Quasimodogeniti – Ich bin so frei

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. 1. Petrus 1,3

Ostern liegt hinter uns. Für Nichtchristen ist es bis zum nächsten Jahr abgehakt. Für Christen hat es jedoch eine nachhaltige Wirkung. Das zeigt sich auch im Wochenspruch am ersten Sonntag nach Ostern. Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten sind die, die an ihn glauben, wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.

Die Vorstellung von einer Wiedergeburt begegnet uns vor allem in den östlichen Religionen und bedient das Verlangen nach Gerechtigkeit. Was der Mensch sät, das wird er ernten, heißt es auch in der Bibel (Galater 6,7).
Was aber wenn der Tod dazwischenkommt? Auf diese beunruhigende Frage haben die östlichen Religionen und unsere jüdisch-christliche Tradition – mit jeweils starken inneren Differenzierungen! – sehr unterschiedliche, aber in bestimmter Weise auch vergleichbare Antworten gefunden.
Die östliche Vorstellung von der Wiedergeburt sieht die nächste Existenz nach diesem Leben als Folge dieses Lebens. Je nach seinem Verhalten erreicht der Mensch im nächsten Leben eine höhere oder niedrigere Stufe.
In den spätjüdisch-christlichen Überlieferungen empfängt der Mensch statt dessen im Leben nach dem Tod, das keine zyklische Wiederholung, sondern das endgültige und ewige Leben ist, Lohn oder Strafe für seinen irdischen Wandel. Der Gedanke an eine erneute Wiedergeburt im östlichen Sinne ist dem geschichtlich-linearen Denken des Westens fremd.

Nun wird in unserem Wochenspruch allerdings doch von Wiedergeburt gesprochen. Auch der Name des Sonntages Quasimodogeniti weist in diese Richtung: wie die neugeborenen Kinder. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine der zahllosen Wiedergeburten im Sinne der östlichen Religionen, sondern um ein einmaliges Geschehen.
Wenn mit der Auferstehung Jesu der Tod ein für allemal überwunden ist, dann kann das kein nur äußeres Ereignis bleiben, über das wir spekulieren können, ohne dass es uns in der Tiefe unserer Existenz betrifft und grundlegend verändert.

Um es in einem Gleichnis auszudrücken:
Ostern ist für den christlichen Glauben wie die Erfahrung von Menschen, die lebenslänglich in einem Gefängnis sitzen. Die Kerkermauern sind unüberwindbar, und jeder Gedanke an die Freiheit erscheint wie ein Traum, der die Realität der Gefangenen nur um so schmerzlicher ins Bewusstsein rückt. Die meisten haben sich längst damit abgefunden und halten ihre Existenz hinter den Gitterstäben, durch die nur ein schmaler Streifen Himmel sichtbar wird, inzwischen für das normale Leben. Und dann steht einer von ihnen auf, öffnet die Tür und ruft den anderen zu, mit ihm ins Freie zu kommen.
Manche unter den Mitgefangenen lachen darüber aus gebrochenem Herzen ein bitteres Lachen, in dem Unglauben und Angst mitklingen.
Wer aber den Schritt durch die geöffnete Tür wagt und in die Freiheit tritt, der steht am Beginn eines neuen Lebens. Plötzlich sind alle Wege offen.
Es verwundert nicht, wenn er das zunächst gar nicht fassen kann – mit Ostern ist es ganz ähnlich. Doch ist er wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.

Das klingt verrückt und ist es auch, weil die uns vertrauten Gitterstäbe, nicht länger die Maßstäbe unseres Lebens sein müssen. Jetzt sind wir selbst im grünen Bereich.

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Ostern – Uff! und Halleluja!

Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Offenbarung Johannes 1, 18

Uff!, kann ich da zunächst nur sagen, und das scheint mir heute die kürzeste und korrekteste erste Antwort auf das Wort zu Ostern zu sein. Vor allen Erklärungen und Deutungsbemühungen steht das Erstaunen und Erschrecken. Es findet sich schon in den Evangelien.

Am Freitag ist Jesus am Kreuz den Tod eines Verbrechers gestorben und anschließend begraben worden. Markus erzählt von den drei Frauen, die am Ostermorgen zu seinem Grab gingen. Sie finden es leer und treffen auf einen Jüngling in einem langen weißen Gewand. Der sagt ihnen, dass Jesus nicht im Grab, sondern auferstanden ist und sie ihn sehen werden. Die Frauen reagieren mit Zittern und Entsetzen. Sie fliehen von dem Grab und sagen niemandem etwas, denn sie fürchten sich.
Lukas erzählt von den beiden Jüngern, die am gleichen Tag von Jerusalem nach Emmaus gehen. Jesus schließt sich ihnen an, sie erkennen ihn nicht, aber ihr Herz brennt in ihnen, als sie miteinander sprechen. Am Abend sitzt er mit ihnen am Tisch, bricht das Brot und da werden ihre Augen geöffnet. Er aber verschwindet vor ihnen. Sie laufen zurück nach Jerusalem, berichten den elf Jüngern. Da tritt Jesus zu ihnen, und sie erschrecken, fürchten sich und meinen, es wäre ein Geist.
Johannes erzählt von Thomas, der nicht dabei war, als der auferstandene Jesus zu den Jüngern kam. Er kann es nicht glauben, was sie ihm erzählen, wenn er ihm nicht persönlich begegnen und seine Wundmale berühren kann.

Die Botschaft von der Auferstehung Jesu ist so ungewöhnlich, so unglaublich. Das ist das erste, was zu Ostern zu sagen ist. Es passt nicht in unsere Vorstellungswelt. Ist Ostern deshalb zu einem Fest des Hasen und der bunt bemalten Eier geworden? Auch dahinter steckt christliche Symbolik, doch im Vordergrund steht heute der niedliche äußere Schein.

Ostern ist nicht niedlich. Und wenn wir es uns auch nicht vorstellen können, was da in der Bibel erzählt wird – die Folgen sind unübersehbar:
Aus dem Ende Jesu am Kreuz wurde ein neuer Anfang.
Aus der Trauer um einen Toten wurde Lebens-Freude.
Aus den verängstigten Jüngern wurden Zeugen des Glaubens.
Aus einer scheinbar gescheiterten Mission wurde eine Bewegung des Geistes, die bis heute fortwirkt und sicher immer wieder kraftvoll erneuert.

Alles nur Hirngespinste? Alles nur ausgedacht und erfunden? Das Motiv für diesen Einwand ist verständlich: weil nicht sein kann, was nicht in den Rahmen meines Vorstellungsvermögens hineinpasst. Aber wenn die ersten Christen das alles nur erfunden hätten, dann hätten sie es sich wirklich selbst äußerst schwer gemacht –
mit einem Gott, der als Verbrecher hingerichtet wird,
mit den Jüngern, die Jesus im Stich lassen, und einem, der ihn verrät,
mit Petrus, der ihn ängstlich verleugnet,
mit den Frauen, die entgegen dem Rollenbild dieser Zeit den Männern vorangehen,
mit der Herkunft Jesu aus dem zweifelhaften Ort Nazareth
mit seiner Taufe durch Johannes, der von seinen Anhängern auch als Heilsbringer verehrt wurde.

Natürlich können wir die Auferstehung nicht wissenschaftlich erklären. Erklären in diesem Sinne heißt doch, Unverständliches auf Verständliches zurückführen und aus ihm abzuleiten. Alle Erklärungsversuche wie der, dass Jesus vielleicht nur scheintot war, muten geradezu lächerlich an.
Schwarz auf weiß haben wir nur das Wort der Bibel. Doch das Neue Testament wäre nicht entstanden, wenn nichts gewesen wäre. Dieses Wort hat die Geschichte grundlegend verändert.

Der Wochenspruch aus dem Buch der Offenbarung des Johannes ist eine spätere Reflexion des Ostergeschehens, die zugleich seine gewaltige Bedeutung herausstellt:
Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Diese Worte hört der alte Seher Johannes während der Zeit der Christenverfolgungen auf der Sträflingsinsel Patmos. Er sieht eine himmlisch leuchtende Christusgestalt, die ihn mit diesem Wort anspricht, ihn Sendschreiben an sieben kleinasiatische Gemeinden aufsetzen lässt und ihm in den schweren Zeiten der frühen Kirche in subversiven Visionen den Weg aus Tod und Hölle zeigt.

Man kann die ganze Geschichte seit Ostern als Geschichte eines gewaltigen Ringens zwischen Glauben und Unglauben betrachten. Das zeigt sich schon bei der Wortwahl: Was ist Glaube: Fromme Illusion, die sich an Wunschbilder klammert, oder befreite Widerständigkeit, die der anscheinend unaufhaltsamen Gefräßigkeit des Todes ein zuversichtliches Stopp, in Gottes Namen! entgegenruft?
Was ist Unglaube: Renitenz gegenüber den göttlichen Offenbarungen und Dogmen der Kirche oder menschlicher Zweifel und Skepsis im Spannungsfeld zwischen ererbter Tradition und eigener Lebenserfahrung?

Bei all diesen Betrachtungen und Erwägungen darf aber am Ende nicht vergessen werden: Ostern ist ein Ereignis, „dran niemand sich g’nug freuen mag“ (Evang. Gesangbuch 106,1). Wo das Wort von der Auferstehung ankommt, da breitet sich Freude aus. Es ist, als ob ein Meteorit aus Glaube, Hoffnung und Liebe aufschlägt und sich daraufhin eine gewaltige Kraftwelle unter den Menschen ausbreitet. Dieser Welle der Freude verdankt die junge Christenheit ihre unaufhaltsame Dynamik. Ihre Macht liegt nicht in der Stärke von Waffen, sondern in ihren Liedern und Freudengesängen. Halleluja!