Der Spruch, der Sprecher und ich

Der Monatsspruch für September:
Sei getrost und unverzagt, fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken! (1. Chronik 22,13)

Wenn das jemand zu mir sagt, dann hat das in der Regel einen Grund. Und leider gibt es immer wieder viele Gründe zum Erschrecken und für berechtigte Furcht. Beispiele erübrigen sich.

Wenn das jemand zu mir sagt, dann spielt es für mich eine große Rolle, wer es sagt und wie er es sagt.
Davon hängt meine Reaktion ab. Sie kann schwanken zwischen: „Du hast gut reden, denn du steckst ja nicht in meiner Haut!“ und: „Das ist jetzt ganz lieb von Dir gemeint, aber so einfach lassen sich Angst und Schrecken nicht wegreden.“

Wenn das aber jemand zu mir sagt, der sagen kann: „Es werde Licht!“, und es wurde Licht, jemand der nicht nur redet, sondern mit seinen Worten Fakten schafft, dann wäre das etwas ganz anderes. Dann käme bei mir der Stein ins Rollen, der zuvor so schwer auf meinem Herzen lag.

Wenn ich dieses Wort heute höre, dann stehe ich vor der Frage, wie und von wem ich es mir gesagt sein lasse.
Und darin sehe ich die entscheidende Rückfrage zu der Frage, wie es weitergeht mit mir.

18. Sonntag nach Trinitatis – Lieben!

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1.Johannes 4,21

Diesem Gebot können wir doch nur zustimmen. Gibt es da überhaupt noch etwas zu sagen?
Die Fragen beginnen dort, wo man sich von der hohen Warte des Grundsätzlichen herab in das Gestrüpp des Alltäglichen und Praktischen begibt. Anders ausgedrückt: Der Teufel steckt im Detail, und dort muss er auch ausgetrieben werden.

Hier ist vom Bruder die Rede. Die Schwester denken wir selbstverständlich mit, aber trotzdem: Warum wird hier dieser enge Verwandtschaftsgrad angegeben? Soll das wie bei den drei Losungswörtern der französischen Revolution auf eine universale Brüderlichkeit hindeuten? Alle Menschen werden Brüder…? Schiller und Beethoven sehen darin ein Gipfelerlebnis und eine Vision für die gesellschaftliche Wirklichkeit, die durch die Mode streng geteilt ist.
Oder deutet dieser enge Radius der Liebe auf einen besonderen Realismus hin? Du kannst nicht alle Menschen lieben, aber deinen Bruder?
Da das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe scharf zwischen den Glaubenden, die zu Gott gehören, und der Welt unterscheiden (vgl. den Wochenspruch vom 17. Sonntag nach Trinitatis) liegt die Vermutung nahe, dass es hier um die brüderliche Liebe zwischen den Glaubenden geht.
Im Johannesevangelium gibt Jesus dieses Gebot im Anschluss an die Bildrede vom Weinstock und den Reben, in der er auf die enge Verbundenheit durch den Glauben hinweist: Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe (15,12). Sechs Verse später ist dann vom Hass der Welt die Rede.
Wenn wir bedenken, welche Konflikte oft gerade zwischen Glaubensbrüdern entstehen, und wie oft schon daraus Hass entstanden ist, der zu bitterem Streit und Kriegen geführt hat, erscheint dieser Hinweis auf die Liebe unter Glaubenden, die sich als Kinder eines Vaters verstehen, nicht überflüssig, sondern bitter nötig. Im Glauben spricht sich das Selbstverständnis des Menschen aus, das sein Hoffen und Handeln wesentlich bestimmt. Deshalb gehört er nach Paulus zu den drei bleibenden Charismen Glaube, Hoffnung, Liebe. Der Apostel lässt aber keinen Zweifel über ihre Rangfolge aufkommen: die Liebe ist die größte unter ihnen (1.Korintherbrief 13,13).

Auf der anderen Seite wird es gefährlich, wenn wir in Gedanken ein nur einfügen und das Gebot der Liebe auf die Geschwister im Glauben begrenzen. Dann kommt es zu der Gegenüberstellung von Wir, die Glaubenden, die Auserwählten, und die Anderen, die Ungläubigen, die Verdammten. Das ist die Soziologie des Teufels. Welche verheerenden Wirkungen von ihr ausgehen, ist bis heute täglich zu spüren.
Deshalb ist es sehr wichtig zu beherzigen, dass Jesus in seiner Bergpredigt auch dazu ein sehr klares Wort sagt: Wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? (Matthäus 5,46f.)
In deutlichem Gegensatz zur gültigen Norm und üblichen Lebenspraxis, wonach der Nächste geliebt und der Feind gehasst wird, predigt Jesus: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (5,44f.).

Aber ist das überhaupt möglich, meine Feinde lieben? Oder ist das eine zu radikale Über-Forderung, die weit über das Normalmaß unserer allzumenschlichen Alltäglichkeit hinausreicht? Damit sind wir bei der Frage, was das denn heißt, lieben?
Auch dazu hat sich Jesus sehr anschaulich und eindrücklich geäußert: In dem von Lukas (15,25–37) überlieferten Gespräch Jesu mit einem Schriftgelehrten über die Voraussetzungen zum ewigen Leben nennt dieser das Doppelgebot der Liebe: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18) und wirft dann die spannende Frage auf: Wer ist denn mein Nächster? (Lukas 15,29). Jesus erzählt daraufhin die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Dieser Fremde leistet dem Überfallenen erste Hilfe, während ein Priester und ein Levit (Tempeldiener) aus dem eigenen Volk vorüber gingen. Entscheidend ist, wie Jesus die Fragestellung am Ende umkehrt: Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? (10,36) Daran wird sowohl deutlich, wie der Begriff des Nächsten von Jesus verwendet wird, aber auch, was er unter Liebe versteht. Es geht nicht um das große Gefühl, sondern um ein Handeln, das zum Leben hilft.
In diesem Sinne ist die Feindesliebe keine unmögliche Forderung, sondern die wichtigste reale Voraussetzung für den Frieden. Liebe deinen Feind, denn er ist wie du bedeutet: Auch der, den du jetzt noch als Feind betrachtest, hat Bedürfnisse und Ängste wie du selbst. Wenn du das erkennst und ihm das zuerkennst, ist der erste Schritt zur Entfeindung bereits getan, weil damit eine menschliche Basis geschaffen ist, auf der sich beide Seiten verstehen und verständigen können. Leben in Frieden ist nur miteinander, nicht aber gegeneinander möglich.

Dieses Verständnis der Liebe, das aus dem Glauben entspringt, der uns alle Menschen als Kinder eines Vaters sehen lässt, ist das Herzstück der biblischen Lebensauffassung. Es wird immer wieder mit verschiedenen Worten umkreist und in die menschliche Gesellschaft hineingesprochen. So auch in dem Gebet, das Franziskus von Assisi zugeschrieben wird:
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

Ostern – Uff! und Halleluja!

Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Offenbarung Johannes 1, 18

Uff!, kann ich da zunächst nur sagen, und das scheint mir heute die kürzeste und korrekteste erste Antwort auf das Wort zu Ostern zu sein. Vor allen Erklärungen und Deutungsbemühungen steht das Erstaunen und Erschrecken. Es findet sich schon in den Evangelien.

Am Freitag ist Jesus am Kreuz den Tod eines Verbrechers gestorben und anschließend begraben worden. Markus erzählt von den drei Frauen, die am Ostermorgen zu seinem Grab gingen. Sie finden es leer und treffen auf einen Jüngling in einem langen weißen Gewand. Der sagt ihnen, dass Jesus nicht im Grab, sondern auferstanden ist und sie ihn sehen werden. Die Frauen reagieren mit Zittern und Entsetzen. Sie fliehen von dem Grab und sagen niemandem etwas, denn sie fürchten sich.
Lukas erzählt von den beiden Jüngern, die am gleichen Tag von Jerusalem nach Emmaus gehen. Jesus schließt sich ihnen an, sie erkennen ihn nicht, aber ihr Herz brennt in ihnen, als sie miteinander sprechen. Am Abend sitzt er mit ihnen am Tisch, bricht das Brot und da werden ihre Augen geöffnet. Er aber verschwindet vor ihnen. Sie laufen zurück nach Jerusalem, berichten den elf Jüngern. Da tritt Jesus zu ihnen, und sie erschrecken, fürchten sich und meinen, es wäre ein Geist.
Johannes erzählt von Thomas, der nicht dabei war, als der auferstandene Jesus zu den Jüngern kam. Er kann es nicht glauben, was sie ihm erzählen, wenn er ihm nicht persönlich begegnen und seine Wundmale berühren kann.

Die Botschaft von der Auferstehung Jesu ist so ungewöhnlich, so unglaublich. Das ist das erste, was zu Ostern zu sagen ist. Es passt nicht in unsere Vorstellungswelt. Ist Ostern deshalb zu einem Fest des Hasen und der bunt bemalten Eier geworden? Auch dahinter steckt christliche Symbolik, doch im Vordergrund steht heute der niedliche äußere Schein.

Ostern ist nicht niedlich. Und wenn wir es uns auch nicht vorstellen können, was da in der Bibel erzählt wird – die Folgen sind unübersehbar:
Aus dem Ende Jesu am Kreuz wurde ein neuer Anfang.
Aus der Trauer um einen Toten wurde Lebens-Freude.
Aus den verängstigten Jüngern wurden Zeugen des Glaubens.
Aus einer scheinbar gescheiterten Mission wurde eine Bewegung des Geistes, die bis heute fortwirkt und sicher immer wieder kraftvoll erneuert.

Alles nur Hirngespinste? Alles nur ausgedacht und erfunden? Das Motiv für diesen Einwand ist verständlich: weil nicht sein kann, was nicht in den Rahmen meines Vorstellungsvermögens hineinpasst. Aber wenn die ersten Christen das alles nur erfunden hätten, dann hätten sie es sich wirklich selbst äußerst schwer gemacht –
mit einem Gott, der als Verbrecher hingerichtet wird,
mit den Jüngern, die Jesus im Stich lassen, und einem, der ihn verrät,
mit Petrus, der ihn ängstlich verleugnet,
mit den Frauen, die entgegen dem Rollenbild dieser Zeit den Männern vorangehen,
mit der Herkunft Jesu aus dem zweifelhaften Ort Nazareth
mit seiner Taufe durch Johannes, der von seinen Anhängern auch als Heilsbringer verehrt wurde.

Natürlich können wir die Auferstehung nicht wissenschaftlich erklären. Erklären in diesem Sinne heißt doch, Unverständliches auf Verständliches zurückführen und aus ihm abzuleiten. Alle Erklärungsversuche wie der, dass Jesus vielleicht nur scheintot war, muten geradezu lächerlich an.
Schwarz auf weiß haben wir nur das Wort der Bibel. Doch das Neue Testament wäre nicht entstanden, wenn nichts gewesen wäre. Dieses Wort hat die Geschichte grundlegend verändert.

Der Wochenspruch aus dem Buch der Offenbarung des Johannes ist eine spätere Reflexion des Ostergeschehens, die zugleich seine gewaltige Bedeutung herausstellt:
Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Diese Worte hört der alte Seher Johannes während der Zeit der Christenverfolgungen auf der Sträflingsinsel Patmos. Er sieht eine himmlisch leuchtende Christusgestalt, die ihn mit diesem Wort anspricht, ihn Sendschreiben an sieben kleinasiatische Gemeinden aufsetzen lässt und ihm in den schweren Zeiten der frühen Kirche in subversiven Visionen den Weg aus Tod und Hölle zeigt.

Man kann die ganze Geschichte seit Ostern als Geschichte eines gewaltigen Ringens zwischen Glauben und Unglauben betrachten. Das zeigt sich schon bei der Wortwahl: Was ist Glaube: Fromme Illusion, die sich an Wunschbilder klammert, oder befreite Widerständigkeit, die der anscheinend unaufhaltsamen Gefräßigkeit des Todes ein zuversichtliches Stopp, in Gottes Namen! entgegenruft?
Was ist Unglaube: Renitenz gegenüber den göttlichen Offenbarungen und Dogmen der Kirche oder menschlicher Zweifel und Skepsis im Spannungsfeld zwischen ererbter Tradition und eigener Lebenserfahrung?

Bei all diesen Betrachtungen und Erwägungen darf aber am Ende nicht vergessen werden: Ostern ist ein Ereignis, „dran niemand sich g’nug freuen mag“ (Evang. Gesangbuch 106,1). Wo das Wort von der Auferstehung ankommt, da breitet sich Freude aus. Es ist, als ob ein Meteorit aus Glaube, Hoffnung und Liebe aufschlägt und sich daraufhin eine gewaltige Kraftwelle unter den Menschen ausbreitet. Dieser Welle der Freude verdankt die junge Christenheit ihre unaufhaltsame Dynamik. Ihre Macht liegt nicht in der Stärke von Waffen, sondern in ihren Liedern und Freudengesängen. Halleluja!

gezopftes Haar offen

Engel Gabriel …
mein gezopftes Haar offen –
ein Weilchen damals

Angelika Holweger

Im Mittelpunkt dieses Haiku steht der (Erz-)Engel Gabriel. Von ihm ist in der Bibel zweimal die Rede, zuerst im Alten Testament im Buch Daniel (Kap. 8 und 9). In der christlich geprägten Welt ist er aber durch seinen zweifachen Auftritt im ersten Kapitel des Lukasevangeliums mit Zacharias, dem späteren Vater Johannes‘ der Täufers, und vor allem durch seine Begegnung mit Maria bekannt.

Lukas erzählt (1,26ff.), wie der Engel Gabriel von Gott zu Maria nach Nazareth gesandt wurde. Maria war eine Jungfrau, die mit Josef aus dem Hause des Königs David verlobt war. Der Engel begrüßt sie als Begnadete und löst damit bei ihr ein Erschrecken aus. Doch sie soll sich nicht fürchten, denn sie hat Gnade bei Gott gefunden. Sie wird schwanger werden und einen Sohn gebären und ihm den Namen Jesus geben. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden, von Gott den Thron Davids empfangen und sein Reich wird kein Ende haben. – Maria kann das nicht verstehen, da sie doch von keinem Mann weiß. – Der Engel sagt ihr, dass der Heilige Geist und die Kraft des Höchsten über sie kommen wird und das Heilige, das geboren wird, deshalb auch Gottes Sohn genannt werden wird.
Das ist die Vorgeschichte, die der Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 vorangeht wie die Empfängnis der Geburt.

In dem Haiku von Angelika Holweger steht der Engel Gabriel am Anfang: Er füllt die ganze erste Zeile aus und setzt ein Geschehen in Gang, das durch die Andeutung der drei Punkte bis in die Lektüre des Haiku hinein fortwirkt. Auch heute noch ist von ihm die Rede, und in manchem weihnachtlichen Verkündigungsspiel wird er in diesem Jahr wieder in Erscheinung treten und Gestalt annehmen. Vorzugsweise wird diese Rolle von jungen Mädchen gespielt. Auch in der bildenden Kunst wurde Gabriel trotz seines männlichen Namens (Mann, Stärke Gottes) als weibliches Wesen dargestellt.

Die Verbindung des Engels mit der persönlichen (mein) Erinnerung (damals) einer Frau (gezopftes Haar offen) legt es nahe, hier an eine Szene in einem früher aufgeführten Spiel zu denken. Das Besondere und im tiefsten Sinne Evangelische daran ist, wie in dem Haiku die biblische Geschichte mit dem persönlichen Erleben verschränkt wird.

Mehr noch: Geht man davon aus, dass diese Erinnerung einige Jahrzehnte zurückreicht und zu einer Zeit spielt, als „kleine Fräuleins“ noch streng angehalten wurden, ihr Haar sittsam geschlossen zu tragen, kommt in dieser Szene etwas geradezu Revolutionäres zum Ausdruck: Entgegen aller nahezu klischeehaften Vorstellungen, dass die Kirche als Wächterin der Sitten der sinnlichen Freiheit alle nur denkbaren Riegel vorschiebt, kommt es ausgerechnet in der vielleicht am besten besuchten kirchlichen Veranstaltung eines ganzen Jahres dazu, dass hier zu Weihnachten ein solches Fräulein sein gezopftes Haar öffnen, sich unverknotet einer großen Gemeinde präsentieren und sich selbst so frei und wild und lustvoll erleben kann, wie es wohl in Gottes Absicht bei der Schöpfung gelegen haben muss.

Der Gedankenstrich am Ende der Mittelzeile öffnet Raum diesem Geschehen und Erleben nachzuspüren. Das Verständnis des beschriebenen Vorgangs benötigt Raum wie die geöffneten Haare selbst.

Die dritte Zeile stellt gleich zwei zeitliche Bezüge her.
Diese weihnachtliche Öffnung (nicht nur) der Haare – nach dem christlichen Verständnis öffnet sich auch der Himmel an diesem Tag – währt ein Weilchen. Im Diminutiv kommt das Liebliche und Lustvolle dieses Augenblicks, der nicht der Alltag ist, zum Ausdruck.
Die Verknüpfung mit der Rückschau auf damals unterstreicht, dass es dabei um etwas ganz Besonderes ging, das nicht im Strom der Zeit versunken ist, sondern tief verinnerlicht wurde und nun erinnert werden kann. Gleichzeitig wird mit diesem letzten Wort aber auch deutlich, wie sehr sich Zeit und Leben seither geändert haben. Die Freiheit ist zur Selbstverständlichkeit geworden, ihre Süße zur Erinnerung.

In dem Haiku von Angelika Holweger begegnen sich religionsgeschichtliche, kultur- und zeitgeschichtliche Bezüge und werden mit dem persönlichen Leben verwoben. Auf diese Weise wird ein sehr komplexes und dichtes Geschehen und Erleben sichtbar, das zwei verschiedene Zeiträume überspannt und vergegenwärtigt.
Für mich ist es zugleich auch ein sehr beredtes Zeugnis dafür, welche tiefen Erinnerungsspuren eine ganzheitliche persönliche Begegnung mit biblischen Gestalten und Themen hinterlassen kann.

Das Haiku kann sich aber auch in anderen Kontexten öffnen: Wie würde es im Munde einer Muslima klingen? Für sie heißt Gabriel auf arabisch Djibril, der Engel der Offenbarung, der Mohammed die Verse des Korans übermittelte, damals.

Hört, hört!

Im Jakobusbrief 1,19 heißt es:
Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.

Ist es nicht sehr oft umgekehrt unter uns Menschen? Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir mehr Bereitschaft zum Hören aufbringen könnten, im Privaten wie in der Politik?

Hören heißt, nicht zuerst die eigene Meinung und den eigenen Willen durchsetzen.
Hören heißt, das eigene Ego hintenanstellen und zuerst offen sein für die Begegnung mit dem Anderen.
Hören heißt, darauf vertrauen und darauf bauen, dass es etwas Neues gibt und dass daraus eine Erneuerung kommen kann.
Hören heißt, das Wunder zulassen, dass Gott reden kann, wenn ich endlich schweigen lerne.
Hören ist der erste Schritt von mir aus in die Zukunft, die auf mich zukommt, wenn ich es mir erlaube, nicht der Gefangene meiner selbst zu bleiben.

Haiku meets Bibel – 3. Blick-Kontakte

Im ersten Beitrag wurde unter der Überschrift Neuland festgestellt, dass die Haikutradition und die christliche Tradition bei uns im Verhältnis zueinander weitestgehend den Charakter von isolierten Inseln haben. Man nimmt sich wechselseitig nicht oder nur oberflächlich und reserviert zur Kenntnis, nimmt allenfalls die anscheinend völlige Andersartigkeit der anderen Seite wahr und sieht nicht, dass unter der Oberfläche tiefere Entsprechungen oder gar Gemeinsamkeiten verborgen sein können, deren Entdeckung eine Horizonterweiterung und Bereicherung auch für das Verständnis der eigenen Tradition eröffnet. Ein erster Gesprächsgang scheint die These von der Fruchtbarkeit solcher Begegnungen zu bestätigen.

Als zweites wurde auf den biblisch-theologischen Zentralbegriff der Offenbarung hingewiesen, in dem eine gewisse Analogie zum Aufblitzen eines echten Haiku-Momentes gesehen werden kann. In beiden Fällen geht es nicht um etwas Gesuchtes und Gemachtes, sondern um ein Überwältigtwerden des Subjektes durch eine neue Erfahrung mitten im Alltag. Die alltäglichen Dinge und Zusammenhänge werden plötzlich durchsichtig, so dass etwas Tieferes durch sie hindurchscheinen kann (Epiphanie).

Die Folgen eines solches Erlebnisses sind im biblisch begründeten Glauben und beim Haikudichten auf den ersten Blick recht unterschiedlich:
Der Glaube sieht in einer solchen Erfahrung die Begegnung mit einem personhaften Gott, in der er den Zuspruch und Anspruch für eine neue Lebensweise findet. Die Begegnung mit dem Göttlichen verändert sein Leben in der Tiefe und führt vor allem zu neuen praktischen und ethischen Konsequenzen, die in der Regel mit einer Befreiung aus alten Bindungen und einer Horizonterweiterung verbunden sind. Es kann aber auch geschehen, dass spätere Versuche, diese Erfahrung zu zementieren, zu neuen Verengungen und Abschottungen führen, bis schließlich Erneuerungen und Reformationen diese Verkrustungen wieder aufsprengen.

Beim Haikudichten stehen die Wahrnehmung des besonderen Augenblicks und seine adäquate ästhetische Gestaltung im Vordergrund. Eine programmatische Erneuerung des Lebens oder geschichtliche Mission ist nicht intendiert. Doch stellt sich die Frage nach dem Nachhall – ein Zentralbegriff bei der Haikudichtung – und der Wirkung eines tiefen, gelungenen Haiku. Dient es vor allem dem Ruhm des Dichters, oder hat es tiefere Konsequenzen, eröffnet es neue Lebenseinsichten und Einstellungen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die besondere Qualität der Todeshaiku? Und wie erklärt sich die Faszination, die das Haiku heute nicht nur im Sinne einer kurzlebigen Mode auf westliche Menschen ausüben kann? Verbirgt sich dahinter bei aller persönlichen Unterschiedlichkeit so etwas wie eine Sehnsucht und Suche nach der Begegnung mit dem tieferen Leben und einer heileren Welt, ja vielleicht sogar eine uneingestandene Berufung, beim Auffinden dieses Lebens und dieser Welt mitzuwirken?

Wenn Haikufreunde und Bibelfreunde einen offenen Blick auf den Anderen wagen, eröffnen sich viele spannende Fragen. Möglicherweise sind die tieferen dieser Fragen für viele ungewohnt oder gar unangenehm. Neuland und Horizonterweiterung finden wir jedoch nicht durch die Abwehr, sondern in der Begegnung mit dem Anderen. In diesem Sinne möchte ich zu weiteren Blick-Kontakten ermutigen.

Haiku meets Bibel – 1. Neuland

Gibt es noch unentdecktes Neuland?
Geografisch gesehen ist diese Frage heute im Großen und Ganzen wohl zu verneinen. Und auch über fremde Kulturen wissen wir inzwischen recht gut Bescheid. Das mittlerweile akkumulierte Wissen, das nicht zuletzt im Internet abgelegt ist, übersteigt die Fassungskraft eines Einzelnen immens.

Da keiner mehr das gesamte Wissen zu überblicken imstande ist, kann man von „Inseln des Wissens“ sprechen. Was ist damit gemeint? Um einzelne Wissensbestände, kulturelle Zusammenhänge und Traditionen bilden sich Communities, deren Mitglieder eine teilweise recht starke Affinität zu diesen Traditionen entwickeln. Die intensive Beschäftigung mit diesen Inseln des Wissens prägt sich rückwirkend in die auf sie ausgerichteten Personen und ihren Austausch in einer Communitiy ein. Auf diese Weise trägt sie auch zur Identitätsbildung Einzelner und ganzer Gruppen bei. Man versteht sich selbst beispielsweise als Haikufreund und ist bestrebt, mit anderen Haikufreunden in einen Austausch und vielleicht auch in einen Wettstreit zu treten.

Warum ich mich für die eine oder andere kulturelle Tradition stärker interessiere, mag verschiedene Ursachen haben. Der Intensität des Interesses entspricht aber immer auch ein zeitlicher Aufwand für und eine emotionale Bindung an seinen Gegenstand. Die äußerliche Insel des Wissens erzeugt damit ein innerliches Pendant: eine Insel der Aufmerksamkeit, der Vorliebe und Beheimatung.

Andere kulturelle Traditionen und Wissensbestände bleiben demgegenüber in der Regel außen vor, erscheinen weniger interessant und werden nicht gleichermaßen reflektiert und angeeignet. Meistens werden sie nur gleichsam aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen. Sollte dabei allerdings der Eindruck entstehen, dass diese Traditionen mit einem bestimmten Anspruch auftreten, der der eigenen Insel des Wissens zuwider zu laufen scheint, werden diese fremden kulturellen Zusammenhänge nicht selten abgewertet und in den internen Gesprächen der Inselcommunity entweder ignoriert, tabuisiert oder zu einem Popanz aufgebaut.

Diese Abwehr andersartiger Traditionen kann man als einen natürlichen Schutzmechanismus von Kultur-Insulanern verstehen, die ihr eigenes Terrain gegen fremde Einflüsse verteidigen und vor der befürchteten Aufweichung, Verwässerung, Zersetzung und Zerstörung bewahren wollen.

Wir befinden uns also in einer paradoxen Situation:
Auf der Seite der uns zugänglichen Informationen verfügen wir über weltweit ziemlich umfassende Wissensbestände, auch bei den Kulturen und ihren Traditionen. Unentdecktes Neuland ist zumindest im größeren Maße kaum mehr zu erwarten.
Auf der Seite der Aneignung durch Einzelne und Gruppen jedoch leben wir im Status von Insulanern, für die andere Kulturtraditionen oft fremdes, wenn nicht gar bedrohliches Ausland sind, dem nur selten ein positives Interesse entgegengebracht wird, weil alle Kräfte auf den Ausbau der eigenen Insel gerichtet werden.

So gesehen sind die Kultur-Insulaner ringsum von lauter unentdecktem Neuland umgeben, wie es unsere Vorfahren einst auch im geografischen Sinne waren. Wir haben nur ein recht oberflächliches und lückenhaftes Bild von den anderen Welten außerhalb unserer Insel, ein Bild das vor allem von den Gerüchten und Klischees lebt, die wir für die Wirklichkeit halten.

Was ich hier als allgemeine Diskrepanz beschrieben habe, begegnet mir bei uns in der westlichen Welt konkret als wechselseitige Ignoranz zwischen der „Haiku-Welt“ und der christlichen Welt. Während man in den christlichen Kirchen das Phänomen Haiku als exotisches Gewächs einer fremden Kultur bisher kaum zur Kenntnis nimmt, behandelt man in den westlichen „Haiku-Gemeinden“ die christliche Tradition oft mit der Ignoranz von Konvertiten, die von ihren eigenen kulturellen Wurzeln nichts mehr erwarten. Ein nennenswertes Interesse der einen für die andere Seite ist nicht einmal im Ansatz erkennbar, eher schon eine eigen-artige Abwehr des Fremdartigen.

Als Theologe, der mit der christlichen Tradition einigermaßen vertraut ist und mit großem Interesse die „Haiku-Welt“ bereist, komme ich zu dem Schluss, dass beide füreinander so etwas wie unentdecktes Neuland darstellen. Was aus der jeweiligen Inselperspektive von außen völlig andersartig und fremd erscheint, könnte jedoch in tieferen Schichten bislang unentdeckte Entsprechungen und Parallelen aufweisen. Und es könnte für beide Seiten sehr fruchtbar sein, das Eigene im Anderen und das Andere im Eigenen zu entdecken. Die Voraussetzung dafür ist lediglich vorurteilslose Offenheit für die jeweils andere Seite und die Bereitschaft, die eigene Insel nicht mit dem Mittelpunkt der Welt gleichzusetzen.

Zur Entdeckung dieses interkulturellen Neulandes möchte ich unter der Überschrift „Haiku meets Bibel“ gern einladen und in loser Folge Beiräge dazu liefern. Einen ersten Beitrag zum Begriff „Offenbarung“ habe ich dazu hier bereits am 03.07.2012 veröffentlicht. Ich ordne ihn jetzt sachlich als Beitrag 2 der beabsichtigten Folge ein.