Gott 9.0 und Erde 1.0

Gerade las ich einen Beitrag zu der Frage, warum Gott 9.0 nicht auf dem Kirchentag in Hamburg stärker präsent war. „Ja!“, dachte ich beim Lesen. Und gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich in Hamburg gar nicht danach gesucht habe. 

Dieser Widerspruch macht mich stutzig. Und dieses Stutzen erscheint mir jetzt wie ein Impuls zum weiteren Nachdenken.

Ich bin vom Konzept Gott 9.0 fasziniert. Ich sehe darin vor allem ein Modell mit großer Erklärungskraft und benutze es als eine Art Diagnose-Instrument, um bestimmte Phänomene, die mir sonst eher unverständlich blieben, zu verstehen und einzuordnen.

In diesem „Einordnen“ liegt natürlich auch eine große Gefahr. Wer wird schon gern von einer Modellperspektive her eingeordnet?!
Die andere Gefahr besteht darin, spekulativ abzuheben, BLAU, ORANGE, GRÜN und sogar GELB weit unter sich zurückzulassen und sich selbst in Bewusstseinssphären anzusiedeln, die – seien wir doch mal ganz ehrlich – kaum einer von uns in seinem Alltagsleben wirklich realisieren wird.

Dass Außenstehende, die Gott 9.0 skeptisch betrachten, da zur Vorsicht raten, kann ich auch als „Fan“ recht gut verstehen.

Meines Erachtens ist es nicht sinnvoll, über die Ignoranz und das Unverständnis der DEKT-Leitung zu stöhnen oder zu schimpfen oder sie mit einer Aufklärungskampagne zu Gott 9.0 zu überziehen.

Meines Erachtens sollte Gott 9.0 eher selbstkritisch danach fragen, warum diese (Negativ-) Eindrücke gegenüber Gott 9.0 entstehen können und welche möglichen Kritikpunkte vielleicht aufzuarbeiten wären, damit dieses großartige Modell mehr Beachtung findet.

Mein Eindruck, den ich übrigens nach dem großartigen Vortrag des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa auf dem DEKT gewonnen habe, ist folgender:
Wir wissen zwar um Gott 9.0, aber wir leben immer noch auf der Erde 1.0.
Wenn diese Verklammerung, will sagen die konkrete gesellschaftliche Verortung, unser Verhaftetsein an den Problemen hier und heute, durch den Dreh einer furiosen Bewusstseinsspirale verlassen wird, dann erzeugt das zu Recht Unbehagen.

Ein wenig erinnert mich das Ganze auch an die Philosophie Hegels. Er hatte ein grandioses Gesamtbild von der Entwicklung des Weltgeistes geschaffen, der in seiner Philosophie endlich zu sich selbst gekommen zu sein schien. Nach Hegel hat man sich dann wieder den Problemen der Zeit und des Zeitgeistes zugewendet, ohne dass Hegel damit bedeutungslos geworden wäre.

Was ich damit sagen will: Mir erscheint es sinnvoller und fruchtbarer, wenn Gott 9.0 jetzt eine inkarnatorische Richtung einschlagen würde und sich den heutigen Fragen und Problemen, die bei uns hauptsächlich zwischen BLAU und GELB liegen dürften, zuwenden würde.

Wenn der Teufel im Detail steckt, muss auch Gott dort aufkreuzen.
Wenn die lebensrelevanten Fragen mit den konkreten Lebensbedingungen und Entwicklungsprozessen unserer Zeit und Gesellschaft zusammenhängen, sollten sich auch Gott 9.0 und seine Jünger diesen zuwenden.

Ganz konkret:
Wenn Menschen Ängste vor der Zukunft haben,
wenn sie sich nicht mehr als wertvolles Glied in einer humanen Gesellschaft erleben,
wenn sie keinen Sinn mehr im Leben finden,
wenn sie zur leichten Beute von Glücksversprechern aller Art werden und in den Sog von allerlei Abhängigkeiten geraten,
wenn …

…dann hilft es ihnen wenig, wenn ich ihnen erzähle, dass wir alle miteinander in das Land der KORALLE unterwegs sind. Dann ist es vielmehr meine Aufgabe, mit ihnen im Gestrüpp ihres und meines Alltags einen Weg zu suchen, der zu mehr Licht und Hoffnung führt.

Kann Gott 9.0 DABEI hilfreich sein, hier, mitten im Daseinsraum 1.0 ?

Septuagesimae – Weiter oder weiter so?

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Daniel 9, 1

Die Weihnachtszeit ist vorüber. Der Sonntag Septuagesimae orientiert sich mit seinem Namen bereits nach Ostern – siebzig Tage. Doch dazwischen liegt die Passions- und Fastenzeit. Sie beginnt in zweieinhalb Wochen am Aschermittwoch.

Wir befinden uns also in einer Übergangszeit des Kirchenjahres. Der weihnachtliche Glanz und das phänomenale Leuchten der Epiphaniaswochen liegen hinter uns. Vielleicht klingt und wirkt es in uns noch nach, als Freude und Stärkung, die wir erfahren haben. Vor und auf uns warten der Alltag und die Herausforderungen des neuen Jahres. Wenn wir uns dafür etwas Bestimmtes vorgenommen haben, ist jetzt die Zeit der Bewährung gekommen.

Viele gute Vorsätze erweisen sich jedoch nach wenigen Wochen als Utopien. Die alten Gewohnheiten und so manches Laster sind oft stärker als die menschliche Kraft, das als gut Erkannte auch im eigenen Leben zu verwirklichen. Wer gerade wieder einmal diese Erfahrung macht, hat ein Problem. Ihm oder ihr stellen sich dabei einige ernüchternde Fragen in den Weg: Bin ich gescheitert? Bin ich ein Versager? Ist es besser, sich nicht so hohe Ziele zu setzen? Muss alles beim alten bleiben? Gibt es einen realistischen Weg für einen Neuanfang?

Wer kennt das nicht? Ein Paradebeispiel dafür ist Israel mit seinem hohen Glaubensethos auf der einen und seinen vielen Versuchungen, Verfehlungen und geschichtlichen Katastrophen andererseits. Die alten Propheten haben darin einen Zusammenhang zwischen Sünde und Strafe gesehen.
Auch wenn wir vielleicht nicht alle Argumentationen dieser Art nachvollziehen können, steht uns doch noch sehr deutlich vor Augen, wie sich der nationalsozialistische Blutrausch großer Teile unseres Volkes auf (nicht nur!) seine spätere Geschichte ausgewirkt hat.

Und jetzt? In der lang andauernden Wirtschafts-, Finanz-, Umwelt-, Globalisierungs-, Beteiligungs-, Institutionen-, Religions-, Moralitäts- und Vertrauenskrise? Packen wir das? Wohin führt uns gelernte Narzissten unser eigener gelegentlicher Aufschrei?
Gleichen wir dem von Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen versucht? Oder gibt es vielleicht noch andere Möglichkeiten?
Geht es einfach weiter so? Oder steuern wir geradewegs in die nächste Katastrophe? Oder befinden wir uns in einer historischen Übergangszeit?

Die Dialektik der Aufklärung ist längst zur ernüchternden Wirklichkeit geworden: Die autonomen, vernünftigen und grenzenlos fortschrittlichen Menschen sind so tief in ihre eigenen Interessen, Abhängigkeiten und Ängste verstrickt, dass es wohl einer tiefgreifenden anthropologischen Wende bedarf, um die Menschheit auf den Weg zu bringen, wo „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen“ (Psalm 85,10-11) werden.

Der Wochenspruch aus dem Danielbuch zielt in diese Richtung: Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
So plausibel der erste Teil des Satzes klingen mag, so traditionell und fremdartig zugleich erscheint der zweite mit dem Hinweis auf Gottes große Barmherzigkeit.
Ist diese Barmherzigkeit nicht schon so oft proklamiert und auch usurpiert worden? Spiegelt sie nicht gerade das Gefälle von oben nach unten wider, das wir eigentlich überwunden glaubten und immer noch überwinden wollen?

Im Sinne des spiraldynamischen Modells der menschlichen Bewusstseinsentwicklung, das in dem Buch „Gott 9.0“ exzellent beschrieben wurde, kann Barmherzigkeit auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung sehr unterschiedlich verstanden werden.
Im (blauen) Ordnungsgefüge institutionalisierter Herrschaft erscheint sie als kompensatorische Wohltat derer, die etwas zu geben haben, ohne die strukturellen Unterschiede und durch sie zementierten Ungerechtigkeiten wirklich zu verändern.
Im (orangen) Streben nach Fortschritt und Erfolg tritt sie als Entwicklungshilfe auf, die sich manchmal als Zwangsbeglückung erweist, weil sie das eigene Ideal der Machbarkeit und Effizienz über die wirklichen Bedürfnisse der Zuwendungsempfänger stellt.
Im (grünen) Milieu der konsensorientierten Gruppen und Bewegungen zeigt sie sich als integrierende Kraft, die Nahrung und Geborgenheit vermittelt, aber oft argwöhnisch gegenüber den individuellen Entwicklungs- und Entfaltungsbestrebungen des Einzelnen auftritt.

Eine neue, tiefere Form der Barmherzigkeit muss aus einem größeren Herzen kommen, in dem die Spannungen zwischen Oben und Unten und zwischen Individuum und Gesellschaft versöhnt sind. Der biblische Gott, der für viel mehr als die alten mythischen Denkmodelle und patriarchischen Herrschaftsstrukturen steht, bietet sich im wahrsten Sinne des Wortes dazu an, in einen Dialog der Herzen zu treten, der nicht als sentimentales Tête-à-tête, sondern als Schritt auf dem Weg in der Übergangszeit sehr verheißungsvoll erscheint.

An dieser Stelle gilt es weiter zu fragen, zu denken, zu suchen und miteinander zu reden – Doppelpunkt: