18. Sonntag nach Trinitatis – Lieben!

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1.Johannes 4,21

Diesem Gebot können wir doch nur zustimmen. Gibt es da überhaupt noch etwas zu sagen?
Die Fragen beginnen dort, wo man sich von der hohen Warte des Grundsätzlichen herab in das Gestrüpp des Alltäglichen und Praktischen begibt. Anders ausgedrückt: Der Teufel steckt im Detail, und dort muss er auch ausgetrieben werden.

Hier ist vom Bruder die Rede. Die Schwester denken wir selbstverständlich mit, aber trotzdem: Warum wird hier dieser enge Verwandtschaftsgrad angegeben? Soll das wie bei den drei Losungswörtern der französischen Revolution auf eine universale Brüderlichkeit hindeuten? Alle Menschen werden Brüder…? Schiller und Beethoven sehen darin ein Gipfelerlebnis und eine Vision für die gesellschaftliche Wirklichkeit, die durch die Mode streng geteilt ist.
Oder deutet dieser enge Radius der Liebe auf einen besonderen Realismus hin? Du kannst nicht alle Menschen lieben, aber deinen Bruder?
Da das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe scharf zwischen den Glaubenden, die zu Gott gehören, und der Welt unterscheiden (vgl. den Wochenspruch vom 17. Sonntag nach Trinitatis) liegt die Vermutung nahe, dass es hier um die brüderliche Liebe zwischen den Glaubenden geht.
Im Johannesevangelium gibt Jesus dieses Gebot im Anschluss an die Bildrede vom Weinstock und den Reben, in der er auf die enge Verbundenheit durch den Glauben hinweist: Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe (15,12). Sechs Verse später ist dann vom Hass der Welt die Rede.
Wenn wir bedenken, welche Konflikte oft gerade zwischen Glaubensbrüdern entstehen, und wie oft schon daraus Hass entstanden ist, der zu bitterem Streit und Kriegen geführt hat, erscheint dieser Hinweis auf die Liebe unter Glaubenden, die sich als Kinder eines Vaters verstehen, nicht überflüssig, sondern bitter nötig. Im Glauben spricht sich das Selbstverständnis des Menschen aus, das sein Hoffen und Handeln wesentlich bestimmt. Deshalb gehört er nach Paulus zu den drei bleibenden Charismen Glaube, Hoffnung, Liebe. Der Apostel lässt aber keinen Zweifel über ihre Rangfolge aufkommen: die Liebe ist die größte unter ihnen (1.Korintherbrief 13,13).

Auf der anderen Seite wird es gefährlich, wenn wir in Gedanken ein nur einfügen und das Gebot der Liebe auf die Geschwister im Glauben begrenzen. Dann kommt es zu der Gegenüberstellung von Wir, die Glaubenden, die Auserwählten, und die Anderen, die Ungläubigen, die Verdammten. Das ist die Soziologie des Teufels. Welche verheerenden Wirkungen von ihr ausgehen, ist bis heute täglich zu spüren.
Deshalb ist es sehr wichtig zu beherzigen, dass Jesus in seiner Bergpredigt auch dazu ein sehr klares Wort sagt: Wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? (Matthäus 5,46f.)
In deutlichem Gegensatz zur gültigen Norm und üblichen Lebenspraxis, wonach der Nächste geliebt und der Feind gehasst wird, predigt Jesus: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (5,44f.).

Aber ist das überhaupt möglich, meine Feinde lieben? Oder ist das eine zu radikale Über-Forderung, die weit über das Normalmaß unserer allzumenschlichen Alltäglichkeit hinausreicht? Damit sind wir bei der Frage, was das denn heißt, lieben?
Auch dazu hat sich Jesus sehr anschaulich und eindrücklich geäußert: In dem von Lukas (15,25–37) überlieferten Gespräch Jesu mit einem Schriftgelehrten über die Voraussetzungen zum ewigen Leben nennt dieser das Doppelgebot der Liebe: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18) und wirft dann die spannende Frage auf: Wer ist denn mein Nächster? (Lukas 15,29). Jesus erzählt daraufhin die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Dieser Fremde leistet dem Überfallenen erste Hilfe, während ein Priester und ein Levit (Tempeldiener) aus dem eigenen Volk vorüber gingen. Entscheidend ist, wie Jesus die Fragestellung am Ende umkehrt: Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? (10,36) Daran wird sowohl deutlich, wie der Begriff des Nächsten von Jesus verwendet wird, aber auch, was er unter Liebe versteht. Es geht nicht um das große Gefühl, sondern um ein Handeln, das zum Leben hilft.
In diesem Sinne ist die Feindesliebe keine unmögliche Forderung, sondern die wichtigste reale Voraussetzung für den Frieden. Liebe deinen Feind, denn er ist wie du bedeutet: Auch der, den du jetzt noch als Feind betrachtest, hat Bedürfnisse und Ängste wie du selbst. Wenn du das erkennst und ihm das zuerkennst, ist der erste Schritt zur Entfeindung bereits getan, weil damit eine menschliche Basis geschaffen ist, auf der sich beide Seiten verstehen und verständigen können. Leben in Frieden ist nur miteinander, nicht aber gegeneinander möglich.

Dieses Verständnis der Liebe, das aus dem Glauben entspringt, der uns alle Menschen als Kinder eines Vaters sehen lässt, ist das Herzstück der biblischen Lebensauffassung. Es wird immer wieder mit verschiedenen Worten umkreist und in die menschliche Gesellschaft hineingesprochen. So auch in dem Gebet, das Franziskus von Assisi zugeschrieben wird:
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

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16. Sonntag nach Trinitatis – Cool!

Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. 2.Timotheus 1,10

Gestorben wird immer. Viel zu oft trifft uns der Tod auf erschreckende Weise: ganz plötzlich oder auf dem Weg einer langen, tückischen Krankheit, oder durch persönliche Gewalt und massenhaft, wenn Katastrophen oder Terror und Krieg losbrechen.
Den Tod können wir nicht aus der Welt schaffen, und am Ende ist er das Einzige, was uns allen sicher ist.

Die Beschäftigung mit dem Wochenspruch kann das nicht ignorieren oder leicht und fröhlich überspringen. Auf dem Hintergrund unserer täglichen Erfahrung mit dem Tod, erscheint diese Botschaft mehr als gewagt.
Damit nicht genug: In den gottesdienstlichen Lesungen begegnen uns an diesem Sonntag auch noch zwei Geschichten aus den Evangelien, die ganz handfest davon erzählen. Da ist als erstes die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus aus Johannes 11: Jesus ruft den schon seit drei Tagen im Grab Liegenden, von dem bereits Verwesungsgeruch ausgeht, aus seinem Grab heraus. Und Lazarus kommt mit Grabbinden umwickelt aus dem Tod zurück. Und dann die Geschichte von der Auferweckung des Jünglings zu Nain in Lukas 7: Jesus stoppt den Trauerzug mit dem Sarg, berührt ihn und sagt dem Toten, dass er aufstehen soll und gibt ihn seiner weinenden Mutter zurück.

Was soll ich, was kann ich dazu sagen?
Am besten ich fange mit dem an, was ist: ich bin an dieser Stelle erst einmal ratlos.
Also muss ich mir Rat holen. Weit muss ich dazu nicht gehen. Ich kenne die verschiedenen Positionen und Meinungen doch recht gut und versuche jetzt einfach mal mit ihnen ins Gespräch zu kommen:

Da ist zunächst der moderne Mensch. Der sagt mir: Mach dir keine unnötige Mühe mit diesen alten Geschichten. Tot ist tot. Auferweckung gibt es nicht. Das haben die Menschen früher geglaubt. Heute sind wir aufgeklärt. Das sind nur fromme Vorstellungen und Wünsche. Von denen sollten wir uns nicht den Verstand vernebeln lassen.
Aber kann ich die Bibel einfach so abtun? Wenn ich mir nur noch das raussuche, was ich sowieso schon denke und glaube, dann mache ich mich doch selbst zum Maßstab und die Bibel überflüssig.

Richtig!, unterstützt mich jetzt eine Mitchristin, die immer wieder betont, dass man am Wort Gottes nicht herumdeuteln darf. Der Heiligen Schrift muss man glauben und vertrauen. Wir können Gottes Wunder nicht immer mit unserem Verstand erfassen. Doch Gott ist kein Ding unmöglich.
Natürlich kenne ich diese Position sehr gut, aber ich werde nicht so richtig froh dabei. Sie klingt mir zu sehr nach trotziger Rechthaberei. Zweifel lassen sich nicht verbieten, und überhaupt: Gottes Wort soll doch eine frohe und befreiende Wirkung haben und muss deshalb auch so rübergebracht werden.

So ist es und so war es!, antwortet mir als nächstes ein Professor der Bibelwissenschaften. Wir müssen die Bibel im Kontext ihrer Zeit verstehen. Historisch belegt ist, dass es für die Menschen damals keine ganz und gar unmögliche Vorstellung war, dass jemand von den Toten zurückkehrt. Nehmen wir nur mal die alten Ägypter, oder auch die alten Griechen…
Ich fürchte, das wird ein langer Vortrag, wenn ich hier nicht unterbrechend eingreife. Mir geht es nicht so sehr um die historische Gelehrsamkeit, sondern um das Evangelium für uns heute.

Genau, meldet sich jetzt eine Psychologin. Wir müssen solche Geschichten heute symbolisch verstehen und fragen, was sie uns eigentlich sagen wollen. Es geht doch darum, dass wir starke Impulse zum Leben finden. Diese alten Geschichten sprechen tiefere Schichten in unserer Seele an.
Ich gebe zu, dass ich diese Meinung ganz ansprechend finde, aber so richtig wohl ist mir nicht dabei. Werden die biblischen Geschichten dabei nicht nur wie alte Gemälde ausgesucht und benutzt, um heutige Erkenntnisse zu illustrieren und zu veranschaulichen?

Ich bin weiter ratlos und schaue mich um, ob da noch jemand ist, dessen Meinung ich hören sollte. Da ist noch ein Jugendlicher, der bisher nicht zu Wort gekommen ist. Ich ermuntere ihn und frage ihn nach seiner Sicht. Was hältst du von den Geschichten, wo Jesus Tote auferweckt?
Cool!, antwortet er.
Nur dieses eine Wort.
Mein erster Gedanke ist: Typisch!
Aber ich bin auch verblüfft, weil ich das jetzt nicht erwartet hätte.
Da stammle ich rum, bin ratlos, frage die Experten, komme zu keinem klaren Schluss wie ich diese für uns so schwierig gewordenen biblischen Worte und Geschichten heute auslegen soll, und dieser Typ tut das mit einem einzigen Wort: cool.
Zuerst wehre ich mich noch dagegen:
Ganz so einfach und salopp kann man damit doch nicht umgehen.
Da steckt doch so viel drin und auch dahinter!
Hier geht es doch um zentrale Aussagen und Wunder des christlichen Glaubens!
Darüber werden seit alter Zeit immer wieder große Predigten gehalten und dicke Bücher geschrieben!
Und die Gemeinde erwartet doch etwas Klares, Stärkendes und Richtungsweisendes!
Ich komme damit nicht klar. Ich fühle mich wie Goethes Faust, der unter anderem auch Theologie studiert hat : Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Und dann kommt dieser junge Mensch und sagt einfach nur Cool!

Ehrlich gesagt, ich wußte nicht einmal so hundertprozentig, was genau mit diesem Wort gemeint ist. Aber ich habe im Duden nachgeschlagen. Dort steht unter cool: Jugendsprache für hervorragend.
Und das trifft es genau!
Was hier von Jesus erzählt wird, ragt aus dem, was mir sonst im Leben begegnet, so einmalig hervor, dass ich es gar nicht fassen kann. Das ist wie eine ganz neue Sicht auf das Leben. Vieles in mir wehrt sich auch dagegen, aber diese Worte und Geschichten lassen mich einfach nicht wieder los. Ich vermute, das ist ihr wahrer Sinn: dass sie in uns wie ein göttliches Samenkorn keimen und wachsen und aufgehen und Frucht bringen. Wenn Gott zu reden anfängt, sieht das Leben – trotz aller meiner Erfahrungen – anders aus.