Das wirkliche Geheimnis von Weihnachten

Weihnachten
wir sehen uns
mit anderen Augen

 

Es weihnachtet wieder. Die Stimmung ist gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich wie alle Jahre wieder auf das schönste unserer Feste. Auf der anderen Seite aber steht der Freude sehr viel entgegen.

In diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Der Terror und das Anwachsen der Gewalt sind noch bedrängender als schon zuvor geworden. Immer mehr Menschen flüchten aus ihrer Heimat. Sie kommen zu uns und sind  unser Thema Nr. 1 geworden. Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Einzelne Gruppen stehen sich mit Unverständnis und mitunter auch hasserfüllt gegenüber. Die Politik wirkt oft hilflos. Der europäische Zusammenhalt und viel beschworene Werte treten hinter nationalen Interessen zurück. Der Ton in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist aggressiver geworden.

Angst und Gewalt greifen auf verschiedenen Ebenen um sich, äußern sich in vielen Formen, verwirbeln sich in lebensbedrohliche Eskalationsspiralen und entladen sich immer wieder über unschuldigen Menschen.

In diese Zeit fällt Weihnachten 2015.

Für viele ist das Fest längst schon zu einer sehr fragwürdigen Konsumveranstaltung geworden, der man sich nur schwer entziehen kann. Der von Coca Cola ausgestattete Weihnachtsmann ist allgegenwärtig. Oder macht er sich in diesem Jahr rarer, weil er zur Reizfigur werden oder weil er mit seinem Geschenkesack als potentieller Gefährder verdächtigt werden könnte?

Andere blicken halb erwartungsvoll, halb skeptisch auf ein paar gemeinsame Stunden mit ihren Lieben, die gerade in diesen Tagen meistens so viel um die Ohren haben, dass der Stresspegel noch um einiges höher liegt. Schaffen wir das? Hoffentlich geht es gut mit dem trauten Beisammensein! Das Wort von der schönen Bescherung ist recht vieldeutig geworden.

Und dann ist da unter all dem anderen auch noch die alte biblische Weihnachtsgeschichte mit dem Engelsgesang. Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde Frieden.  Das klingt ziemlich krass, wenn man im Blick behält – und wie könnte man das nicht im Blick behalten -, was Menschen in Gottes Namen und um Gottes Willen daraus machen.

Trotzdem: Auch am Heiligabend 2015 wird diese Geschichte wieder viele Menschen – viele sehr unterschiedliche Menschen – in die Kirchen ziehen. Sie erweist sich noch immer als nicht verbraucht und verschlissen und ist davor bewahrt geblieben, zur Groteske zu werden. Im Gegenteil: Sie zeigt sich bis heute erstaunlich ironie-resistent und hat von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Es scheint ein Geheimnis über dieser Geschichte zu liegen, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Schon viele Generationen vor uns haben versucht, diesem Geheimnis mit Worten, in Bildern oder durch Musik Ausdruck zu verleihen. Das Jauchzen vielstimmiger Chöre, die Bilder und Figuren aus kostbarem Gold und tiefsinnige Weissagungen von göttlichen Geheimnissen sind uns reichlich überliefert und werden in diesen Tagen wieder hervorgeholt. Wer noch in diesen Traditionen zu Hause ist, steht möglicherweise ergriffen davor. Sehr vielen anderen erscheint das alles wie die Ausstellungsstücke in einem großen Museum, die man während eines  Besuchs mehr oder weniger staunend, verstehend oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, um bald darauf wieder in die eigene Zeit zurückzukehren.

Und doch: Alle Jahre wieder diese Ausstrahlung! Was ist für uns das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte?

Wenn wir sie mit den skeptischen Augen unserer Zeit betrachten, werden wir kaum etwas Übernatürliches feststellen können, das den Fragen unserer kritisch geschärften Denkweise standhält.

Das Geheimnis der beiden ganz unterschiedlichen Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und aus dem Matthäusevangelium lässt sich nicht an harten Fakten festmachen. Ihre äußere Welt ist so wie die unsere. Sie ist von Armut und den Strapazen der kleinen Leute bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geprägt.

Und von politischer Willkür, von Angst, Gewalt und Mord und der dadurch erzwungenen Flucht. Und kein Engel oder Gott schreitet direkt dagegen ein.

Das Geheimnis, bei dem dann allerdings auch Gott und seine Engel und ein wunderbarer Stern ins Spiel kommen und zu leuchten anfangen, liegt in der Verwandlung der beteiligten Menschen. Von dieser Verwandlung erzählt und lebt die Weihnachtsgeschichte.

 

Da ist als erstes Maria, ein junges Mädchen, das zunächst voller Fragen und Zweifel ist, bevor sie verstehen und annehmen kann, was mit ihr geschehen soll. Sie wird Mutter werden und soll Jesus zur Welt bringen.
Und dann Joseph, der Mann an ihrer Seite. Er ist zuerst fassungslos über diese ungeahnte Schwangerschaft und will sich heimlich davonmachen. Doch er ändert seine Einstellung, er bleibt da und nimmt die Vaterrolle an. Als das Kind geboren ist, werden als erstes Hirten, die als Tagelöhner auch die Nacht auf den Feldern zubringen mussten, in die Geschichte einbezogen. Sie werden Zeugen einer himmlischen Erscheinung, die sie erschrecken lässt. Und sie fürchten sich sehr. Doch dann lassen sie sich ansprechen und bewegen. Sie suchen und finden das neugeborene Kind und seine Eltern. Sie selbst werden dabei froh und dankbar und fangen an, darüber zu reden. Und schließlich kommen auch noch Gelehrte aus dem Morgenland, die den Himmel nach Zeichen erforschen und zunächst an der falschen Stelle suchen. Herodes im Königspalast weiß nichts von einem neugeborenen König. Im Gegenteil: Er wird misstrauisch und setzt seine Machtsicherungsmaschinerie in Gang, die vielen Neugeborenen und Kindern bis zu zwei Jahren in und um Bethlehem das Leben kostet. Doch die weisen Männer, die später auch als Könige betrachtet werden, sehen ihren Irrtum ein und lassen sich nicht täuschen. Sie machen sich erneut auf die Suche und finden und beschenken das neugeborene Kind königlich. Auch sie werden dabei selber froh.

Die Ausstrahlung und das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte beruht auf der Verwandlung der beteiligten Menschen. Ihre Verwandlung äußert sich darin, dass sie trotz anfänglicher Ängste und Zweifel, trotz großer Strapazen, trotz bedrückender Verhältnisse, trotz Feindseligkeit und Gewalt ein so tiefes und starkes Ja zu dem ihnen geschenkten Leben finden, dass sie späteren Zeiten als Heilige erscheinen und auch für uns heutige Menschen noch weihnachtlich leuchtende Beispiele sind.

Diese Verwandlung schaffen sie nicht aus sich selbst heraus. Die Erzählungen sprechen hier vom Eingreifen göttlicher Kräfte. In ihrem Kern handelt es sich dabei stets um klare Worte, zur rechten Zeit das Richtige zu tun: Maria und die Hirten werden von Engeln angesprochen und auf die tiefere Bedeutung des Geschehens hingewiesen. Joseph und die Weisen aus dem Morgenland werden von Gott im Traum auf den richtigen Weg gebracht.  Gott erweist sich in den Erzählungen nicht als eine Art allmächtiger Kriegsherr, sondern als guter Geist, der das zerbrechliche Menschenleben schützt und ins rechte Licht setzt, indem er die Verwandlung der Menschen betreibt.

Ja mehr noch: Auch Gott selbst verwandelt sich. Das wird besonders deutlich am Anfang des Johannesevangeliums in einer Art Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Der göttliche Logos, die Kraft, der Geist, das Wort – alles Hilfsbegriffe für den, die oder das Unbegreifliche(n), kurz: Gott selbst – wird Mensch und wohnt unter uns, und wir können seine Herrlichkeit im Angesicht des Menschen sehen.

Wo es wirklich weihnachtet, hat die Angst ihre letzte Macht verloren, weil Gott nicht länger dafür herhält. Er selbst verwandelt sich aus einem höheren  Wesen, das den Menschen Angst einjagt, in ein schutzbedürftiges Kind, das ausschließlich zur Liebe provoziert. Gott ist die Liebe, heißt es, und in genau dieser Liebe wirkt die verwandelnde Kraft.

 

Kehren wir zum Schluss wieder in unsere Zeit zurück, die am Ende des Jahres 2015 so von Unruhe, Angst und Gewalt erfüllt ist, dass bange Fragen aufbrechen: Ist die Menschheit noch zu retten, oder treibt sie unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

Die Möglichkeit zu einem Weiter so scheint immer unrealistischer zu werden. Es spricht einiges dafür, dass wir nur eine einzige Chance haben: Uns auch verwandeln zu lassen, beginnend im kleinen Raum unseres persönlichen Lebens und hinauswirkend in das große Ganze dieser Welt. Zu Weihnachten ist mit dieser Geschichte schon der Anfang gemacht. Und es ist höchste Zeit, dass wir heute neu anfangen, Weihnachten wieder als das ernst zu nehmen, was es unserem Kalender nach ist: die große Wende der Zeiten.

Gesegnete Weihnachten!

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10. Sonntag nach Trinitatis – Israel

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.
Psalm 33,12

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist zugleich der Gedenktag der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n.Chr. Er wird in der evangelischen Kirche als Israelsonntag begangen.
Ohne Israel ist die christliche Kirche nicht denkbar. Sie teilt mit den Juden die heiligen Schriften des Alten Testaments. Altes Testament? Das kann einen abwertenden Beiklang gewinnen, wenn man das Neue Testament dagegen ausspielt. Deshalb ist es erwägenswert, statt dessen vom Ersten Testament und vom Zweiten Testament zu sprechen. Das Zweite Testament baut auf dem Ersten Testament auf und wäre ohne dieses gar nicht zu verstehen. Und Jesus von Nazareth war Jude, der sich zuerst nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt wusste (Matthäus 15,24) und nicht gekommen das Gesetz oder die Propheten aufzulösen,… sondern zu erfüllen (Matthäus 5,17). Er wurde bei seiner Geburt von den Weisen als König der Juden verehrt (Matthäus 2,2) und nach dem einhelligen Zeugnis aller Evangelien als König der Juden am Kreuz getötet. Im Evangelium für den 10. Sonntag nach Trinitatis weint Jesus über Jerusalem, dessen Zerstörung kommen wird und bei Abfassung des Lukasevangeliums schon Geschichte geworden ist (Lukas 19,41-48).
Im Glauben und in der Lebenshaltung unterscheidet Israel sich stark von seinen Nachbarvölkern und den anderen großen Kulturnationen. Beide wurzeln in der Beziehung Israels zu dem unsichtbaren Gott, der kein schön gestaltetes Bild oder Denkmal zu seiner Verehrung duldet, sondern selbst spricht, ruft, fordert, tröstet, richtet und aufrichtet, der die ganze Welt als seine Schöpfung ins Leben gerufen hat und die Menschen aus den religiösen und politischen Bindungen und Abhängigkeiten jedweder Mächte, die doch nur seine Geschöpfe und nicht selbst göttlichen Wesens sind, befreit. Es ist der Gott, der sein Volk ruft und liebt, der einen Bund mit ihm aufrichtet und ihm mitten in der Vergänglichkeit ewiges Heil und Gerechtigkeit verheißt (Jes 55,6-8).

Aus dieser Perspektive ist der Wochenspruch verständlich: Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. Dieses Volk hat den stärksten und treuesten Bundesgenossen, der mit ihm durch alle Geschichte geht.

Doch es ist auch die Kehrseite zu betrachten:
Israel! Allein der Name genügt schon, um auch das große Ausmaß des Leidens ins Bewusstsein zu rufen, das mit dem Weg dieses Volkes verbunden ist.
Ist das ein Widerspruch? Oder ist es die Konsequenz, die mit dem Erwählungsglauben und mit dem Anderssein als die anderen verbunden ist?
Das strikte Festhalten an seinem Glaubensweg mit dem einen und einzigen Gott, der in der Thora seinen Willen bekundet hat, hat Israel in alter Zeit in Konflikte mit den Großmächten seiner Zeit gestürzt. Am Ende standen die Zerstörung Jerusaelems im Jahre 70 n.Chr. und die vollständige Auslöschung und Zerstreuung Israels nach dem Ende des Bar Kochba – Aufstandes im Jahre135. Die Römer nannten das Land nun Syria Palaestina.
Etwa tausend Jahre später begannen mit dem Massaker von Granada 1066 im christlichen Abendland die Judenpogrome. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Juden für mancherlei Unglück wie die Pestepidemien verantwortlich gemacht oder wegen ihrer Geldgeschäfte, die den Christen verboten waren, angefeindet. Auch Martin Luther wandte sich am Ende in seinen Schriften gegen die Juden.
Unabhängig von ihrem Glauben wurden die Juden im Einflussbereich der Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1945 aus rassistischen Gründen systematisch vernichtet. Etwa 6 Millionen Menschen wurden auf dabei mit industriellen Methoden getötet. Das dafür gebräuchliche Wort Holocaust bedeutet vollständig verbrannt. Die Juden selbst sprechen von der Shoa, was mit das Unheil oder die Katastrophe zu übersetzen ist.
Am 14.05.1948 wurde der Staat Israel ins Leben gerufen. Er sah sich vom ersten Tag an von Feinden umzingelt, hat seit seiner Gründung eine Reihe von Kriegen geführt und dabei fremde Gebiete besetzt. Der moderne Staat Israel setzt auf militärische Stärke, um sein Existenzrecht zu behaupten und eine Wiederholung früherer Leiden auszuschließen. Dabei geschieht neues Leid, das zu weiteren Eskalationen von Gewalt führt. Es scheint kaum möglich, zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden.

Der Wochenspruch zeigt besonders deutlich, wie spannungsreich das Verhältnis von Glaube und Gesellschaft in der Geschichte sein kann. Welche Interpretationen, Wertungen und Konsequenzen daraus abzuleiten sind, hängt stark von der Position des Betrachters ab. Richtungsweisend ist das Wort Jesu im Evangelium Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! (Lukas 9,42).

Miserikordias Domini – Das Bild vom guten Hirten

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, 11. 27. 28

Die Rede vom guten Hirten gehört zu den bekanntesten Bildworten nicht nur des Johannesevangeliums, sondern des Neuen Testaments überhaupt. Im Alten Testament geht ihm der Psalm 23 voraus, der durch alle Zeiten hindurch für unzählige Menschen zum Gebet und zur Quelle der Vergewisserung und des Trostes in Angst und schweren Zeiten geworden ist: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…

Schon im Kindergottesdienst wird mit der liebevoll fürsorgenden Gestalt des guten Hirten, der sich unter Einsatz seines Lebens um seine Schafe kümmert, Vertrauen zu Jesus aufgebaut.

Aus den Schafen werden gern Schäfchen gemacht. Wohl jeder Pastor – pastor ist das lateinische Wort für Hirte – wird zuweilen von Außenstehenden mit einer eigentümlichen Mischung aus Sympathie und Spott auf seine Schäfchen angesprochen. Das Bild vom Hirten und seiner Herde hat wie kaum ein anderes das traditionelle Verständnis von Kirche und Gemeinde geprägt – und auch eingeengt. Wer möchte schon heute noch gern mit einem Schaf verglichen werden?!

Als Hirten wurden im alten Orient die großen Herrscher bezeichnet, die als Spitzenpolitiker und Führer ihrer Völker die Richtung vorgaben und über das Wohl und Wehe ihrer Untertanen entschieden.
Das Bild des Hirten ist alles andere als harmlos. Wer anderen Menschen gegenüber eine Führungsposition einnimmt, steht vor der großen Aufgabe, mitunter sehr verschiedene Anforderungen, Interessen und Bestrebungen unter einen Hut zu bringen und aus dem Gewirr der Widersprüchlichkeiten ein Ganzes zu formen, mit dem das gesteckte Ziel erreicht werden kann.

Da stellen sich sofort die Fragen, um welches Ziel es sich dabei handelt und wie diese Formung geschehen soll: Werden die Menschen auf ein höheres Ziel eingeschworen, dem sich alle individuellen Lebenserwartungen unterzuordnen haben? Geschieht das durch Propaganda, mit der Überzeugung und Begeisterung aufgebaut werden, und durch Angst vor Sanktionen verschiedenster Art, mit denen Abweichler auf Linie gebracht werden? So ist es in obrigkeitlichen Ordnungen und totalitären Systemen üblich.
In demokratischen Strukturen soll dagegen von unten her entschieden werden, welchen Weg die Herde bzw. die Gesellschaft einschlägt und wer dabei die Führung übernimmt. Dabei kommt es zu einem ständigen Kampf um die Gunst der öffentlichen Meinung, bei dem in starkem Maße auch Misstrauen und Zweifel an der Integrität und Kompetenz der politischen Akteure verbreitet werden. Nicht wenige Menschen empfinden deshalb Abscheu und Verdrossenheit. Das kann zum Rückzug ins ausschließlich Private führen, aber auch zu einer neuen Hinwendung zu solchen Führergestalten, die wieder Klarheit, Ordnung und Sauberkeit herzustellen versprechen.

Die Menschheit hat es schwer mit sich selbst und der Gestaltung ihres gesellschaftlichen und politischen Lebens. Es scheint, dass sie nur zwischen verschiedenen Übeln und Mühsalen wählen kann. Winston Churchill goss diese Erfahrung in den vielzitierten Satz:
Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Welche Rolle kann der Glaube an den guten Hirten in diesem Zusammenhang spielen?
Gehört er nach der bei uns verbreiteten, aber auch umstrittenen Auffassung, dass Religion Privatsache sei, ausschließlich in den persönlichen Bereich der individuellen Frömmigkeit, Erbauung und Tröstung?
Oder besitzt er auch eine gesellschaftliche Relevanz?
Aus christlicher Sicht kann das eine nicht vom anderen getrennt werden. Es muss aber gleichzeitig wahrgenommen und sensibel reflektiert werden, dass eine Politisierung dieses Glaubens bei vielen Menschen berechtigte Ängste und Abwehr auslöst. Zuviel menschliche Anmaßung und Machtmissbrauch in Gottes Namen hat die Religion in Geschichte und Gegenwart in den Augen vieler eher als Quelle von Terror und Unterdrückung denn als Keimzelle von Gerechtigkeit und Frieden erscheinen lassen. Dabei steht die Warnung vor dem Missbrauch von Gottes Namen ganz oben unter den Zehn Geboten.

Der gute Hirte eignet sich nicht als Fahnenträger für eine bestimmte Partei. Er vertritt nicht die Partikularinteressen einer bestimmten Klientel, die im Kampf um die Macht gegen andere Interessengruppen durchgesetzt werden sollen. Er will nicht nur seine Schäfchen ins Trockene bringen, sondern denkt auch an noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. (Joh 10,16).
Das tut er nicht aus Ehrgeiz und Eigennutz, sondern mit ganzer Hingabe und unter Einsatz seines Lebens (Joh 10,11 und 15), weil es ihm darum geht, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen (Joh 10,10).

Mit der Bildrede vom guten Hirten wird ein Vorbild gezeichnet, das den Blick für die kritische Unterscheidung zwischen einer am Gemeinwohl orientierten Führung und einem auf den persönlichen Vorteil bedachten Streben nach Macht schärft.
Wenn dieses Vorbild rigoristisch als Vorschrift für politische Verantwortungsträger benutzt wird, führt das zu einer großen Ernüchterung und möglicherweise auch zum Generalverdacht gegen alle, die an der Macht sind, weil keiner völlig frei von eigennützigen Motiven ist.
Doch diese fälschliche weil unrealistische Verwendung des Bildes vom guten Hirten hebt seine Bedeutung und die Chance seines rechten Gebrauchs nicht auf. Gerade in einer Zeit, in der immer wieder festgestellt und oft auch beklagt wird, dass für viele der persönliche Erfolg über alle verbindende Werte geht, sind emotional bewegende und überzeugende, in der Tiefe der Persönlichkeit verankerte Vorbilder wichtige Wurzeln ethischen Handelns.
Unsere Kultur wäre ärmer, wenn sie das Bild vom guten Hirten vergessen oder nur noch als religiöse Karikatur seiner selbst im Museum der überwundenen Naivitäten aufbewahren würde.

Für Christen aber wirft die Bildrede vom guten Hirten ein helles, warmes Licht auf Jesus, der anders Herr ist als andere Herren. Auch den großen Tieren unter uns tut es mitunter not und gut, sich ihrer Bedürftigkeit nach Schutz und Fürsorge bewusst zu werden und als Jesu Schäfchen das Vertrauen und die Liebe zu diesem guten Hirten zu spüren.
Und hat nicht selbst diese Formatierung des eigenen Selbstbewusstseins eine gesellschaftliche Wirkung?

3. Advent – Hilfe! Er kommt.

Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig. (Jes 40,3.10)

Der Wochenspruch zum 3. Advent kann bedrohlich klingen. In einer Zeit, in der Religion von vielen Menschen mit Argwohn und Misstrauen angesehen und mit Fanatismus und Gewalt in Verbindung gebracht wird, ist dieser Doppelspruch vom Anfang des zweiten Jesajabuches (Kap. 40-55) besonders sensibel zu betrachten – sowohl von den Auslegern wie auch von den Hörern und redlichen Skeptikern.

Worte gewinnen in der Regel erst durch ihren Zusammenhang die Eindeutigkeit und Klarheit, mit der sie ursprünglich gesagt und aufgeschrieben wurden.
Hier geht es Trost und Ermutigung für ein unterdrücktes Volk. Israel wurde um 580 v. Chr. von der babylonischen Großmacht besiegt. Dabei wurde der unter König Salomo erbaute Tempel als zentraler Ort und Symbol seines Glaubens und seiner Identität zerstört, und die Leistungsträger des Volkes wurden ins Zweistromland verschleppt. Eine frühe geschichtliche Katastrophe für Israel, auf die noch viele weitere folgten. Würde sich Israel in der „Zerstreuung“ auflösen und von der geschichtlichen Bühne abtreten, wie viele andere alte Völker es taten?
Durch die besondere Art seines Glaubens ging Israel einen anderen, aber leidvollen Weg, der bis in unsere Gegenwart führt.
Vor zweieinhalbtausend Jahren waren es Propheten wie Jesaja, die das Volk in seinem Glauben stärkten, die Not und das Leid selbstkritisch reflektierten und zu einer neuen Zukunft ermutigten.
Nach vierzig Jahren kam es 539 zu einer gewaltlosen Besetzung Babylons durch den Perserkönig Kyros. Eine neue Zeit brach an. Die Verschleppten durften in ihre Heimat zurückkehren und beginnen, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen.

Der namenlose Prophet, der wegen der Einordnung seiner Worte in die Bibel einfach „Deuterojesaja“ (der zweite Jesaja) genannt wird, hatte vor dieser Wende mit den Israeliten in Babylon gelebt und an dem starken inneren Ringen seines Volkes Anteil genommen.

Für uns kann die ungeheuere Spannung, die damals auf den Menschen lastete, etwas näher rücken und verständlicher werden, wenn wir an die Situation der Christen in der DDR denken. Die selbsterklärten Sieger der Geschichte setzten auf die eigene bewaffnete Stärke, perfektionierten das gesellschaftliche Geflecht ihrer Macht, reklamierten den Fortschritt und die historische Wahrheit, die Aufklärung und die Wissenschaft für ihr System und gingen davon aus, dass die Anhänger des alten (Aber-) Glaubens bald der Vergangenheit angehörten. Im Interesse einer beschleunigten Durchsetzung dieser unumkehrbaren Entwicklung wurde dann auch mit mehr oder weniger Nachdruck auf die Christen eingewirkt. Diese mussten sich entscheiden, ob sie am gesellschaftlichen Fortschritt teilnehmen, oder an den alten, überholten Anschauungen der Vergangenheit festhalten wollten.

Was für eine Situation, wenn man mittendrin steckt: Fragen, Ängste, Zweifel, Verlockungen, Konflikte, Verdächtigungen, Druck, Gewissensnöte, Verstrickungen!

Die Israeliten in Babylon wussten nicht, dass die eiserne Faust der Babylonier und die machtvollen Inszenierungen ihrer Götter nach vierzig Jahren wie ein Kartenhaus zusammenbrechen würden. Doch die Worte ihrer Propheten ermutigten das Volk, Gott nicht als untergegangene Größe der Vergangenheit zu betrachten. Vielmehr sollen sie ihn ganz neu erwarten. Das heißt auch von und mit ihm etwas ganz Neues zu erwarten. Er kommt an in dunkler Zeit und bringt Licht und Leben.

Wo dieser Glaube die Menschen erfüllt, werden Kerzen angezündet und neue Verhältnisse angebahnt. Und das wiederholt sich in der Geschichte immer wieder neu.

Am 3. Sonntag im Advent wird an Johannes den Täufer erinnert, der von den Christen als Stimme in der Wüste und Wegbereiter für Jesus gesehen wird. In Jesus aber kommt Gott selbst als Mensch in das Dunkel der Welt.

Es soll nicht bestritten werden, dass die alten Worte der Propheten verschieden gedeutet und vereinnahmt werden können. Sie sind alles andere als harmlos. Vor allem die, die sich ganz auf ihre eigene Macht und Herrlichkeit verlassen, haben Grund zu der Befürchtung: Hilfe! Er kommt.

Macht

Unter die Machtworte fällt auch der Begriff der Macht selbst. Macht im politischen Sinne ist unter den Menschen, die nicht aktiv an ihr teilhaben, weitgehend negativ besetzt. Das zeigt sich in vielen Gesprächen über Politik und findet auf machtvoll ohnmächtige Weise seinen Ausdruck in der hohen Zahl derer, die sich weigern, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Macht wird sehr schnell mit Machtmissbrauch in Verbindung gebracht. Dahinter steht die durch negative Beispiele und entsprechende Schlagzeilen immer wieder bekräftigte Erfahrung: „Macht korrumpiert, weil doch jeder zuerst an sich selber denkt und bei sich bietender Gelegenheit in die eigene Tasche wirtschaftet.“

Wenn „Macht“ und „Machtmissbrauch“ fast zu Synonymen werden, hat das Gründe und ist zugleich ein Grund dafür, den Begriff der Macht neu zu begründen.

Abusus non tollit usum – der Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Macht als solche ist weder gut noch böse, sondern das Potential, bestimmte Ziele im Kräftespiel widerstreitender Akteure zu verwirklichen. Dieses „Macht“ genannte Potential ist in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich ausdifferenziert. Während in der Kinderhorde schon die Überlegenheit bei den Körperkräften Macht verleiht, funktioniert Macht in komplex strukturierten Gesellschaften auf weitaus vielschichtigere Weise.

Diese Vielschichtigkeit ist einerseits eine historische Errungenschaft und soll der Machtregulierung dienen. Macht muss in der Gesellschaft gezähmt, begrenzt, geteilt und reguliert werden, damit nicht einfach weiter wie in der Kinderhorde das Recht des Stärkeren gilt. Andererseits ist die Vielschichtigkeit und Wirkungsweise dieser Regulierungsmechanismen nicht immer leicht zu durchschauen.
Vor allem aber sind die Instrumente der Machtregulierung wie Recht und Gesetz und die mediale Öffentlichkeit selbst ein Teil des Ringens um die Macht. Sie können von den Mächtigen beeinflusst und in ihrem Sinne genutzt oder verändert werden.

Der reinen Macht wohnt die Tendenz inne, sich selbst unangreifbar zu machen. Damit aber setzt sie sich selbst absolut und unterwirft sich alles, was ihr im Wege steht. Das kann mit offener Selbstherrlichkeit in der Manier absolutistischer Machthaber geschehen. Das kann aber auch in vermeintlich bester Absicht für „unser Volk und Vaterland“ erfolgen. An dieser Stelle offenbart
sich die mitunter bizarre Blindheit der Mächtigen, die beim unbeirrten Verfolgen ihrer Ziele den Blick für die Wirklichkeit verlieren, weil sie diese nur noch durch die Freund-Feind-Brille ihrer Machtinteressen betrachten. So kann es geschehen, dass einer über Leichen gehen und dennoch behaupten kann: „Ich liebe euch doch alle!“

Die hässliche Seite der Macht, die auch in ungerechtfertigter Vorteilsnahme und Bereicherung bestehen kann, erzeugt verständlicherweise Abscheu und Misstrauen gegen die Macht schlechthin.
Doch ist die Dämonisierung der Macht die falsche Konsequenz, weil sie nicht zu mehr kritischer Reflexion, politische Partizipation und Machtkontrolle führt, sondern das Gegenteil von alldem bewirkt. So trägt die Ablehnung jeder Form von Macht gerade dazu bei, dass die hässliche Seite der Macht um so stärker hervortreten kann, weil sie die Kräfte schwächt, die an Äußerungen der Macht leiden und zu ihrer Regulierung und Kontrolle beitragen könnten. Statt die Macht als solche zu diffamieren, sollte differenzierter über Machtbefugnisse und Machtbegrenzungen, Machtinteressen und politische Ethik, Machtmechanismen und Machtkontrolle aufgeklärt und weiter nachgedacht und gerungen werden

Der Begriff „Macht“ ist selbst ein Machtwort, weil sein Verständnis und seine Handhabung
wichtige gesellschaftspolitische Folgen haben.