Spannung und Glaube – Predigt zu Exaudi (Eph.3,14-21)

Liebe Gemeinde,
was für das Leben einer Gesellschaft wirklich wichtig ist, ist oft auch umstritten und wirft Fragen auf. Daran werden wir heute gleich dreimal erinnert. Und damit haben wir uns zu beschäftigen.
Ich möchte diese drei Fragen zunächst vorstellen und dann den heutigen Bibeltext in diesen Zusammenhang einlesen.

Die erste Frage:
Heute ist der 8. Mai, ein wichtiges Datum unserer Geschichte.
Lange Zeit galt dieser Tag als Tag der Kapitulation und Niederlage unseres Volkes. Erst vierzig Jahre später kam es zu einer öffentlichen Neuinterpretation durch eine große Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er bezeichnete den 8. Mai als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.
Die geistigen und gesellschaftlichen Folgen dieser dunklen Zeit sind aber noch immer spürbar und erhalten aktuell neue Sprengkraft. Sie zeigt sich in den Fragen: Gibt es eine besondere Verpflichtung für Deutschland? Oder sollen wir eine „Alternative für Deutschland“ suchen? Über diese Fragen wird quer durch die Bevölkerung und oft bis in die Familien hinein heftig gestritten.
Hat die Bibel, und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Die zweite Frage:
Heute ist Muttertag.
Das scheint auf den ersten Blick weit weniger umstritten zu sein. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt uns, dass auch hier große Kontroversen zu finden sind.
An den Anfängen um 1865 stand eine von den USA ausgehende Frauen- und Mütterbewegung, die für die Rechte der Frauen eintrat und auch dafür, dass ihre Söhne nicht mehr in Kriegen geopfert werden sollen. Am 8. Mai 1914 wurde der 2. Sonntag im Mai in den USA durch einen Beschluss des Kongresses offiziell als Muttertag eingeführt.
Es folgte eine steigende Kommerzialisierung. Das ging soweit, dass ihre Begründerin, die Methodistin Anna Marie Jarvis, schließlich erfolglos dafür eintrat, diesen Feiertag wieder abzuschaffen.
In Deutschland haben die Nationalsozialisten daraus einen „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ gemacht und „Mütterweihen“ eingeführt, die am 3. Maisonntag 10 Uhr früh in betonter Konkurrenz zu den christlichen Gottesdiensten durchgeführt wurden.
Heute ist es der Tag, an dem der Blumenhandel seinen größten Umsatz im Jahr erzielt, noch vor dem Valentinstag.
Vor allem aber stellt sich die Frage, was mit den Frauen ist, die nicht Mutter geworden sind? Die Frage nach der Rolle, den Rechten und der realen Stellung der Frau in der Gesellschaft ist bis heute nicht ausreichend beantwortet – bei uns nicht, von den muslimisch geprägten Gesellschaften ganz zu schweigen.
Hat die Bibel und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Die dritte Frage begegnet uns im Evangelium dieses Sonntags: Sie gilt der Rolle und Stellung der Christen in der Gesellschaft.
In der Bergpredigt hatte Jesus seinen Jüngern im unmittelbaren Anschluss an die Seligpreisungen gesagt: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.
Heute haben wir im Evangelium gehört, dass er ihnen bei seinem Abschied schwere Zeiten ankündigt, in denen sie verfolgt und sogar um ihres Glaubens willen getötet werden.
Diese Erfahrung zieht sich von den ersten Christenverfolgungen im römischen Reich bis in unsere Gegenwart. Im Nahen Osten ist das auch heute noch eine traurige Realität.
Ist Religion doch keine Privatsache? Diese Frage ist auch bei uns wieder heftig umstritten. Viele Menschen sind misstrauisch gegen jede Art von Religion geworden. Sie wissen oft sehr wenig darüber und wollen häufig auch gar nicht mehr darüber wissen.
Und wir Christen finden uns immer wieder in einer Spannung vor: Wann und wo sollen wir unseren Glauben auch gegen eine gesellschaftliche Mehrheit zur Sprache bringen? Und wann und wo sollen wir uns besser anpassen oder auf unseren eigenen Bereich beschränken?
Hat die Bibel und hat unser Glaube eine Antwort darauf?

Liebe Gemeinde,
diese drei Fragen, die sich uns an diesem Sonntag stellen, beinhalten sehr viel mehr, als in  einem Gottesdienst behandelt werden kann. Es sind Fragen, die unser Leben und unseren Glauben in Spannung versetzen. Deshalb gehören sie trotzdem in den Gottesdienst.
Natürlich hat die Bibel nicht auf alles eine detaillierte Antwort. Wie sollte sie auch, da sie doch vor 2000 Jahren geschrieben wurde!
Sie ist kein Rezeptbuch für das Leben. Sie ist viel mehr! Die Bibel ist ein Kompass.
Ein Kompass zeigt die Richtung an und stellt uns gleichzeitig vor die Aufgabe, den Weg im Gelände selbst zu suchen.

Schauen wir einmal auf diesen Kompass und hören wir, was im Epheserbrief 3 geschrieben steht:
Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,
dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit,
stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,
dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen,
welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft,
damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Eph. 3,14- 21)

Was wir hier lesen ist ein Gebet, das bei der Suche nach Antworten helfen soll,
Wir spüren aus diesen Worten:
Hier geht es nicht um Einzelheiten, sondern ums Ganze.
Und es wird dabei nicht vergessen, dass dieses Ganze maßvoll und konkret im Einzelnen – in aller Breite, Länge, Höhe und Tiefe – gesehen und begriffen werden muss.
Die Spannung ist damit nicht aufgehoben, aber sie ist in einen neuen Zusammenhang gestellt.
Das Ganze kommt durch ein Gebet in den Blick.
Der Sonntag Exaudi ist auf das Gebet bezogen: Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich! (Ps27,7)

Entscheidend für unseren Glauben ist, dass er unser Leben, unsere Welt und alle diese schwierigen Fragen, die sich dabei stellen, ins Gebet nimmt. Das Gebet vermag Erstaunliches, was nur ihm gelingen kann: Es überbrückt die Spannung
zwischen dem, was ist, und dem was sein sollte
zwischen unserer Angst und dem Glauben
zwischen dieser Welt und Gottes Herzen.

Um nicht missverstanden zu werden:
Die Spannung bleibt bestehen, aber das Gebet befreit uns davon, das wir einseitig unter Druck stehen. Es befreit uns zu einer bipolaren Sicht und Lebensmöglichkeit, so wie sie uns Christus, der wahre Mensch und wahre Gott, vorgelebt und ermöglicht hat.

Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet: Wenn wir in den Spannungen unseres Lebens beten, geschieht dabei etwas, was nur der Glaube erfahren und begreifen kann: Gott vermittelt uns in diesem Kontakt seinen Geist.
Er gibt uns im Gebet den Tröster, von dem Jesus im Evangelium gesprochen hat.
In unserem Text aus dem Epheserbrief werden dabei zwei wichtige Funktionen und Bedeutungen hervorgehoben, die dieser Gebets-Geist für uns hat: Er vermittelt uns Kraft, und er gibt uns Erkenntnis.
In den konkreten Fragen und Auseinandersetzungen unserer Zeit gehören diese Kraft und Erkenntnis zu den wichtigsten Möglichkeiten des Glaubens, über die er zwar nicht verfügt, die er aber immer wieder erbittet und auch empfängt.

Erkenntnis lässt uns nicht ratlos mit unseren Fragen umherirren, sondern zeigt uns die verborgenen Wege der Liebe auf, die wir manchmal gar nicht sehen, weil unsere Ängste und Gewohnheiten sie verdecken.
Und Kraft bewegt und befähigt uns, diese Wege auch zu gehen, auch wenn wir dabei auf Widerstand und Anfeindung stoßen.
Das sagt sich leichter, als es ist? Gewiss!
Doch der Glaube kann Berge versetzen. Gewiss!

Amen

Der Spruch, der Sprecher und ich

Der Monatsspruch für September:
Sei getrost und unverzagt, fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken! (1. Chronik 22,13)

Wenn das jemand zu mir sagt, dann hat das in der Regel einen Grund. Und leider gibt es immer wieder viele Gründe zum Erschrecken und für berechtigte Furcht. Beispiele erübrigen sich.

Wenn das jemand zu mir sagt, dann spielt es für mich eine große Rolle, wer es sagt und wie er es sagt.
Davon hängt meine Reaktion ab. Sie kann schwanken zwischen: „Du hast gut reden, denn du steckst ja nicht in meiner Haut!“ und: „Das ist jetzt ganz lieb von Dir gemeint, aber so einfach lassen sich Angst und Schrecken nicht wegreden.“

Wenn das aber jemand zu mir sagt, der sagen kann: „Es werde Licht!“, und es wurde Licht, jemand der nicht nur redet, sondern mit seinen Worten Fakten schafft, dann wäre das etwas ganz anderes. Dann käme bei mir der Stein ins Rollen, der zuvor so schwer auf meinem Herzen lag.

Wenn ich dieses Wort heute höre, dann stehe ich vor der Frage, wie und von wem ich es mir gesagt sein lasse.
Und darin sehe ich die entscheidende Rückfrage zu der Frage, wie es weitergeht mit mir.

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – Das Jüngste Gericht

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.  (2. Korintherbrief 5,10)

Der Gedanke an ein Jüngstes Gericht, ein Weltgericht über alle Lebenden und Toten am Ende der Zeit, nimmt – mit Unterschieden in den Einzelheiten – in allen drei großen monotheistischen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, einen wichtigen Platz ein. Die Menschen werden am Ende von Gott oder seinem Beauftragten gerichtet und erhalten den gerechten Lohn für ihr Leben.

Die Vielzahl der biblischen Belege und ihre Variationsbreite machen deutlich, dass es sich dabei um ein zentrales Thema handelt, das durch die Geschichte hindurch unter wechselnden Umständen immer wieder neu entfaltet und modifiziert wurde.
Das ist wichtig für unser Verstehen, denn es kann dabei nicht darum gehen, aus allen Einzelaussagen ein puzzleartiges Gesamtbild zu erstellen, das dann die biblische Wahrheit ausdrückt. Vielmehr verhält es sich damit eher so wie mit der Sonne, die je nach Standort, Jahres- und Tageszeit sowie nach den atmosphärischen Bedingungen ganz unterschiedlich gesehen, empfunden und dargestellt wird.

In den Bekenntnissen des christlichen Glaubens steht, dass Christus wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Diese Erwartung hat die Menschen vergangener Jahrhunderte stark beschäftigt und vor allem geängstigt. Bildliche Darstellungen machen das auf oft sehr drastische Weise sichtbar.

Heute erscheint der Gedanke an das Jüngste Gericht vielen als eine überholte Vorstellung aus früheren Zeiten, erscheint als die Vergangenheit einer Zukunft, die von der Gegenwart als Ausdruck religiöser Phantasien und Ängste entlarvt und entkräftet wurde. Damit scheint das Thema erledigt zu sein.
Doch so einfach ist es nicht. Einen ersten Hinweis darauf geben schon die vielen Bücher und Filme, die das Thema Apokalypse aufgreifen und in immer wieder neuen Variationen ein mögliches Ende ausmalen, das als Katastrophe über die Menschheit hereinbricht.

Es gibt aber noch einen tieferen Zusammenhang, der auch im Hintergrund dieser modernen Neuauflagen des alten Themas steht. So schwer uns einerseits die Vorstellung eines Jüngsten Gerichtes heute fällt, so unerträglich erscheint uns andererseits der Gedanke, dass es ohne Folgen bleiben sollte, was ein Mensch in seinem Leben getan hat. Sätze wie Es gibt keine Gerechtigkeit! oder Es gibt doch eine Gerechtigkeit! werden selten ohne Bitterkeit oder Befriedigung gesprochen. Unser menschliches Empfinden verlangt danach, dass gute Taten und aufopferungsvolles Verhalten am Ende belohnt und böses Taten und die Verletzung bestimmter Normen bestraft werden. Wo kämen wir denn hin, wenn es anders wäre?!

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt. Gibt es diese ausgleichende Gerechtigkeit? Auch die großen Religionen des Ostens, der Hinduismus und der Buddhismus gehen in ihrer Karmalehre davon aus, dass es nicht ohne Folgen bleiben wird, was ein Mensch in seinem Leben tut.

Beweisen lässt sich jedoch nichts, was über die Grenzen unseres Lebens hinausreicht. Und innerhalb des Lebens müssen wir wohl oder übel einräumen und zugestehen, dass es oft nicht gerecht zugeht. Damit sind wir in bester Gesellschaft. In der Bibel ist es Hiob, der Gerechte, der sich über Gott beklagt: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. (Hiob 9,22). Und auch Hiob fordert unter der Last der ihm von Gott auferlegten Leiden: Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte! Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige! So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst. (9,33–35).
Nun scheint Gott selbst vor Gericht zu stehen. Wie kann er dass alles zulassen?  Mit dieser Theodizeefrage wird der Glaube an einen gerechten Gott und letztlich Gott selbst in Frage gestellt.

Was dann übrig bleibt, ist eine Lebenswirklichkeit, mit der sich der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus intensiv auseinandergesetzt hat. Er sieht einen schmerzhaften, aber unlösbaren Widerspruch zwischen der menschlichen Suche nach Sinn und Gerechtigkeit einerseits und der offenkundigen Sinnlosigkeit und dem Leid andererseits. Camus nennt es das Absurde und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch dem Absurden nicht entgehen kann. Er muss es annehmen, ohne sich resigniert mit ihm abzufinden. Er muss sich permanent dagegen auflehnen (franz. révolter), wie Sisyphus, der immer wieder neu seinen Stein den Berg hinaufrollt. Ob es allein dadurch aber zur Herausbildung neuer Werte zwischen den Menschen kommt, zu gegenseitiger Solidarität, Freundschaft und Liebe, wie Camus erhofft, muss wohl bezweifelt werden.

Den umgekehrten Weg ist der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) gegangen, der die Möglichkeit von Gottesbeweisen philosophisch widerlegt hat. Für ihn ist Gott ein Postulat der praktischen Vernunft, das zur Begründung der unbedingten Gültigkeit des Sittengesetzes unerlässlich ist. 

Die Philosophen haben sich an Gott und den Fragen nach der Gerechtigkeit abgearbeitet, ohne zu einer endgültig befriedigenden Antwort gekommen zu sein. Die tiefsten Fragen unseres Lebens lassen sich nicht objektiv und von außen beantworten. Der Grund dafür ist allerdings leicht erkennbar: Wir sind selbst ein Teil der Frage. Wir sind mit unserem Leben hineingestellt in den unaufhörlichen Strom von Fragen nach richtig und falsch, nach gut und böse, nach Leben und Tod. Als Teil der Frage sind wir aber zugleich Gefragte. Wir müssen Antworten finden und Entscheidungen treffen, ohne zuvor alles von außen über-blicken zu können. Es kommt entscheidend darauf an, wovon und wozu wir uns bewegen lassen. Und da wir Menschen uns vermutlich in der Mehrheit darauf einigen können, dass die Liebe das Wichtigste im Leben ist, kommt es entscheidend darauf an, was wir unter Liebe verstehen.

An dieser Stelle kommt Gott neu ins Spiel. Nicht als Über-Wesen, über dessen Existenz man streiten kann, sondern als das Wort (Johannes 1,1), das uns anspricht, das selbst menschlich wird (Joh 1,14), das die Liebe in der Selbsthingabe verwirklicht (Joh 3,16), das uns damit einen neuen Sinnraum erschließt und zum Leben und Bleiben in dieser Liebe einlädt (Joh 15,9-12).
Als von diesem Wort Angesprochene sind wir zugleich Gefragte und zu einer Antwort aufgerufen. Wir stehen in der Verantwortung, ob wir dieser Liebe durch unser Leben Raum und Gestalt geben. Da wir selbst es sind, die diese Liebe immer wieder trüben, können wir das nur, wenn wir uns von ihr reinigen lassen (Joh 15,1-3).
Damit hat das Gericht Christi schon begonnen. Es findet statt, wenn sein Wort in unseren Lebensraum tritt und in, mit und über uns verhandelt wird, ob wir mit unserem Leben jetzt seiner Liebe Raum geben. Es ist Zeit dafür.

23. Sonntag nach Trinitatis – Eine Formel für das Leben

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.    1.Timotheusbrief 6,15f.

Der Wochenspruch ist eine Doxologie. Diesen Fachbegriff aus der Bibelwissenschaft kann man mit Lobvers übersetzen. Solche Worte begegnen uns sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Sie stehen im Zusammenhang mit dem Gebet und Lobpreis Gottes. Auch am Ende des Vaterunsers finden wir eine Doxologie: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Doxologien sind häufig wiederkehrende Formeln. Durch den häufigen Gebrauch klingen sie sehr vertraut, können dadurch aber auch mechanisch wirken, wie leere Formeln, bei denen der Inhalt verblasst oder gar verlorengegangen ist. Nicht wenigen Zeitgenossen erscheint der ganze christliche Glaube als leere Formel.

Das ist Grund genug, einmal über die Bedeutung von Formeln nachzudenken.
In den Naturwissenschaften stehen sie hoch im Kurs. Die richtige Formel ist wie ein Schlüssel, mit dem man bestimmte Zusammenhänge aufschließen und verstehen kann. Sie ermöglicht es dann auch, zielgerichtet zu handeln, um Ergebnisse zu erzielen, die ohne diese Formel nicht möglich wären. Bis heute ist die Menschheit darauf aus, eine Weltformel oder Theorie von Allem finden zu können.
Auf einer anderen Ebene stehen die nicht weniger faszinierenden Zauberformeln, die Unmögliches bewirken sollen, oder diplomatische Formeln, die es möglich machen, in sehr komplizierten gesellschaftlichen Verhältnissen einen Weg zu finden, auf dem sich ganz unterschiedliche Parteien treffen und verständigen können.
Die Beispiele zeigen, welchen hohen Stellenwert Formeln in verschiedenen Lebensbereichen besitzen. Sollte es nicht möglich sein, eine solche Bedeutsamkeit auch bei den Formeln des Glaubens wiederzuentdecken?

Für die ersten Christen waren solche Formeln sehr wichtig:
Mit ihnen konnten sie ihren Glauben in knapper Form ausdrücken und auch weitergeben.
Die Formeln wurden im Gottesdienst verwendet und immer wieder wiederholt. Dadurch bekamen sie etwas sehr Vertrautes, eine Art inneres Zuhause, und etwas Verbindendes unter den Christen.
Und aus den Formeln haben sich später die Bekenntnisse des Glaubens entwickelt.
Man kann sie deshalb auch als Grundbausteine des Glaubens bezeichnen.

Bausteine sind das Material, ohne das nichts entstehen kann. Aber sie sind noch nicht das fertige Haus, in dem wir wohnen und das wir mit Leben erfüllen. So verhält es sich auch mit den Formeln des Glaubens. Wir brauchen sie, damit unser Glaube nicht substanzlos wird, aber wir müssen auch etwas mit ihnen anfangen können, wenn sie nicht leer und nutzlos erscheinen sollen.
Um noch ein anderes Bild zu gebrauchen: Glaubensformeln sind wie wertvolle alte Perlen, die in sehr langen Zeiten gewachsen, gereift und dabei fest und kostbar geworden sind. Solche Perlen wirft man nicht weg, um sie durch billige Imitate zu ersetzen. Sie sind es wert, ausgiebig betrachtet und als wertvolle Glieder an entscheidender Stelle in die Kette unseres Lebens eingefügt zu werden.

Zurück zu der Formel, die uns als Wochenspruch begegnet: Im Zusammenhang des 1.Timotheusbriefes steht das Wort inmitten von Mahnungen und Warnungen vor den Gefahren des Reichtums (6,9f. und 17) und der Ausrichtung des Glaubens auf das ewige (6,12) und wahre (6,19) Leben. Es erinnert an das erste Gebot. Der HERR, den die Bibel Jahwe nennt, allein ist Gott. Er allein kann das Leben erhalten. Geld und Gut können das nicht leisten.
Das mag für einen glaubenden Menschen sehr plausibel klingen. Und doch kann es auch unter Christen geschehen, dass das im Kasten klingende Geld näher und verlockender erscheint als der vermeintlich ferne Gott. Diese gar nicht so selten auftretende Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit macht die Bedeutung und den Wert der Glaubensformel für die Lebenspraxis eindrücklich sichtbar. Da wir Menschen offensichtlich eine dauerhafte, tiefsitzende Neigung haben, unsere Aufmerksamkeit vor allem dem Zählbaren und dem Glänzenden zuzuwenden, muss es uns bis heute immer wieder neu gesagt werden, wo wir den höchsten Frieden und die tiefste Freude finden können. Ganz verstanden haben wir es erst, wenn uns das in Fleisch und Blut übergeht. Deshalb muss es wieder und wieder wiederholt werden. Dafür sind Glaubensformeln ein gutes Mittel, wenn sie bewusst und nicht gedankenlos verwendet werden. Dann öffnen sie in uns einen neuen Raum des Lebens und Verstehens.

19. Sonntag nach Trinitatis – Jeremia

Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17, 14

Die Frage nach Heilung und Hilfe hat oft einen Lebenshintergrund, auf dem sie zum Schrei wird.
Persönliches Leid verlangt nicht zuerst nach einer klugen Erklärung seiner Ursachen und Zusammenhänge, sondern nach menschlicher Zuwendung, nach Verständnis, nach Hilfe und Heilung. Und das ist oft recht schwer, denn Schmerz und Verzweiflung bilden eine feste Mauer. Die Außenwelt kommt da nicht ohne weiteres durch, kommt nicht an den heran, der von seinem Leid eingeschlossen ist. Und der Leidende kommt oft nicht heraus, aus der Enge, die ihn umgibt und das Atmen schwer macht.
Gibt es in dieser Mauer eine Tür, durch die Hilfe kommen kann? Gibt es wenigstens ein Fenster oder einen Spalt, durch den der Leidende eine Nachricht schicken und um Hilfe rufen kann?

Diese ersten Gedanken über den Wochenspruch lassen bereits zwei wesentliche Einsichten deutlich werden:
1. Leid wird individuell erlebt und ist deshalb immer etwas ganz Persönliches.
2. Der Umgang mit dem Leid erfordert besondere Möglichkeiten der Kommunikation.

Das Bibelwort stammt aus den persönlichen Konfessionen Jeremias, durch die wir Einblick in sein Leiden an dem ihm auferlegten Prophetenamt gewinnen. Gegen seinen Willen war er von Gott zu diesem Dienst genötigt worden und hatte die schwere Aufgabe, den Führern seines Volkes in Jerusalem an der Wende vom siebenten zum sechsten Jahrhundert v. Chr. die bevorstehende Katastrophe durch die aufstrebende babylonische Großmacht anzusagen. Alle vermeintlichen Sicherheiten – der Tempel, der Gottesbund, der Zion und die Davidsstadt – würden keinen Schutz vor diesem Gericht Gottes aus dem Norden bieten. Doch diese Nachricht wollte keiner hören. Sie war zu entsetzlich und konnte doch nur eine den Staat und den Volkswillen zersetzende Wirkung haben. Deshalb wurde Jeremia angefeindet, geschlagen, eingesperrt und wäre beinahe getötet worden. Er litt also gleich in mehrfacher Weise: zuerst unter der Last dieser Botschaft, die er unfreiwillig weiterzugeben hatte, dann unter der ablehnenden und feindseligen Reaktion der Menschen auf seine Botschaft und schließlich auch darunter, dass Gott so wenig Verständnis für seine schwere Situation zu haben schien und ihn nur gerade so am Leben hielt. Jeremia behielt recht. Die Babylonier besiegten die Judäer, die törichterweise nicht aufhörten, Widerstand zu leisten, und führten viele ins Exil nach Babylon. Jeremia versuchte, sie durch einen Brief zu trösten. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 587 v.Chr. verliert sich seine Spur in Ägypten.
Das uns bekannt gewordene Leben Jeremias ist alles andere als erbaulich. Es erscheint eher als eine Parallele zu Hiob und auch zu den späteren Leiden seines Volkes. Der Glaube schließt Leiden eben nicht aus; oft ist er sogar die Ursache dafür.

Jeremias Hilferuf wird auf diesem Hintergrund zu einem bewegenden persönlichen Lebenszeugnis in einer ausweglos erscheinenden Situation. Er hat mit Gott geredet und gerungen. Dieses Fenster blieb für ihn offen.

15.Sonntag nach Trinitatis – Deine Sorgen möchte ich haben!

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1.Petrus 5,7

In diesem Wochenspruch geht es um die Sorge. Der Begriff reicht von der liebevollen Fürsorge, die Leben erhalten oder erträglich machen kann, bis hin zur quälenden Sorge, die Leben zerfressen kann.
Nach einer alten, dem Bibliothekar Hyginus zugeschriebenen Fabel aus dem 2. Jh.n.Chr. war es Cura, die Sorge, die den Menschen schuf, wobei sie Erde von Tellus, der Göttin der Erde, zu einer Gestalt formt und Jupiter bittet, dieser Gestalt seinen Geist zu verleihen. Als sie über die Namensrechte an dem neugeschaffenen Wesen streiten, entscheidet Saturn, dass Jupiter und Tellus beim Tod des Menschen ihre Anteile zurückbekommen, zu seinen Lebzeiten aber die Sorge ihn besitzen soll.
Der Philosoph Martin Heidegger greift diese Fabel auf und sieht in der Sorge ein zentrales Wesensmerkmal des menschlichen Daseins.

Wenn uns der Wochenspruch dazu auffordert, alle unsre Sorge auf Gott zu werfen, so ist das streng genommen etwas, dass uns über unsere menschliche Verhaftung an und durch die Sorge hinausführt. Man könnte auch sagen: Das klingt wie eine Einladung zu einer Erlösung, die aber schwer vorstellbar erscheint. Wie soll das auch gehen, die Sorgen auf Gott werfen, wenn sie doch offensichtlich zu unserem Wesen, zu unserer Natur gehören?

Sorgen gehören zum Leben. Daran haben wir uns längst gewöhnt.
Wo sie aber übergroßes Gewicht bekommen und bedrückend oder gar erdrückend werden, suchen wir nach Abhilfe.
Gibt es Wege und Mittel dagegen?
Wer Sorgen hat, hat auch Likör, schrieb Wilhelm Busch in der Frommen Helene und ließ sie schließlich doch ein schreckliches Ende nehmen. Der Tröster wurde ihr zum Verderber.
Don’t worry, be happy!, lautet ein häufig zitierter Ratschlag. Take it easy! Das mag bei kleinen Verstimmungen gelingen. Bei tiefsitzenden schweren Sorgen wirkt es dagegen wie eine zusätzliche Belastung, weil ich mich durch so einen lockeren Satz, nicht ernstgenommen und verstanden, sondern alleingelassen fühle.
Noch schlimmer klingt der Satz Deine Sorgen möchte ich haben! Damit werden meine Sorgen verharmlost. Wer so spricht, gibt vor, viel gewichtigere Sorgen zu haben als ich, und damit auch viel wichtigere. Ein solcher Satz kann auch zur Aufwertung der eigenen Person benutzt werden bzw. zur Abwertung anderer dienen. Wer gern davon spricht, sich mit besonders (ge-)wichtigen Sorgen herumschlagen zu müssen, will wohl bewusst oder unbewusst damit auch den Anschein erwecken, ein besonders wichtiger Mensch zu sein. Deine Sorgen möchte ich haben! Dieser Satz lässt völlig unberücksichtigt, dass meine anscheinend viel geringeren Sorgen für mich eine ganz andere Bedeutung und einen viel größeren Stellenwert haben können als für den, der hier so abschätzig urteilt.

Doch kann dieser Satz auch noch ganz anders verstanden werden: Deine Sorgen möchte ich haben! kann auch ganz wörtlich genommen werden: Ich möchte deine Sorgen übernehmen, gib sie mir! Wirf alle deine Sorgen auf mich!
Damit sind wir bei unserem Wochenspruch.
Aber sagt denn jemand so etwas? Möglich ist das schon. Wenn mich jemand sehr liebt oder mir aus einem anderen Grund helfen und mich entlasten will, kann mir ein solcher Satz gesagt werden. Häufiger noch in der Form, dass jemand meine Sorgen zu teilen bereit ist. Das kann ein sehr großes Geschenk aus Zuwendung, Kraft und Zeit sein.
Das ist die Art, wie Jesus auf die Menschen zugeht, zu denen er spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28)
Für meinen Umgang mit den Sorgen kommt es dann entscheidend darauf an, ob ich einen kenne und so vertraue, dass ich ihm meine Sorgen zumuten kann und anvertrauen will.
Das kann auf dem direktem Glaubensweg im Gebet geschehen, aber auch auf menschlich direkte Weise im geschwisterlichen Gespräch.

Jesus weist uns noch auf einen zweiten, aktiveren Weg, mit unseren Sorgen umzugehen. Im Evangelium des 15. Trinitatissonntages, einem bekannten Abschnitt aus der Bergpredigt, sagt er zum Abschluss seiner anschaulichen Worte über die Sorge: Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Matthäus 6,31-34)
Damit zeigt er uns die Möglichkeit auf, zwischen Letztem und Vorletztem zu unterscheiden: Wer zuerst nach Gottes Herrschaft und Willen fragt, wird mit den vielen Sorgen des Alltags freier umgehen können. Wer aus tieferen Quellen schöpft und höhere Ziele kennt, kann größere Belastungen ertragen als andere.
Auch im Vaterunser hat Jesus die Bitten um das Kommen von Gottes Reich und das Geschehen seines Willens vor die Bitte um das tägliche Brot gestellt, ohne dass diese damit vergessen würde.

12. Sonntag nach Trinitatis – Die letzte Säule

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesaja 42,3

Ein geknicktes Rohr, ein glimmender Docht – das klingt nach einer Situation, in der das Leben selbst zu zerbrechen und zu verlöschen droht. Noch ein Tritt, noch ein Windstoß, dann ist es aus.
Mit diesen Bildworten werden Erfahrungen beschrieben, in denen Menschen fühlen, dass sie an ihr Ende gekommen sind. Es fehlt jede Kraft. Ihr Leben ist nur noch ein Häufchen Elend.

Gott sei Dank müssen wir nicht auf einem Bein stehen, sondern werden gewöhnlich von mindestens fünf Säulen* getragen:
1) unserer Gesundheit und der damit verbundenen körperlichen und seelischen Kraft
2) unseren tragenden Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis
3) unserer Arbeit und den Leistungen, die wir für andere und uns selbst erbringen können
4) unserer materiellen Sicherung, die wir persönlich oder über die Gesellschaft besitzen
5) unseren Werten – Traditionen, Lebenserfahrungen, Hoffnungen und unserem Glauben.

Wenn eine dieser Säulen schwach wird oder ausfällt, können die anderen ihre Stützfunktion mit übernehmen und auf diese Weise verhindern, dass das ganze Leben zusammenbricht. Das gilt auch für die immer wieder an erster Stelle genannte Gesundheit. So kostbar sie uns auch ist: Wer sie auf Dauer verliert und dabei von anderen Menschen liebevoll und respektvoll begleitet wird, kann trotz großer Einschränkungen ein sinnvolles Leben führen, viel Freude erfahren und auch anderen etwas geben.

Schwierig wird es, wenn jemand alles auf eine Karte setzt oder nichts von seinen Erwartungen loszulassen vermag. Es fällt z.B. sehr aktiven und leistungsorientierten Menschen, die neben ihrer Arbeit kaum etwas anderes gefunden haben, das ihnen Freude und Sinn vermittelt, im fortschreitenden Alter oft recht schwer, mit sich selbst und ihrer Umgebung ins Reine zu kommen. Es ist dabei sehr wahrscheinlich, dass sie die Schwierigkeiten für sich und ihre Bezugspersonen noch vergrößern.

Es kann auch sein, dass jemand durch einen Unfall, durch Krieg oder ein anderes Unglück mehr als eine Säule auf einmal verliert. Dann bleibt möglicherweise wirklich nur die fünfte Säule übrig: die inneren Werte.
Was verbirgt sich hinter diesem kleinen, schon etwas abgenutzten Wort?
Das können vage Überzeugungen und Einstellungen sein wie die Devise leben und leben lassen, die nur in guten Tagen als Lebensmotto dienen, aber keine Kraft in wirklich schweren Zeiten entfalten. Es kann aber auch ein tiefer Glaube sein, dessen Wurzeln noch unter die aufgetürmten Scherben und den Schutt eines zerbrochenen Lebensgebäudes reichen und aus dieser Tiefenschicht des Lebens Nahrung und Kraft gewinnen. Martin Luther hat das in seinem bekannten Lied von der festen Burg auf eine Weise zum Ausdruck gebracht, dass einem geradezu die Luft wegbleibt:
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr‘, Kind und Weib:
Laß fahren dahin,
Sie haben’s kein’n Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben.

Hier brechen die ersten vier Säulen vollständig weg, und Luther gibt den Rat, sie auch wirklich loszulassen. Das Reich, Gottes Herrschaft und Kraft muss uns doch bleiben und wird uns Schutz und Zuversicht geben, wie eine feste Burg.

Manchmal wird den Glaubenden eine gewisse Unbeweglichkeit und Starre nachgesagt. Hier zeigt es sich, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Wer so glauben und auf Gott vertrauen kann, ist viel offener und flexibler als andere, die damit nichts anfangen können. Wer keinen tieferen Grund für sein Vertrauen kennt, muss sich an das klammern, was ihm als letzter Strohhalm oder als letztes Fünkchen Hoffnung vor Augen steht. Wenn es sich dabei um die eigene Kraft, um andere Menschen, um bestimmte Lebensverhältnisse oder Dinge handelt, geschieht es immer wieder, dass dieses Rohr doch zerbricht und dieser Docht doch verlöscht. Dann ist alles aus. Das mag man sich oft lange Zeit nicht eingestehen und klammert sich deshalb an Bildern und Wunschvorstellungen fest, die von der Realität schon überholt sind.
Der Glaubende ist offener und kann loslassen, was nicht festzuhalten ist. Er kann selbst angesichts des nahen gewaltsamen Todes noch mit Dietrich Bonhoeffer sagen:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Wenn das so ist, dann verwundert es eigentlich, dass wir nicht mehr Aufmerksamkeit und Kraft für die fünfte Säule unseres Lebens aufwenden.
Es mag sein, dass in Zeiten wirklicher Bedrängnis und Not, wenn alles zu fallen und zu zerbrechen droht, die Nachfrage nach diesem letzten Halt größer wird.
Ein Beispiel dafür ist unser Wochenspruch selbst: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Der zweite Jesaja verkündete es den deportierten Juden in Babylon, unter denen bange Hoffnungen auf eine spätere Rückkehr in ihre Heimat glimmen.
Ein anderes Beispiel ist das Gedicht, das Rudolf Alexander Schröder im Jahr 1936 schrieb und das zu einem seiner Kirchenlieder wurde:
Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt
Um dich her in Trümmer brechen,
Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt:
Er hält sein Versprechen.

Gibt es Möglichkeiten, die Bedeutung und Wirkung der fünften Säule in meinem Leben zu stärken? Beim Glauben geht es ja gerade nicht um eine Leistung, durch die absehbare Erfolge erzielt werden, sondern eher darum, sich auf etwas Größeres, schwer zu Fassendes, das uns umgibt und auf neue Weise ausfüllen kann, einzulassen. Das ist weit mehr als die Beschäftigung mit religiösen Fragen oder das Studium religiöser Traditionen, obwohl auch das zu einem vertieften Verständnis dazugehört.
Der Glaube wächst und reift im alltäglichen Umgang, in der vielfältigen Begegnung mit dem, der uns auf unser Leben als ganzes anspricht, manchmal ermutigend, manchmal fordernd, manchmal wohltuend und manchmal auch schmerzlich. Es ist die Begegnung mit dem, der uns nicht einfach uns selber sein lässt, weil er uns zur Liebe hin geschaffen hat und will, dass wir es lernen, diese Liebe zu erfahren und zu erwidern. Dass wir auf diesem Weg immer wieder über unsere eigenen Füsse stolpern, zeigt nur, dass wir vor ihm wie Kinder sind, die gerade erst beginnen, laufen zu lernen.
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*Das Konzept der Fünf Säulen der Identität wurde von Hilarion Petzoldt im Rahmen der Integrativen Therapie entwickelt.