Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – Das Jüngste Gericht

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.  (2. Korintherbrief 5,10)

Der Gedanke an ein Jüngstes Gericht, ein Weltgericht über alle Lebenden und Toten am Ende der Zeit, nimmt – mit Unterschieden in den Einzelheiten – in allen drei großen monotheistischen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, einen wichtigen Platz ein. Die Menschen werden am Ende von Gott oder seinem Beauftragten gerichtet und erhalten den gerechten Lohn für ihr Leben.

Die Vielzahl der biblischen Belege und ihre Variationsbreite machen deutlich, dass es sich dabei um ein zentrales Thema handelt, das durch die Geschichte hindurch unter wechselnden Umständen immer wieder neu entfaltet und modifiziert wurde.
Das ist wichtig für unser Verstehen, denn es kann dabei nicht darum gehen, aus allen Einzelaussagen ein puzzleartiges Gesamtbild zu erstellen, das dann die biblische Wahrheit ausdrückt. Vielmehr verhält es sich damit eher so wie mit der Sonne, die je nach Standort, Jahres- und Tageszeit sowie nach den atmosphärischen Bedingungen ganz unterschiedlich gesehen, empfunden und dargestellt wird.

In den Bekenntnissen des christlichen Glaubens steht, dass Christus wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Diese Erwartung hat die Menschen vergangener Jahrhunderte stark beschäftigt und vor allem geängstigt. Bildliche Darstellungen machen das auf oft sehr drastische Weise sichtbar.

Heute erscheint der Gedanke an das Jüngste Gericht vielen als eine überholte Vorstellung aus früheren Zeiten, erscheint als die Vergangenheit einer Zukunft, die von der Gegenwart als Ausdruck religiöser Phantasien und Ängste entlarvt und entkräftet wurde. Damit scheint das Thema erledigt zu sein.
Doch so einfach ist es nicht. Einen ersten Hinweis darauf geben schon die vielen Bücher und Filme, die das Thema Apokalypse aufgreifen und in immer wieder neuen Variationen ein mögliches Ende ausmalen, das als Katastrophe über die Menschheit hereinbricht.

Es gibt aber noch einen tieferen Zusammenhang, der auch im Hintergrund dieser modernen Neuauflagen des alten Themas steht. So schwer uns einerseits die Vorstellung eines Jüngsten Gerichtes heute fällt, so unerträglich erscheint uns andererseits der Gedanke, dass es ohne Folgen bleiben sollte, was ein Mensch in seinem Leben getan hat. Sätze wie Es gibt keine Gerechtigkeit! oder Es gibt doch eine Gerechtigkeit! werden selten ohne Bitterkeit oder Befriedigung gesprochen. Unser menschliches Empfinden verlangt danach, dass gute Taten und aufopferungsvolles Verhalten am Ende belohnt und böses Taten und die Verletzung bestimmter Normen bestraft werden. Wo kämen wir denn hin, wenn es anders wäre?!

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt. Gibt es diese ausgleichende Gerechtigkeit? Auch die großen Religionen des Ostens, der Hinduismus und der Buddhismus gehen in ihrer Karmalehre davon aus, dass es nicht ohne Folgen bleiben wird, was ein Mensch in seinem Leben tut.

Beweisen lässt sich jedoch nichts, was über die Grenzen unseres Lebens hinausreicht. Und innerhalb des Lebens müssen wir wohl oder übel einräumen und zugestehen, dass es oft nicht gerecht zugeht. Damit sind wir in bester Gesellschaft. In der Bibel ist es Hiob, der Gerechte, der sich über Gott beklagt: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. (Hiob 9,22). Und auch Hiob fordert unter der Last der ihm von Gott auferlegten Leiden: Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte! Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige! So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst. (9,33–35).
Nun scheint Gott selbst vor Gericht zu stehen. Wie kann er dass alles zulassen?  Mit dieser Theodizeefrage wird der Glaube an einen gerechten Gott und letztlich Gott selbst in Frage gestellt.

Was dann übrig bleibt, ist eine Lebenswirklichkeit, mit der sich der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus intensiv auseinandergesetzt hat. Er sieht einen schmerzhaften, aber unlösbaren Widerspruch zwischen der menschlichen Suche nach Sinn und Gerechtigkeit einerseits und der offenkundigen Sinnlosigkeit und dem Leid andererseits. Camus nennt es das Absurde und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch dem Absurden nicht entgehen kann. Er muss es annehmen, ohne sich resigniert mit ihm abzufinden. Er muss sich permanent dagegen auflehnen (franz. révolter), wie Sisyphus, der immer wieder neu seinen Stein den Berg hinaufrollt. Ob es allein dadurch aber zur Herausbildung neuer Werte zwischen den Menschen kommt, zu gegenseitiger Solidarität, Freundschaft und Liebe, wie Camus erhofft, muss wohl bezweifelt werden.

Den umgekehrten Weg ist der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) gegangen, der die Möglichkeit von Gottesbeweisen philosophisch widerlegt hat. Für ihn ist Gott ein Postulat der praktischen Vernunft, das zur Begründung der unbedingten Gültigkeit des Sittengesetzes unerlässlich ist. 

Die Philosophen haben sich an Gott und den Fragen nach der Gerechtigkeit abgearbeitet, ohne zu einer endgültig befriedigenden Antwort gekommen zu sein. Die tiefsten Fragen unseres Lebens lassen sich nicht objektiv und von außen beantworten. Der Grund dafür ist allerdings leicht erkennbar: Wir sind selbst ein Teil der Frage. Wir sind mit unserem Leben hineingestellt in den unaufhörlichen Strom von Fragen nach richtig und falsch, nach gut und böse, nach Leben und Tod. Als Teil der Frage sind wir aber zugleich Gefragte. Wir müssen Antworten finden und Entscheidungen treffen, ohne zuvor alles von außen über-blicken zu können. Es kommt entscheidend darauf an, wovon und wozu wir uns bewegen lassen. Und da wir Menschen uns vermutlich in der Mehrheit darauf einigen können, dass die Liebe das Wichtigste im Leben ist, kommt es entscheidend darauf an, was wir unter Liebe verstehen.

An dieser Stelle kommt Gott neu ins Spiel. Nicht als Über-Wesen, über dessen Existenz man streiten kann, sondern als das Wort (Johannes 1,1), das uns anspricht, das selbst menschlich wird (Joh 1,14), das die Liebe in der Selbsthingabe verwirklicht (Joh 3,16), das uns damit einen neuen Sinnraum erschließt und zum Leben und Bleiben in dieser Liebe einlädt (Joh 15,9-12).
Als von diesem Wort Angesprochene sind wir zugleich Gefragte und zu einer Antwort aufgerufen. Wir stehen in der Verantwortung, ob wir dieser Liebe durch unser Leben Raum und Gestalt geben. Da wir selbst es sind, die diese Liebe immer wieder trüben, können wir das nur, wenn wir uns von ihr reinigen lassen (Joh 15,1-3).
Damit hat das Gericht Christi schon begonnen. Es findet statt, wenn sein Wort in unseren Lebensraum tritt und in, mit und über uns verhandelt wird, ob wir mit unserem Leben jetzt seiner Liebe Raum geben. Es ist Zeit dafür.

8.Sonntag nach Trinitatis – Meine Güte

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Epheser 5, 8–9

Du meine Güte! Schon wieder eine Mahnung. Die Bibel und vor allem die Briefe im Neuen Testament enthalten ziemlich viele Mahnungen, die daran erinnern, was man tun oder lassen soll. Bringt das etwas?

Viele werden sich noch erinnern, wie sie als Kinder die Mahnungen der Erwachsenen über sich ergehen lassen mussten. Da haben die Großen den Kleinen buchstäblich von oben herab klarzumachen versucht, wie sie sich verhalten sollen. Begeistert hat das die Kleinen kaum, denn meistens war es wie ein Dämpfer gegen das, was gerade Spaß gemacht hatte, aber aus irgendeinem tieferen Grund angeblich nicht gut sein sollte. Du wirst das später schon selber noch einsehen, wenn du ein Stück weiter bist!, haben die Großen dann manchmal noch nachgeschoben. Die Kleinen hat das wohl selten erreicht, denn sie waren ja noch nicht so weit.
Heute ist man allgemein etwas zurückhaltender mit Mahnungen. Die Kleinen sollen selbst ihre Erfahrungen machen und herausfinden, was geht und wo es hinführt. Schulmeisterei ist verpönt. Das Leben ist ein Experiment.
Das ist es wohl, aber gleichzeitig ist das Leben immer auch schon der Ernstfall, der nicht zurückgenommen und wiederholt werden kann. Deshalb ist die Frage nach dem guten Leben nach wie vor wichtig.

Solange wir nach dem Lustprinzip leben, ist gut, was uns Spaß macht und bei Lust und Laune hält. Am einfachsten und überzeugendsten scheint das mit viel Geld machbar zu sein. Wer viel Geld hat, kann sich vieles leisten.
Doch so einfach ist es natürlich nicht. Zum einen ist der Spaß an den Spielsachen ein ziemlich flüchtiges Erlebnis, das bald dem Überdruss und dem Hunger nach neuen Spielsachen weichen muss. Und zum anderen gibt es bei einem guten Leben nach dem Lustprinzip jede Menge Fragen und Folgekosten, die auf Dauer mindestens so lästig werden wie die mahnenden und nervenden Erwachsenen aus fernen Kindertagen.

Eine tiefere und nachhaltigere Bestimmung des guten Lebens führt über das Lustprinzip hinaus und achtet darauf, wie der Einzelne in Harmonie und Ko-Evolution mit seiner Umgebung, den Mitmenschen, der Natur und der Kultur, leben kann. Selbst Gutes bewirken zu können, ist auf Dauer befriedigender als Gutes und Güter nur zu verbrauchen.

Der Epheserbrief sieht und zieht hier eine Grenzlinie, die er mit dem diametralen Gegensatz von Finsternis und Licht gleichsetzt. Entscheidend ist für ihn dabei, ob jemand nur aus seinen eigenen trügerischen Begierden lebt (4,22) oder in der Liebe (5,2).
Nachdem er diesen Unterschied und auch seine Folgen klar gemacht hat, kann er dazu aufrufen: Lebt als Kinder des Lichts.
Es ist für jeden Einzelnen, aber auch für unsere gemeinsame Welt ein tragischer Verlust, wenn jemand diese Berufung zur gereiften Menschlichkeit nicht mit Leben erfüllt, sondern seine Güte verfehlt. Diese Gefahr ist groß und die Mahnung ebenso berechtigt wie die Warnung vor Trunkenheit am Steuer.

Was das gute Leben ausmacht, nennt der Epheserbrief die Frucht des Lichts und hebt dann drei einzelne Früchte besonders hervor: Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Das sind natürlich große und allgemeine Begriffe, die in der Praxis konkret gefüllt werden müssen, damit gutes Leben daraus erwächst.

Ein wichtiger Hinweis, wie das gelingen kann, ist schon in der rechten Verhältnisbestimmung von Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit zu finden.
Wir können dabei an das Fingerspiel Papier, Stein und Schere denken: Das Papier wickelt den Stein ein. Der Stein schleift die Schere. Die Schere schneidet das Papier. Alle drei sind auf diese Weise ringförmig miteinander verbunden.
Noch etwas komplexer ist der Zusammenhang von Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit:
Die Güte öffnet das Herz und lässt die Gerechtigkeit barmherzig und die Wahrheit menschlich werden. Die Gerechtigkeit öffnet Mund und Hände und bewahrt die Güte vor Einseitigkeit und die Wahrheit vor bloßem Formalismus. Die Wahrheit öffnet die Augen und hilft der Güte zum Verstehen und der Gerechtigkeit zu tieferen Einsichten in ihre Zusammenhänge, Voraussetzungen und Möglichkeiten.

Dass wir damit nicht ans Ende kommen, versteht sich von selbst.
Andererseits ist es gut zu wissen, dass wir nicht am Ende sind, solange wir uns auf diesem Weg zum guten Leben befinden.
Meine Güte ist das ganz persönliche Projekt gelingenden Lebens.

Kantate – Ein neues Lied

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Psalm 98,1

Kantate heißt Singt! An diesem Sonntag steht die (Kirchen-) Musik im Vordergrund.
Musik und Gesang können in ihrer Bedeurung für unser Leben kaum überschätzt werden. Viele haben zu Hause, im Auto oder auch während der Arbeit das Radio eingeschaltet, um Musik zu hören. Immer mehr Menschen – nicht nur die Jüngeren – sieht man auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln Musik in den Ohren tragen. Konzerte unterschiedlichster Art haben regen Zulauf, und bis heute gilt der altbekannte Spruch: Wo man singt, da lass dich ruhig nieder… (Bei der Fortsetzung muss ich allerdings öfter an die Böhsen Onkelz denken.)

Schon Martin Luther hat die besondere Bedeutung der Frau Musica stark gewürdigt. Er war nicht nur der Reformator, sondern auch der bedeutendste protestantische Liederdichter und wurde deshalb die wittenbergische Nachtigall genannt.
Luther erkannte in der Musik die Herrin und Regiererin der menschlichen Gefühle. Und ihre Wirkung beschrieb er so: Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich. Und weiter: Nach dem heiligen Wort Gottes ist nichts so billig und so hoch zu rühmen und zu loben, als eben die Musica. Denn nichts auff Erden krefftiger ist, die Trawigen fröhlich, die Frölichen trawig … den neid und hass zu mindern. Die Musik kann die Leute regieren und entweder zu tugend oder zu laster reitzen und treiben.

Musik kann also durchaus auch zwiespältiger und zweifelhafter Natur sein. Es macht einen großen Unterschied, wessen Lied ich sing. So mancher mehr oder weniger große Herr hört es gern, wenn ihm ein Loblied gesungen wird, und lässt sich das auch einiges kosten. Dabei tritt immer wieder die Gefahr der Lobhudelei auf, die oft leicht durchschaubar und meistens recht peinlich ist. In einem solchen Falle entsteht trotz des mitunter beträchtlichen Aufwandes, der mit dem Arrangement verbunden sein kann, schnell der Eindruck, dass es doch wieder nur das alte Lied ist, das da erklingt, das Lied, das die bestehenden Verhältnisse verherrlicht, unter denen andere leiden müssen.

Ganz anders hat es Dietrich Bonhoeffer während der Naziherrschaft gehalten. Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen, schrieb er seinen christlichen Mitbürgern ins Stammbuch.
Das waren sehr mutige, für viele sogar unerhörte Töne, die eindrucksvoll verdeutlichen, was es mit dem Wochenspruch auf sich hat:
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Als Wunder werden in Psalm 98 Gottes Handeln zum Heil und sein Wirken zur Gerechtigkeit für die Völker und alle Welt herausgestellt.
Das ist nicht das alte Lied von Unrecht, Korruption und Unterdrückung, sondern eine befreiende Neuaufnahme des Gotteslobes, die in der Geschichte immer wieder zu einer Quelle der Kraft und Wegweisung geworden ist. Denken wir nur an die Gospelbewegung, die vielen Menschen in bedrückenden Verhältnissen eine Gewissheit gab, wie sie in We shall overcame zum Ausdruck kommt.

So können die Musik und das neue Lied selbst zu einem Teil, ja zur treibenden Kraft der Wunder werden, die sie besingen und preisen.
Das ist engelhaft. Engel haben bekanntlich sehr, sehr viel zu tun und zu wirken. Eben deshalb singen und musizieren sie.