Das wirkliche Geheimnis von Weihnachten

Weihnachten
wir sehen uns
mit anderen Augen

 

Es weihnachtet wieder. Die Stimmung ist gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich wie alle Jahre wieder auf das schönste unserer Feste. Auf der anderen Seite aber steht der Freude sehr viel entgegen.

In diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Der Terror und das Anwachsen der Gewalt sind noch bedrängender als schon zuvor geworden. Immer mehr Menschen flüchten aus ihrer Heimat. Sie kommen zu uns und sind  unser Thema Nr. 1 geworden. Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Einzelne Gruppen stehen sich mit Unverständnis und mitunter auch hasserfüllt gegenüber. Die Politik wirkt oft hilflos. Der europäische Zusammenhalt und viel beschworene Werte treten hinter nationalen Interessen zurück. Der Ton in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist aggressiver geworden.

Angst und Gewalt greifen auf verschiedenen Ebenen um sich, äußern sich in vielen Formen, verwirbeln sich in lebensbedrohliche Eskalationsspiralen und entladen sich immer wieder über unschuldigen Menschen.

In diese Zeit fällt Weihnachten 2015.

Für viele ist das Fest längst schon zu einer sehr fragwürdigen Konsumveranstaltung geworden, der man sich nur schwer entziehen kann. Der von Coca Cola ausgestattete Weihnachtsmann ist allgegenwärtig. Oder macht er sich in diesem Jahr rarer, weil er zur Reizfigur werden oder weil er mit seinem Geschenkesack als potentieller Gefährder verdächtigt werden könnte?

Andere blicken halb erwartungsvoll, halb skeptisch auf ein paar gemeinsame Stunden mit ihren Lieben, die gerade in diesen Tagen meistens so viel um die Ohren haben, dass der Stresspegel noch um einiges höher liegt. Schaffen wir das? Hoffentlich geht es gut mit dem trauten Beisammensein! Das Wort von der schönen Bescherung ist recht vieldeutig geworden.

Und dann ist da unter all dem anderen auch noch die alte biblische Weihnachtsgeschichte mit dem Engelsgesang. Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde Frieden.  Das klingt ziemlich krass, wenn man im Blick behält – und wie könnte man das nicht im Blick behalten -, was Menschen in Gottes Namen und um Gottes Willen daraus machen.

Trotzdem: Auch am Heiligabend 2015 wird diese Geschichte wieder viele Menschen – viele sehr unterschiedliche Menschen – in die Kirchen ziehen. Sie erweist sich noch immer als nicht verbraucht und verschlissen und ist davor bewahrt geblieben, zur Groteske zu werden. Im Gegenteil: Sie zeigt sich bis heute erstaunlich ironie-resistent und hat von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Es scheint ein Geheimnis über dieser Geschichte zu liegen, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Schon viele Generationen vor uns haben versucht, diesem Geheimnis mit Worten, in Bildern oder durch Musik Ausdruck zu verleihen. Das Jauchzen vielstimmiger Chöre, die Bilder und Figuren aus kostbarem Gold und tiefsinnige Weissagungen von göttlichen Geheimnissen sind uns reichlich überliefert und werden in diesen Tagen wieder hervorgeholt. Wer noch in diesen Traditionen zu Hause ist, steht möglicherweise ergriffen davor. Sehr vielen anderen erscheint das alles wie die Ausstellungsstücke in einem großen Museum, die man während eines  Besuchs mehr oder weniger staunend, verstehend oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, um bald darauf wieder in die eigene Zeit zurückzukehren.

Und doch: Alle Jahre wieder diese Ausstrahlung! Was ist für uns das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte?

Wenn wir sie mit den skeptischen Augen unserer Zeit betrachten, werden wir kaum etwas Übernatürliches feststellen können, das den Fragen unserer kritisch geschärften Denkweise standhält.

Das Geheimnis der beiden ganz unterschiedlichen Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und aus dem Matthäusevangelium lässt sich nicht an harten Fakten festmachen. Ihre äußere Welt ist so wie die unsere. Sie ist von Armut und den Strapazen der kleinen Leute bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geprägt.

Und von politischer Willkür, von Angst, Gewalt und Mord und der dadurch erzwungenen Flucht. Und kein Engel oder Gott schreitet direkt dagegen ein.

Das Geheimnis, bei dem dann allerdings auch Gott und seine Engel und ein wunderbarer Stern ins Spiel kommen und zu leuchten anfangen, liegt in der Verwandlung der beteiligten Menschen. Von dieser Verwandlung erzählt und lebt die Weihnachtsgeschichte.

 

Da ist als erstes Maria, ein junges Mädchen, das zunächst voller Fragen und Zweifel ist, bevor sie verstehen und annehmen kann, was mit ihr geschehen soll. Sie wird Mutter werden und soll Jesus zur Welt bringen.
Und dann Joseph, der Mann an ihrer Seite. Er ist zuerst fassungslos über diese ungeahnte Schwangerschaft und will sich heimlich davonmachen. Doch er ändert seine Einstellung, er bleibt da und nimmt die Vaterrolle an. Als das Kind geboren ist, werden als erstes Hirten, die als Tagelöhner auch die Nacht auf den Feldern zubringen mussten, in die Geschichte einbezogen. Sie werden Zeugen einer himmlischen Erscheinung, die sie erschrecken lässt. Und sie fürchten sich sehr. Doch dann lassen sie sich ansprechen und bewegen. Sie suchen und finden das neugeborene Kind und seine Eltern. Sie selbst werden dabei froh und dankbar und fangen an, darüber zu reden. Und schließlich kommen auch noch Gelehrte aus dem Morgenland, die den Himmel nach Zeichen erforschen und zunächst an der falschen Stelle suchen. Herodes im Königspalast weiß nichts von einem neugeborenen König. Im Gegenteil: Er wird misstrauisch und setzt seine Machtsicherungsmaschinerie in Gang, die vielen Neugeborenen und Kindern bis zu zwei Jahren in und um Bethlehem das Leben kostet. Doch die weisen Männer, die später auch als Könige betrachtet werden, sehen ihren Irrtum ein und lassen sich nicht täuschen. Sie machen sich erneut auf die Suche und finden und beschenken das neugeborene Kind königlich. Auch sie werden dabei selber froh.

Die Ausstrahlung und das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte beruht auf der Verwandlung der beteiligten Menschen. Ihre Verwandlung äußert sich darin, dass sie trotz anfänglicher Ängste und Zweifel, trotz großer Strapazen, trotz bedrückender Verhältnisse, trotz Feindseligkeit und Gewalt ein so tiefes und starkes Ja zu dem ihnen geschenkten Leben finden, dass sie späteren Zeiten als Heilige erscheinen und auch für uns heutige Menschen noch weihnachtlich leuchtende Beispiele sind.

Diese Verwandlung schaffen sie nicht aus sich selbst heraus. Die Erzählungen sprechen hier vom Eingreifen göttlicher Kräfte. In ihrem Kern handelt es sich dabei stets um klare Worte, zur rechten Zeit das Richtige zu tun: Maria und die Hirten werden von Engeln angesprochen und auf die tiefere Bedeutung des Geschehens hingewiesen. Joseph und die Weisen aus dem Morgenland werden von Gott im Traum auf den richtigen Weg gebracht.  Gott erweist sich in den Erzählungen nicht als eine Art allmächtiger Kriegsherr, sondern als guter Geist, der das zerbrechliche Menschenleben schützt und ins rechte Licht setzt, indem er die Verwandlung der Menschen betreibt.

Ja mehr noch: Auch Gott selbst verwandelt sich. Das wird besonders deutlich am Anfang des Johannesevangeliums in einer Art Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Der göttliche Logos, die Kraft, der Geist, das Wort – alles Hilfsbegriffe für den, die oder das Unbegreifliche(n), kurz: Gott selbst – wird Mensch und wohnt unter uns, und wir können seine Herrlichkeit im Angesicht des Menschen sehen.

Wo es wirklich weihnachtet, hat die Angst ihre letzte Macht verloren, weil Gott nicht länger dafür herhält. Er selbst verwandelt sich aus einem höheren  Wesen, das den Menschen Angst einjagt, in ein schutzbedürftiges Kind, das ausschließlich zur Liebe provoziert. Gott ist die Liebe, heißt es, und in genau dieser Liebe wirkt die verwandelnde Kraft.

 

Kehren wir zum Schluss wieder in unsere Zeit zurück, die am Ende des Jahres 2015 so von Unruhe, Angst und Gewalt erfüllt ist, dass bange Fragen aufbrechen: Ist die Menschheit noch zu retten, oder treibt sie unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

Die Möglichkeit zu einem Weiter so scheint immer unrealistischer zu werden. Es spricht einiges dafür, dass wir nur eine einzige Chance haben: Uns auch verwandeln zu lassen, beginnend im kleinen Raum unseres persönlichen Lebens und hinauswirkend in das große Ganze dieser Welt. Zu Weihnachten ist mit dieser Geschichte schon der Anfang gemacht. Und es ist höchste Zeit, dass wir heute neu anfangen, Weihnachten wieder als das ernst zu nehmen, was es unserem Kalender nach ist: die große Wende der Zeiten.

Gesegnete Weihnachten!

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – Das Jüngste Gericht

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.  (2. Korintherbrief 5,10)

Der Gedanke an ein Jüngstes Gericht, ein Weltgericht über alle Lebenden und Toten am Ende der Zeit, nimmt – mit Unterschieden in den Einzelheiten – in allen drei großen monotheistischen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, einen wichtigen Platz ein. Die Menschen werden am Ende von Gott oder seinem Beauftragten gerichtet und erhalten den gerechten Lohn für ihr Leben.

Die Vielzahl der biblischen Belege und ihre Variationsbreite machen deutlich, dass es sich dabei um ein zentrales Thema handelt, das durch die Geschichte hindurch unter wechselnden Umständen immer wieder neu entfaltet und modifiziert wurde.
Das ist wichtig für unser Verstehen, denn es kann dabei nicht darum gehen, aus allen Einzelaussagen ein puzzleartiges Gesamtbild zu erstellen, das dann die biblische Wahrheit ausdrückt. Vielmehr verhält es sich damit eher so wie mit der Sonne, die je nach Standort, Jahres- und Tageszeit sowie nach den atmosphärischen Bedingungen ganz unterschiedlich gesehen, empfunden und dargestellt wird.

In den Bekenntnissen des christlichen Glaubens steht, dass Christus wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Diese Erwartung hat die Menschen vergangener Jahrhunderte stark beschäftigt und vor allem geängstigt. Bildliche Darstellungen machen das auf oft sehr drastische Weise sichtbar.

Heute erscheint der Gedanke an das Jüngste Gericht vielen als eine überholte Vorstellung aus früheren Zeiten, erscheint als die Vergangenheit einer Zukunft, die von der Gegenwart als Ausdruck religiöser Phantasien und Ängste entlarvt und entkräftet wurde. Damit scheint das Thema erledigt zu sein.
Doch so einfach ist es nicht. Einen ersten Hinweis darauf geben schon die vielen Bücher und Filme, die das Thema Apokalypse aufgreifen und in immer wieder neuen Variationen ein mögliches Ende ausmalen, das als Katastrophe über die Menschheit hereinbricht.

Es gibt aber noch einen tieferen Zusammenhang, der auch im Hintergrund dieser modernen Neuauflagen des alten Themas steht. So schwer uns einerseits die Vorstellung eines Jüngsten Gerichtes heute fällt, so unerträglich erscheint uns andererseits der Gedanke, dass es ohne Folgen bleiben sollte, was ein Mensch in seinem Leben getan hat. Sätze wie Es gibt keine Gerechtigkeit! oder Es gibt doch eine Gerechtigkeit! werden selten ohne Bitterkeit oder Befriedigung gesprochen. Unser menschliches Empfinden verlangt danach, dass gute Taten und aufopferungsvolles Verhalten am Ende belohnt und böses Taten und die Verletzung bestimmter Normen bestraft werden. Wo kämen wir denn hin, wenn es anders wäre?!

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt. Gibt es diese ausgleichende Gerechtigkeit? Auch die großen Religionen des Ostens, der Hinduismus und der Buddhismus gehen in ihrer Karmalehre davon aus, dass es nicht ohne Folgen bleiben wird, was ein Mensch in seinem Leben tut.

Beweisen lässt sich jedoch nichts, was über die Grenzen unseres Lebens hinausreicht. Und innerhalb des Lebens müssen wir wohl oder übel einräumen und zugestehen, dass es oft nicht gerecht zugeht. Damit sind wir in bester Gesellschaft. In der Bibel ist es Hiob, der Gerechte, der sich über Gott beklagt: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. (Hiob 9,22). Und auch Hiob fordert unter der Last der ihm von Gott auferlegten Leiden: Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte! Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige! So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst. (9,33–35).
Nun scheint Gott selbst vor Gericht zu stehen. Wie kann er dass alles zulassen?  Mit dieser Theodizeefrage wird der Glaube an einen gerechten Gott und letztlich Gott selbst in Frage gestellt.

Was dann übrig bleibt, ist eine Lebenswirklichkeit, mit der sich der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus intensiv auseinandergesetzt hat. Er sieht einen schmerzhaften, aber unlösbaren Widerspruch zwischen der menschlichen Suche nach Sinn und Gerechtigkeit einerseits und der offenkundigen Sinnlosigkeit und dem Leid andererseits. Camus nennt es das Absurde und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch dem Absurden nicht entgehen kann. Er muss es annehmen, ohne sich resigniert mit ihm abzufinden. Er muss sich permanent dagegen auflehnen (franz. révolter), wie Sisyphus, der immer wieder neu seinen Stein den Berg hinaufrollt. Ob es allein dadurch aber zur Herausbildung neuer Werte zwischen den Menschen kommt, zu gegenseitiger Solidarität, Freundschaft und Liebe, wie Camus erhofft, muss wohl bezweifelt werden.

Den umgekehrten Weg ist der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) gegangen, der die Möglichkeit von Gottesbeweisen philosophisch widerlegt hat. Für ihn ist Gott ein Postulat der praktischen Vernunft, das zur Begründung der unbedingten Gültigkeit des Sittengesetzes unerlässlich ist. 

Die Philosophen haben sich an Gott und den Fragen nach der Gerechtigkeit abgearbeitet, ohne zu einer endgültig befriedigenden Antwort gekommen zu sein. Die tiefsten Fragen unseres Lebens lassen sich nicht objektiv und von außen beantworten. Der Grund dafür ist allerdings leicht erkennbar: Wir sind selbst ein Teil der Frage. Wir sind mit unserem Leben hineingestellt in den unaufhörlichen Strom von Fragen nach richtig und falsch, nach gut und böse, nach Leben und Tod. Als Teil der Frage sind wir aber zugleich Gefragte. Wir müssen Antworten finden und Entscheidungen treffen, ohne zuvor alles von außen über-blicken zu können. Es kommt entscheidend darauf an, wovon und wozu wir uns bewegen lassen. Und da wir Menschen uns vermutlich in der Mehrheit darauf einigen können, dass die Liebe das Wichtigste im Leben ist, kommt es entscheidend darauf an, was wir unter Liebe verstehen.

An dieser Stelle kommt Gott neu ins Spiel. Nicht als Über-Wesen, über dessen Existenz man streiten kann, sondern als das Wort (Johannes 1,1), das uns anspricht, das selbst menschlich wird (Joh 1,14), das die Liebe in der Selbsthingabe verwirklicht (Joh 3,16), das uns damit einen neuen Sinnraum erschließt und zum Leben und Bleiben in dieser Liebe einlädt (Joh 15,9-12).
Als von diesem Wort Angesprochene sind wir zugleich Gefragte und zu einer Antwort aufgerufen. Wir stehen in der Verantwortung, ob wir dieser Liebe durch unser Leben Raum und Gestalt geben. Da wir selbst es sind, die diese Liebe immer wieder trüben, können wir das nur, wenn wir uns von ihr reinigen lassen (Joh 15,1-3).
Damit hat das Gericht Christi schon begonnen. Es findet statt, wenn sein Wort in unseren Lebensraum tritt und in, mit und über uns verhandelt wird, ob wir mit unserem Leben jetzt seiner Liebe Raum geben. Es ist Zeit dafür.

23. Sonntag nach Trinitatis – Eine Formel für das Leben

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.    1.Timotheusbrief 6,15f.

Der Wochenspruch ist eine Doxologie. Diesen Fachbegriff aus der Bibelwissenschaft kann man mit Lobvers übersetzen. Solche Worte begegnen uns sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Sie stehen im Zusammenhang mit dem Gebet und Lobpreis Gottes. Auch am Ende des Vaterunsers finden wir eine Doxologie: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Doxologien sind häufig wiederkehrende Formeln. Durch den häufigen Gebrauch klingen sie sehr vertraut, können dadurch aber auch mechanisch wirken, wie leere Formeln, bei denen der Inhalt verblasst oder gar verlorengegangen ist. Nicht wenigen Zeitgenossen erscheint der ganze christliche Glaube als leere Formel.

Das ist Grund genug, einmal über die Bedeutung von Formeln nachzudenken.
In den Naturwissenschaften stehen sie hoch im Kurs. Die richtige Formel ist wie ein Schlüssel, mit dem man bestimmte Zusammenhänge aufschließen und verstehen kann. Sie ermöglicht es dann auch, zielgerichtet zu handeln, um Ergebnisse zu erzielen, die ohne diese Formel nicht möglich wären. Bis heute ist die Menschheit darauf aus, eine Weltformel oder Theorie von Allem finden zu können.
Auf einer anderen Ebene stehen die nicht weniger faszinierenden Zauberformeln, die Unmögliches bewirken sollen, oder diplomatische Formeln, die es möglich machen, in sehr komplizierten gesellschaftlichen Verhältnissen einen Weg zu finden, auf dem sich ganz unterschiedliche Parteien treffen und verständigen können.
Die Beispiele zeigen, welchen hohen Stellenwert Formeln in verschiedenen Lebensbereichen besitzen. Sollte es nicht möglich sein, eine solche Bedeutsamkeit auch bei den Formeln des Glaubens wiederzuentdecken?

Für die ersten Christen waren solche Formeln sehr wichtig:
Mit ihnen konnten sie ihren Glauben in knapper Form ausdrücken und auch weitergeben.
Die Formeln wurden im Gottesdienst verwendet und immer wieder wiederholt. Dadurch bekamen sie etwas sehr Vertrautes, eine Art inneres Zuhause, und etwas Verbindendes unter den Christen.
Und aus den Formeln haben sich später die Bekenntnisse des Glaubens entwickelt.
Man kann sie deshalb auch als Grundbausteine des Glaubens bezeichnen.

Bausteine sind das Material, ohne das nichts entstehen kann. Aber sie sind noch nicht das fertige Haus, in dem wir wohnen und das wir mit Leben erfüllen. So verhält es sich auch mit den Formeln des Glaubens. Wir brauchen sie, damit unser Glaube nicht substanzlos wird, aber wir müssen auch etwas mit ihnen anfangen können, wenn sie nicht leer und nutzlos erscheinen sollen.
Um noch ein anderes Bild zu gebrauchen: Glaubensformeln sind wie wertvolle alte Perlen, die in sehr langen Zeiten gewachsen, gereift und dabei fest und kostbar geworden sind. Solche Perlen wirft man nicht weg, um sie durch billige Imitate zu ersetzen. Sie sind es wert, ausgiebig betrachtet und als wertvolle Glieder an entscheidender Stelle in die Kette unseres Lebens eingefügt zu werden.

Zurück zu der Formel, die uns als Wochenspruch begegnet: Im Zusammenhang des 1.Timotheusbriefes steht das Wort inmitten von Mahnungen und Warnungen vor den Gefahren des Reichtums (6,9f. und 17) und der Ausrichtung des Glaubens auf das ewige (6,12) und wahre (6,19) Leben. Es erinnert an das erste Gebot. Der HERR, den die Bibel Jahwe nennt, allein ist Gott. Er allein kann das Leben erhalten. Geld und Gut können das nicht leisten.
Das mag für einen glaubenden Menschen sehr plausibel klingen. Und doch kann es auch unter Christen geschehen, dass das im Kasten klingende Geld näher und verlockender erscheint als der vermeintlich ferne Gott. Diese gar nicht so selten auftretende Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit macht die Bedeutung und den Wert der Glaubensformel für die Lebenspraxis eindrücklich sichtbar. Da wir Menschen offensichtlich eine dauerhafte, tiefsitzende Neigung haben, unsere Aufmerksamkeit vor allem dem Zählbaren und dem Glänzenden zuzuwenden, muss es uns bis heute immer wieder neu gesagt werden, wo wir den höchsten Frieden und die tiefste Freude finden können. Ganz verstanden haben wir es erst, wenn uns das in Fleisch und Blut übergeht. Deshalb muss es wieder und wieder wiederholt werden. Dafür sind Glaubensformeln ein gutes Mittel, wenn sie bewusst und nicht gedankenlos verwendet werden. Dann öffnen sie in uns einen neuen Raum des Lebens und Verstehens.

15.Sonntag nach Trinitatis – Deine Sorgen möchte ich haben!

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1.Petrus 5,7

In diesem Wochenspruch geht es um die Sorge. Der Begriff reicht von der liebevollen Fürsorge, die Leben erhalten oder erträglich machen kann, bis hin zur quälenden Sorge, die Leben zerfressen kann.
Nach einer alten, dem Bibliothekar Hyginus zugeschriebenen Fabel aus dem 2. Jh.n.Chr. war es Cura, die Sorge, die den Menschen schuf, wobei sie Erde von Tellus, der Göttin der Erde, zu einer Gestalt formt und Jupiter bittet, dieser Gestalt seinen Geist zu verleihen. Als sie über die Namensrechte an dem neugeschaffenen Wesen streiten, entscheidet Saturn, dass Jupiter und Tellus beim Tod des Menschen ihre Anteile zurückbekommen, zu seinen Lebzeiten aber die Sorge ihn besitzen soll.
Der Philosoph Martin Heidegger greift diese Fabel auf und sieht in der Sorge ein zentrales Wesensmerkmal des menschlichen Daseins.

Wenn uns der Wochenspruch dazu auffordert, alle unsre Sorge auf Gott zu werfen, so ist das streng genommen etwas, dass uns über unsere menschliche Verhaftung an und durch die Sorge hinausführt. Man könnte auch sagen: Das klingt wie eine Einladung zu einer Erlösung, die aber schwer vorstellbar erscheint. Wie soll das auch gehen, die Sorgen auf Gott werfen, wenn sie doch offensichtlich zu unserem Wesen, zu unserer Natur gehören?

Sorgen gehören zum Leben. Daran haben wir uns längst gewöhnt.
Wo sie aber übergroßes Gewicht bekommen und bedrückend oder gar erdrückend werden, suchen wir nach Abhilfe.
Gibt es Wege und Mittel dagegen?
Wer Sorgen hat, hat auch Likör, schrieb Wilhelm Busch in der Frommen Helene und ließ sie schließlich doch ein schreckliches Ende nehmen. Der Tröster wurde ihr zum Verderber.
Don’t worry, be happy!, lautet ein häufig zitierter Ratschlag. Take it easy! Das mag bei kleinen Verstimmungen gelingen. Bei tiefsitzenden schweren Sorgen wirkt es dagegen wie eine zusätzliche Belastung, weil ich mich durch so einen lockeren Satz, nicht ernstgenommen und verstanden, sondern alleingelassen fühle.
Noch schlimmer klingt der Satz Deine Sorgen möchte ich haben! Damit werden meine Sorgen verharmlost. Wer so spricht, gibt vor, viel gewichtigere Sorgen zu haben als ich, und damit auch viel wichtigere. Ein solcher Satz kann auch zur Aufwertung der eigenen Person benutzt werden bzw. zur Abwertung anderer dienen. Wer gern davon spricht, sich mit besonders (ge-)wichtigen Sorgen herumschlagen zu müssen, will wohl bewusst oder unbewusst damit auch den Anschein erwecken, ein besonders wichtiger Mensch zu sein. Deine Sorgen möchte ich haben! Dieser Satz lässt völlig unberücksichtigt, dass meine anscheinend viel geringeren Sorgen für mich eine ganz andere Bedeutung und einen viel größeren Stellenwert haben können als für den, der hier so abschätzig urteilt.

Doch kann dieser Satz auch noch ganz anders verstanden werden: Deine Sorgen möchte ich haben! kann auch ganz wörtlich genommen werden: Ich möchte deine Sorgen übernehmen, gib sie mir! Wirf alle deine Sorgen auf mich!
Damit sind wir bei unserem Wochenspruch.
Aber sagt denn jemand so etwas? Möglich ist das schon. Wenn mich jemand sehr liebt oder mir aus einem anderen Grund helfen und mich entlasten will, kann mir ein solcher Satz gesagt werden. Häufiger noch in der Form, dass jemand meine Sorgen zu teilen bereit ist. Das kann ein sehr großes Geschenk aus Zuwendung, Kraft und Zeit sein.
Das ist die Art, wie Jesus auf die Menschen zugeht, zu denen er spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28)
Für meinen Umgang mit den Sorgen kommt es dann entscheidend darauf an, ob ich einen kenne und so vertraue, dass ich ihm meine Sorgen zumuten kann und anvertrauen will.
Das kann auf dem direktem Glaubensweg im Gebet geschehen, aber auch auf menschlich direkte Weise im geschwisterlichen Gespräch.

Jesus weist uns noch auf einen zweiten, aktiveren Weg, mit unseren Sorgen umzugehen. Im Evangelium des 15. Trinitatissonntages, einem bekannten Abschnitt aus der Bergpredigt, sagt er zum Abschluss seiner anschaulichen Worte über die Sorge: Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Matthäus 6,31-34)
Damit zeigt er uns die Möglichkeit auf, zwischen Letztem und Vorletztem zu unterscheiden: Wer zuerst nach Gottes Herrschaft und Willen fragt, wird mit den vielen Sorgen des Alltags freier umgehen können. Wer aus tieferen Quellen schöpft und höhere Ziele kennt, kann größere Belastungen ertragen als andere.
Auch im Vaterunser hat Jesus die Bitten um das Kommen von Gottes Reich und das Geschehen seines Willens vor die Bitte um das tägliche Brot gestellt, ohne dass diese damit vergessen würde.

5. Sonntag nach Trinitatis – Hat das Zukunft?

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. Epheser 2, 8

Dieser Wochenspruch ist eine knappe und präzise Umschreibung des christlichen Weges zur Rettung und zum Heil der Menschen. Vor allem Martin Luther hat im frühen 16. Jahrhundert energisch und folgenreich darauf hingewiesen, dass die Seligkeit nicht mit guten Werken und Geld verdient oder erkauft werden kann. Das hat zu einer Reformation in Kirche und Gesellschaft geführt, zu einem Paradigmenwechsel, bei dem die bis dahin herrschenden Grundannahmen und Handlungsprinzipien überwunden wurden.

In den darauffolgenden fünfhundert Jahren hat sich viel verändert. Die christliche Religion ist nicht mehr die nahezu alle Lebensbereiche durchdringende und bestimmende ideelle Grundlage unserer Gesellschaft, sondern der mehr oder weniger feste Orientierungs- und Lebensrahmen einer starken Minderheit in einer säkularen und pluralistischen Welt. Als solcher vermag sich der Glaube jedoch auf Grund seiner universalen Weite und existentiellen Tiefe auch heute als anspruchsvolle und geschätzte Stimme in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen und dabei aus seiner langen Tradition heraus wichtige Impulse zu geben.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die christlichen Dialogpartner auf die Fragen und die Denkweise unserer Zeit einlassen und ihre Einsichten nicht als hermetisch abgeschlossene Sonderwahrheit, sondern anschlussfähig zur Sprache bringen. Sie tun damit nichts anderes als Paulus, der über die Grenzen von Kultur und Religion hinweg allen alles geworden ist (1.Korinther 9,22).

Nach diesem Exkurs zurück zu unserem Wochenspruch!
Was die Sprache anbetrifft, so muss an dieser Stelle das Wort, auf das hier alles zuläuft, etwas näher betrachtet werden: Luther übersetzt es mit selig. Damit ist ein Zustand angesprochen, der über das Glück dieser Erde hinausreicht, und die endgültige Befreiung von Not und Leid durch die ewige Nähe und Zuwendung Gottes zum Ausdruck bringen soll. Doch gerade seine religiöse Aufladung und Komplexität lässt dieses Wort im sprachlichen Kontext unserer Zeit fremdartig erscheinen. Es „greift nicht“ in den Verstehenszusammenhängen einer säkularen Gesellschaft.
Deshalb lohnt sich die Nachfrage, was im griechischen „Urtext“ des Epheserbriefes geschrieben steht. Das dort verwendete Wort σεσωσμενοι bedeutet wörtlich Gerettete. In der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ), die vor allem auf inhaltliche Genauigkeit ausgerichtet ist und diese in einer natürlichen, zeitgemäßen Sprache zum Ausdruck bringen will, lautet Eph 2,8: Durch Gottes Gnade seid ihr gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk.

Dieses Wort war vor nahezu zweitausend Jahren neu und für viele befreiend. Es hat vor fünfhundert Jahren erneut diese Aktualtät, Bedeutung und Kraft gewonnen, die zuvor verblast und vergessen schien. Kann es sein, dass dieses Wort auch in unserer Zeit, in der sich immer wieder die Frage stellt, ob und wie wir noch zu retten sind, zu einer aktuellen und richtungsweisenden Antwort wird?

Je nachdem wie inhaltlich eng fixiert oder wie weit auf strukturelle Analogien hin geöffnet hier gefragt und gedacht wird, wird die Antwort unterschiedlich ausfallen.
Das Christentum hat sich diesbezüglich in seiner Geschichte als erstaunlich offen und flexibel erwiesen. Nur so konnte es überhaupt möglich werden, dass die vergleichsweise engen Grenzen der jüdischen Religion und Kultur überschritten und der damals junge Glaube in die Weite der hellenistisch geprägten und römisch administrierten spätantiken Welt hinauswachsen konnte. Das ging nicht ohne innerchristliche Auseinandersetzungen mit denen, die dabei einen inhaltlichen Substanzverlust befürchteten. Ähnliche Kontroversen finden wir auch heute unter Christen wieder, wenn die Frage gestellt wird, wie der christliche Glaube in der säkularen Welt so zur Sprache gebracht werden kann, dass seine ursprüngliche, befreiende Wirkung hier und heute neu ankommt.

Wieder zurück zum Text! Der Begriff der Rettung lässt sich auf verschiedene Lebenszusammenhänge hin und in unterschiedlichen Interpretationsweisen verstehen. Schauen wir uns die beiden historisch bedeutsam gewordenen Zusammenhänge und Interpretationen etwas näher an, um dann nach Ähnlichkeiten und Unterschieden in unserer Zeit zu fragen:

Der Epheserbrief ist selbst schon ein Beispiel für die Neuinterpretation der ursprünglich innerjüdischen Frage, ob Menschen von sich aus in der Lage sind, Gottes Gesetz zu erfüllen oder ob sie auf diesem Weg zum Heil scheitern müssen und sich gerade durch ihr Bestreben mehr und mehr von ihrem Ziel entfernen.
War im jüdischen Kontext die Tora, das Gesetz des Mose, der kodifizierte Maßstab, nach dem gemessen und geurteilt wurde, so klingt das in Eph 2,1-3 ganz anders: Ihr wart nämlich tot – tot aufgrund der Verfehlungen und Sünden, die euer früheres Leben bestimmten. Ihr hattet euch nach den Maßstäben dieser Welt gerichtet und wart dem gefolgt, der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen. Wir alle haben früher so gelebt; wir ließen uns von den Begierden unserer eigenen Natur leiten und taten, wozu unsere selbstsüchtigen Gedanken uns drängten. So, wie wir unserem Wesen nach waren, hatten wir – genau wie alle anderen – nichts verdient als Gottes Zorn. (NGÜ).
Hier wird auf fast schon modern klingende Weise von dem (Un-)Geist gesprochen, in dem Menschen – ohne religiöse und kulturelle Unterschiede – sich selbst verfallen und auf dem Weg in ihr Verderben sind. Die Rettung liegt in der Befreiung von dieser Denk- und Lebensweise, die nicht auf dem bisherigen Weg durch das von dem Ungeist beherrschte Ich, sondern nur durch das Aufgehen und die Annahme einer neuen, existenztragenden Lebensgewissheit geschehen kann. Diese neue Möglichkeit schien durch die Teilhabe am Leben Christi, der mit seiner Auferstehung die Macht des Todes gebrochen hatte, Wirklichkeit werden zu können.

Für Martin Luther wurde dieser Vers in seiner Auseinandersetzung mit dem Ablasshandel der Kirche auf’s neue lebendig. Bei seiner Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? ging ihm auf, dass kein menschliches Werk oder Verdienst uns so gerecht und gut machen kann, dass wir damit vor Gottes Gericht bestehen können. Da musste auch der Handel mit dem der Kirche anvertrauten Schatz der guten Werke der Heiligen als absurder Versuch erscheinen, sich mit Geld von der eigenen Verantwortung und Schuld freikaufen zu können. Sola fide, allein der Glaube an die mit dem Christusgeschehen geschenkte Gnade und Liebe Gottes befreit uns nach Luther von der Angst und Verzweiflung vor der drohenden Verdammnis.

Für das säkulare Bewusstsein ist Gott zu einer ideologisch-religiösen Altlast geworden, die heute praktisch keine Rolle mehr spielt. Es geht doch sehr wohl ohne ihn, und wenn man bedenkt, was Menschen in seinem Namen bis heute anrichten, kann man leicht behaupten, es geht ohne ihn viel besser.
Dieser Einwand ist kaum zu entkräften. Nur ist er an die Voraussetzung gebunden, dass die Wirklichkeit Gottes mit dieser Vorstellung von Gott identisch ist.

Doch was geschieht mit der Verabschiedung Gottes aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein?
Er hinterlässt einige Lücken:
Da ist (1) die Sinn-Lücke: Gibt es keinen von Gott vorgegebenen Sinn, so müssen wir unserem Leben selber einen Sinn geben. Jeder ist dabei seines eigenen Glückes Schmied. Und so schmieden wir denn, dass die Funken fliegen.
Da ist (2) die Legitimationslücke: Wenn es keine letzte und end-gültige Instanz gibt, werden neue Fundamente gebraucht. Geht es nach universalen (Menschen-) Rechten? Wer definiert die, und wer regelt die Ausführungsbestimmungen? Hat die Vernunft unter den Menschen und Völkern eine Chance, oder ist am Ende alles nur eine Frage der Macht?
Da ist (3) die Gerechtigkeitslücke: Wenn Gerechtigkeit nur als „ein schöner Traum“ erscheint, weil sie nicht mit der Natur des Menschentieres zu verbinden ist, wie soll es dann jemals Frieden in Freiheit geben können?
Da ist (4) die Zeitlücke: Wenn die Ewigkeit komplett ausfällt und die Zukunft als Raum gegenwärtiger Hoffnung nicht mehr in guten Händen geglaubt werden kann, muss alles Verlangen nach Glück hier und jetzt befriedigt werden, weil aufgeschoben möglicherweise doch aufgehoben heißt.
Da ist (5) die Liebeslücke: Wenn bedingungslose Liebe nicht mehr denkbar erscheint, weil doch alles an Bedingungen geknüpft ist und weil alles seinen Preis hat und nichts mehr heilig ist, sind wir dann nicht endgültig Opfer unserer eigenen Verhältnisse geworden?

So stehen wir denn auch im 21. Jahrhundert vor der Frage: Sind wir noch zu retten?
Und wenn nicht alles täuscht, folgen die entscheidenden Prozesse des gesellschaftlichen Lebens in unserer hochkomplexen globalisierten Welt weitgehend noch immer den alten Prinzipien polaren Denkens, das zuerst und vor allem zwischen uns und den anderen unterscheidet und sich deshalb mit immer neuen Ängsten in einer Weise umzugehen genötigt sieht, dass daraus wieder neue Ängste erzeugt werden.
Solange wir eingepfercht im Hamsterrad dieser Ängste und Kämpfe leben, werden wir keine Rettung finden, sondern gezwungen sein, dieses Rad immer schneller zu drehen.
Rettung muss aus einer anderen Richtung kommen.

Wie das im einzelnen geschehen kann, ist sicher nicht einfach und nicht ohne Wirrnisse, Widersprüche und Rückschläge aufweisbar. Es erscheint eher wie ein Wunder, das uns über uns selbst hinauswachsen lässt. Nur ein neues Bewusstsein kann uns dazu bringen. Vielleicht ein Bewusstsein, in dem wir miteinander in einem tieferen, bislang noch kaum begriffenen Sinne und mit neuem Ernst „Vater unser im Himmel“ zu sprechen lernen.
Das mag utopisch klingen, aber gibt es eine andere Möglichkeit? Und nicht zu vergessen: Es hat früher schon einige Male funktioniert. Das kann uns Mut und Hoffnung machen.

Trinitatis – Heilig

Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.
Jesaja 6, 3

Das Wort heilig wird heute – ähnlich wie fromm – von vielen nicht mehr in seinem ursprünglichen Sinn verstanden. Es klingt auf verstaubte Weise nach Kirche und hat auch einen anmaßend erscheinenden Beiklang, wenn es auf bestimmte Menschen bezogen wird. Will sich da vielleicht jemand über den alltäglichen Sumpf erheben, in dem wir doch mehr oder weniger alle stecken? Das ist dann geradezu eine Einladung, einmal genauer hinzuschauen. Erfrischender, provokanter und cleverer erscheint es da, sich von vornherein Unheilig zu nennen, wie es eine Band und ein Sänger, der sich als Der Graf bezeichnen lässt, tun.

Doch wenn alte Begriffe aus der Mode kommen und vergessen werden, ist die Sache, um die es bei ihnen ging, noch lange nicht erledigt. Fromm bedeutete ursprünglich tüchtig, weshalb man früher auch von einem frommen Pferd gesprochen hat und auch Gott selbst fromm genannt wurde.

Mit heilig geht es um noch etwas Größeres. Heilig ist etwas, das der alltäglichen, der profanen Verfügbarkeit entzogen ist, etwas, das nicht zur Disposition steht und an dem nicht ohne weiteres gerüttelt werden darf.
Aber steht nicht alles zur Disposition, muss nicht alles hinterfragt werden und hat nicht alles seinen Preis? Wo diese Denkweise selbstverständlich erscheint, da ist nichts mehr heilig.
Bei dieser Formulierung zucken wir dann vielleicht doch etwas zusammen. Wem nichts mehr heilig ist, der kann machen, was er will, und sein Handeln ganz auf den eigenen Vorteil ausrichten. Das kann doch nicht der Sinn und Maßstab unseres Lebens sein. Einfach deshalb nicht, weil unser Leben von vornherein auf das Zusammenleben angelegt ist: mit anderen Menschen, mit der Natur und auch mit der Kultur, die mich prägt und zu der ich – so oder so – etwas beitrage.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser erste Satz aus Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist für mich ein modernes Äquivalent für das alte Wort heilig, und hier kann ein spannendes Gespräch beginnen. Wir wissen es alle, dass jeden Tag die Würde unzählig vieler Menschen nicht nur angetastet, sondern auf schlimmste Weise mit Füßen getreten wird. Bis heute gehen wir als Menschheit tagtäglich über Berge von Leichen. Angesichts dieser Wirklichkeit kann Art. 1 GG wie Hohn klingen. Haben wir uns an diese Wirklichkeit gewöhnt? Sind wir abgestumpft? Oder müssen wir zynisch sein, weil dieser Dauerwiderspruch anders gar nicht bewältigt werden kann?
Als Mensch, der in einer Weltanschauungsdiktatur aufgewachsen ist, bin ich sehr dankbar für den ersten Satz unserer Verfassung. Gerade weil die Erfahrungswirklichkeit oft so brutal und ungerecht erscheint, ist mir dieser Satz um so wichtiger. Er ist wie ein Kompass, der die Richtung anzeigt, und wie eine Kathedrale, an und in der sich die Bedeutung, Größe und Schönheit unseres Lebens erkennen lässt – nicht nur der Großen, Reichen und Schönen, sondern eines jeden Menschen, auch des Bettlers vor dem Supermarkt, an dem ich mit meinem Einkaufswagen vorbeifahre.
Gewiss bleiben viele konkrete Fragen offen und sind wohl auch nicht so leicht zu beantworten: Ist ungeborenes Leben um jeden Preis zu schützen? Wie ist das mit der Sterbehilfe? Was bedeutet denn Gerechtigkeit konkret? Die Antworten sind nicht in einem Satz zu geben, aber dieser eine Satz ist das Fundament und der Bauplan für alle Antworten.

Was hat das mit unserem Wochenspruch zu tun? Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.
Kurz geantwortet: Ich sehe in ihm das Fundament für das Fundament. (In diesem Sinne bin ich gern ein Fundamentalist.) Gott ist der Architekt des Bauplans.

Das Dreimalheilig hat natürlich zunächst einen feierlich hymnischen Charakter. Im Gottesdienst hat es seinen Platz bei der Anbetung Gottes in der Abendmahlsliturgie.
Das Dreimalheilig kann für uns auch ein Hinweis auf die ersten drei (in der Bibel ursprünglich vier – vgl. 2.Mose 20,2-11) der Zehn Gebote sein. Sie sind der Heiligkeit Gottes gewidmet. Wenn Gott heilig gehalten wird, dann bedeutet das, dass er nicht für menschliche Zwecke und Interessen missbraucht wird. Dass ihm mit Ehrfurcht und Vertrauen begegnet wird. Dass in seinem Namen kein Unrecht geschieht und dass weder bestimmte Menschen noch besondere Dinge oder Ideen vergötzt werden.

Das Dreimalheilig begegnet uns als Wort am Trinitatisfest.
Mit Trinitatis endet die Festzeit des Kirchenjahres. Nach Weihnachten (dem Fest Gottes des Vaters, der in seinem Sohn Jesus Mensch wird), Ostern (dem Fest des Sohnes, der den Tod überwindet und zum Vater zurückkehrt) und Pfingsten (dem Fest des heiligen Geistes, durch den Gott unter den Menschen präsent ist, in ihnen Glauben schafft und dadurch Kirche werden lässt) wird mit dem Dreieinigkeitsfest das besondere Wesen Gottes, wie er dem christlichen Glauben erscheint, in den Mittelpunkt gestellt.
Gott ist eine Beziehung. Und Heiligkeit ist eine besondere Qualität der Beziehung.

Heiligkeit ist keine Eigenschaft, die man besitzen kann. Heilig wird man durch die verwandelnde Kraft der Liebe. Darauf weist auch unsere Alltagssprache hin, wenn sie von der oder dem „Angebeteten“ spricht. Dass wir in diesem Fall immer die Anführungszeichen mitdenken, weist zugleich darauf hin, dass hier etwas Heiliges angesprochen wird. Bei Heiligem ist immer größte Vorsicht geboten.
Im Kolosserbrief werden die Briefempfänger die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten (3,12) genannt. In diesem Sinne sind wir alle Heilige. Machen wir etwas daraus? Das fängt mit der Besinnung an.

Rogate – Neu beten lernen

Gelobt sei Gott, der meine Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
Psalm 66, 20

Rogate heißt Betet! Das Gebet steht im Mittelpunkt der biblischen Texte für diesen Sonntag.
Für die Religionen, die sich auf den ansprechenden und zuhörenden Gott der Bibel beziehen, gehört das Gebet zum Wesen des Glaubens. Die Gottesbeziehung wird im Gebet zur Lebenswirklichkeit. Deshalb ist der biblisch begründete Glaube weit mehr als eine bloße Weltanschauung oder ein Gedankensystem religiöser Grundüberzeugungen. Er ist in seinem Kern Lebensbeziehung, die sich in Worten und Antworten ausdrückt, einprägt und die ganze Existenz des Menschen mit seinen Fragen nach dem Woher und Wohin umspannt.
Aus diesem Grund kann sich das Gebet auch auf so unterschiedliche Weisen äußern, die vom verzweifelten Schrei über die Klage, die Bitte und die Fürbitte für andere bis hin zum Dank und zum Lobpreis reichen; nicht zu vergessen sind dabei auch das Schweigen und Hören. Und auch die Ausdrucksform des Gebets ist nicht auf das laut oder leise gesprochene Wort beschränkt. Bis hin zum Tanz, kann mit Herzen, Mund und Händen vor Gott gebracht werden, was uns Menschen bewegt. Die Erfahrung zeigt, dass ein Gebet mit allen Sinnen und Gliedern die Chance bietet, neue Räume der Selbst- und der Gotteserfahrung zu betreten, die bei einer rein gedanklichen Beschäftigung mit dem dabei zur Sprache kommenden Anliegen im Dunkeln bleiben würden.

Aber hat es überhaupt Sinn zu beten? Gibt es Gott denn wirklich? Warum geschieht dann so viel Leid und so viel Böses? Und wäre es nicht besser, etwas dagegen zu tun, statt zu beten? Das sind die Fragen, die heute immer wieder gegenüber dem Gebet gestellt werden.
Mancher, der seinen Kinderglauben verloren hat, ist von Gott enttäuscht. Seine Bitten sind anscheinend ins Leere gegangen. Auf Gott ist eben doch kein Verlass. Das sind alles nur schöne Sprüche von der Erhörung der Gebete. Von diesen Illusionen muss man sich endlich frei machen und seinem Schicksal ins Auge sehen, damit die andauernde Enttäuschung sich nicht bis in alle Ewigkeit fortsetzt.

Wer so denkt, und das scheinen nicht wenige zu sein, geht von einem recht kindlichen und naiven Gottesbild aus: Gott erscheint darin wie ein großer guter Onkel, der alle Wünsche erfüllt und das gefälligst auch tun sollte. Wenn er dieser Instrumentalisierung nicht gerecht wird, dann wird er aus meinem Leben ausrangiert wie ein nutzloses Gerät, das nicht mehr tut, was es soll. Man kommt zu dem Schluss, dass Gott gar nicht da ist, dass es ihn überhaupt nicht gibt, obwohl sich doch nur das eigene Bild von Gott als Illusion erwiesen hat. Welch ein Irrtum!

An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Für die einen ist Gott passé, weil sie gar nicht auf den Gedanken kommen, dass das Problem auch in der eigenen Vorstellung von Gott liegen könnte. Für die anderen beginnt hier ein Weg des Suchens und Ringens nach und um den fremd gewordenen Gott, der vielleicht ganz anders ist und wirkt, als man vorher angenommen hatte.
Ein schönes Bild für dieses Ringen ist der Kampf des alttestamentlichen Erzvaters Jakob mit einem Unbekannten am Fluß Jabbok. Nachdem beide die ganze Nacht miteinander gerungen hatten, ohne dass der eine den anderen überwinden konnte, bittet der Fremde schließlich kurz vor Tagesanbruch, dass Jakob ihn loslassen soll. Doch Jakob entgegnet:
„Ich lasse sich nicht, du segnest mich denn.“ (1Mose 32,27)
Dieses Ringen mit Gott ist im Grunde ein Ringen um einen neuen Zugang zu und ein neues Bild von Gott. Es schließt den Abschied von vertrauten, aber nicht mehr tragfähigen Vorstellungen und Gewohnheiten ein und damit auch die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Das kann schmerzhaft, verunsichernd und anstrengend sein. Doch das ist ein ganz natürlicher Prozess, den wir in allen wichtigen Bereichen unseres Lebens finden. Sollte ausgerechnet der Glaube vom Lernen, von Entwicklung und Wachstum ausgenommen sein?

Reifes Beten ist immer auch ein Fragen nach Gott, ein Suchen nach neuen Möglichkeiten, die alten Beschränkungen und Hindernisse im Verhältnis zu ihm zu überwinden, ein Hören auf sein Wort und die Bereitschaft, sich selbst verändern zu lassen.
Reifes Beten fordert nicht: Lieber Gott, mach es doch so, wie ich es am liebsten hätte.
Reifes Beten sagt: Dein Wille geschehe. Hilf, dass ich ihn erkennen und so damit umzugehen lerne, dass es dir zur Ehre und zum Wohl der Menschen dient. Herr, mache mich zu einem Instrument deines Heils.
Solches reife Beten ist kein Ersatz für notwendiges Handeln, sondern oft geradezu der Grund und die Kraftquelle zu seiner Ermöglichung. Dort, wo es wirklich schwer wird und der nur auf sich selbst vertrauende Mensch an seine Grenzen kommt, dort hilft und trägt das reife Gebet wirklich und wirksam weiter.
In diesem Sinne lässt sich auch das Wort verstehen, das Reinhold Schneider im Jahre 1936 an den Anfang eines großen Gedichtes stellte: Allein den Betern kann es noch gelingen das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten.

Solches Beten führt zu der Gewissheit, dass wir nicht von Gott verlassen sind, sondern uns auf ihn, der höher ist als unsere Vernunft verlassen können. Wie von selbst führt der Weg solchen Betens dann zu dem Lobpreis unseres Wochenspruchs: Gelobt sei Gott, der meine Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.