Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres – Utopie und Präsenz

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag der Heils!
2.Korinther 6, 2

Im November neigt sich das Kirchenjahr seinem Ende zu. Die drei letzten Sonntage werden rückwärts gezählt. Das hat einen ganz praktischen Grund: In Abhängigkeit vom Ostertermin schwankt die Zahl der Trinitatissonntage von Jahr zu Jahr. Der drittletzte, der vorletzte und der letzte Sonntag im Kirchenjahr kehren aber jedes Jahr wieder und mit ihnen die Themen unserer Zeitlichkeit und Zukunft.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen, scheint es uns oft so, als hätten wir alle Zeit der Welt. Da kommt es auf ein paar Stunden oder Tage nicht so sehr an. Doch wenn wir erfahren, dass uns oder einem unserer Lieben höchstwahrscheinlich nur noch wenig Zeit zum Leben bleibt, gewinnt jeder Augenblick plötzlich ganz stark an Wert.
Dann beginnen wir schnell zu unterscheiden zwischen dem, was uns wichtig ist, und dem, was weniger wichtig ist. Wir überlegen, was wir noch tun, noch erleben oder noch in Ordnung bringen wollen.

Was hier für den Einzelnen gilt, kann auch ganze Gesellschaften und Kulturen erfassen. Die Vorstellung, in der Endzeit zu leben, die von großen Katastrophen begleitet wird, hat die Menschen in verschiedenen Spielarten bis in unsere Zeit hinein immer wieder neu ergriffen und in große Anspannung versetzt. Wenn dabei aktuelle Phänomene wie die teilweise verheerenden Auswirkungen der immer wahrscheinlicher werdenden Klimaveränderungen und alte Überlieferungen wie z.B. die des Mayakalenders zusammenkommen, kann sich ein Plausibilitätsdruck aufbauen, der in das öffentliche Bewusstsein eindringt und damit zur Ursache weiterer selbstverstärkender Wirkungen wird.

In einer solchen angespannten Erwartungssituation befanden sich auch die ersten Christen. Sie rechneten mit dem nahen Ende der Zeit, mit der Parusie (der Wiederkunft Christi) und dem Weltgericht. Das ist auch der Grund, weshalb mit der Niederschrift der Evangelien erst nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 begonnen wurde. Die Parusieverzögerung musste verarbeitet und theologisch bewältigt werden.
In der Evangelienlesung des drittletzten Sonntages stellen die Pharisäer, die erst nach dem Jahr 70 zur einflussreichsten religiösen Gruppierung im Judentum aufstiegen, die Frage: Wann kommt das Reich Gottes? (17,20). Und Lukas schreibt um das Jahr 90 als Antwort Jesu: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. (17,20f.).

Damit ist eine neue Sicht eröffnet, die zu einer veränderten Einstellung führt. Man kann das als eine Wende von der Utopie zur Präsenz interpretieren.
Die Utopie denkt von der Erwartung einer bestimmten Zukunft her. Wenn sie das öffentliche Bewusstsein beherrscht, kann sie große Kräfte freisetzen. Damit ist aber die Gefahr verbunden, dass die Wahrheit im Sinne der Erwartungen zurechtgebogen wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und dass widerständige Ereignisse wie auch Menschen massiv unterdrückt und attackiert werden. In unserer jüngsten Geschichte geben der Nationalsozialismus und der real gescheiterte Kommunismus die finstersten und leidvollsten Beispiele für diesen Mechanismus, der sich auch in vielen anderen Zusammenhängen auswirkt.
Präsenz geht von der Gegenwart aus. Das kann unter dem Primat der Selbstbezogenheit zur rücksichtslosen Befriedigung der momentanen Eigenbedürfnisse führen. Auf die Marquise de Pompadour (1721–1764) wird die Wendung nach uns die Sintflut zurückgeführt, in der diese Haltung und ihre katastrophalen Folgen treffend gekennzeichnet sind. Egomanische Präsenz führt zur Zerstörung der Zukunft und damit in den eigenen geistigen, psychischen, moralischen und oft auch physischen Untergang. Doch wo die kopernikanische Wende und Umkehr vollzogen wird und das eigene Ich mit seinen Strebungen nicht länger als Mittelpunkt des Lebens gilt, ist eine andere Art von Präsenz möglich.
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag der Heils! Dieses Bibelwort stellt die Begegnung mit einer neuen Tiefe und Erfüllung des Lebens in Aussicht. Die Voraussetzung dafür ist eine Präsenz, in der achtsame und respektvolle Offenheit für das Gegenwärtige im Mittelpunkt steht.
Dort, wo es nicht um einfache Gegenstände geht, sondern um die Begegnung mit einem Gegenüber, führt das Bestreben, dieses Gegenüber besitzen zu wollen, zu einer Störung der Beziehung, wenn nicht gar zur Zerstörung des Gegenübers und in letzter Konsequenz auch des eigenen Lebens. Das gilt für unser Verhältnis zur Natur, zu anderen Menschen und auch gegenüber der letzten und tiefsten Erfüllung des Lebens, die wir herkömmlicherweise das Religiöse nennen.
Das Wort Jesu: Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch ist deshalb zugleich ein Aufruf zur Umkehr zu dieser neuen, spirituellen Präsenz. Nur ihr erschließt sich das Reich Gottes, das nach einem Wort des Paulus nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist ist (Römer 14,17).

Und wie sieht diese neue Gegenwärtigkeit angesichts unserer Endlichkeit und Bedrängtheit von Leiden und Tod aus? Ähnelt sie einem resignierten Sich-Fügen? Oder schöpft sie aus einer tieferen Fülle, über die der Tod keine Macht hat? Als Antwort mag ein Satz dienen, der Martin Luther zugeschrieben wird: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

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18. Sonntag nach Trinitatis – Lieben!

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1.Johannes 4,21

Diesem Gebot können wir doch nur zustimmen. Gibt es da überhaupt noch etwas zu sagen?
Die Fragen beginnen dort, wo man sich von der hohen Warte des Grundsätzlichen herab in das Gestrüpp des Alltäglichen und Praktischen begibt. Anders ausgedrückt: Der Teufel steckt im Detail, und dort muss er auch ausgetrieben werden.

Hier ist vom Bruder die Rede. Die Schwester denken wir selbstverständlich mit, aber trotzdem: Warum wird hier dieser enge Verwandtschaftsgrad angegeben? Soll das wie bei den drei Losungswörtern der französischen Revolution auf eine universale Brüderlichkeit hindeuten? Alle Menschen werden Brüder…? Schiller und Beethoven sehen darin ein Gipfelerlebnis und eine Vision für die gesellschaftliche Wirklichkeit, die durch die Mode streng geteilt ist.
Oder deutet dieser enge Radius der Liebe auf einen besonderen Realismus hin? Du kannst nicht alle Menschen lieben, aber deinen Bruder?
Da das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe scharf zwischen den Glaubenden, die zu Gott gehören, und der Welt unterscheiden (vgl. den Wochenspruch vom 17. Sonntag nach Trinitatis) liegt die Vermutung nahe, dass es hier um die brüderliche Liebe zwischen den Glaubenden geht.
Im Johannesevangelium gibt Jesus dieses Gebot im Anschluss an die Bildrede vom Weinstock und den Reben, in der er auf die enge Verbundenheit durch den Glauben hinweist: Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe (15,12). Sechs Verse später ist dann vom Hass der Welt die Rede.
Wenn wir bedenken, welche Konflikte oft gerade zwischen Glaubensbrüdern entstehen, und wie oft schon daraus Hass entstanden ist, der zu bitterem Streit und Kriegen geführt hat, erscheint dieser Hinweis auf die Liebe unter Glaubenden, die sich als Kinder eines Vaters verstehen, nicht überflüssig, sondern bitter nötig. Im Glauben spricht sich das Selbstverständnis des Menschen aus, das sein Hoffen und Handeln wesentlich bestimmt. Deshalb gehört er nach Paulus zu den drei bleibenden Charismen Glaube, Hoffnung, Liebe. Der Apostel lässt aber keinen Zweifel über ihre Rangfolge aufkommen: die Liebe ist die größte unter ihnen (1.Korintherbrief 13,13).

Auf der anderen Seite wird es gefährlich, wenn wir in Gedanken ein nur einfügen und das Gebot der Liebe auf die Geschwister im Glauben begrenzen. Dann kommt es zu der Gegenüberstellung von Wir, die Glaubenden, die Auserwählten, und die Anderen, die Ungläubigen, die Verdammten. Das ist die Soziologie des Teufels. Welche verheerenden Wirkungen von ihr ausgehen, ist bis heute täglich zu spüren.
Deshalb ist es sehr wichtig zu beherzigen, dass Jesus in seiner Bergpredigt auch dazu ein sehr klares Wort sagt: Wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? (Matthäus 5,46f.)
In deutlichem Gegensatz zur gültigen Norm und üblichen Lebenspraxis, wonach der Nächste geliebt und der Feind gehasst wird, predigt Jesus: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (5,44f.).

Aber ist das überhaupt möglich, meine Feinde lieben? Oder ist das eine zu radikale Über-Forderung, die weit über das Normalmaß unserer allzumenschlichen Alltäglichkeit hinausreicht? Damit sind wir bei der Frage, was das denn heißt, lieben?
Auch dazu hat sich Jesus sehr anschaulich und eindrücklich geäußert: In dem von Lukas (15,25–37) überlieferten Gespräch Jesu mit einem Schriftgelehrten über die Voraussetzungen zum ewigen Leben nennt dieser das Doppelgebot der Liebe: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18) und wirft dann die spannende Frage auf: Wer ist denn mein Nächster? (Lukas 15,29). Jesus erzählt daraufhin die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Dieser Fremde leistet dem Überfallenen erste Hilfe, während ein Priester und ein Levit (Tempeldiener) aus dem eigenen Volk vorüber gingen. Entscheidend ist, wie Jesus die Fragestellung am Ende umkehrt: Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? (10,36) Daran wird sowohl deutlich, wie der Begriff des Nächsten von Jesus verwendet wird, aber auch, was er unter Liebe versteht. Es geht nicht um das große Gefühl, sondern um ein Handeln, das zum Leben hilft.
In diesem Sinne ist die Feindesliebe keine unmögliche Forderung, sondern die wichtigste reale Voraussetzung für den Frieden. Liebe deinen Feind, denn er ist wie du bedeutet: Auch der, den du jetzt noch als Feind betrachtest, hat Bedürfnisse und Ängste wie du selbst. Wenn du das erkennst und ihm das zuerkennst, ist der erste Schritt zur Entfeindung bereits getan, weil damit eine menschliche Basis geschaffen ist, auf der sich beide Seiten verstehen und verständigen können. Leben in Frieden ist nur miteinander, nicht aber gegeneinander möglich.

Dieses Verständnis der Liebe, das aus dem Glauben entspringt, der uns alle Menschen als Kinder eines Vaters sehen lässt, ist das Herzstück der biblischen Lebensauffassung. Es wird immer wieder mit verschiedenen Worten umkreist und in die menschliche Gesellschaft hineingesprochen. So auch in dem Gebet, das Franziskus von Assisi zugeschrieben wird:
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis – Mensch, Jesus

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19, 10

Natürlich möchten wir unser Kind auf eine gute Schule schicken. Es soll gut auf sein späteres Leben vorbereitet werden. Dazu gehören gute Lehrer, eine gute Atmosphäre und ein guter Umgang.
Guter Umgang ist besonders wichtig. Die Menschen, mit denen es tagtäglich umgeht, üben einen starken Einfluss auf unser Kind aus. Da wünschen wir uns einen interessanten und interessierten, offenen und aktiven, engagierten und mitfühlenden, starken und bewussten, klugen und besonnenen Umgang.
Der bringt unser Kind weiter, nicht aber solche Typen, die den ganzen Tag nur träge rumhängen, sich jeden Schund reinziehen, noch kein einziges Buch gelesen haben, manchmal im Supermarkt etwas mitgehen lassen, starke Sprüche klopfen und den Mund nicht aufkriegen, wenn man sich ernsthaft mit ihnen unterhalten will.
Guter Umgang ist auch im späteren Leben wichtig. Er ist eine Ehre und eine Zierde, haben unsere Eltern dazu gesagt. Schlechter Umgang schadet, färbt ab, zieht runter, lässt einen selbst anrüchig erscheinen. Wer etwas auf sich hält, meidet schlechten Umgang und legt Wert auf Distinktion.

Ob Maria und Josef es vergessen haben, ihrem Sohnemann das beizubringen? Vielleicht haben sie es ja versucht, doch er schert sich nicht darum. Und nicht nur das: Er stößt den guten Umgang geradezu vor den Kopf. Die Pharisäer, die es wirklich ernst meinen und ganz bewusst leben, und die Gebildeten, die Schriftgelehrten, die viel Wissen und Einfluss erworben haben und deshalb auch allgemeine Achtung genießen – sollte der junge Jesus nicht froh und dankbar sein, wenn er als Handwerkersohn in den besseren Kreisen Aufnahme und Gehör findet? Vielleicht würden sich da auch für ihn manche Aufstiegschancen ergeben…

Aber nein, unser Jesus treibt sich mit diesem Gesindel rum: Sünder, denen es wurscht zu sein scheint, was gut und böse ist, Huren, die sich für Geld hingeben und wahrscheinlich keinen Funken Ehre mehr im Leib haben, Zöllner, die andere schamlos über den Tisch ziehen, Fresser, Weinsäufer, Strolche jeder Art. Wer solchen Umgang hat, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er schief angesehen wird. Und wo das hinführen kann, hat man ja gesehen bei Jesus.

Aber er will offensichtlich nicht vernünftig sein. Als ihn die Leute, die für ihn ein guter Umgang hätten sein können, deswegen zur Rede stellen, da sagt er doch glatt: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Und dann erzählt er auch noch solche Stories wie die von den zwei Söhnen, von denen der eine erst alles, was er von seinem Vater bekommen hat, in kurzer Zeit verjuxt und am Ende, als er wie ein herumstreunender Hund wieder angekrochen kommt, noch groß gefeiert wird. Ist es nicht ziemlich verantwortungslos und jugendgefährdend, derartige Geschichten in die Weltliteratur zu setzen?
Oder handelt er etwa nach der Devise Gottessöhne dürfen das?

Wenn er bei uns heute leben würde, hätte Jesus es ganz und gar nicht leicht.
Und auch die, die ihn besonders verehren, würden mit ziemlicher Sicherheit öfter den Kopf schütteln, wenn sie ihn so erleben könnten.
Aber vielleicht hat er uns ja gerade deshalb etwas zu sagen, wer weiß?

Exaudi – Jesus zieht

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Johannesevangelium 12,32)

Der Sonntag Exaudi liegt zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Sein Name Erhöre! ist von dem Leitvers (der Antiphon) für diesen Tag in Psalm 27,7 abgeleitet: HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Noch heute verrät es unsere Sprache, dass Gott vor allem im Modus des Gebetes begegnet. Wendungen wie Ach Gott! oder Mein Gott! haben sich tief in unseren Sprachgebrauch eingeprägt und scheinen kaum ersetzbar zu sein.
Wir kommen Gott näher, wenn wir nicht über Gott (in der dritten Person), sondern zu Gott (in der zweiten Person) reden.
Das menschliche Flehen um Erhörung und Errettung kommt auch in der letzten der sieben Bitten des Vaterunsers zur Sprache: Erlöse uns von dem Bösen.

Der Wochenspruch klingt wie eine Antwort Jesu auf diese Bitten um Erhörung: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
Das ist weit mehr als eine gewöhnliche Antwort. Es ist das Versprechen einer grundlegenden Veränderung unserer Lebenssituation.

Wer ein Bild sucht, mag an die Rettung von Schiffbrüchigen denken. Ihr Schiff ist gekentert. Sie sind vom Untergang bedroht. Jetzt kann nur helfen, wer über die Möglichkeit verfügt, die Verlorenen auf festen Boden zu ziehen.
Es gibt durchaus solche dramatischen Situationen, in denen uns das Wasser bis an die Kehle geht (Psalm 69.2ff.) und ein rettender Arm zur rechten Zeit lebensentscheidend sein kann.

Manche Verkündiger des christlichen Glaubens spitzen ihre Predigt gern auf solche Situationen zu, um die Menschen aufzurütteln, ihnen die Augen für ihr verborgenes Elend zu öffnen und sie zum Heil zu bekehren.
Es ist aber ein sehr umstrittenes Vorgehen, wenn das normale Leben und diese Welt möglichst dunkel gemalt werden, damit das Angebot der Erlösung dann um so heller davon abgehoben werden kann. Das stößt vielen Menschen unangenehm auf und entspricht eher dem fundamentalistischen Eifer einzelner ideologisierter Gruppen, nicht aber der Breite der biblischen Botschaft und der Verkündigung des historischen Jesus.
Theologisch gesprochen: Die Schöpfung und die Erlösung bleiben aufeinander bezogen, sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Doch die andere Seite der Medaille ist auch nicht zu vergessen: Als Menschen sind wir Geschöpfe, die nur ein sehr begrenztes eigenes Bild vom Ganzen der Schöpfung und ihrem Schöpfer haben, die in Ängsten und Eigensinn verstrickt sind, die von sich aus kein Heil schaffen können und dort, wo sie es etwa im Namen der Religion versuchen, immer wieder größeres Unheil produzieren. Das lehren uns auch die Erfahrungen, die wir in der Geschichte mit uns selbst haben machen müssen.

Es bedarf eines höheren Standpunktes, ungetrübt von den Begrenztheiten der menschlichen Perspektive und frei von den Verstrickungen menschlicher Angst, um den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft (Philipperbrief 4,7) zu erlangen.

Über das Wie gibt es im Neuen Testament verschiedene Aussagen:
Der irdische Jesus, wie ihn die ersten drei Evangelien schildern, ruft die Menschen in seine Nachfolge: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. (Markus 8:34-35)
Der vom Himmel herabgekommene Christus des Johannesevangeliums fügt diesen Worten (Joh 12,25-26) die Verheißung unseres Wochenspruchs (Joh 12.32) hinzu. Er selbst bahnt mit seinem Sterben den Weg ins Leben. Seine Erhöhung führt ihn ans Kreuz (12,33) und auf diesem Weg zurück zum Vater. Wer ihm verbunden bleibt, den zieht er aus der Finsternis ins Licht.
Das sind alles Aussagen von großer metaphorischer Tiefe. Dem rational distanzierten Verständnis werden sie sich wie Reisebeschreibungen in gänzlich neue Regionen nur schwerlich erschließen. Wer sich aber selbst auf den Weg in die Nachfolge aufmacht, wird dabei auch spüren können, dass der, dem er nachfolgt, ihn begleitet, zieht und trägt. Jesus zieht, auch heute noch.