6. Sonntag nach Trinitatis – Zuspruch und Freiheit

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Jesaja 43, 1

Auch dieser Wochenspruch handelt von der Rettung der Menschen. Erlösung bedeutet ursprünglich Loslösung, Loskauf oder Befreiung aus Sklaverei und Knechtschaft.

Nach der vernichtenden Niederlage des Königreiches Juda im Jahr 597 v.Chr. gegen die babylonische Großmacht wurden in drei Wellen bis 582 viele Angehörige der jüdischen Oberschicht nach Babylon umgesiedelt. Im Jahr 586 zerstörten die Babylonier den unter König Salomo erbauten Tempel, das zentrale Heiligtum des jüdischen Glaubens. Das schien das Ende Israels zu sein. Viele passten sich in Babylon an ihre neue Umgebung an. Doch es kam auch zu einer Vertiefung im Verständnis und in der Pflege der Glaubenstradition. Denn hier lag die Identität und Kraft der Deportierten.
Als der persische Großkönig Kyros II. Babylon im Jahr 539 v. Chr. eroberte, nennt ihn der heute als Deuterojesaja bezeichnete Prophet einen Hirten (Jes 44,28) und Gesalbten (Jes 45,1) Gottes, der das Volk Israel zu Umkehr und Erlösung ruft und führen will. Das zweite Jesajabuch (Jes 40-55) ist voll von Trost und Ermutigung. Die Menschen sollen durch ihren Glauben die erneute Wendung der Geschichte als das Ende ihrer Katastrophe, das Ende ihrer Schuld und Strafe (Jes 40,2), als Erweis der Nichtigkeit der fremden Götter (Jes 41,29 und 43,10-12) und als Zusage neuer Hoffnung und neuen Heils verstehen.

Dem kühlen Blick des Historikers, der von außen schaut und zu analysieren versucht, wie hier historisches Geschehen zu gedeuteter Geschichte gemacht wird, erscheinen die Worte des Deuterojesaja als Reaktion eines religiösen Bewusstseins, aus dessen Sicht die Ereignisse als Bestätigung seiner eigenen Auffassungen und Interessen interpretiert werden. Das tun schließlich alle Ideologien. Dass in diesem Falle der Großkönig des persischen Weltreichs zum Knecht und Werkzeug des Gottes eines kleinen besiegten Volkes gemacht wird, ist an Kühnheit kaum zu überbieten.

Doch gerade diese Kühnheit ist das Besondere, das unsere Aufmerksamkeit verdient. Man kann sie als religiös überhitztes Wunschdenken ansehen oder als Ausdruck eines tieferen Bewusstseins und Glaubens. Der Unterschied zwischen beidem liegt in der Qualität der Worte, die sich in ihrer Wirkung auf die Zeitgenossen damals und in ihrer Fernwirkung bis in unsere Zeit erweist.

Deuterojesaja zieht nicht einfach triumphierend einen Joker aus dem Ärmel. Er verbindet die neue Hoffnung für sein Volk mit
(1) tiefgreifender Selbstkritik an Israel, das die vorangegangene Katastrophe durch seine Sünden und Missetaten selbst verschuldet hat (43,24-28)
(2) geschichtlicher Weisheit im Blick auf die Vergänglichkeit der Völker und Fürsten (40,15-24)
(3) verständnisvoller Aufnahme der Skepsis gegenüber dem neuen Wort Gottes, wenn das Volk doch verdorrendes Gras ist (40,6-8)
(4) theologischer Kritik und Horizonterweiterung durch eindringliches Hinterfragen der Zusammenhänge in Schöpfung und Geschichte (40,26 u. 41,29)
(5) ebenso behutsamer wie grandioser Zuwendung, Tröstung und Ermutigung Israels (40,29-31 u. 41,8ff.)

Diese Gesamtbotschaft hat überzeugt und Geschichte gemacht, auch wenn in der Zukunft neue Katastrophen nicht ausblieben. Diese Worte konstituieren ein neues Verhältnis zwischen dem der Welt und ihrem scheinbar übermächtigen Treiben ausgelieferten Menschen (als Volk und als Einzelner) einerseits und seinem wortmächtigen, Welt und Geschichte übergreifenden und zugleich ihm liebevoll zugewandten Gott andererseits. In diesem Verhältnis erfährt der Mensch eine neue Gründung seiner Existenz: Er versteht sich nicht länger als hilfloser Spielball unbeherrschbarer Mächte, sondern als berufener und erlöster Teilhaber dessen, der alles in seinen Händen hält.

Dieser Geist kommt auch in Jesus zur Sprache und hat in der Bindung an ihn die Kirche begründet. Die Taufe gilt als der leibhaftige Anschluss an den in Jesus Mensch gewordenen und in diesem Geist wirksam werdenden Gott.

Dieser Geist setzt erstaunliche Kräfte frei und lässt singen:
Trotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu!
Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh.
Gottes Macht hält mich in acht,
Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.

(Ev. Gesangbuch 396,3)

Dieser Geist befreit und befähigt auch heute zu neuen Aufbrüchen des Lebens aus der scheinbar alternativlosen Versklavung durch Macht und Geld, die doch nur so lange und so weit über uns herrschen können, wie wir uns vornehmlich an unser Ego klammern, das ihnen Tor und Tür öffnet.

Dieser Geist, so scheint mir, ist genau das, was wir brauchen, um nicht das Opfer unserer eigenen Geschichte zu werden.

4. Sonntag nach Trinitatis – Wo der Himmel ist

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Gal 6,2

Dieser Wochenspruch klingt gut und schwer zugleich.
Viele christliche Paare haben mit diesem Trauspruch ihre Ehe begonnen. So soll es sein. Wir wollen füreinander da sein, uns gegenseitig lieben und ehren in guten wie in bösen Tagen. Wir wollen uns gegenseitig beistehen und einander stützen und tragen, wo es nötig ist. Das macht unser beider Leben reich und schön. Es ist doch so: Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude.
Das ist die Ökonomie der Liebe. Wo Menschen anfangen, miteinander nach diesem Grundsatz zu wirtschaften, verändert sich ihr Leben grundlegend. Paulus spricht davon, dass auf diese Weise das Gesetz Christi erfüllt wird. Wir könnten auch sagen: Wo Menschen so miteinander umgehen, da geschieht Gottes Wille wie im Himmel so auf Erden.

Eine Ehe oder Partnerschaft kann sowohl mit dem Himmel wie auch mit der Hölle verglichen werden. Himmel und Hölle sind keine äußeren Orte. Es sind Erfahrungen im menschlichen Zusammenleben.
Der französische Existentialist Jean Paul Sartre hat das in seinem 1944 uraufgeführten Stück Huis clos (dt. Geschlossene Gesellschaft) für die Hölle durchgespielt und dabei den Satz geprägt: Die Hölle, das sind die anderen. Und was ist mit dem Himmel?

Dazu eine bekannte Geschichte, die in unterschiedlicher Weise und sogar über Religionsgrenzen hinweg erzählt wird:
Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elias als Führer mit. Elias führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus einem Topf. Aber die Leute sehen blaß, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, daß sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten.
Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle. Darauf führte Elias den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie er erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzen die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel.

Wenn wir diese Zusammenhänge bedenken und im Großen wie im Kleinen unseres Lebens wiederentdecken, dann erscheint uns das Gesetz Christi nicht länger nur als moralische Forderung. Es ist viel mehr. Es ist eine Art Lebensgesetz, an dem sich das Gelingen oder Misslingen unseres Lebens entscheidet. Wahre Freude, Glück und Liebe können wir nicht gegeneinander, sondern nur miteinander finden und verwirklichen.

Doch warum fällt es uns dann oft so schwer, dieses Gesetz Christi zu befolgen?
Die Antwort kann nur lauten: Weil wir zu stark mit uns selbst beschäftigt sind.
Ängste, Sorgen und eine immerwährende Unruhe treiben und belasten uns, so dass wir den ebenso beschwerten Anderen oft nur als eine zusätzliche Belastung und nicht als Chance für die Begegnung mit der Freude, dem Glück und der Liebe empfinden. Hier hilft nur, was die Bibel eine Umkehr nennt, eine Änderung unserer Einstellung uns selbst und dem Leben gegenüber. Dabei ist nicht zu verkennen: Je ziel-strebiger wir nur unserer eigenen Spur folgen, desto schwieriger wird es umzuschalten. In unserem Zeitalter, das von Multitasking und Beschleunigung geprägt wird, scheint das besonders schwer zu sein.

Es ist deshalb die große Herausforderung und Chance der Religion, des Glaubens, der Spiritualität, unserer Zeit neu ins Bewusstsein zu rufen, wer wir sind und wo wir finden können, was wir im tiefsten Herzen suchen.
Der Kirchenvater Augustinus (354-430) hat dazu in seinen Confessiones (dt. Bekenntnissen) geschrieben: Herr, geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.
In diese Richtung hin können wir weiter denken und weiter leben:
Der Himmel ist dort, wo unser Zusammenleben gelingt.
Unser Zusammenleben gelingt dort, wo wir frei werden können von dem, was unser Herz versklavt.
Frei werden können wir dann, wenn unser Herz von schöpferischer Liebe erfüllt wird.

Quasimodogeniti – Ich bin so frei

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. 1. Petrus 1,3

Ostern liegt hinter uns. Für Nichtchristen ist es bis zum nächsten Jahr abgehakt. Für Christen hat es jedoch eine nachhaltige Wirkung. Das zeigt sich auch im Wochenspruch am ersten Sonntag nach Ostern. Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten sind die, die an ihn glauben, wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.

Die Vorstellung von einer Wiedergeburt begegnet uns vor allem in den östlichen Religionen und bedient das Verlangen nach Gerechtigkeit. Was der Mensch sät, das wird er ernten, heißt es auch in der Bibel (Galater 6,7).
Was aber wenn der Tod dazwischenkommt? Auf diese beunruhigende Frage haben die östlichen Religionen und unsere jüdisch-christliche Tradition – mit jeweils starken inneren Differenzierungen! – sehr unterschiedliche, aber in bestimmter Weise auch vergleichbare Antworten gefunden.
Die östliche Vorstellung von der Wiedergeburt sieht die nächste Existenz nach diesem Leben als Folge dieses Lebens. Je nach seinem Verhalten erreicht der Mensch im nächsten Leben eine höhere oder niedrigere Stufe.
In den spätjüdisch-christlichen Überlieferungen empfängt der Mensch statt dessen im Leben nach dem Tod, das keine zyklische Wiederholung, sondern das endgültige und ewige Leben ist, Lohn oder Strafe für seinen irdischen Wandel. Der Gedanke an eine erneute Wiedergeburt im östlichen Sinne ist dem geschichtlich-linearen Denken des Westens fremd.

Nun wird in unserem Wochenspruch allerdings doch von Wiedergeburt gesprochen. Auch der Name des Sonntages Quasimodogeniti weist in diese Richtung: wie die neugeborenen Kinder. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine der zahllosen Wiedergeburten im Sinne der östlichen Religionen, sondern um ein einmaliges Geschehen.
Wenn mit der Auferstehung Jesu der Tod ein für allemal überwunden ist, dann kann das kein nur äußeres Ereignis bleiben, über das wir spekulieren können, ohne dass es uns in der Tiefe unserer Existenz betrifft und grundlegend verändert.

Um es in einem Gleichnis auszudrücken:
Ostern ist für den christlichen Glauben wie die Erfahrung von Menschen, die lebenslänglich in einem Gefängnis sitzen. Die Kerkermauern sind unüberwindbar, und jeder Gedanke an die Freiheit erscheint wie ein Traum, der die Realität der Gefangenen nur um so schmerzlicher ins Bewusstsein rückt. Die meisten haben sich längst damit abgefunden und halten ihre Existenz hinter den Gitterstäben, durch die nur ein schmaler Streifen Himmel sichtbar wird, inzwischen für das normale Leben. Und dann steht einer von ihnen auf, öffnet die Tür und ruft den anderen zu, mit ihm ins Freie zu kommen.
Manche unter den Mitgefangenen lachen darüber aus gebrochenem Herzen ein bitteres Lachen, in dem Unglauben und Angst mitklingen.
Wer aber den Schritt durch die geöffnete Tür wagt und in die Freiheit tritt, der steht am Beginn eines neuen Lebens. Plötzlich sind alle Wege offen.
Es verwundert nicht, wenn er das zunächst gar nicht fassen kann – mit Ostern ist es ganz ähnlich. Doch ist er wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.

Das klingt verrückt und ist es auch, weil die uns vertrauten Gitterstäbe, nicht länger die Maßstäbe unseres Lebens sein müssen. Jetzt sind wir selbst im grünen Bereich.

2. Advent – Erlösung

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

„Erlösung“ ist der zentrale Begriff in diesem Wochenspruch. Die Hoffnung auf Erlösung spielt auch an anderen Stellen der Bibel und in weiteren Religionen eine wichtige Rolle. Man hat sie deshalb als „Erlösungsreligionen“ bezeichnet.
In unserer Gesellschaft wird der Begriff oft ohne religiösen Bezug verwendet: „Der Ausgleich in der 91. Spielminute war eine Erlösung.“ Oder auch: „Der Tod war eine Erlösung.“ Hier geht es um das Ende einer als unerträglich empfundenen Spannung. Eine religiöse Jenseitserwartung ist damit nicht verbunden.

Was jeweils mit „Erlösung“ gemeint ist, ergibt sich also erst aus dem Zusammenhang.
Wie aber erfassen wir den jeweiligen Zusammenhang?
Wenn wir etwas hören und darauf reagieren, muss es ja schnell gehen. Dabei helfen uns bestimmte Muster. Wir ordnen das Gehörte einfach uns vertrauten Verständnismustern zu. Das hilft uns beim Verstehen. Das kann aber auch zu Klischeevorstellungen führen, die am Kern der Wahrheit vorbei gehen.

Ein Beispiel, wie das oft so läuft:
„Erlösung? Ach so, Kirche! Na, da geht es doch um’s Jenseits. Nein, damit hab ich nichts am Hut. Ich bleib mal lieber mit beiden Beinen auf der Erde. Wie sagte doch Heinrich Heine schon so richtig: ‚Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen‘ Punkt!“

Das ist wohl das heute geläufigste Muster. Aber ist es damit auch der für ein wirkliches Verständnis geeignetste Weg?
Um das zu beantworten, stellen sich zunächst zwei weitere Fragen:
1. Was ist in der Bibel und in der antiken Welt eigentlich ursprünglich mit „Erlösung“ gemeint?
2. Führt das hier vorgestellte Verständnismuster zu einem Verlust an Lebenstiefe, weil es wichtige Zusammenhänge ausblendet?

Über diese Fragen lassen sich lange Abhandlungen schreiben. Hier möchte ich nur kurz die aus meiner Sicht wichtigsten Antworten vorstellen:

1. In der Bibel und in der antiken Welt wurde „Erlösung“ ursprünglich als Loskauf aus der Sklaverei und Fremdherrschaft verstanden. Später begriff man, dass das menschliche Leben auch auf subtilere Weise entfremdet wird. Die zerstörerischen Kräfte, die durch Schuld und Beziehungsstörung (Sünde), durch Unwissenheit und Schicksalsmächte entfesselt werden, führen zu einer unheilvollen Versklavung, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Nur ein Münchhausen kann sich am eigenen Schopf aus diesem Sumpf ziehen. Mit dieser Erfahrung wuchs die Frage und das Verlangen nach einer tieferen und umfassenden Erlösung. Christen glauben, dass Jesus von Nazareth mit seiner aus Gottvertrauen gewirkten Liebe und Hingabe die Antwort darauf gefunden und gegeben hat. Wer ihm nachfolgt und aus dieser Kraft lebt, ist ein neuer, erlöster Mensch.

2. Wenn wir nicht mehr oder nur noch in einem verflachten Sinne von Erlösung sprechen, geben wir eine wichtige Antwort auf, ohne die ihr vorausgehenden Fragen und Probleme gelöst zu haben. Diese bestehen jedoch in zeitgemäßen Gewändern weiter und bedrohen unser aller Leben: als Angst, als Egoismus, als Ignoranz, als Sucht, als Abhängigkeit, als Ausgeliefertsein an die vielen Einflüsse und Kräfte, die auch unser Leben bedrohen. Wer diese lebensfeindlichen Mächte weder verdrängen noch von ihnen gebrochen werden will, der steht auch heute vor der Frage, wie er trotz alledem zu einem erlösten Leben finden kann – nicht erst in einem nebulösen Jenseits, sondern hier und heute.

Der Wochenspruch macht Mut, mit diesem Fragen nicht aufzuhören. Und er macht zugleich klar, dass es auch auf unsere Einstellung ankommt: „Seht auf und erhebt eure Häupter“, lautet die Aufforderung. Damit ändert sich die Blickrichtung und auch die Perspektive. Wenn sich der Blick von der Fixierung auf die Fesseln löst, dann kann die Befreiung – um ein anderes Wort für Erlösung zu gebrauchen – beginnen. Dann wird möglich, was viele nicht mehr für möglich gehalten haben.

Es bleibt eine Frage, ob es jemals eine erlöste Welt geben wird?
Die Erfahrungen aus der Geschichte sprechen eher für eine skeptische Antwort.
Das ungeheuerlich angewachsene Potential der Menschheit, das auch die Möglichkeit einer globalen Selbstzerstörung einschließt, kann auch zur der Antwort führen, dass wir überhaupt nur durch eine tiefgreifende Neuausrichtung unseres Zusammenlebens eine Zukunftschance haben.
Wird Erlösung zu einer Überlebensfrage?

Die Fragen sind gestellt. Eins erscheint mir aber schon deutlich und sicher:
Erlösung ist kein Naturereignis. Es geht um erlöste Menschen. Es gibt sie. Sie sind nicht fehlerlos. Im Gegenteil: Sie wissen um ihre Fehler und die fatalen Folgen, die daraus erwachsen können. Sie lernen, auf liebevolle und verantwortungsbewusste Weise damit umzugehen, und sie schöpfen die dazu nötige Kraft nicht aus dem eigenen Ego, sondern aus den Quellen der Spiritualität.