[ˈhɛ:mə]

Der M.muss jetzt für drei Jahre in den Knast und selbst kirchenferne Medien zitieren daraufhin die Bibel: „Hochmut kommt vor dem Fall.“

Wie der Fall, jetzt als juristischer Kasus verstanden, auch im einzelnen immer zu beurteilen sein mag, es kommt offensichtlich ein weit verbreitetes Gefühl von Genugtuung auf, wenn einer, der mal „ganz oben“ war, abstürzt und hinter Gitter soll. Nach einer aktuellen Umfrage geht etwa die Hälfte der Teilnehmer davon aus, dass „bereits eine gewisse Skrupellosigkeit, um in solche Machtpositionen zu gelangen“, vorauszusetzen ist.
Die Schadenfreude ist unverhohlen. Sie scheint sich aus dem Gerechtigkeitsgefühl zu speisen.

Dafür gibt es ein altes Wort, das bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann: „hämisch“.
Ursprünglich hängt es mit dem mittelhochdeutschen Wort „ham“, „hame“ zusammen, von dem auch unser „Hemd“ abstammt. Es bezeichnete zuerst eine verhüllte, eine verborgene und verheimlichte Gesinnung. Daraus wurde dann später die mehr oder weniger offen gezeigte Schadenfreude oder Bosheit, die im Englischen als „malicious“ bezeichnet wird.

Die Abstraktbildung „Häme“ ist erst seit Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in die Umgangssprache eingezogen.*

Sind wir heute offener und ungezwungener hämisch als die Menschen früherer Epochen?
Ist das ein Zugewinn an Ehrlichkeit oder ein Verlust an Feingefühl und Stil?
Wo ziehen wir heute eine Grenze der Erträglichkeit gegenüber der sich offensichtlich ausbreitenden Häme?

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* Alle sprachwissenschaftlichen Hinweise aus Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (2014) S.502

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[ˈfri:dn̩]

In diesem Jahr erscheint er uns brüchig, wie seit langem nicht, der Frieden.

Die Nachrichten sind voll davon, und in unseren Gesprächen taucht er wieder als bange Vokabel auf,
nachdem er solange im Archiv der Selbstverständlichkeiten geruht hat.

Der Frieden ist wieder fraglich geworden.
Und ein fraglicher Frieden muss befragt werden, was denn gemeint sei, wenn er wieder neu zur Sprache kommt.

Hängt das Wort ursprünglich mit dem „Einfrieden“ eines Gebietes, dem Umzäunen einer Schonung zusammen?
Ein solcher „Frieden“ kann dann auch durch vertragliche Zäune, die man in Form von Gesetzen setzt, hergestellt werden.
Doch wer kann das machen?
Zuallererst diejenigen, die das Sagen haben. Und hier liegt wohl auch das Problem:. Diejenigen, die das Sagen haben, sprechen natürlich in erster Linie für sich selbst, wie man es bis heute immer wieder beobachten kann.

Ähnlich verhält es sich mit dem lateinischen „pax“, aus dem im Englischen „peace“ und im Französischen „paix“ abgeleitet sind.
Pax kommt von „pangere“, was „fangen“ und „befestigten“ bedeutet und auch noch in unserem Wort „Pakt“ nachklingt.
Wer schließt da mit wem einen Pakt? Und woran erkennt man, dass es kein Pakt mit dem Teufel ist?

Ist unser Friedensbegriff also schon von der sprachlichen Herkunft her frag-würdig, so erscheint es mir sehr sinnvoll, danach Ausschau zu halten, wie der Frieden in anderen Sprachen klingt.

Man kann schon darüber staunen, dass ausgerechnet aus dem Nahen Osten, der aus unserer Sicht am meisten umkämpften Region der Welt, ein umfassenderer und weiterführender Friedensbegriff zu uns gelangt.
Die semitische Verbalwurzel šlm findet ihren Ausdruck sowohl im herbräischen „schalom“ wie auch im arabischen „salam“.
Was diese Begriffe alles ausdrücken und enthalten, ist in unserem „Frieden“ auch nicht ansatzweise über-gesetzt worden.
Es geht um „personelle und sachlich integere Zustände bzw. deren Wiederherstellung…Seine vielen Aspekte, die im weitesten Sinne ungefährdetes Wohlergehen, Glück, Ruhe und Sicherheit umfassen, kommen jedenfalls dem sehr nahe, was im Alten Israel als Inbegriff des Segens verstanden wurde.“(1) Das ist weit mehr als Nicht-Krieg. Es geht um die „lebensfördernde Geordnetheit der Welt“.(2)
Bemerkenswert ist auch, dass sowohl im arbaischen „Salam (aleikum)“ wie im jüdischem „Schalom (alechem)“ mit diesem Begriff ein Gruß und Wunsch verbunden ist.
Die biblische Gußformel „Friede sei mit euch!“ hat Einzug in die Praxis der christlichen Gottesdienste gefunden.

Was wäre, wenn man dieses „Friede sei mit euch!“ nicht nur als eine alte Floskel betrachten, sondern sich als aufrichtigen Wunsch und Zuspruch auch für die, die anders als ich und meinesgleichen sind, zu eigen machen würde.
Wir kämen dem näher, was Martin Luther King am 28. August 1963 meinte, als er in seiner berühmten Rede sagte: „I have a dream…“(3)

Entscheidend dabei ist und bleibt: Dieser Frieden kann nicht mit Verträgen begründet oder gar mit Waffengewalt hergestellt werden. Es braucht offene Herzen, die den Mut haben, den eigenen Dämonen, vornehmlich der Angst, dem Hass und der Feindschaft, zu widerstehen und bereit sind, gegen diese inneren Feinde des Friedens den Jihad aufzunehmen, wie es in ihrem Glauben gereifte Moslems verstehen.(4)

Und nicht zuletzt: Der innere Frieden ist die Wurzel allen Glücks, auch im Verhältnis zwischen Mann und Frau.

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(1) http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/friede-schalom-3/ch/1f44da99ca16cead7add5b84acf1b15b/#h2
(2) ebd. Zitat aus: Steck, O.H., 1972, Friedensvorstellungen im alten Jerusalem. Psalmen, Jesaja, Deuterojesaja (ThSt 111), Zürich, S.29
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/I_Have_a_Dream
(4) „Jihad“ sollte nicht mit „Heiliger Krieg“, übersetzt werden. Die arabischen Wurzel Jahd bedeutet „Mühe, Mühsal“ und macht so sehr realistisch deutlich, dass es sich dabei um eine anstrengende innere Auseinandersetzung handelt. Vgl. http://www.mmnetz.de/onlinebuecher/jihad.htm

 

 

[frɔm]

Das Wort „fromm“ klingt sehr religious, nicht wahr?
So lautet auch die erste Übersetzung im englischen Wörterbuch.

Aber was für einen Sinne kann es haben, wenn von ganz offizieller Seite – nämlich im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 495 – von Gott höchstselbst gesagt und gesungen wird: „O Gott, du frommer Gott“?
Ist Gott selbst etwa auch fromm??

Das Rätsel löst sich, wenn wir einen Blick auf die Jahreszahl werfen: Johann Heermann hat diesen Text 1630 verfasst.
Zu dieser Zeit gab es viele fromme Knechte und Mägde und – man höre und staune! – sogar fromme Pferde!

Fromm hatte vor allem die Bedeutung von „tüchtig“!
Nun wird auch das Lied verständlich: Wer wollte etwa bestreiten, dass der Schöpfer aller Dinge tüchtig ist? So töricht kann ein Mensch nicht sein, wo er doch mit seinem eigen Leib und Leben bis auf Wi(e)derruf selbst der lebendige Gegenbeweis ist.

Und weil wir gerade bei tüchtig sind: Tüchtig ist, wer etwas taugt und etwas leisten kann – auf neudeutsch also: wer effizient ist.

Womit aufgewiesen wäre, dass die frömmsten Menschen zugleich auch die effizientesten sind.
Leider wissen das heute nur noch sehr wenige.
Aber das letzte Wort ist ja noch nicht gesprochen!

 

Teekessel und Teekessel extended edition

„Homonyme“ nennt die Sprachwissenschaft Worte, die den gleichen Namen haben, aber mit unterschiedlichen Begriffen verbunden sind.

Daran hatten wir schon als Kinder unsere Freude.
Wir nannten sie „Teekessel“ und spielten „Teekesselraten“.
Zwei Spieler verständigen sich heimlich und erzählen den Anderen, was für ihren jeweiligen Teekessel typisch ist:

Mein Teekessel schützt vor Dieben und Räubern.
Mein Teekessel ist ein großes Haus für Könige.

In diesem Beispiel ist die Antwort schon jetzt klar. DAS SCHLOSS.

Wer „Schloss“ sagt, macht erst durch den weiteren Zusammenhang seiner Rede klar, welchen Begriff er damit verbindet.
Begriffe verbinden Worte mit bestimmten Sachen.

Doch wie verhält es sich sprachgeschichtlich mit diesen beiden Schlössern? Waren es schon immer zwei getrennte Begriffe, oder ist der eine aus dem anderen hervorgegangen?

Ein Blick in das Etymologische Wörterbuch des Deutschen klärt uns auf:
Am Anfang stand das Schloß als „Vorrichtung zum Verschließen“, die schon im Mittelhochdeutschen des 8. Jh. so genannt wurde.
Und dann erfuhr dieses Wort eine Begriffserweiterung. Ab dem 13. Jh. wurde auch ein befestigter und abgeriegelter Bau Schloß genannt. In der Renaissance trat dann die repräsentative und architektonische Seite dieses Schlosses in den Vordergrund.
So sind im Laufe der Jahrhunderte zwei Teekessel, zwei Homonyme, entstanden.

Eindeutig wird es, wenn wir die Homonyme mit anderen Worten zusammensetzen:
Ein Lustschloss wie das Schloss Sanssouci in Potsdam ist nicht mit einem Zündschloss, das sich an jedem Auto befindet, zu verwechseln.

Doch wer will uns verbieten, im großen Phantasiereich der Sprache, in dem die Dichter und Schriftsteller so herrliche Wortgebäude und Sprachdenkmäler errichten, auch als ganz normale Teilhaber und Mitgestalter unserer Sprache völlig neue Begriffswelten zu schaffen und uns an ihnen zu ergötzen?

Spielen wir doch einmal eine erweiterte Form des alten Teekesselspiels und stellen die gewohnte Begriffswelt einfach auf den Kopf!

Was mag ein Zündschloss für ein besonderes Gebäude sein?
Und was geschieht, wenn darin die Lustschlösser geöffnet werden?

Phantasiebegabte Spieler können dabei ganz neue Räume entdecken und bisher verborgene Türen öffnen.

fɛɐ̯ˈrʏkt

Es ist schon ganz schön verrückt mit diesem Wort.
Über die Etymologie muss nicht gerätselt werden: Ganz klar erkennbar ist da etwas von seinem urprünglichen Platz an eine andere Stelle gerückt worden.  Immanuel Kant, der große Klardenker der deutschen Aufklärung, kann deswegen auch problemlos mit einer allgemeinen Definition der Verrücktheit aufwarten: „das einzige allgemeine merkmal der verrücktheit ist der verlust des gemeinsinnes und der dagegen eintretende logische eigensinn“(1)
Doch wie kann es zu solcherlei Sinneswandel kommen? Hierüber gibt uns der Dichter Ludwig Tieck nähere Auskunft: „bei auszerordentlich’n begebenheiten geräth der mensch in eine art verrücktheit!“(2)
Sind es dann aber nicht eigentlich die Verhältnisse, die den Menschen verrückt machen? 

Am 24.10.1989 telefonierte der ausgebürgerte Wolf Biermann vom Westen aus mit Bärbel Bohley in der DDR. Sie lud ihn ein, am 04.11. in Ostberlin auf der großen Demo zu singen. Und seine Antwort war: „Oh, ihr Verrückten, ihr wunderbar Verrückten. Ich will das gerne, natürlich!“(3)
Wenn die Verrückten nicht wären, dann wäre alles unverrückbar beim Alten geblieben.

So verrückt kann es mit diesem Wort sein!
Ist es nicht  i r r e  wichtig, dass wir manchmal auch verrückt sind?
Wir sollten uns darüber ernsthaft Gedanken machen…

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1 Zitat aus Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Band 25, Sp. 1025
2 Zitat aus ebenda
3 http://www.deutschlandfunk.de/wer-sich-nicht-ueber-die-wiedervereinigung-freut-mit-dem.694.de.html?dram:article_id=59531

 

Hoffnung und Optimismus

„Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ heißt es manchmal in schwierigen Situationen. Das Wort „Hoffnung“ begegnet uns in vielen Wendungen und Zusammensetzungen, und als ihrer selbst nicht so ganz sichere Antwort verwenden wir es neben „Ich glaube schon“ auch als „Ich hoffe mal“.

Doch im betonten Sprachgebrauch, so scheint mir, ist heute öfter von „Optismus“ die Rede als von „Hoffnung“.
Ich höre öfter: „Ich habe den Optimismus“ bzw. „Ich bin optimistisch“, als dass jemand von „Hoffnung“ spricht.

Ist das nur mein persönlicher Eindruck?
Was unterscheidet die häufig synonym verwendeten Begriffe „Hoffnung“ und „Optimismus“? Vor allem wohl die Wortbildung.

Die „Hoffnung“ ist von ihrem Ursprung her verbaler Natur: Sie geht darauf zurück, dass jemand da ist, der hofft. Und sie verbindet sich mit einem Ziel, auf das sie sich richtet. In diesem Zusammen-Hang ist sie ein konkreter Lebensakt, in dem eine Person eine Brücke hin zu einem Ziel baut. Beim Hoffen wird besonders deutlich, dass diese Brücke über einen Abgrund führt, der wohl nur durch Hoffen überwunden werden kann. Sprachforscher bezeichnen es als fraglich, ob eine Verbindung zu „hüpfen“* besteht, aber erhellend ist der Gedanke. Wer hofft, springt über einen Abgrund auf die andere Seite. Oder er gleicht dem Frosch, der in einen Milchbottich fällt und sich dadurch vorm Ertrinken rettet, dass er hüpft und hüpft und hüpft, bis aus der Milch schließlich Butter geworden ist.
Auch im Englischen legt sich ein Zusammenhang zwischen „hope“ und „hop“ nahe.
Im Lateinischen verbindet das Wortspiel „dum spiramus, speramus“ das Hoffen mit dem Atmen und lässt es damit als einen fundamentalen Lebensakt erscheinen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ganz anders verhält es sich sprachlich mit dem „Optimismus“:  Als klar erkennbare Ableitung aus dem lateinischen Superlativ von „gut“ tritt er erst im 18. Jahrhundert über die philosophische Hintertreppe in unsere Sprachwelt ein. Vom leibnizschen Fachterminus zur Bezeichnung der Idee, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten sei, wandelt sich der Optimismus bald zu einer allgemeinen Auffassung und zuversichtlich bejahenden Lebenseinstellung.
Was ihm ursprünglich fehlt, ist ein Verb.
Das ist der Grund, warum ich mit den Augen Erich Kästners etwas skeptisch auf den Optimismus schaue, denn: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Doch da kommt schließlich ganz modern doch noch ein Verb daher: „optimieren“ heißt es.
Und wenn heute manche schöne Hoffnung zu schwinden droht, weil wir nicht mehr so viel hoffen können, so brauchen wir doch nicht zu verzagen, wenn wir immer mehr zu optimieren lernen.
Ob so ein Schuh daraus wird? Ein Schuh vielleicht. Die Schuhe sind heute schon so viel besser als früher.

Man kann es natürlich – gleichsam vom Idealismus her – auch genau anders herum sehen: Am Anfang steht, die innere Grundeinstellung. Was bin ich?
Und wenn ich Optimist bin, dann bringe ich auch dort, wo es wirklich darauf ankommt, leichter die Kraft zum Hoffen auf.
Wie wird man aber Optimist? Geht das auch ohne jede Hoffnung?
Das Umgekehrte ist jedenfalls möglich: Man kann Hoffnung haben, ohne ein Optimist zu sein.

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* Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. (2014), S.549f.