Der Geist für’s Leben (Taufpredigt)

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2.Tim 1,17)

Ihr Lieben,

was soll aus N. und J., was soll aus den Kindern einmal werden?
Eine vielschichtige Frage!
Wichtig ist vor allem, wie sie mit dem Leben zurechtkommen,
vor allem mit sich selbst und mit ihrer Umgebung.
Anders ausgedrückt: Wessen Geistes Kind sind sie und werden sie sein?

In unserem Taufspruch wird zuerst der Geist der Furcht (oder Angst) genannt.
Der ist offensichtlich weit verbreitet – damals wie heute.
Das Leben, diese Welt ist zum Fürchten, sagen wir manchmal, wenn wir Nachrichten hören. Und wer seinen persönlichen Weg sucht und nicht nur mit der Masse dahintreiben bzw. mit den Wölfen heulen will, der macht unweigerlich die Erfahrung der Angst, wenn er merkt, dass sein kleines Ich einer großen Welt voller Bedrohungen gegenüber steht.

Angst ist erst einmal etwas ganz Natürliches und Nützliches. Sie macht vorsichtig und schützt so vor Gefahren. Aber sehr oft bleibt sie dabei nicht stehen. Gerade bei sensiblen und phantasievollen Menschen kann sie sich in der Seele ausbreiten wie ein Krebsgeschwür, das bald alles überwuchert und beherrscht.
Wenn das geschieht, hat uns die Angst im Griff, und bestimmt unser Leben.
Das kann soweit gehen, dass wir uns nicht mehr trauen unter Menschen zu gehen.
Oder wir überspielen die Angst, indem wir Anderen Angst machen. Das geschieht oft in der Politik.
Oder wir versuchen die Angst zu betäuben und steigen aus dem realen Leben aus. Das ist eine der Sackgassen beim Erwachsenwerden.

Angst ist ein sehr verbreiteter Ungeist, der das Leben zerstört, wenn er in uns an die Macht kommt.

Doch es gibt – Gott sei Dank! – ein Rezept und ein starkes Mittel gegen diese Krankheit.
Das ist das Rezept des Glaubens: Gott gibt uns den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn wir das genau betrachten, dann können wir sehen, wie die Macht der Angst damit überwunden wird.

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen, an einer Geschichte, die auch die Kinder schon verstehen können.
Es ist die Geschichte vom kleinen Angsthasen:

Es war einmal ein kleiner Angsthase, der fürchtete sich vor allem.
Vor dem Wasser, weil man darin ertrinken kann.
Vor der Dunkelheit, weil er dann an Räuber und Gespenster dachte.
Vor größeren Kindern, weil sie ihm wehtun könnten.
Aber die Anderen lachten ihn aus und riefen immer Angsthase! Angsthase! wenn sie ihn sahen. Sie wollten nicht mit ihm spielen.
Der kleine Angsthase war deshalb sehr einsam und traurig.
Die Angst machte ihm das ganze Leben kaputt!
Er traute sich nur mit dem ganz kleinen Ulli zu spielen, der viel kleiner war als er selbst.
Eines Tages schlich der böse Fuchs mit den scharfen Zähnen ins Dorf. Alle Hasen rannten weg, so schnell sie konnten, und versteckten sich in den Häusern. Nur der ganz kleine Ulli konnte noch nicht so schnell laufen, und deshalb schnappte ihn der Fuchs.
Und nun passierte etwas ganz Großartiges:
Der kleine Angsthase hatte den ganz kleinen Ulli sehr, sehr lieb. Deshalb lief er nicht auch weg, wie die anderen.
Nein, plötzlich war die Angst nicht mehr das Wichtigste. Sein kleiner Freund war jetzt viel wichtiger.
Ihn musste er retten. Und so packte er den großen Fuchs kräftig am Schwanz und zog daran, bis der Fuchs den kleinen Ulli los ließ.
Das war ganz schön mutig!
Das war echt stark!
Und das war auch sehr gefährlich! Wenn der Fuchs ihn mit den Zähnen zu fassen kriegte!
Der Fuchs versuchte ihn abzuschütteln. Er rannte mit ihm durch die stachligen Disteln.
Aber der Hase erkannte die Gefahr und ließ nicht los. Besser durch die Disteln als zwischen die scharfen Zähne des Fuchses! So hielt er den Fuchs immer weiter am Schwanz fest. Der Fuchs war ganz wütend und tobte. Und als er auf einen Baum zu raste, hatte der Hase eine kluge, eine rettende Idee: Jetzt, zur rechten Zeit, ließ er den Schwanz los, und der Fuchs krachte mit aller Wucht gegen den Baum. Danach konnte er nur noch winselnd wegschleichen, und der Hase war gerettet.
Die Anderen, die von weitem alles gesehen hatten, riefen laut: Bravo! Bravo! Der Hase bekam einen Orden für seinen Mut, und alle bewunderten ihn. Er war nun kein Angsthase mehr, und alle Kinder wollten mit ihm spielen.

Sein ganzes Leben hatte sich verändert.
In ihm herrschte nicht mehr der Geist der Angst.
Er hatte jetzt einen viel besseren und schöneren Geist: den Geist der Kraft, und der Liebe und der Besonnenheit.
Die Liebe zu dem kleinen Ulli hatte in ihm ganz viel Kraft und Mut geweckt.
Und die große Gefahr mit dem Fuchs konnte er durch Klugheit und Besonnenheit überwinden!

Liebe Eltern, liebe Paten,
wenn ihr euch fragt, was aus N. und J. werden soll, dann ist das auch die Frage, was ihr ihnen für ihr Leben geben könnt.
Der Taufspruch weist in eine gute Richtung:
– Helft ihnen, diesen Geist zu finden und mit diesem Geist zu leben!.
– Achtet auf das, was sie beschäftigt und bringt diesen guten Geist dahinein!
– Schafft und gestaltet mit ihnen gemeinsam in diesem Geist gute Erlebnisse!
– Entdeckt mit ihnen solche Geschichten, in denen Gott mitten in unserem Leben zu
reden anfängt!

Amen

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12. Sonntag nach Trinitatis – Die letzte Säule

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesaja 42,3

Ein geknicktes Rohr, ein glimmender Docht – das klingt nach einer Situation, in der das Leben selbst zu zerbrechen und zu verlöschen droht. Noch ein Tritt, noch ein Windstoß, dann ist es aus.
Mit diesen Bildworten werden Erfahrungen beschrieben, in denen Menschen fühlen, dass sie an ihr Ende gekommen sind. Es fehlt jede Kraft. Ihr Leben ist nur noch ein Häufchen Elend.

Gott sei Dank müssen wir nicht auf einem Bein stehen, sondern werden gewöhnlich von mindestens fünf Säulen* getragen:
1) unserer Gesundheit und der damit verbundenen körperlichen und seelischen Kraft
2) unseren tragenden Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis
3) unserer Arbeit und den Leistungen, die wir für andere und uns selbst erbringen können
4) unserer materiellen Sicherung, die wir persönlich oder über die Gesellschaft besitzen
5) unseren Werten – Traditionen, Lebenserfahrungen, Hoffnungen und unserem Glauben.

Wenn eine dieser Säulen schwach wird oder ausfällt, können die anderen ihre Stützfunktion mit übernehmen und auf diese Weise verhindern, dass das ganze Leben zusammenbricht. Das gilt auch für die immer wieder an erster Stelle genannte Gesundheit. So kostbar sie uns auch ist: Wer sie auf Dauer verliert und dabei von anderen Menschen liebevoll und respektvoll begleitet wird, kann trotz großer Einschränkungen ein sinnvolles Leben führen, viel Freude erfahren und auch anderen etwas geben.

Schwierig wird es, wenn jemand alles auf eine Karte setzt oder nichts von seinen Erwartungen loszulassen vermag. Es fällt z.B. sehr aktiven und leistungsorientierten Menschen, die neben ihrer Arbeit kaum etwas anderes gefunden haben, das ihnen Freude und Sinn vermittelt, im fortschreitenden Alter oft recht schwer, mit sich selbst und ihrer Umgebung ins Reine zu kommen. Es ist dabei sehr wahrscheinlich, dass sie die Schwierigkeiten für sich und ihre Bezugspersonen noch vergrößern.

Es kann auch sein, dass jemand durch einen Unfall, durch Krieg oder ein anderes Unglück mehr als eine Säule auf einmal verliert. Dann bleibt möglicherweise wirklich nur die fünfte Säule übrig: die inneren Werte.
Was verbirgt sich hinter diesem kleinen, schon etwas abgenutzten Wort?
Das können vage Überzeugungen und Einstellungen sein wie die Devise leben und leben lassen, die nur in guten Tagen als Lebensmotto dienen, aber keine Kraft in wirklich schweren Zeiten entfalten. Es kann aber auch ein tiefer Glaube sein, dessen Wurzeln noch unter die aufgetürmten Scherben und den Schutt eines zerbrochenen Lebensgebäudes reichen und aus dieser Tiefenschicht des Lebens Nahrung und Kraft gewinnen. Martin Luther hat das in seinem bekannten Lied von der festen Burg auf eine Weise zum Ausdruck gebracht, dass einem geradezu die Luft wegbleibt:
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr‘, Kind und Weib:
Laß fahren dahin,
Sie haben’s kein’n Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben.

Hier brechen die ersten vier Säulen vollständig weg, und Luther gibt den Rat, sie auch wirklich loszulassen. Das Reich, Gottes Herrschaft und Kraft muss uns doch bleiben und wird uns Schutz und Zuversicht geben, wie eine feste Burg.

Manchmal wird den Glaubenden eine gewisse Unbeweglichkeit und Starre nachgesagt. Hier zeigt es sich, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Wer so glauben und auf Gott vertrauen kann, ist viel offener und flexibler als andere, die damit nichts anfangen können. Wer keinen tieferen Grund für sein Vertrauen kennt, muss sich an das klammern, was ihm als letzter Strohhalm oder als letztes Fünkchen Hoffnung vor Augen steht. Wenn es sich dabei um die eigene Kraft, um andere Menschen, um bestimmte Lebensverhältnisse oder Dinge handelt, geschieht es immer wieder, dass dieses Rohr doch zerbricht und dieser Docht doch verlöscht. Dann ist alles aus. Das mag man sich oft lange Zeit nicht eingestehen und klammert sich deshalb an Bildern und Wunschvorstellungen fest, die von der Realität schon überholt sind.
Der Glaubende ist offener und kann loslassen, was nicht festzuhalten ist. Er kann selbst angesichts des nahen gewaltsamen Todes noch mit Dietrich Bonhoeffer sagen:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Wenn das so ist, dann verwundert es eigentlich, dass wir nicht mehr Aufmerksamkeit und Kraft für die fünfte Säule unseres Lebens aufwenden.
Es mag sein, dass in Zeiten wirklicher Bedrängnis und Not, wenn alles zu fallen und zu zerbrechen droht, die Nachfrage nach diesem letzten Halt größer wird.
Ein Beispiel dafür ist unser Wochenspruch selbst: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Der zweite Jesaja verkündete es den deportierten Juden in Babylon, unter denen bange Hoffnungen auf eine spätere Rückkehr in ihre Heimat glimmen.
Ein anderes Beispiel ist das Gedicht, das Rudolf Alexander Schröder im Jahr 1936 schrieb und das zu einem seiner Kirchenlieder wurde:
Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt
Um dich her in Trümmer brechen,
Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt:
Er hält sein Versprechen.

Gibt es Möglichkeiten, die Bedeutung und Wirkung der fünften Säule in meinem Leben zu stärken? Beim Glauben geht es ja gerade nicht um eine Leistung, durch die absehbare Erfolge erzielt werden, sondern eher darum, sich auf etwas Größeres, schwer zu Fassendes, das uns umgibt und auf neue Weise ausfüllen kann, einzulassen. Das ist weit mehr als die Beschäftigung mit religiösen Fragen oder das Studium religiöser Traditionen, obwohl auch das zu einem vertieften Verständnis dazugehört.
Der Glaube wächst und reift im alltäglichen Umgang, in der vielfältigen Begegnung mit dem, der uns auf unser Leben als ganzes anspricht, manchmal ermutigend, manchmal fordernd, manchmal wohltuend und manchmal auch schmerzlich. Es ist die Begegnung mit dem, der uns nicht einfach uns selber sein lässt, weil er uns zur Liebe hin geschaffen hat und will, dass wir es lernen, diese Liebe zu erfahren und zu erwidern. Dass wir auf diesem Weg immer wieder über unsere eigenen Füsse stolpern, zeigt nur, dass wir vor ihm wie Kinder sind, die gerade erst beginnen, laufen zu lernen.
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*Das Konzept der Fünf Säulen der Identität wurde von Hilarion Petzoldt im Rahmen der Integrativen Therapie entwickelt.