Exaudi – Jesus zieht

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Johannesevangelium 12,32)

Der Sonntag Exaudi liegt zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Sein Name Erhöre! ist von dem Leitvers (der Antiphon) für diesen Tag in Psalm 27,7 abgeleitet: HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Noch heute verrät es unsere Sprache, dass Gott vor allem im Modus des Gebetes begegnet. Wendungen wie Ach Gott! oder Mein Gott! haben sich tief in unseren Sprachgebrauch eingeprägt und scheinen kaum ersetzbar zu sein.
Wir kommen Gott näher, wenn wir nicht über Gott (in der dritten Person), sondern zu Gott (in der zweiten Person) reden.
Das menschliche Flehen um Erhörung und Errettung kommt auch in der letzten der sieben Bitten des Vaterunsers zur Sprache: Erlöse uns von dem Bösen.

Der Wochenspruch klingt wie eine Antwort Jesu auf diese Bitten um Erhörung: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
Das ist weit mehr als eine gewöhnliche Antwort. Es ist das Versprechen einer grundlegenden Veränderung unserer Lebenssituation.

Wer ein Bild sucht, mag an die Rettung von Schiffbrüchigen denken. Ihr Schiff ist gekentert. Sie sind vom Untergang bedroht. Jetzt kann nur helfen, wer über die Möglichkeit verfügt, die Verlorenen auf festen Boden zu ziehen.
Es gibt durchaus solche dramatischen Situationen, in denen uns das Wasser bis an die Kehle geht (Psalm 69.2ff.) und ein rettender Arm zur rechten Zeit lebensentscheidend sein kann.

Manche Verkündiger des christlichen Glaubens spitzen ihre Predigt gern auf solche Situationen zu, um die Menschen aufzurütteln, ihnen die Augen für ihr verborgenes Elend zu öffnen und sie zum Heil zu bekehren.
Es ist aber ein sehr umstrittenes Vorgehen, wenn das normale Leben und diese Welt möglichst dunkel gemalt werden, damit das Angebot der Erlösung dann um so heller davon abgehoben werden kann. Das stößt vielen Menschen unangenehm auf und entspricht eher dem fundamentalistischen Eifer einzelner ideologisierter Gruppen, nicht aber der Breite der biblischen Botschaft und der Verkündigung des historischen Jesus.
Theologisch gesprochen: Die Schöpfung und die Erlösung bleiben aufeinander bezogen, sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Doch die andere Seite der Medaille ist auch nicht zu vergessen: Als Menschen sind wir Geschöpfe, die nur ein sehr begrenztes eigenes Bild vom Ganzen der Schöpfung und ihrem Schöpfer haben, die in Ängsten und Eigensinn verstrickt sind, die von sich aus kein Heil schaffen können und dort, wo sie es etwa im Namen der Religion versuchen, immer wieder größeres Unheil produzieren. Das lehren uns auch die Erfahrungen, die wir in der Geschichte mit uns selbst haben machen müssen.

Es bedarf eines höheren Standpunktes, ungetrübt von den Begrenztheiten der menschlichen Perspektive und frei von den Verstrickungen menschlicher Angst, um den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft (Philipperbrief 4,7) zu erlangen.

Über das Wie gibt es im Neuen Testament verschiedene Aussagen:
Der irdische Jesus, wie ihn die ersten drei Evangelien schildern, ruft die Menschen in seine Nachfolge: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. (Markus 8:34-35)
Der vom Himmel herabgekommene Christus des Johannesevangeliums fügt diesen Worten (Joh 12,25-26) die Verheißung unseres Wochenspruchs (Joh 12.32) hinzu. Er selbst bahnt mit seinem Sterben den Weg ins Leben. Seine Erhöhung führt ihn ans Kreuz (12,33) und auf diesem Weg zurück zum Vater. Wer ihm verbunden bleibt, den zieht er aus der Finsternis ins Licht.
Das sind alles Aussagen von großer metaphorischer Tiefe. Dem rational distanzierten Verständnis werden sie sich wie Reisebeschreibungen in gänzlich neue Regionen nur schwerlich erschließen. Wer sich aber selbst auf den Weg in die Nachfolge aufmacht, wird dabei auch spüren können, dass der, dem er nachfolgt, ihn begleitet, zieht und trägt. Jesus zieht, auch heute noch.

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2. Advent – Erlösung

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

„Erlösung“ ist der zentrale Begriff in diesem Wochenspruch. Die Hoffnung auf Erlösung spielt auch an anderen Stellen der Bibel und in weiteren Religionen eine wichtige Rolle. Man hat sie deshalb als „Erlösungsreligionen“ bezeichnet.
In unserer Gesellschaft wird der Begriff oft ohne religiösen Bezug verwendet: „Der Ausgleich in der 91. Spielminute war eine Erlösung.“ Oder auch: „Der Tod war eine Erlösung.“ Hier geht es um das Ende einer als unerträglich empfundenen Spannung. Eine religiöse Jenseitserwartung ist damit nicht verbunden.

Was jeweils mit „Erlösung“ gemeint ist, ergibt sich also erst aus dem Zusammenhang.
Wie aber erfassen wir den jeweiligen Zusammenhang?
Wenn wir etwas hören und darauf reagieren, muss es ja schnell gehen. Dabei helfen uns bestimmte Muster. Wir ordnen das Gehörte einfach uns vertrauten Verständnismustern zu. Das hilft uns beim Verstehen. Das kann aber auch zu Klischeevorstellungen führen, die am Kern der Wahrheit vorbei gehen.

Ein Beispiel, wie das oft so läuft:
„Erlösung? Ach so, Kirche! Na, da geht es doch um’s Jenseits. Nein, damit hab ich nichts am Hut. Ich bleib mal lieber mit beiden Beinen auf der Erde. Wie sagte doch Heinrich Heine schon so richtig: ‚Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen‘ Punkt!“

Das ist wohl das heute geläufigste Muster. Aber ist es damit auch der für ein wirkliches Verständnis geeignetste Weg?
Um das zu beantworten, stellen sich zunächst zwei weitere Fragen:
1. Was ist in der Bibel und in der antiken Welt eigentlich ursprünglich mit „Erlösung“ gemeint?
2. Führt das hier vorgestellte Verständnismuster zu einem Verlust an Lebenstiefe, weil es wichtige Zusammenhänge ausblendet?

Über diese Fragen lassen sich lange Abhandlungen schreiben. Hier möchte ich nur kurz die aus meiner Sicht wichtigsten Antworten vorstellen:

1. In der Bibel und in der antiken Welt wurde „Erlösung“ ursprünglich als Loskauf aus der Sklaverei und Fremdherrschaft verstanden. Später begriff man, dass das menschliche Leben auch auf subtilere Weise entfremdet wird. Die zerstörerischen Kräfte, die durch Schuld und Beziehungsstörung (Sünde), durch Unwissenheit und Schicksalsmächte entfesselt werden, führen zu einer unheilvollen Versklavung, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Nur ein Münchhausen kann sich am eigenen Schopf aus diesem Sumpf ziehen. Mit dieser Erfahrung wuchs die Frage und das Verlangen nach einer tieferen und umfassenden Erlösung. Christen glauben, dass Jesus von Nazareth mit seiner aus Gottvertrauen gewirkten Liebe und Hingabe die Antwort darauf gefunden und gegeben hat. Wer ihm nachfolgt und aus dieser Kraft lebt, ist ein neuer, erlöster Mensch.

2. Wenn wir nicht mehr oder nur noch in einem verflachten Sinne von Erlösung sprechen, geben wir eine wichtige Antwort auf, ohne die ihr vorausgehenden Fragen und Probleme gelöst zu haben. Diese bestehen jedoch in zeitgemäßen Gewändern weiter und bedrohen unser aller Leben: als Angst, als Egoismus, als Ignoranz, als Sucht, als Abhängigkeit, als Ausgeliefertsein an die vielen Einflüsse und Kräfte, die auch unser Leben bedrohen. Wer diese lebensfeindlichen Mächte weder verdrängen noch von ihnen gebrochen werden will, der steht auch heute vor der Frage, wie er trotz alledem zu einem erlösten Leben finden kann – nicht erst in einem nebulösen Jenseits, sondern hier und heute.

Der Wochenspruch macht Mut, mit diesem Fragen nicht aufzuhören. Und er macht zugleich klar, dass es auch auf unsere Einstellung ankommt: „Seht auf und erhebt eure Häupter“, lautet die Aufforderung. Damit ändert sich die Blickrichtung und auch die Perspektive. Wenn sich der Blick von der Fixierung auf die Fesseln löst, dann kann die Befreiung – um ein anderes Wort für Erlösung zu gebrauchen – beginnen. Dann wird möglich, was viele nicht mehr für möglich gehalten haben.

Es bleibt eine Frage, ob es jemals eine erlöste Welt geben wird?
Die Erfahrungen aus der Geschichte sprechen eher für eine skeptische Antwort.
Das ungeheuerlich angewachsene Potential der Menschheit, das auch die Möglichkeit einer globalen Selbstzerstörung einschließt, kann auch zur der Antwort führen, dass wir überhaupt nur durch eine tiefgreifende Neuausrichtung unseres Zusammenlebens eine Zukunftschance haben.
Wird Erlösung zu einer Überlebensfrage?

Die Fragen sind gestellt. Eins erscheint mir aber schon deutlich und sicher:
Erlösung ist kein Naturereignis. Es geht um erlöste Menschen. Es gibt sie. Sie sind nicht fehlerlos. Im Gegenteil: Sie wissen um ihre Fehler und die fatalen Folgen, die daraus erwachsen können. Sie lernen, auf liebevolle und verantwortungsbewusste Weise damit umzugehen, und sie schöpfen die dazu nötige Kraft nicht aus dem eigenen Ego, sondern aus den Quellen der Spiritualität.