16. Sonntag nach Trinitatis – Cool!

Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. 2.Timotheus 1,10

Gestorben wird immer. Viel zu oft trifft uns der Tod auf erschreckende Weise: ganz plötzlich oder auf dem Weg einer langen, tückischen Krankheit, oder durch persönliche Gewalt und massenhaft, wenn Katastrophen oder Terror und Krieg losbrechen.
Den Tod können wir nicht aus der Welt schaffen, und am Ende ist er das Einzige, was uns allen sicher ist.

Die Beschäftigung mit dem Wochenspruch kann das nicht ignorieren oder leicht und fröhlich überspringen. Auf dem Hintergrund unserer täglichen Erfahrung mit dem Tod, erscheint diese Botschaft mehr als gewagt.
Damit nicht genug: In den gottesdienstlichen Lesungen begegnen uns an diesem Sonntag auch noch zwei Geschichten aus den Evangelien, die ganz handfest davon erzählen. Da ist als erstes die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus aus Johannes 11: Jesus ruft den schon seit drei Tagen im Grab Liegenden, von dem bereits Verwesungsgeruch ausgeht, aus seinem Grab heraus. Und Lazarus kommt mit Grabbinden umwickelt aus dem Tod zurück. Und dann die Geschichte von der Auferweckung des Jünglings zu Nain in Lukas 7: Jesus stoppt den Trauerzug mit dem Sarg, berührt ihn und sagt dem Toten, dass er aufstehen soll und gibt ihn seiner weinenden Mutter zurück.

Was soll ich, was kann ich dazu sagen?
Am besten ich fange mit dem an, was ist: ich bin an dieser Stelle erst einmal ratlos.
Also muss ich mir Rat holen. Weit muss ich dazu nicht gehen. Ich kenne die verschiedenen Positionen und Meinungen doch recht gut und versuche jetzt einfach mal mit ihnen ins Gespräch zu kommen:

Da ist zunächst der moderne Mensch. Der sagt mir: Mach dir keine unnötige Mühe mit diesen alten Geschichten. Tot ist tot. Auferweckung gibt es nicht. Das haben die Menschen früher geglaubt. Heute sind wir aufgeklärt. Das sind nur fromme Vorstellungen und Wünsche. Von denen sollten wir uns nicht den Verstand vernebeln lassen.
Aber kann ich die Bibel einfach so abtun? Wenn ich mir nur noch das raussuche, was ich sowieso schon denke und glaube, dann mache ich mich doch selbst zum Maßstab und die Bibel überflüssig.

Richtig!, unterstützt mich jetzt eine Mitchristin, die immer wieder betont, dass man am Wort Gottes nicht herumdeuteln darf. Der Heiligen Schrift muss man glauben und vertrauen. Wir können Gottes Wunder nicht immer mit unserem Verstand erfassen. Doch Gott ist kein Ding unmöglich.
Natürlich kenne ich diese Position sehr gut, aber ich werde nicht so richtig froh dabei. Sie klingt mir zu sehr nach trotziger Rechthaberei. Zweifel lassen sich nicht verbieten, und überhaupt: Gottes Wort soll doch eine frohe und befreiende Wirkung haben und muss deshalb auch so rübergebracht werden.

So ist es und so war es!, antwortet mir als nächstes ein Professor der Bibelwissenschaften. Wir müssen die Bibel im Kontext ihrer Zeit verstehen. Historisch belegt ist, dass es für die Menschen damals keine ganz und gar unmögliche Vorstellung war, dass jemand von den Toten zurückkehrt. Nehmen wir nur mal die alten Ägypter, oder auch die alten Griechen…
Ich fürchte, das wird ein langer Vortrag, wenn ich hier nicht unterbrechend eingreife. Mir geht es nicht so sehr um die historische Gelehrsamkeit, sondern um das Evangelium für uns heute.

Genau, meldet sich jetzt eine Psychologin. Wir müssen solche Geschichten heute symbolisch verstehen und fragen, was sie uns eigentlich sagen wollen. Es geht doch darum, dass wir starke Impulse zum Leben finden. Diese alten Geschichten sprechen tiefere Schichten in unserer Seele an.
Ich gebe zu, dass ich diese Meinung ganz ansprechend finde, aber so richtig wohl ist mir nicht dabei. Werden die biblischen Geschichten dabei nicht nur wie alte Gemälde ausgesucht und benutzt, um heutige Erkenntnisse zu illustrieren und zu veranschaulichen?

Ich bin weiter ratlos und schaue mich um, ob da noch jemand ist, dessen Meinung ich hören sollte. Da ist noch ein Jugendlicher, der bisher nicht zu Wort gekommen ist. Ich ermuntere ihn und frage ihn nach seiner Sicht. Was hältst du von den Geschichten, wo Jesus Tote auferweckt?
Cool!, antwortet er.
Nur dieses eine Wort.
Mein erster Gedanke ist: Typisch!
Aber ich bin auch verblüfft, weil ich das jetzt nicht erwartet hätte.
Da stammle ich rum, bin ratlos, frage die Experten, komme zu keinem klaren Schluss wie ich diese für uns so schwierig gewordenen biblischen Worte und Geschichten heute auslegen soll, und dieser Typ tut das mit einem einzigen Wort: cool.
Zuerst wehre ich mich noch dagegen:
Ganz so einfach und salopp kann man damit doch nicht umgehen.
Da steckt doch so viel drin und auch dahinter!
Hier geht es doch um zentrale Aussagen und Wunder des christlichen Glaubens!
Darüber werden seit alter Zeit immer wieder große Predigten gehalten und dicke Bücher geschrieben!
Und die Gemeinde erwartet doch etwas Klares, Stärkendes und Richtungsweisendes!
Ich komme damit nicht klar. Ich fühle mich wie Goethes Faust, der unter anderem auch Theologie studiert hat : Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Und dann kommt dieser junge Mensch und sagt einfach nur Cool!

Ehrlich gesagt, ich wußte nicht einmal so hundertprozentig, was genau mit diesem Wort gemeint ist. Aber ich habe im Duden nachgeschlagen. Dort steht unter cool: Jugendsprache für hervorragend.
Und das trifft es genau!
Was hier von Jesus erzählt wird, ragt aus dem, was mir sonst im Leben begegnet, so einmalig hervor, dass ich es gar nicht fassen kann. Das ist wie eine ganz neue Sicht auf das Leben. Vieles in mir wehrt sich auch dagegen, aber diese Worte und Geschichten lassen mich einfach nicht wieder los. Ich vermute, das ist ihr wahrer Sinn: dass sie in uns wie ein göttliches Samenkorn keimen und wachsen und aufgehen und Frucht bringen. Wenn Gott zu reden anfängt, sieht das Leben – trotz aller meiner Erfahrungen – anders aus.

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9. Sonntag nach Trinitatis – Die Abrechnung

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. (Lukas 12.48)

Das Strafrecht scheint kein besonders erbauliches Thema zu sein. Doch es dient dazu, das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft zu schützen, indem es schädigende Handlungen als solche definiert und mit Strafen belegt. Auf diese Weise soll ein entsprechendes moralisches Wertbewusstsein erzeugt und eine abschreckende Wirkung bei Zuwiderhandlung erzeugt werden. Beides ist für das Funktionieren der Rechtsordnung wichtig.
Wenn das moralische Bewusstsein ausgehöhlt wird – etwa durch die Zunahme der Auffassung, dass doch alle ein bisschen tricksen und der Ehrliche am Ende der Dumme ist, orientiert sich das Verhalten stärker an dem Grundsatz, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Dann kann es geradezu als Zeichen von Cleverness und sportlichem Wagemut erscheinen, wenn Menschen mit Ausdauer und Rafinesse nach Schlupflöchern suchen, um sich zu Lasten anderer oder der Allgemeinheit einen Vorteil zu verschaffen. Die hässliche Kehrseite ist ein wachsendes Misstrauen unter den Menschen: Jeder denkt doch zuerst an sich. Man kann sich auf niemanden (mehr) verlassen.

Früher sorgte noch ein weiteres Prinzip für Respekt und Ehrfurcht vor dem, was Recht ist: der Gedanke, dass Gott alles sieht und es am Ende des persönlichen Lebens eine Abrechnung geben wird, bei der jeder Mensch seinen oder ihren gerechten Lohn für das empfängt, was er oder sie im Leben getan hat.
Gibt es so etwas wie eine Abrechnung am Ende des Lebens? Der Gedanke ist weit verbreitet, in Teilen der Bibel und auch in anderen Religionen. Er entspricht unserem Bedürfnis nach ausgleichender Gerechtigkeit.
Der säkularen Weltanschauung ist diese Vorstellung fremd geworden. Damit scheint auch der Wochenspruch, der am Ende einer Gleichnisrede Jesu über das (Wieder-) Kommen des Menschensohnes (Lukas 12,40) steht, an Plausibilität und Bedeutung zu verlieren.
Die Angst vor dem kommenden Richter hat die Menschen früherer Zeiten sehr stark umgetrieben. Heute scheint daraus ein religiöses Sonder- und Randthema geworden zu sein, das die Allgemeinheit nicht mehr berührt und beunruhigt.

Es kann heute nicht mehr Aufgabe und Ziel des christlichen Glaubens sein, mit einem Gott, der aus dem Irgendwo alles sieht und vergelten wird, zu drohen. Es kommt aber sehr wohl darauf an, die Bedeutung des dahinterstehenden Themas zu erkennen und auf angemessene Weise zur Sprache zu bringen.
Wir sind für unser Leben verantwortlich und stehen vor der Herausforderung, unsere menschlichen Möglichkeiten nicht zu verfehlen, sondern zu erfüllen.
Was äußerlich war, wird innerlich.
Das Gefühl, anderen und sich selbst im Leben etwas schuldig geblieben zu sein, ist gewiss nicht von der massiven Einfachheit wie die Angst vor den ewigen Strafen. Und es mag Menschen geben, die dieses Gefühl überhaupt nicht zu kennen scheinen. Sie sind schon gestraft, denn ihnen bleiben offensichtlich auch die Freude und das Hochgefühl verborgen, das aus verantwortungsvollem Handeln und Dasein für Andere erwachsen kann. Wer aber diesen inneren Reichtum entdeckt und erfahren hat, wem auf diese Weise viel gegeben und anvertraut ist, dem wird es auch viel ausmachen, ob er am Ende sagen kann, dass er ihn gewinn- und segenbringend eingesetzt hat.

8.Sonntag nach Trinitatis – Meine Güte

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Epheser 5, 8–9

Du meine Güte! Schon wieder eine Mahnung. Die Bibel und vor allem die Briefe im Neuen Testament enthalten ziemlich viele Mahnungen, die daran erinnern, was man tun oder lassen soll. Bringt das etwas?

Viele werden sich noch erinnern, wie sie als Kinder die Mahnungen der Erwachsenen über sich ergehen lassen mussten. Da haben die Großen den Kleinen buchstäblich von oben herab klarzumachen versucht, wie sie sich verhalten sollen. Begeistert hat das die Kleinen kaum, denn meistens war es wie ein Dämpfer gegen das, was gerade Spaß gemacht hatte, aber aus irgendeinem tieferen Grund angeblich nicht gut sein sollte. Du wirst das später schon selber noch einsehen, wenn du ein Stück weiter bist!, haben die Großen dann manchmal noch nachgeschoben. Die Kleinen hat das wohl selten erreicht, denn sie waren ja noch nicht so weit.
Heute ist man allgemein etwas zurückhaltender mit Mahnungen. Die Kleinen sollen selbst ihre Erfahrungen machen und herausfinden, was geht und wo es hinführt. Schulmeisterei ist verpönt. Das Leben ist ein Experiment.
Das ist es wohl, aber gleichzeitig ist das Leben immer auch schon der Ernstfall, der nicht zurückgenommen und wiederholt werden kann. Deshalb ist die Frage nach dem guten Leben nach wie vor wichtig.

Solange wir nach dem Lustprinzip leben, ist gut, was uns Spaß macht und bei Lust und Laune hält. Am einfachsten und überzeugendsten scheint das mit viel Geld machbar zu sein. Wer viel Geld hat, kann sich vieles leisten.
Doch so einfach ist es natürlich nicht. Zum einen ist der Spaß an den Spielsachen ein ziemlich flüchtiges Erlebnis, das bald dem Überdruss und dem Hunger nach neuen Spielsachen weichen muss. Und zum anderen gibt es bei einem guten Leben nach dem Lustprinzip jede Menge Fragen und Folgekosten, die auf Dauer mindestens so lästig werden wie die mahnenden und nervenden Erwachsenen aus fernen Kindertagen.

Eine tiefere und nachhaltigere Bestimmung des guten Lebens führt über das Lustprinzip hinaus und achtet darauf, wie der Einzelne in Harmonie und Ko-Evolution mit seiner Umgebung, den Mitmenschen, der Natur und der Kultur, leben kann. Selbst Gutes bewirken zu können, ist auf Dauer befriedigender als Gutes und Güter nur zu verbrauchen.

Der Epheserbrief sieht und zieht hier eine Grenzlinie, die er mit dem diametralen Gegensatz von Finsternis und Licht gleichsetzt. Entscheidend ist für ihn dabei, ob jemand nur aus seinen eigenen trügerischen Begierden lebt (4,22) oder in der Liebe (5,2).
Nachdem er diesen Unterschied und auch seine Folgen klar gemacht hat, kann er dazu aufrufen: Lebt als Kinder des Lichts.
Es ist für jeden Einzelnen, aber auch für unsere gemeinsame Welt ein tragischer Verlust, wenn jemand diese Berufung zur gereiften Menschlichkeit nicht mit Leben erfüllt, sondern seine Güte verfehlt. Diese Gefahr ist groß und die Mahnung ebenso berechtigt wie die Warnung vor Trunkenheit am Steuer.

Was das gute Leben ausmacht, nennt der Epheserbrief die Frucht des Lichts und hebt dann drei einzelne Früchte besonders hervor: Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Das sind natürlich große und allgemeine Begriffe, die in der Praxis konkret gefüllt werden müssen, damit gutes Leben daraus erwächst.

Ein wichtiger Hinweis, wie das gelingen kann, ist schon in der rechten Verhältnisbestimmung von Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit zu finden.
Wir können dabei an das Fingerspiel Papier, Stein und Schere denken: Das Papier wickelt den Stein ein. Der Stein schleift die Schere. Die Schere schneidet das Papier. Alle drei sind auf diese Weise ringförmig miteinander verbunden.
Noch etwas komplexer ist der Zusammenhang von Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit:
Die Güte öffnet das Herz und lässt die Gerechtigkeit barmherzig und die Wahrheit menschlich werden. Die Gerechtigkeit öffnet Mund und Hände und bewahrt die Güte vor Einseitigkeit und die Wahrheit vor bloßem Formalismus. Die Wahrheit öffnet die Augen und hilft der Güte zum Verstehen und der Gerechtigkeit zu tieferen Einsichten in ihre Zusammenhänge, Voraussetzungen und Möglichkeiten.

Dass wir damit nicht ans Ende kommen, versteht sich von selbst.
Andererseits ist es gut zu wissen, dass wir nicht am Ende sind, solange wir uns auf diesem Weg zum guten Leben befinden.
Meine Güte ist das ganz persönliche Projekt gelingenden Lebens.