jetzt nasche ich erst einmal von der unerwarteten Gelegenheit, dann ziehe ich frisch gestärkt weiter. So einfach ist das.

Was aber, wenn ich es nicht so einfach hinkriege?

Es kann ja sein, dass die wilden Erdbeeren mit ihrem einzigartigen Aroma eine größere Anziehungskraft ausüben. Schließlich sind sie ein starkes „Symbol der Weltlust, der Verlockung und der Sinnenfreude“, wie uns Wikipedia verrät. Und wer diesen irdischen Verstrickungen abgeschworen hat, kann es auch sublimer haben: als Begleitpflanze der Maria gelten sie als Sinnbild der Rechtschaffenheit und Allegorie frommer und guter Gedanken. Der Eros hat viele Gewänder und versteht es unvergleichlich, in der einen oder anderen Weise zu fesseln. Wozu also noch den langen Weg zurücklegen, wenn hier bereits alles zu finden ist?

Es kann aber auch sein, dass der Ruf der Pflicht stärker ist als alles andere. Das angestrebte Ziel muss erreicht werden – alles andere ist Nebensache. Mögen die Beeren noch so verlockend sein. Sie sind doch letztlich nur ein Hindernis auf dem Weg. Und liegt nicht gerade im Verzicht die größte Befriedigung? Ist er nicht ein Sieg des Willens über die eigene Schwachheit?

Angelika Holweger hat mit diesem schlichten Einzeiler auf sinnliche Weise Sinn- und Existenzfragen von nicht zu überschätzender Tragweite aufgeworfen, die das Leben eines jeden in die Schwebe bringen.

venedig

venedig – hier ist alles ufer

René Possél

Wer Venedig besucht oder auch nur ein wenig von dieser Stadt gehört hat, weiß um ihre Besonderheit. René Possél gelingt es, das Besondere, über das sich so viel sagen lässt, vielsagend in einem einzeiligen Haiku so zu verdichten, dass ich es unmittelbar nachvollziehen kann: Genau, das ist es, was Venedig neben allem anderen, was diese berühmte Stadt zu bieten hat, in seinem Wesen ausmacht. Hier ist alles Ufer.

Es ist doch wohl die besondere Lage Venedigs, die das Leben und die Weltsicht ihrer Bewohner in entscheidender Weise geprägt hat.
Wichtig ist dabei, sich die doppelte Bedeutung von Ufer klarzumachen.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob es vom Land oder vom Wasser aus betrachtet wird.
Nach der Nennung des Ortsnamens ist jedoch klar: Es ist die Sicht vom Land auf das Wasser.
Und daraus ergibt sich: Es ist hier nicht das rettende Ufer gemeint.
Es geht hier darum, dass wir überall die Weite finden, die uns gleichzeitig auch an die Grenzen der Stadt stoßen lässt. Grenzen können angesichts der Weite als Enge erlebt werden – ein Erlebnis, das wiederum zu Aufbrüchen in die Weite motiviert.

Nimmt man die Geschichte vom Aufstieg und Fall Venedigs in die Betrachtung auf, dann kann in diesem Haiku eine grandiose Metapher für unsere Zeit gesehen werden: Wir stehen an neuen Ufern. Stehen wir dort noch immer mit dem naiven Stolz und der stolzen Naivität der alten Venezianer, deren Stadt mit der Zeit zu versinken droht und auf Rettung hofft?

Das Haiku lädt damit zu einer weiteren Überlegung ein, die weit über Venedig hinausgeht.
Wo wir überall am Ufer vor unendlich scheinenden Weiten stehen, blicken wir ins Uferlose.
Diese Uferlosigkeit ist die ganz große Herausforderung der Gegenwart. Bewältigen lässt sie sich wohl nur, wenn wir uns rückbesinnen auf unser „Venedig“ – darauf, wo wir stehen und wohin wir streben, um bleiben zu können, was wir sind, falls wir das wollen. (Fragen zu deren Beantwortung ein Jahrhundert als eine recht kurze Zeit erscheint, die wir aber nicht haben.)