Letzter Sonntag des Kirchenjahres – Ewigkeitssonntag

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.  (Lukas 12, 35)

Der letzte Sonntag des Kirchenjahres trägt in der evangelischen Kirche zwei Namen: Totensonntag und Ewigkeitssonntag. In der katholischen Kirche wird er als Christkönigssonntag begangen. Friedrich Wilhelm III. von Preußen bestimmte 1816 in seiner Landeskirche den letzten Sonntag im Kirchenjahr zum allgemeinen Feiertag zur Erinnerung an die Verstorbenen. Damit wurde ein Gegenstück zu Allerseelen (2. November) im katholischen Bereich geschaffen.

Viele Menschen besuchen in diesen Tagen die Gräber ihrer Verstorbenen, und in den Kirchen wird besonders derer gedacht, die im nun zuendegehenden Kirchenjahr verstorben sind. Für sie werden Kerzen angezündet.
Trauer wird wieder wach, wenn wir an die Menschen denken, die von uns gegangen sind. Unsere Gedanken sind dabei oft in der Vergangenheit. Der Tod macht einen harten Schnitt und trennt die Vergangenheit von der Gegenwart und Zukunft ab. Es besteht die Gefahr, dass wir die Gegenwart und die Zukunft verlieren, wenn wir die Vergangenheit nicht vergangen sein lassen. Doch dieses Loslassen kann sehr schwer sein, wenn es um das Liebste geht.

Die Vergangenheit kann einen sehr großen Raum in uns einnehmen. Sie kann ein Kapital sein, von dem wir zehren, gespeicherte Lebenskraft, die uns wärmt, mit Sinn erfüllt und dankbar macht. Die Vergangenheit kann aber auch das süße Gift der Wehmut in uns verbreiten. Je weniger wir die Gegenwart bejahen können und uns gegenüber der Zukunft zu öffnen bereit sind, um so stärker wird die Macht, die die Vergangenheit über uns gewinnt. Wir können zu ihrem Gefangenen werden. Wenn das geschieht, sind auch wir in gewisser Weise schon tot, obwohl wir physisch noch leben. Das wirkliche Leben findet immer in der Gegenwart statt und hat einen Richtungs-Sinn in die Zukunft.

Hier setzt das Wort Jesu an: Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. Es leitet einen Abschnitt ein, der vom Warten handelt. Im Warten kommen Gegenwart und Zukunft zusammen. Warten ist die gegenwärtige Bereitschaft, dem Zukünftigen zu begegnen. Warten ist manchmal nicht leicht. Doch wer nicht warten kann oder mag, riskiert damit sein Leben, denn er läuft Gefahr, Entscheidendes zu verpassen.
Warten setzt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft voraus, im richtigen Augenblick voll da zu sein. Das kommt in dem Aufruf Jesu sehr anschaulich zur Sprache.

Aber habe ich denn noch etwas zu erwarten? Das ist ein häufiger Einwand, für den es mehr oder weniger starke Gründe zu geben scheint. Am Ende ist der Tod das einzige, was gewiss ist. Und ist mit seinem Kommen nicht alles aus und vorbei? Ist der Tod nicht der endgültige Sieg der Vergangenheit?

Oder geschieht mit dem Tod noch etwas Anderes und Größeres, das wir nur von außen kennen, weil wir es nicht selbst erlebt haben? Die tiefen Zeugnisse von Dichtern und spirituell wachen Menschen vermitteln zumindest die Ahnung, dass der Tod noch ganz anderes sein könnte.

Der Schriftsteller und Dichter Hermann Hesse schrieb einmal: 
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

Und der von den Nationalsozialisten hingerichtete Theologe Dietrich Bonhoeffer  betrachtete den Tod in seinem 1944 im Gefängnis geschriebenen Gedicht Stationen der Freiheit mit den Worten
Tod
Komm, nun höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unserer verblendeten Seele,
daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Und wie immer, wenn es um die wirklich großen Lebensthemen von Glaube, Hoffnung und Liebe geht, können wir nichts von dem Gesagten aus seinem gelebten Lebenszusammenhang heraustrennen, objektiv beweisen und uns als bequeme Wahrheit und allzeit sicheren Besitz aneignen. Wir können uns nur ansprechen lassen und öffnen für dieses Mehr an Leben, das in solchen Worten anklingt.
Die Bibel spricht eindringlich immer wieder davon, dass Gott auf uns zukommen will und der Tod nicht das letzte Wort behalten wird. Wer dem Aufruf Jesu folgt, nimmt das jetzt schon in sein Leben auf, zündet Lichter an und lebt damit wie eine Braut oder wie ein Bräutigam vor der Hochzeit.

Was im Ganzen unseres Lebens noch aussteht, wird im Zusammenhang des Kirchenjahres sinnbildlich erfahrbar: Das Kirchenjahr geht nun zu Ende, doch am nächsten Sonntag beginnt die Adventszeit. Dann wird die Erwartung des Kommenden zum Grund neuer Freude und Zuversicht.

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Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – Das Jüngste Gericht

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.  (2. Korintherbrief 5,10)

Der Gedanke an ein Jüngstes Gericht, ein Weltgericht über alle Lebenden und Toten am Ende der Zeit, nimmt – mit Unterschieden in den Einzelheiten – in allen drei großen monotheistischen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, einen wichtigen Platz ein. Die Menschen werden am Ende von Gott oder seinem Beauftragten gerichtet und erhalten den gerechten Lohn für ihr Leben.

Die Vielzahl der biblischen Belege und ihre Variationsbreite machen deutlich, dass es sich dabei um ein zentrales Thema handelt, das durch die Geschichte hindurch unter wechselnden Umständen immer wieder neu entfaltet und modifiziert wurde.
Das ist wichtig für unser Verstehen, denn es kann dabei nicht darum gehen, aus allen Einzelaussagen ein puzzleartiges Gesamtbild zu erstellen, das dann die biblische Wahrheit ausdrückt. Vielmehr verhält es sich damit eher so wie mit der Sonne, die je nach Standort, Jahres- und Tageszeit sowie nach den atmosphärischen Bedingungen ganz unterschiedlich gesehen, empfunden und dargestellt wird.

In den Bekenntnissen des christlichen Glaubens steht, dass Christus wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Diese Erwartung hat die Menschen vergangener Jahrhunderte stark beschäftigt und vor allem geängstigt. Bildliche Darstellungen machen das auf oft sehr drastische Weise sichtbar.

Heute erscheint der Gedanke an das Jüngste Gericht vielen als eine überholte Vorstellung aus früheren Zeiten, erscheint als die Vergangenheit einer Zukunft, die von der Gegenwart als Ausdruck religiöser Phantasien und Ängste entlarvt und entkräftet wurde. Damit scheint das Thema erledigt zu sein.
Doch so einfach ist es nicht. Einen ersten Hinweis darauf geben schon die vielen Bücher und Filme, die das Thema Apokalypse aufgreifen und in immer wieder neuen Variationen ein mögliches Ende ausmalen, das als Katastrophe über die Menschheit hereinbricht.

Es gibt aber noch einen tieferen Zusammenhang, der auch im Hintergrund dieser modernen Neuauflagen des alten Themas steht. So schwer uns einerseits die Vorstellung eines Jüngsten Gerichtes heute fällt, so unerträglich erscheint uns andererseits der Gedanke, dass es ohne Folgen bleiben sollte, was ein Mensch in seinem Leben getan hat. Sätze wie Es gibt keine Gerechtigkeit! oder Es gibt doch eine Gerechtigkeit! werden selten ohne Bitterkeit oder Befriedigung gesprochen. Unser menschliches Empfinden verlangt danach, dass gute Taten und aufopferungsvolles Verhalten am Ende belohnt und böses Taten und die Verletzung bestimmter Normen bestraft werden. Wo kämen wir denn hin, wenn es anders wäre?!

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt. Gibt es diese ausgleichende Gerechtigkeit? Auch die großen Religionen des Ostens, der Hinduismus und der Buddhismus gehen in ihrer Karmalehre davon aus, dass es nicht ohne Folgen bleiben wird, was ein Mensch in seinem Leben tut.

Beweisen lässt sich jedoch nichts, was über die Grenzen unseres Lebens hinausreicht. Und innerhalb des Lebens müssen wir wohl oder übel einräumen und zugestehen, dass es oft nicht gerecht zugeht. Damit sind wir in bester Gesellschaft. In der Bibel ist es Hiob, der Gerechte, der sich über Gott beklagt: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. (Hiob 9,22). Und auch Hiob fordert unter der Last der ihm von Gott auferlegten Leiden: Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte! Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige! So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst. (9,33–35).
Nun scheint Gott selbst vor Gericht zu stehen. Wie kann er dass alles zulassen?  Mit dieser Theodizeefrage wird der Glaube an einen gerechten Gott und letztlich Gott selbst in Frage gestellt.

Was dann übrig bleibt, ist eine Lebenswirklichkeit, mit der sich der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus intensiv auseinandergesetzt hat. Er sieht einen schmerzhaften, aber unlösbaren Widerspruch zwischen der menschlichen Suche nach Sinn und Gerechtigkeit einerseits und der offenkundigen Sinnlosigkeit und dem Leid andererseits. Camus nennt es das Absurde und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch dem Absurden nicht entgehen kann. Er muss es annehmen, ohne sich resigniert mit ihm abzufinden. Er muss sich permanent dagegen auflehnen (franz. révolter), wie Sisyphus, der immer wieder neu seinen Stein den Berg hinaufrollt. Ob es allein dadurch aber zur Herausbildung neuer Werte zwischen den Menschen kommt, zu gegenseitiger Solidarität, Freundschaft und Liebe, wie Camus erhofft, muss wohl bezweifelt werden.

Den umgekehrten Weg ist der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) gegangen, der die Möglichkeit von Gottesbeweisen philosophisch widerlegt hat. Für ihn ist Gott ein Postulat der praktischen Vernunft, das zur Begründung der unbedingten Gültigkeit des Sittengesetzes unerlässlich ist. 

Die Philosophen haben sich an Gott und den Fragen nach der Gerechtigkeit abgearbeitet, ohne zu einer endgültig befriedigenden Antwort gekommen zu sein. Die tiefsten Fragen unseres Lebens lassen sich nicht objektiv und von außen beantworten. Der Grund dafür ist allerdings leicht erkennbar: Wir sind selbst ein Teil der Frage. Wir sind mit unserem Leben hineingestellt in den unaufhörlichen Strom von Fragen nach richtig und falsch, nach gut und böse, nach Leben und Tod. Als Teil der Frage sind wir aber zugleich Gefragte. Wir müssen Antworten finden und Entscheidungen treffen, ohne zuvor alles von außen über-blicken zu können. Es kommt entscheidend darauf an, wovon und wozu wir uns bewegen lassen. Und da wir Menschen uns vermutlich in der Mehrheit darauf einigen können, dass die Liebe das Wichtigste im Leben ist, kommt es entscheidend darauf an, was wir unter Liebe verstehen.

An dieser Stelle kommt Gott neu ins Spiel. Nicht als Über-Wesen, über dessen Existenz man streiten kann, sondern als das Wort (Johannes 1,1), das uns anspricht, das selbst menschlich wird (Joh 1,14), das die Liebe in der Selbsthingabe verwirklicht (Joh 3,16), das uns damit einen neuen Sinnraum erschließt und zum Leben und Bleiben in dieser Liebe einlädt (Joh 15,9-12).
Als von diesem Wort Angesprochene sind wir zugleich Gefragte und zu einer Antwort aufgerufen. Wir stehen in der Verantwortung, ob wir dieser Liebe durch unser Leben Raum und Gestalt geben. Da wir selbst es sind, die diese Liebe immer wieder trüben, können wir das nur, wenn wir uns von ihr reinigen lassen (Joh 15,1-3).
Damit hat das Gericht Christi schon begonnen. Es findet statt, wenn sein Wort in unseren Lebensraum tritt und in, mit und über uns verhandelt wird, ob wir mit unserem Leben jetzt seiner Liebe Raum geben. Es ist Zeit dafür.

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres – Utopie und Präsenz

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag der Heils!
2.Korinther 6, 2

Im November neigt sich das Kirchenjahr seinem Ende zu. Die drei letzten Sonntage werden rückwärts gezählt. Das hat einen ganz praktischen Grund: In Abhängigkeit vom Ostertermin schwankt die Zahl der Trinitatissonntage von Jahr zu Jahr. Der drittletzte, der vorletzte und der letzte Sonntag im Kirchenjahr kehren aber jedes Jahr wieder und mit ihnen die Themen unserer Zeitlichkeit und Zukunft.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen, scheint es uns oft so, als hätten wir alle Zeit der Welt. Da kommt es auf ein paar Stunden oder Tage nicht so sehr an. Doch wenn wir erfahren, dass uns oder einem unserer Lieben höchstwahrscheinlich nur noch wenig Zeit zum Leben bleibt, gewinnt jeder Augenblick plötzlich ganz stark an Wert.
Dann beginnen wir schnell zu unterscheiden zwischen dem, was uns wichtig ist, und dem, was weniger wichtig ist. Wir überlegen, was wir noch tun, noch erleben oder noch in Ordnung bringen wollen.

Was hier für den Einzelnen gilt, kann auch ganze Gesellschaften und Kulturen erfassen. Die Vorstellung, in der Endzeit zu leben, die von großen Katastrophen begleitet wird, hat die Menschen in verschiedenen Spielarten bis in unsere Zeit hinein immer wieder neu ergriffen und in große Anspannung versetzt. Wenn dabei aktuelle Phänomene wie die teilweise verheerenden Auswirkungen der immer wahrscheinlicher werdenden Klimaveränderungen und alte Überlieferungen wie z.B. die des Mayakalenders zusammenkommen, kann sich ein Plausibilitätsdruck aufbauen, der in das öffentliche Bewusstsein eindringt und damit zur Ursache weiterer selbstverstärkender Wirkungen wird.

In einer solchen angespannten Erwartungssituation befanden sich auch die ersten Christen. Sie rechneten mit dem nahen Ende der Zeit, mit der Parusie (der Wiederkunft Christi) und dem Weltgericht. Das ist auch der Grund, weshalb mit der Niederschrift der Evangelien erst nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 begonnen wurde. Die Parusieverzögerung musste verarbeitet und theologisch bewältigt werden.
In der Evangelienlesung des drittletzten Sonntages stellen die Pharisäer, die erst nach dem Jahr 70 zur einflussreichsten religiösen Gruppierung im Judentum aufstiegen, die Frage: Wann kommt das Reich Gottes? (17,20). Und Lukas schreibt um das Jahr 90 als Antwort Jesu: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. (17,20f.).

Damit ist eine neue Sicht eröffnet, die zu einer veränderten Einstellung führt. Man kann das als eine Wende von der Utopie zur Präsenz interpretieren.
Die Utopie denkt von der Erwartung einer bestimmten Zukunft her. Wenn sie das öffentliche Bewusstsein beherrscht, kann sie große Kräfte freisetzen. Damit ist aber die Gefahr verbunden, dass die Wahrheit im Sinne der Erwartungen zurechtgebogen wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und dass widerständige Ereignisse wie auch Menschen massiv unterdrückt und attackiert werden. In unserer jüngsten Geschichte geben der Nationalsozialismus und der real gescheiterte Kommunismus die finstersten und leidvollsten Beispiele für diesen Mechanismus, der sich auch in vielen anderen Zusammenhängen auswirkt.
Präsenz geht von der Gegenwart aus. Das kann unter dem Primat der Selbstbezogenheit zur rücksichtslosen Befriedigung der momentanen Eigenbedürfnisse führen. Auf die Marquise de Pompadour (1721–1764) wird die Wendung nach uns die Sintflut zurückgeführt, in der diese Haltung und ihre katastrophalen Folgen treffend gekennzeichnet sind. Egomanische Präsenz führt zur Zerstörung der Zukunft und damit in den eigenen geistigen, psychischen, moralischen und oft auch physischen Untergang. Doch wo die kopernikanische Wende und Umkehr vollzogen wird und das eigene Ich mit seinen Strebungen nicht länger als Mittelpunkt des Lebens gilt, ist eine andere Art von Präsenz möglich.
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag der Heils! Dieses Bibelwort stellt die Begegnung mit einer neuen Tiefe und Erfüllung des Lebens in Aussicht. Die Voraussetzung dafür ist eine Präsenz, in der achtsame und respektvolle Offenheit für das Gegenwärtige im Mittelpunkt steht.
Dort, wo es nicht um einfache Gegenstände geht, sondern um die Begegnung mit einem Gegenüber, führt das Bestreben, dieses Gegenüber besitzen zu wollen, zu einer Störung der Beziehung, wenn nicht gar zur Zerstörung des Gegenübers und in letzter Konsequenz auch des eigenen Lebens. Das gilt für unser Verhältnis zur Natur, zu anderen Menschen und auch gegenüber der letzten und tiefsten Erfüllung des Lebens, die wir herkömmlicherweise das Religiöse nennen.
Das Wort Jesu: Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch ist deshalb zugleich ein Aufruf zur Umkehr zu dieser neuen, spirituellen Präsenz. Nur ihr erschließt sich das Reich Gottes, das nach einem Wort des Paulus nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist ist (Römer 14,17).

Und wie sieht diese neue Gegenwärtigkeit angesichts unserer Endlichkeit und Bedrängtheit von Leiden und Tod aus? Ähnelt sie einem resignierten Sich-Fügen? Oder schöpft sie aus einer tieferen Fülle, über die der Tod keine Macht hat? Als Antwort mag ein Satz dienen, der Martin Luther zugeschrieben wird: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

23. Sonntag nach Trinitatis – Eine Formel für das Leben

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.    1.Timotheusbrief 6,15f.

Der Wochenspruch ist eine Doxologie. Diesen Fachbegriff aus der Bibelwissenschaft kann man mit Lobvers übersetzen. Solche Worte begegnen uns sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Sie stehen im Zusammenhang mit dem Gebet und Lobpreis Gottes. Auch am Ende des Vaterunsers finden wir eine Doxologie: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Doxologien sind häufig wiederkehrende Formeln. Durch den häufigen Gebrauch klingen sie sehr vertraut, können dadurch aber auch mechanisch wirken, wie leere Formeln, bei denen der Inhalt verblasst oder gar verlorengegangen ist. Nicht wenigen Zeitgenossen erscheint der ganze christliche Glaube als leere Formel.

Das ist Grund genug, einmal über die Bedeutung von Formeln nachzudenken.
In den Naturwissenschaften stehen sie hoch im Kurs. Die richtige Formel ist wie ein Schlüssel, mit dem man bestimmte Zusammenhänge aufschließen und verstehen kann. Sie ermöglicht es dann auch, zielgerichtet zu handeln, um Ergebnisse zu erzielen, die ohne diese Formel nicht möglich wären. Bis heute ist die Menschheit darauf aus, eine Weltformel oder Theorie von Allem finden zu können.
Auf einer anderen Ebene stehen die nicht weniger faszinierenden Zauberformeln, die Unmögliches bewirken sollen, oder diplomatische Formeln, die es möglich machen, in sehr komplizierten gesellschaftlichen Verhältnissen einen Weg zu finden, auf dem sich ganz unterschiedliche Parteien treffen und verständigen können.
Die Beispiele zeigen, welchen hohen Stellenwert Formeln in verschiedenen Lebensbereichen besitzen. Sollte es nicht möglich sein, eine solche Bedeutsamkeit auch bei den Formeln des Glaubens wiederzuentdecken?

Für die ersten Christen waren solche Formeln sehr wichtig:
Mit ihnen konnten sie ihren Glauben in knapper Form ausdrücken und auch weitergeben.
Die Formeln wurden im Gottesdienst verwendet und immer wieder wiederholt. Dadurch bekamen sie etwas sehr Vertrautes, eine Art inneres Zuhause, und etwas Verbindendes unter den Christen.
Und aus den Formeln haben sich später die Bekenntnisse des Glaubens entwickelt.
Man kann sie deshalb auch als Grundbausteine des Glaubens bezeichnen.

Bausteine sind das Material, ohne das nichts entstehen kann. Aber sie sind noch nicht das fertige Haus, in dem wir wohnen und das wir mit Leben erfüllen. So verhält es sich auch mit den Formeln des Glaubens. Wir brauchen sie, damit unser Glaube nicht substanzlos wird, aber wir müssen auch etwas mit ihnen anfangen können, wenn sie nicht leer und nutzlos erscheinen sollen.
Um noch ein anderes Bild zu gebrauchen: Glaubensformeln sind wie wertvolle alte Perlen, die in sehr langen Zeiten gewachsen, gereift und dabei fest und kostbar geworden sind. Solche Perlen wirft man nicht weg, um sie durch billige Imitate zu ersetzen. Sie sind es wert, ausgiebig betrachtet und als wertvolle Glieder an entscheidender Stelle in die Kette unseres Lebens eingefügt zu werden.

Zurück zu der Formel, die uns als Wochenspruch begegnet: Im Zusammenhang des 1.Timotheusbriefes steht das Wort inmitten von Mahnungen und Warnungen vor den Gefahren des Reichtums (6,9f. und 17) und der Ausrichtung des Glaubens auf das ewige (6,12) und wahre (6,19) Leben. Es erinnert an das erste Gebot. Der HERR, den die Bibel Jahwe nennt, allein ist Gott. Er allein kann das Leben erhalten. Geld und Gut können das nicht leisten.
Das mag für einen glaubenden Menschen sehr plausibel klingen. Und doch kann es auch unter Christen geschehen, dass das im Kasten klingende Geld näher und verlockender erscheint als der vermeintlich ferne Gott. Diese gar nicht so selten auftretende Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit macht die Bedeutung und den Wert der Glaubensformel für die Lebenspraxis eindrücklich sichtbar. Da wir Menschen offensichtlich eine dauerhafte, tiefsitzende Neigung haben, unsere Aufmerksamkeit vor allem dem Zählbaren und dem Glänzenden zuzuwenden, muss es uns bis heute immer wieder neu gesagt werden, wo wir den höchsten Frieden und die tiefste Freude finden können. Ganz verstanden haben wir es erst, wenn uns das in Fleisch und Blut übergeht. Deshalb muss es wieder und wieder wiederholt werden. Dafür sind Glaubensformeln ein gutes Mittel, wenn sie bewusst und nicht gedankenlos verwendet werden. Dann öffnen sie in uns einen neuen Raum des Lebens und Verstehens.

22. Sonntag nach Trinitatis – Beziehung ist alles

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Psalm 130,4

Beziehung ist alles! Die Bedeutung dieses Satzes reicht weiter, als es auf den ersten Blick scheint. Es geht dabei nicht nur um jene Tauschgeschäfte, bei denen man einen Spezi braucht. Das ganze Leben von der Wiege bis zur Bahre ist Beziehung. Krieg oder Frieden ist eine Frage der Beziehung, und auch Himmel und Hölle. Unsere primären Beziehungen entscheiden über das höchste Glück oder das tiefste Leid.

Gute Beziehungen wollen gepflegt werden, damit sie auch gut bleiben oder noch besser werden. Es kommt aber leider auch immer wieder vor, dass Beziehungen getrübt, nachhaltig gestört oder gar völlig zerrüttet sind. Besonders schlimm ist das innerhalb der Familie oder auch am Arbeitsplatz, wo man durch die Familienbande oder wichtige Verträge aneinander gebunden ist. Eine gestörte Beziehung ist eine Art Kommunikationsvergiftung. Man sieht den Anderen überwiegend in einem dunklen Licht, und was er sagt, erhält wie von selbst einen negativen Beiklang.

Wie können gestörte Beziehungen geheilt werden? Das ist eine der wichtigsten und zugleich schwersten Fragen, die uns das Leben stellt. Da es sich um persönliche Angelegenheiten handelt, kann auch die Heilung nur auf persönliche Weise erfolgen. Eine Pille gibt es dafür nicht.

Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang von Vergebung. Für diesen Begriff gibt es im Hebräischen des Alten Testaments und im Griechischen des NeuenTestaments jeweils verschiedene Wörter, die das Bedeutungsspektrum von Vergebung repräsentieren. Es reicht von der rechtlichen Tilgung einer Schuld, durch die gleichsam ein Schlussstrich gezogen und ein neuer Anfang gemacht wird, über die kultisch vollzogene Reinigung bis hin zur gnadenvollen, freundlichen Zuwendung.

Ein Ist schon okay, ich vegebe dir! zwischen Menschen bringt oft nicht die Entlastung und Befreiung, weil wir spüren, da ist noch etwas Unbewältigtes, das wie eine Wunde weiter schwärt und auch im eigenen Herzen eine bange Unruhe hinterlässt, die man als schlechtes Gewissen bezeichnen kann. Solche oberflächliche “Vergebung”, die vorschnell und häufig aus Konfliktscheuheit ausgesprochen wird, kann alles noch schlimmer machen, weil sie nicht halten kann, was sie verspricht, und deshalb wie eine Bestätigung der Beziehungsstörung wirkt, gegen die eben selbst mit gutem Willen doch nichts zu machen ist. Schwamm drüber kann nicht auslöschen, was tief in das Innere unseres Lebens eingeritzt ist.

Letzte, umfassende und restlose Vergebung kann nach den Worten der Bibel nur der gewähren und schenken, der uns bis in die letzte Tiefe unserer Existenz kennt, uns als seine Geschöpfe liebt und durch die Tilgung der Schuld, durch Reinigung und Erneuerung und durch seine gnadenvolle, freundliche Zuwendung zu neuem Leben verhilft. Deshalb ist ihm auch mit besonderer Ehrfurcht zu begegnen. Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Wenn Menschen bereit sind, einander in dieser Ernsthaftigkeit und Tiefe neu zu begegnen, wird Vergebung auch zu einer zwischenmenschlichen Möglichkeit: Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. (Epheserbrief 4,32).
Vergebung kann auch ein Prozess sein, ein Weg bei dem folgende Schritte wichtig sind:
Die offene Aussprache über das, was die Beziehung stört. Dabei sind das Aussprechen und das Zuhören gleichermaßen wichtig. Wenn es dabei zu wechselseitigem Verstehen komm, ist schon sehr viel gewonnen.
Wegnahme der Schuld, das wird heute oft in der Zurücknahme der wechselseitigen Vorwürfe bestehen, die das Bild des Anderen verdüstern und die Beziehung vergiften.
Die rituelle (Be-) Reinigung ist auch von großer Bedeutung, weil sie dem neuen Anfang eine sichtbare und einprägsam erlebte Gestalt verleiht. Dabei kann eine ganz profane Handlung wie ein gemeinsam getrunkenes Bier eine ungewöhnlich tiefe Bedeutung gewinnen.
Die freundliche Zuwendung schafft einen neuen Anfang. Das alte Bild vom Anderen wird ausser Kraft gesetzt. Neues Vertrauen kann langsam aufgebaut werden.

Es ist nicht gesagt, dass solche Schritte immer an das ersehnte Ziel führen. Wo sie gelingen, ist Sein Reich näher zu uns gekommen. Wo nicht, bleiben viele Fragen offen:

Oft ist das Wort zu hören: Vergeben kann ich, vergessen nie. Was ist davon zu halten? Wer Gewalt und sehr schlimme Kränkung erfahren hat, wird sehr wahrscheinlich sein Leben lang daran denken. Vergessen kann nicht befohlen werden. Man kann es sich ja nicht einmal selbst befehlen oder vornehmen. Aber wirkliches Vergeben heißt, es dem Anderen vergessen, es ihm nicht mehr vorhalten, es nicht mehr als Grund für eine Beziehungsstörung wirksam sein lassen.

Und wenn es zu Rückschlägen kommt? Da trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. (Matthäus18,21f.)

Und wenn es keine Aussöhnung gibt? Dann bleibt mir die Möglichkeit zu beten: Gott, der du die Liebe in Person bist, halte mein Herz offen für deine Gabe der Versöhnung und für meinen Nächsten, mit dem ich es schwer habe. Und wenn es möglich ist, öffne auch sein Herz. Amen.

21. Sonntag nach Trinitatis – Die Überwindung

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12, 21

Beim letzten Wochenspruch ging es darum, was gut ist. Gut und böse können und dürfen nicht aus dem Blickwinkel bestimmter Interessen definiert werden. Das würde zur Verklärung bzw. Diskreditierung dieser Interessen führen und damit die eigene Auffassung vergötzen oder abweichende Standpunkte dämonisieren.
Gut und böse sind absolute Kategorien, die ihren letzten Grund in der ethischen Nichthintergehbarkeit der Menschenwürde und im theologischen Verstehenszusammenhang der universalen Bejahung und unteilbaren Liebe Gottes zur Schöpfung finden. Gut ist, was dieser Liebe Gestalt verleiht und dem daraufhin angelegten Wesen des Menschen zur Verwirklichung hilft.

Nun ist die eigentlich spannende Frage, wie das, was mit großen Worten relativ einfach zu umschreiben sein scheint, in die Praxis des gelebten Lebens umgesetzt werden kann. Ist der Mensch überhaupt fähig, das in diesem Sinn Gute zu verwirklichen? Die Bibel ist da mehr als skeptisch. Dazu zwei Beispiele, je eins aus dem ersten und aus dem zweiten Testament:
In 1Mose 8,21 sagt Gott nach dem Ende der Sintflut: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Das ist nicht nur eine bemerkenswerte Aussage über die menschliche Natur, sondern auch ein erstaunlicher Ausdruck über einen Sinneswandel in Gott selbst, der wie eine Vorwegnahme unseres Wochenspruches und des Gebotes Jesu in der Bergpredigt (Mat 5,43–48), mit dem er zur Feindesliebe aufruft, klingt.
Paulus, der in Römer 12,21 zur Überwindung des Bösen durch das Gute aufruft, schreibt fünf Kapitel zuvor: Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. (Römer 7,18f.)

Diesen Widerspruch nennt Paulus die Sünde, und Augustinus erklärt später, dass es dem Menschen unmöglich ist, nicht zu sündigen. Es gibt demzufolge keinen Weg zum Guten, den der Mensch von sich aus gehen könnte. Es liegt allein in Gottes Macht und Willen, den Menschen vom Bösen zu erlösen, allein aus Gnade kann der Mensch zum Heil und zur Erlösung geführt werden.
Das ist eine der zentralen Auffassungen der traditionellen christlichen Dogmatik, an der sich der Widerspruch des säkularisierten Denkens der Moderne besonders deutlich artikuliert. Ist es nicht eine Entmündigung des Menschen, wenn ihm die Fähigkeit zum Guten abgesprochen wird? Wir damit nicht alles menschliche Bemühen und ethische Streben von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Oder liegt gerade darin ein ganz nüchterner Realismus, den es heute neu zu entdecken, neu zu würdigen und auch neu zu interpretieren gilt, da sich die verschiedenen Versuche der Optimierung und Perfektionierung des Menschen als ein recht fragwürdiges Experiment erweisen?
Wenn die Stimme der christlichen Tradition in unserer Zeit Gehör und Gewicht erhalten soll, kommt es vor allem darauf an, dass ihre Grundwahrheiten aus dem Logizismus abstrakter Sprachformeln befreit und wie Körner im Garten des menschlichen Lebens zum Keimen gebracht werden.
Dabei kann auch das Gespräch mit anderen Religionen befruchtend sein. So kann beim Nachdenken über das Wesen der Sünde, das in der christlichen Lehre als eine vom Menschen verschuldete Abkehr von Gott und als eine grundlegende menschliche Beziehungsstörung verstanden wird, das Gespräch mit dem Buddhismus aufgenommen werden, der die Wurzel allen Übels und des Leides in der Gier (Habenwollen), in der Aversion (Nichthabenwollen) und in der Verblendung (Selbsttäuschung) sieht. Damit sind elementare Verstrickungen des Menschen angesprochen, die ihn von seinem wahren Wesen entfremden und die nicht ohne weiteres zu überwinden sind. Der Buddhismus sieht den Erlösungsweg in der Befeiung des menschlichen Geistes durch Meditation, die zur Erleuchtung und Befreiung von den Grundübeln führt. Der christliche Glaube erbittet die Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde durch das göttliche Geschenk des heiligen Geistes.
Es kann für beide Seiten sehr fruchtbar sein, wenn sie die unterschiedliche Sichtweise der jeweils anderen Seite als eine Erkennnishilfe zum tieferen Verständnis der eigenen Tradition in ihr heutiges Nachdenken einzieht. So kann die tiefe, an die Wurzeln der menschlichen Existenz gehende Entfremdung vom Guten ernstgenommen und gleichzeitig ein Weg zu ihrer Überwindung aufgezeigt werden, der aber nicht in einem Weiter so! auf der Basis der Sünde und Verstrickung bestehen kann.
Die hier immer wieder aufgeworfene alte Streitfrage, ob es denn nun aber Gott ist, der erlöst, oder ob sich der Mensch selbst erlösen soll, erweist sich dabei meines Erachtens als eine äußerliche und unangemessene Objektivierung, die Gott und den Menschen nach dem Muster zweier physikalischer Massen behandelt, während es sich hier doch – bildlich gesprochen – um einen komplexen biochemischen Prozess handelt, bei dem aus der Begegnung beider Elemente etwas ganz Neues, Lebendiges erwächst. Der Gott, dessen Wesen die Liebe ist, ist keine abgrenzbare Wirklichkeit. Oder mit einem anderen bekannten Wort gesagt: Gott hat keine Außenseite.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Das ist keine moralische Anweisung, sondern die Anzeige der ethischen Grundrichtung, in der die Heilung und Reifung des einzelnen Menschen und der Gemeinschaft gefunden werden kann. Ich sage bewusst Gemeinschaft und nicht gleich Gesellschaft. Das Wort des Paulus richtet sich an die christliche Gemeinde, die nach diesem Wort leben soll und kann, indem sie um Gottes Geist bittet, ihm bei sich Raum gibt und aus diesem Geist heraus handelt. Insofern kann man diesen Wochenspruch auch als ethische Entsprechung des ersten Gebotes verstehen: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter (= Herren, die dich beherrschen) haben neben mir.
Dass eine Gemeinschaft, die in dieser ethischen Grundrichtung lebt, auch stark auf die Gesellschaft ausstrahlen kann, zeigt sich immer wieder. Darin bestätigt sich das Wort Jesu aus der Bergpredigt: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. (Mat 5,13f.)

20. Sonntag nach Trinitatis – Was gut ist

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Micha 6, 8

Es ist schon erstaunlich, wenn hier in ganzen zwölf Worten gesagt wird, was gut ist: Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Das klingt so absolut, während wir es gewohnt sind, zu relativieren. Was gut ist, das ist doch nach der heute gängigen Auffassung immer abhängig vom Blickwinkel und vor allem von den Interessen des Betrachters. Was für den einen gut ist, kann für den anderen schlecht sein.

Es ist aber auch unübersehbar, dass diese Einstellung große Gefahren mit sich bringt. Der Stärkere erhält damit eine Legitimation, seine Interessen und sein darauf ausgerichtetes Handeln als gut auszugeben. In totalitären Systemen wird durch die herrschende Ideologie erklärt und dekretiert, was gut ist. Recht und Ethik werden daran ausgerichtet.
Aber auch in demokratischen Staaten, in denen das Prinzip der Gewaltenteilung herrscht, bilden sich Mehrheiten auf der Basis von Interessen und deren Wechselspiel mit bestimmten Werten. Über das, was gut ist, wird ein endloses öffentliches Streitgespräch geführt, das recht ermüdend und frustrierend sein kann, aber im günstigen Fall langfristig der Werteentwicklung der ganzen Gesellschaft dient. Doch ist die Richtung dieser Entwicklung und der dafür zu zahlende Preis keineswegs schon ausgemacht.
Das aktuelle Beispiel ist der Tod vieler Menschen, die auf höchst unsicheren Booten von Afrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen. Die Empörung darüber ist groß, aber kurzlebig. Doch wenn es darum geht, die Einreise und die Integration dieser Menschen in Europa zu erleichtern und unseren Wohlstand mit ihnen zu teilen, sind uns die eigenen Interessen wieder näher als die der Fremden.
Was gut ist, scheint in einer Welt, in der beinahe täglich Skandale die öffentliche Aufmerksamkeit erregen und sich kurzfristig hohe Wellen der Empörung über den Tälern der Lähmung auftürmen, nicht mehr eindeutig bestimmbar zu sein.

Da es aber in den Kämpfen und Herausforderungen der Zeit unmöglich erscheint, einen Weg zum (Über-) Leben zu finden, wenn das, was gut ist, der Relativität unterschiedlicher Standpunkte und Interessen überlassen bleibt, muss eine wichtige Unterscheidung beachtet werden. Was gut ist kann nicht nur als das Gegenteil von dem, was schlecht ist, sondern auch als die Überwindung dessen, was böse ist, verstanden werden. Unsere Sprache weist mit diesem doppelten Gegensatz von gut auf zwei verschiedene Dimensionen des Guten hin. Gut und schlecht sind Qualitätsurteile, die etwas über die Güte und Nützlichkeit einer Sache für bestimmte Zwecke oder Interessen aussagen. Dazu gehören zum Beispiel Zeugnisnoten, mit denen die Fähigkeit und Eignung von Menschen für einzelne Aufgaben bewertet wird. Gut und böse sprechen dagegen eine tieferliegendere Dimension an. Hier geht es um Merkmale, die auf das Leben und die Würde des Menschen selbst zielen.

Wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem, was gut und nützlich ist, und dem, was gut und menschlich ist, muss sehr genau hingeschaut und um das Gute gerungen werden, um sowohl der Gefahr der Relativierung wie auch der Dämonisierung zu entgehen.
Der Wochenspruch gibt dafür eine dreifache Orientierung, die dem dreidimensionalen Liebesgebot Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst entspricht:
1. Gott lieben bedeutet, sein Wort halten. Das kann nicht heißen, den Buchstaben bestimmter religiöser Traditionen starr und schematisch auf jeden Fall hin anzuwenden. Es bedeutet, den Geist und den Willen Gottes aus seinem Wese der Liebe zu allen seinen Geschöpfen heraus zu verstehen und zu beherzigen.
2. Liebe üben bedeutet auf diesem universalen Hintergrund, nicht zuerst nach den eigenen Interessen zu handeln, sondern barmherzig zu sein. Dabei werden vor allem die Lebens- und Entfaltungsmöglichkeitein der Bedürftigen und Schwachen, die auf liebevolle Zuwendung besonders angewiesen sind, berücksichtigt.
3. Demütig sein vor deinem Gott bedeutet, der Gefahr der Selbstüberhöhung, die wir Egoismus nennen und die zu einer Störung des göttlichen Liebesspieles führt, zu begegnen. Nur wenn ich mich als ein zur Liebe geschaffenes Geschöpf verstehe und in der Erfüllung dieser Aufgabe meinen Lebenssinn erkenne, trage ich meinen Teil zum Guten, das das Böse überwinden kann, bei.

Ist damit alles klar? Natürlich nicht! Die eigentlich spannende Frage ist doch, wie das, was gut ist, verwirklicht werden kann. Das ist ein großes Thema, das mit dem Wochenspruch vom 21. Sonntag nach Trinitatis fortgeführt wird.