Angesichts von Gewalt und Leid

Zwischen dem,
was da immer wieder
an Nachrichten, Bildern und Schreien
in mich hineingeht,
und dem,
was danach
als Reaktion aus mir herauskommt,
zwischen beidem
muss es
einen inneren Unterbrecher,
einen reinigenden Filter,
eine menschliche und geistige
Instanz und Verantwortung geben!

Wenn ich
nach dem Prinzip
Aktion gleich Reaktion
Aufnahme gleich Weitergabe
rede, handle und lebe
werde ich
unweigerlich
auf meiner Tribüne
zu einem Mitspieler
und Mitschuldigen
in einem Krieg,
den ich eigentlich verabscheue.

Deshalb gilt es,
neue Wege der Empörung
zu finden,
die nicht im Dunkel enden,
sondern ans Licht führen.

über den köpfen der stadt

über den köpfen der stadt
reifen
die brombeeren

Viktoria Zellner

Nach meinem Empfinden ist der Wiener Autorin Viktoria Zellner hier ein sehr bemerkenswertes Haiku gelungen.

über den Köpfen der stadt
das weckt Erwartungen auf das, was sich da hoch oben abspielt. Unsere Reflexe bei sprachlichen Assoziationen sind heute stark medial beeinflusst. Sofort bauen sich Bilder auf, die ins Spektakuläre zielen. Braut sich über dem urbanen Moloch ein Unwetter zusammen, das sich meteorologisch oder vielleicht eher noch gesellschaftlich und politisch zu entladen droht?
Sitzen und entscheiden über den köpfen der stadt geheime Strippenzieher, die über diese Köpfe hinweg Entscheidendes ins Rollen bringen?
Genaues oder gar Verlässliches weiß man natürlich nicht, weil man ja unter diesen Köpfen lebt und zumindest statistisch gesehen nicht einmal zu den führenden Köpfen der Stadt gehört. Und wo der Weitblick und die Einsicht begrenzt ist, wachsen die Erwartungen gewöhnlich ins Riesige. Was mag da nur wieder geschehen über den köpfen der stadt?

reifen
mit diesem einen Wort setzt die Autorin einen neuen Akzent. Zwar reifen auch dunkle Pläne und Früchte, doch klingt hier ein vornehmlich positiver Grundton an. Reifen ist ein evolutionärer Vorgang, ein Wachstumsprozess, den wir zumindest nach Erreichen der mittleren Reife gern auch auf menschliche und gesellschaftliche Zusammenhänge anwenden, nicht zuletzt auch deshalb, weil wir hier einen gewissen Nachholebedarf und ein riesiges Potential für die Zukunft erkennen.
Und in Verbindung mit den köpfen legt es sich sowieso nahe, dass da eine dringend erwartete Veränderung im Denken und in der Einstellung der Menschen in den Blick kommen könnte. Gern hätte man dieses reifen schon in den Köpfen, aber es braucht nach aller Erfahrung seine Zeit, bis es dorthin gelangt. Zunächst steht da noch über, etwas Höheres also, vielleicht die Bewusstseinserweiterungen einer kleinen Gruppe oder gar eines einzelnen Genies, die selbst für die führenden köpfe der stadt noch nicht fassbar sind.
Solche Prozesse brauchen Zeit und Raum zu ihrer Entfaltung. Die Autorin räumt dem reifen die ganze mittlere Zeile ihres Haikus ein und steigert damit zugleich die Größe seiner Bedeutung und die Erwartung ihrer Leser. Es muss etwas sehr Bedeutendes sein –

die brombeeren.
Die geschickt aufgebaute Klimax, der über den Blick des Verstehens hinausreichende Tower der Erwartungen, wird mit diesem knappen Verweis auf die ebenso stachlige wie köstliche Wildfrucht aufgelöst und in das jedermann frei Zugängliche und oft kaum Beachtete zurückgeholt. Die köpfe der stadt haben es vielleicht noch gar nicht bemerkt, ja sie sind möglicherweise noch nicht imstande zu begreifen, was damit aus- und angesprochen ist, weil sie in ihre Konstruktionen versunken und verstrickt sind.

Für den Leser aber eröffnet sich die Möglichkeit zu einem überraschenden Blickwechsel vom irreal Grandiosen zum grandios Realen hin – ein Aufblitzen des geerdeten Geistes, der sich seit Bashō immer wieder im Haiku zu Gehör bringt.
Es sind die brombeeren, natürlich, diese Brombeeren, hier.

Der Geist für’s Leben (Taufpredigt)

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2.Tim 1,17)

Ihr Lieben,

was soll aus N. und J., was soll aus den Kindern einmal werden?
Eine vielschichtige Frage!
Wichtig ist vor allem, wie sie mit dem Leben zurechtkommen,
vor allem mit sich selbst und mit ihrer Umgebung.
Anders ausgedrückt: Wessen Geistes Kind sind sie und werden sie sein?

In unserem Taufspruch wird zuerst der Geist der Furcht (oder Angst) genannt.
Der ist offensichtlich weit verbreitet – damals wie heute.
Das Leben, diese Welt ist zum Fürchten, sagen wir manchmal, wenn wir Nachrichten hören. Und wer seinen persönlichen Weg sucht und nicht nur mit der Masse dahintreiben bzw. mit den Wölfen heulen will, der macht unweigerlich die Erfahrung der Angst, wenn er merkt, dass sein kleines Ich einer großen Welt voller Bedrohungen gegenüber steht.

Angst ist erst einmal etwas ganz Natürliches und Nützliches. Sie macht vorsichtig und schützt so vor Gefahren. Aber sehr oft bleibt sie dabei nicht stehen. Gerade bei sensiblen und phantasievollen Menschen kann sie sich in der Seele ausbreiten wie ein Krebsgeschwür, das bald alles überwuchert und beherrscht.
Wenn das geschieht, hat uns die Angst im Griff, und bestimmt unser Leben.
Das kann soweit gehen, dass wir uns nicht mehr trauen unter Menschen zu gehen.
Oder wir überspielen die Angst, indem wir Anderen Angst machen. Das geschieht oft in der Politik.
Oder wir versuchen die Angst zu betäuben und steigen aus dem realen Leben aus. Das ist eine der Sackgassen beim Erwachsenwerden.

Angst ist ein sehr verbreiteter Ungeist, der das Leben zerstört, wenn er in uns an die Macht kommt.

Doch es gibt – Gott sei Dank! – ein Rezept und ein starkes Mittel gegen diese Krankheit.
Das ist das Rezept des Glaubens: Gott gibt uns den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn wir das genau betrachten, dann können wir sehen, wie die Macht der Angst damit überwunden wird.

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen, an einer Geschichte, die auch die Kinder schon verstehen können.
Es ist die Geschichte vom kleinen Angsthasen:

Es war einmal ein kleiner Angsthase, der fürchtete sich vor allem.
Vor dem Wasser, weil man darin ertrinken kann.
Vor der Dunkelheit, weil er dann an Räuber und Gespenster dachte.
Vor größeren Kindern, weil sie ihm wehtun könnten.
Aber die Anderen lachten ihn aus und riefen immer Angsthase! Angsthase! wenn sie ihn sahen. Sie wollten nicht mit ihm spielen.
Der kleine Angsthase war deshalb sehr einsam und traurig.
Die Angst machte ihm das ganze Leben kaputt!
Er traute sich nur mit dem ganz kleinen Ulli zu spielen, der viel kleiner war als er selbst.
Eines Tages schlich der böse Fuchs mit den scharfen Zähnen ins Dorf. Alle Hasen rannten weg, so schnell sie konnten, und versteckten sich in den Häusern. Nur der ganz kleine Ulli konnte noch nicht so schnell laufen, und deshalb schnappte ihn der Fuchs.
Und nun passierte etwas ganz Großartiges:
Der kleine Angsthase hatte den ganz kleinen Ulli sehr, sehr lieb. Deshalb lief er nicht auch weg, wie die anderen.
Nein, plötzlich war die Angst nicht mehr das Wichtigste. Sein kleiner Freund war jetzt viel wichtiger.
Ihn musste er retten. Und so packte er den großen Fuchs kräftig am Schwanz und zog daran, bis der Fuchs den kleinen Ulli los ließ.
Das war ganz schön mutig!
Das war echt stark!
Und das war auch sehr gefährlich! Wenn der Fuchs ihn mit den Zähnen zu fassen kriegte!
Der Fuchs versuchte ihn abzuschütteln. Er rannte mit ihm durch die stachligen Disteln.
Aber der Hase erkannte die Gefahr und ließ nicht los. Besser durch die Disteln als zwischen die scharfen Zähne des Fuchses! So hielt er den Fuchs immer weiter am Schwanz fest. Der Fuchs war ganz wütend und tobte. Und als er auf einen Baum zu raste, hatte der Hase eine kluge, eine rettende Idee: Jetzt, zur rechten Zeit, ließ er den Schwanz los, und der Fuchs krachte mit aller Wucht gegen den Baum. Danach konnte er nur noch winselnd wegschleichen, und der Hase war gerettet.
Die Anderen, die von weitem alles gesehen hatten, riefen laut: Bravo! Bravo! Der Hase bekam einen Orden für seinen Mut, und alle bewunderten ihn. Er war nun kein Angsthase mehr, und alle Kinder wollten mit ihm spielen.

Sein ganzes Leben hatte sich verändert.
In ihm herrschte nicht mehr der Geist der Angst.
Er hatte jetzt einen viel besseren und schöneren Geist: den Geist der Kraft, und der Liebe und der Besonnenheit.
Die Liebe zu dem kleinen Ulli hatte in ihm ganz viel Kraft und Mut geweckt.
Und die große Gefahr mit dem Fuchs konnte er durch Klugheit und Besonnenheit überwinden!

Liebe Eltern, liebe Paten,
wenn ihr euch fragt, was aus N. und J. werden soll, dann ist das auch die Frage, was ihr ihnen für ihr Leben geben könnt.
Der Taufspruch weist in eine gute Richtung:
– Helft ihnen, diesen Geist zu finden und mit diesem Geist zu leben!.
– Achtet auf das, was sie beschäftigt und bringt diesen guten Geist dahinein!
– Schafft und gestaltet mit ihnen gemeinsam in diesem Geist gute Erlebnisse!
– Entdeckt mit ihnen solche Geschichten, in denen Gott mitten in unserem Leben zu
reden anfängt!

Amen

21. Sonntag nach Trinitatis – Die Überwindung

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12, 21

Beim letzten Wochenspruch ging es darum, was gut ist. Gut und böse können und dürfen nicht aus dem Blickwinkel bestimmter Interessen definiert werden. Das würde zur Verklärung bzw. Diskreditierung dieser Interessen führen und damit die eigene Auffassung vergötzen oder abweichende Standpunkte dämonisieren.
Gut und böse sind absolute Kategorien, die ihren letzten Grund in der ethischen Nichthintergehbarkeit der Menschenwürde und im theologischen Verstehenszusammenhang der universalen Bejahung und unteilbaren Liebe Gottes zur Schöpfung finden. Gut ist, was dieser Liebe Gestalt verleiht und dem daraufhin angelegten Wesen des Menschen zur Verwirklichung hilft.

Nun ist die eigentlich spannende Frage, wie das, was mit großen Worten relativ einfach zu umschreiben sein scheint, in die Praxis des gelebten Lebens umgesetzt werden kann. Ist der Mensch überhaupt fähig, das in diesem Sinn Gute zu verwirklichen? Die Bibel ist da mehr als skeptisch. Dazu zwei Beispiele, je eins aus dem ersten und aus dem zweiten Testament:
In 1Mose 8,21 sagt Gott nach dem Ende der Sintflut: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Das ist nicht nur eine bemerkenswerte Aussage über die menschliche Natur, sondern auch ein erstaunlicher Ausdruck über einen Sinneswandel in Gott selbst, der wie eine Vorwegnahme unseres Wochenspruches und des Gebotes Jesu in der Bergpredigt (Mat 5,43–48), mit dem er zur Feindesliebe aufruft, klingt.
Paulus, der in Römer 12,21 zur Überwindung des Bösen durch das Gute aufruft, schreibt fünf Kapitel zuvor: Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. (Römer 7,18f.)

Diesen Widerspruch nennt Paulus die Sünde, und Augustinus erklärt später, dass es dem Menschen unmöglich ist, nicht zu sündigen. Es gibt demzufolge keinen Weg zum Guten, den der Mensch von sich aus gehen könnte. Es liegt allein in Gottes Macht und Willen, den Menschen vom Bösen zu erlösen, allein aus Gnade kann der Mensch zum Heil und zur Erlösung geführt werden.
Das ist eine der zentralen Auffassungen der traditionellen christlichen Dogmatik, an der sich der Widerspruch des säkularisierten Denkens der Moderne besonders deutlich artikuliert. Ist es nicht eine Entmündigung des Menschen, wenn ihm die Fähigkeit zum Guten abgesprochen wird? Wir damit nicht alles menschliche Bemühen und ethische Streben von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Oder liegt gerade darin ein ganz nüchterner Realismus, den es heute neu zu entdecken, neu zu würdigen und auch neu zu interpretieren gilt, da sich die verschiedenen Versuche der Optimierung und Perfektionierung des Menschen als ein recht fragwürdiges Experiment erweisen?
Wenn die Stimme der christlichen Tradition in unserer Zeit Gehör und Gewicht erhalten soll, kommt es vor allem darauf an, dass ihre Grundwahrheiten aus dem Logizismus abstrakter Sprachformeln befreit und wie Körner im Garten des menschlichen Lebens zum Keimen gebracht werden.
Dabei kann auch das Gespräch mit anderen Religionen befruchtend sein. So kann beim Nachdenken über das Wesen der Sünde, das in der christlichen Lehre als eine vom Menschen verschuldete Abkehr von Gott und als eine grundlegende menschliche Beziehungsstörung verstanden wird, das Gespräch mit dem Buddhismus aufgenommen werden, der die Wurzel allen Übels und des Leides in der Gier (Habenwollen), in der Aversion (Nichthabenwollen) und in der Verblendung (Selbsttäuschung) sieht. Damit sind elementare Verstrickungen des Menschen angesprochen, die ihn von seinem wahren Wesen entfremden und die nicht ohne weiteres zu überwinden sind. Der Buddhismus sieht den Erlösungsweg in der Befeiung des menschlichen Geistes durch Meditation, die zur Erleuchtung und Befreiung von den Grundübeln führt. Der christliche Glaube erbittet die Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde durch das göttliche Geschenk des heiligen Geistes.
Es kann für beide Seiten sehr fruchtbar sein, wenn sie die unterschiedliche Sichtweise der jeweils anderen Seite als eine Erkennnishilfe zum tieferen Verständnis der eigenen Tradition in ihr heutiges Nachdenken einzieht. So kann die tiefe, an die Wurzeln der menschlichen Existenz gehende Entfremdung vom Guten ernstgenommen und gleichzeitig ein Weg zu ihrer Überwindung aufgezeigt werden, der aber nicht in einem Weiter so! auf der Basis der Sünde und Verstrickung bestehen kann.
Die hier immer wieder aufgeworfene alte Streitfrage, ob es denn nun aber Gott ist, der erlöst, oder ob sich der Mensch selbst erlösen soll, erweist sich dabei meines Erachtens als eine äußerliche und unangemessene Objektivierung, die Gott und den Menschen nach dem Muster zweier physikalischer Massen behandelt, während es sich hier doch – bildlich gesprochen – um einen komplexen biochemischen Prozess handelt, bei dem aus der Begegnung beider Elemente etwas ganz Neues, Lebendiges erwächst. Der Gott, dessen Wesen die Liebe ist, ist keine abgrenzbare Wirklichkeit. Oder mit einem anderen bekannten Wort gesagt: Gott hat keine Außenseite.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Das ist keine moralische Anweisung, sondern die Anzeige der ethischen Grundrichtung, in der die Heilung und Reifung des einzelnen Menschen und der Gemeinschaft gefunden werden kann. Ich sage bewusst Gemeinschaft und nicht gleich Gesellschaft. Das Wort des Paulus richtet sich an die christliche Gemeinde, die nach diesem Wort leben soll und kann, indem sie um Gottes Geist bittet, ihm bei sich Raum gibt und aus diesem Geist heraus handelt. Insofern kann man diesen Wochenspruch auch als ethische Entsprechung des ersten Gebotes verstehen: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter (= Herren, die dich beherrschen) haben neben mir.
Dass eine Gemeinschaft, die in dieser ethischen Grundrichtung lebt, auch stark auf die Gesellschaft ausstrahlen kann, zeigt sich immer wieder. Darin bestätigt sich das Wort Jesu aus der Bergpredigt: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. (Mat 5,13f.)

Pfingsten hat gerade erst begonnen

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth. Sacharja 4, 6

Pfingsten bewegt.
Alle Jahre wieder zieht eine Pfingstreisewelle durch das Land. Die Autobahnen sind voll. Mit längeren Staus muss während der Feiertage gerechnet werden. Die Nachfrage nach Kraftstoff ist gestiegen. Entsprechend ziehen die Kraftstoffpreise an.
Warum müssen die denn jetzt auch alle die Mineralölpreise hochtreiben und unsere Luft verpesten! Sie könnten doch ebenso gut mit dem Fahrrad mal raus ins Grüne! Das wäre in jeder Hinsicht besser und viel gesünder! sagen die einen und schütteln genervt ihre Köpfe.
Wir haben lange und hart gearbeitet. Jetzt wollen wir endlich auch mal am Stück richtig raus und etwas erleben. Das lassen wir uns von irgendwelchen Ökofreaks nicht kaputtmachen. Wo leben wir denn, wenn bestimmte Leute anderen vorschreiben wollen, was sie gut finden sollen und was nicht! denken die anderen gereizt.

Meinung prallt auf Meinung, Lebenseinstellung auf Lebenseinstellung, Kultur auf Kultur. Das ist offensichtlich ein Grundzug des menschlichen Zusammenlebens. Früher waren solche Konflikte oft nicht so allgegenwärtig, weil es in jeder größeren oder kleineren Region eine vorherrschende Meinung und entsprechende Lebenseinstellungen gab. Abweichler wurden auf Linie gebracht, abgeschoben oder auf andere Weise zum Schweigen gezwungen. Im Inneren herrschte Ordnung, aber zwischen den Kulturen und Herrschaftsbereichen kam es oft zu Spannungen, die in der Geschichte immer wieder zu Gewalt und Krieg geführt haben.
In vielen Teilen der Welt ist das noch heute so. Doch auch im bei uns im Inneren werden täglich auf die eine oder andere Weise Kämpfe ausgetragen, die auf die Überwindung des Anderen zielen, der den eigenen Auffassungen und Interessen im Wege steht oder auch nur als fremd und bedrohlich erlebt wird.

Wo soll das hinführen und wie soll das enden? Auf diese Frage gibt es nur eine vernünftige Antwort: Die Gewalt als Mittel der Konfliktlösung muss enden. Unterschiedliche Lebenseinstellungen, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte dürfen aber auch nicht unter den Teppich gekehrt werden, wo sie sich mit der Zeit zu einer giftigen Mischung verdichten.

Das Pfingstfest, das für viele nur noch ein verlängertes Wochenende im Frühling zu sein scheint, steht für eine Lösungsmöglichkeit bei der Frage nach den Umgang mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.

Ein neuer Geist, der Geist Gottes, der nicht irgendwelche Einzelinteressen vertritt, sondern als Schöpfergeist alle Geschöpfe mit ihren Besonderheiten beseelt, dieser schöpferische Geist des (Zusammen-)Lebens und des Friedens muss an die Stelle des alten Ungeistes treten, der die Welt in Freund und Feind einteilt und als geistige Wurzel für Hass und Gewalt wirkt.

Ist das nur ein frommer, überschwänglicher Wunsch?
Diese skeptische Frage ist berechtigt. Halten wir uns deshalb an die Fakten.
Zunächst ein Blick auf die Pfingstgeschichte im Neuen Testament: Lukas erzählt im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte, dass mit dem Kommen des Pfingstgeistes plötzlich Menschen aus den unterschiedlichen Ländern und Sprachen gemeinsam verstehen, was ihnen zu Pfingsten gesagt wird: Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber:wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. (Apostelgeschichte 2:8-11).
Wer das für eine idealisierte Darstellung eines Einzelereignisses mit Ausnahmecharakter hält, findet ein etwas nüchterneres, aber dafür sehr nachhaltiges Gegenstück in der Beschreibung des Lebens der ersten Gemeinden im östlichen Mittelmeerraum, bei deren Gründung Paulus als Apostel starken Anteil hatte. Er schreibt über die neue Lebensform: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Galaterbrief 3:28) Damit bekundet er, was uns bis heute oft nur schwer vorstellbar erscheint: Es ist möglich, dass Menschen zusammenleben, ohne dass die Unterschiede des Geschlechts, des sozialen Status oder der nationalen bzw. kulturellen Herkunft eine Barriere zwischen ihnen bilden oder gar zu Feindseligkeiten zwischen ihnen führen. Es ist möglich, wenn sie aus dem schöpferischen Geist leben, den wir den heiligen Geist nennen.

Doch wie ist es heute, wo sich die verschiedenen Religionen geradezu auf Tuchfühlung gegenüberstehen und der christliche Glaube in Europa seinen starken früheren Einfluss zu verlieren scheint? Ist dieser Pfingstgeist bei uns nicht ebenso stark in Vergessenheit geraten wie die Hintergründe des Pfingstfestes?
Nein. Wenn man nicht von einem verengten, auf alte Vorstellungen fixierten Bild ausgeht – der Geist Gottes lässt sich nicht fixieren – besteht viel Grund zur Hoffnung: Die Völker und Menschen in Europa haben seit dem zweiten Weltkrieg miteinander ganz neue Wege der Versöhnung und Verständigung beschritten. Die christliche Tradition und der sich in ihr immer wieder erneuernde Geist haben dabei ganz maßgeblich mitgewirkt. Auch wenn jetzt viel von Krisen, Spannungen und sogar von Verdruss gegen Europa geredet wird, kann nicht übersehen werden, dass diese Probleme heute in einem Geist ausgetragen werden, der vor hundert Jahren, kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges, unvorstellbar gewesen wäre. Eine neue Art zu denken und miteinander leben zu lernen hat begonnen. Diese geistige Umwälzung ist für uns schon so selbstverständlich geworden, dass wir sie in ihrer Größe und Bedeutung oft gar nicht mehr wahrnehmen. Sie zu bewahren und in neuen Konflikten zu bewähren und auszudehnen, ist die Aufgabe, die uns miteinander gestellt wird. Da ist nicht Christ oder Atheist, Moslem oder Hindu, denn sie leben allesamt auf einer Erde, die sie nur miteinander durch Frieden, Gerechtigkeit und vernünftiges Wirtschaften bewahren können. Es ist wichtig daran zu glauben und aus der Kraft der jeweils eigenen Tradition heraus dafür einzutreten, miteinander und nicht gegeneinander. Und es ist wichtig, darauf zu achten, dass es unter uns zu keiner Geistvergiftung kommt. Das globale Pfingsten, auf das der Wochenspruch aus Sacharja 4,6 heute zu verweisen scheint, hat gerade erst begonnen.

Jubilate – In-Sein

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Korinther 5, 17

To be or not to be, ist die berühmte Frage, die Shakespeare Anfang des 17. Jahrhunderts seinen Hamlet stellen ließ.
In sein oder out sein ist heute die Frage von offensichtlich entscheidender Bedeutung. Wer out ist, ist weg vom Fenster, ist unten durch, längst abgeschrieben oder nur noch als Lachnummer präsent. Wer in ist wird gehypt und geliked, ist begehrt und verkauft sich gut.

Das ist nichts Neues, sondern ein im Großen wie im Kleinen nahezu immer und überall funktionierendes Prinzip unseres Lebens. Wir sind nicht einfach, was wir sind, sondern immer mehr oder weniger in oder out.
Weil das so wichtig zu sein scheint, muss die Frage gestellt werden: Wo sind wir eigentlich, wenn wir in sind? Offensichtlich weniger bei uns selbst als vielmehr auf einer Art Bühne, in einem besonderen Kraftfeld vieler anderer Menschen, in einem Sympathieraum, der uns gleichzeitig trägt und verändert, aber auch hohe Anforderungen an uns stellt, weil wir selbst als Erwartungs- und Hoffnungsträger für diese anderen erscheinen.
Beim Spitzenfußball wird besonders deutlich, was das bedeutet: Wenn der Trainer, mit dem so viele Erwartungen und Hoffnungen verknüpft werden, nicht die entsprechenden Ergebnisse bringt, sondern seine Mannschaft eine Reihe von Niederlagen einstecken muss, dann ist er nicht mehr in, sondern wird gefeuert.
In-sein heißt nicht, ein schönes und bequemes Leben haben. Es ist mit Höhen und Tiefen verbunden und verlangt uns in beiden Richtungen sehr viel ab.

Ähnlich und doch ganz anders ist es mit dem In-Christus-Sein, von dem der Apostel Paulus öfter spricht. Wer in Christus ist, befindet sich ebenfalls in einem besonderen Raum. Dieser Raum ist geistiger Art und wird von der Person Jesu Christi, von seinen Worten und seinem Leben bestimmt. Wer in Christus ist, genießt nicht nur kurzfristige Sympathie, sondern erfährt eine dauerhafte Annahme und Geborgenheit von dem, der sagt: Bleibt in mir und ich in euch (Joh 15,4). Wer in Christus ist, steht nicht vor trüben Aussichten, sondern sieht mit den Augen der Liebe. Wer in Christus ist, braucht keinen besonderen äußeren Ort und keine Statussymbole, um seiner eigenen Bedeutung gewiss zu werden. Er kann überall aus dem Vollen der Liebe schöpfen, die ihn selbst in diesem besonderen spirituellen Lebensraum umgibt. Wer in Christus ist, ist nicht mehr auf sich allein gestellt, sondern steht in ständiger Verbindung mit dem Vater des Lebens. Das ändert alles. Alles kann dem, der in Christus ist, zum Segen werden, auch das Leid, das unser Leben immer wieder durchzieht.
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.