Das wirkliche Geheimnis von Weihnachten

Weihnachten
wir sehen uns
mit anderen Augen

 

Es weihnachtet wieder. Die Stimmung ist gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich wie alle Jahre wieder auf das schönste unserer Feste. Auf der anderen Seite aber steht der Freude sehr viel entgegen.

In diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Der Terror und das Anwachsen der Gewalt sind noch bedrängender als schon zuvor geworden. Immer mehr Menschen flüchten aus ihrer Heimat. Sie kommen zu uns und sind  unser Thema Nr. 1 geworden. Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Einzelne Gruppen stehen sich mit Unverständnis und mitunter auch hasserfüllt gegenüber. Die Politik wirkt oft hilflos. Der europäische Zusammenhalt und viel beschworene Werte treten hinter nationalen Interessen zurück. Der Ton in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist aggressiver geworden.

Angst und Gewalt greifen auf verschiedenen Ebenen um sich, äußern sich in vielen Formen, verwirbeln sich in lebensbedrohliche Eskalationsspiralen und entladen sich immer wieder über unschuldigen Menschen.

In diese Zeit fällt Weihnachten 2015.

Für viele ist das Fest längst schon zu einer sehr fragwürdigen Konsumveranstaltung geworden, der man sich nur schwer entziehen kann. Der von Coca Cola ausgestattete Weihnachtsmann ist allgegenwärtig. Oder macht er sich in diesem Jahr rarer, weil er zur Reizfigur werden oder weil er mit seinem Geschenkesack als potentieller Gefährder verdächtigt werden könnte?

Andere blicken halb erwartungsvoll, halb skeptisch auf ein paar gemeinsame Stunden mit ihren Lieben, die gerade in diesen Tagen meistens so viel um die Ohren haben, dass der Stresspegel noch um einiges höher liegt. Schaffen wir das? Hoffentlich geht es gut mit dem trauten Beisammensein! Das Wort von der schönen Bescherung ist recht vieldeutig geworden.

Und dann ist da unter all dem anderen auch noch die alte biblische Weihnachtsgeschichte mit dem Engelsgesang. Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde Frieden.  Das klingt ziemlich krass, wenn man im Blick behält – und wie könnte man das nicht im Blick behalten -, was Menschen in Gottes Namen und um Gottes Willen daraus machen.

Trotzdem: Auch am Heiligabend 2015 wird diese Geschichte wieder viele Menschen – viele sehr unterschiedliche Menschen – in die Kirchen ziehen. Sie erweist sich noch immer als nicht verbraucht und verschlissen und ist davor bewahrt geblieben, zur Groteske zu werden. Im Gegenteil: Sie zeigt sich bis heute erstaunlich ironie-resistent und hat von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Es scheint ein Geheimnis über dieser Geschichte zu liegen, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Schon viele Generationen vor uns haben versucht, diesem Geheimnis mit Worten, in Bildern oder durch Musik Ausdruck zu verleihen. Das Jauchzen vielstimmiger Chöre, die Bilder und Figuren aus kostbarem Gold und tiefsinnige Weissagungen von göttlichen Geheimnissen sind uns reichlich überliefert und werden in diesen Tagen wieder hervorgeholt. Wer noch in diesen Traditionen zu Hause ist, steht möglicherweise ergriffen davor. Sehr vielen anderen erscheint das alles wie die Ausstellungsstücke in einem großen Museum, die man während eines  Besuchs mehr oder weniger staunend, verstehend oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, um bald darauf wieder in die eigene Zeit zurückzukehren.

Und doch: Alle Jahre wieder diese Ausstrahlung! Was ist für uns das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte?

Wenn wir sie mit den skeptischen Augen unserer Zeit betrachten, werden wir kaum etwas Übernatürliches feststellen können, das den Fragen unserer kritisch geschärften Denkweise standhält.

Das Geheimnis der beiden ganz unterschiedlichen Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und aus dem Matthäusevangelium lässt sich nicht an harten Fakten festmachen. Ihre äußere Welt ist so wie die unsere. Sie ist von Armut und den Strapazen der kleinen Leute bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geprägt.

Und von politischer Willkür, von Angst, Gewalt und Mord und der dadurch erzwungenen Flucht. Und kein Engel oder Gott schreitet direkt dagegen ein.

Das Geheimnis, bei dem dann allerdings auch Gott und seine Engel und ein wunderbarer Stern ins Spiel kommen und zu leuchten anfangen, liegt in der Verwandlung der beteiligten Menschen. Von dieser Verwandlung erzählt und lebt die Weihnachtsgeschichte.

 

Da ist als erstes Maria, ein junges Mädchen, das zunächst voller Fragen und Zweifel ist, bevor sie verstehen und annehmen kann, was mit ihr geschehen soll. Sie wird Mutter werden und soll Jesus zur Welt bringen.
Und dann Joseph, der Mann an ihrer Seite. Er ist zuerst fassungslos über diese ungeahnte Schwangerschaft und will sich heimlich davonmachen. Doch er ändert seine Einstellung, er bleibt da und nimmt die Vaterrolle an. Als das Kind geboren ist, werden als erstes Hirten, die als Tagelöhner auch die Nacht auf den Feldern zubringen mussten, in die Geschichte einbezogen. Sie werden Zeugen einer himmlischen Erscheinung, die sie erschrecken lässt. Und sie fürchten sich sehr. Doch dann lassen sie sich ansprechen und bewegen. Sie suchen und finden das neugeborene Kind und seine Eltern. Sie selbst werden dabei froh und dankbar und fangen an, darüber zu reden. Und schließlich kommen auch noch Gelehrte aus dem Morgenland, die den Himmel nach Zeichen erforschen und zunächst an der falschen Stelle suchen. Herodes im Königspalast weiß nichts von einem neugeborenen König. Im Gegenteil: Er wird misstrauisch und setzt seine Machtsicherungsmaschinerie in Gang, die vielen Neugeborenen und Kindern bis zu zwei Jahren in und um Bethlehem das Leben kostet. Doch die weisen Männer, die später auch als Könige betrachtet werden, sehen ihren Irrtum ein und lassen sich nicht täuschen. Sie machen sich erneut auf die Suche und finden und beschenken das neugeborene Kind königlich. Auch sie werden dabei selber froh.

Die Ausstrahlung und das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte beruht auf der Verwandlung der beteiligten Menschen. Ihre Verwandlung äußert sich darin, dass sie trotz anfänglicher Ängste und Zweifel, trotz großer Strapazen, trotz bedrückender Verhältnisse, trotz Feindseligkeit und Gewalt ein so tiefes und starkes Ja zu dem ihnen geschenkten Leben finden, dass sie späteren Zeiten als Heilige erscheinen und auch für uns heutige Menschen noch weihnachtlich leuchtende Beispiele sind.

Diese Verwandlung schaffen sie nicht aus sich selbst heraus. Die Erzählungen sprechen hier vom Eingreifen göttlicher Kräfte. In ihrem Kern handelt es sich dabei stets um klare Worte, zur rechten Zeit das Richtige zu tun: Maria und die Hirten werden von Engeln angesprochen und auf die tiefere Bedeutung des Geschehens hingewiesen. Joseph und die Weisen aus dem Morgenland werden von Gott im Traum auf den richtigen Weg gebracht.  Gott erweist sich in den Erzählungen nicht als eine Art allmächtiger Kriegsherr, sondern als guter Geist, der das zerbrechliche Menschenleben schützt und ins rechte Licht setzt, indem er die Verwandlung der Menschen betreibt.

Ja mehr noch: Auch Gott selbst verwandelt sich. Das wird besonders deutlich am Anfang des Johannesevangeliums in einer Art Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Der göttliche Logos, die Kraft, der Geist, das Wort – alles Hilfsbegriffe für den, die oder das Unbegreifliche(n), kurz: Gott selbst – wird Mensch und wohnt unter uns, und wir können seine Herrlichkeit im Angesicht des Menschen sehen.

Wo es wirklich weihnachtet, hat die Angst ihre letzte Macht verloren, weil Gott nicht länger dafür herhält. Er selbst verwandelt sich aus einem höheren  Wesen, das den Menschen Angst einjagt, in ein schutzbedürftiges Kind, das ausschließlich zur Liebe provoziert. Gott ist die Liebe, heißt es, und in genau dieser Liebe wirkt die verwandelnde Kraft.

 

Kehren wir zum Schluss wieder in unsere Zeit zurück, die am Ende des Jahres 2015 so von Unruhe, Angst und Gewalt erfüllt ist, dass bange Fragen aufbrechen: Ist die Menschheit noch zu retten, oder treibt sie unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

Die Möglichkeit zu einem Weiter so scheint immer unrealistischer zu werden. Es spricht einiges dafür, dass wir nur eine einzige Chance haben: Uns auch verwandeln zu lassen, beginnend im kleinen Raum unseres persönlichen Lebens und hinauswirkend in das große Ganze dieser Welt. Zu Weihnachten ist mit dieser Geschichte schon der Anfang gemacht. Und es ist höchste Zeit, dass wir heute neu anfangen, Weihnachten wieder als das ernst zu nehmen, was es unserem Kalender nach ist: die große Wende der Zeiten.

Gesegnete Weihnachten!

Miserikordias Domini – Das Bild vom guten Hirten

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, 11. 27. 28

Die Rede vom guten Hirten gehört zu den bekanntesten Bildworten nicht nur des Johannesevangeliums, sondern des Neuen Testaments überhaupt. Im Alten Testament geht ihm der Psalm 23 voraus, der durch alle Zeiten hindurch für unzählige Menschen zum Gebet und zur Quelle der Vergewisserung und des Trostes in Angst und schweren Zeiten geworden ist: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…

Schon im Kindergottesdienst wird mit der liebevoll fürsorgenden Gestalt des guten Hirten, der sich unter Einsatz seines Lebens um seine Schafe kümmert, Vertrauen zu Jesus aufgebaut.

Aus den Schafen werden gern Schäfchen gemacht. Wohl jeder Pastor – pastor ist das lateinische Wort für Hirte – wird zuweilen von Außenstehenden mit einer eigentümlichen Mischung aus Sympathie und Spott auf seine Schäfchen angesprochen. Das Bild vom Hirten und seiner Herde hat wie kaum ein anderes das traditionelle Verständnis von Kirche und Gemeinde geprägt – und auch eingeengt. Wer möchte schon heute noch gern mit einem Schaf verglichen werden?!

Als Hirten wurden im alten Orient die großen Herrscher bezeichnet, die als Spitzenpolitiker und Führer ihrer Völker die Richtung vorgaben und über das Wohl und Wehe ihrer Untertanen entschieden.
Das Bild des Hirten ist alles andere als harmlos. Wer anderen Menschen gegenüber eine Führungsposition einnimmt, steht vor der großen Aufgabe, mitunter sehr verschiedene Anforderungen, Interessen und Bestrebungen unter einen Hut zu bringen und aus dem Gewirr der Widersprüchlichkeiten ein Ganzes zu formen, mit dem das gesteckte Ziel erreicht werden kann.

Da stellen sich sofort die Fragen, um welches Ziel es sich dabei handelt und wie diese Formung geschehen soll: Werden die Menschen auf ein höheres Ziel eingeschworen, dem sich alle individuellen Lebenserwartungen unterzuordnen haben? Geschieht das durch Propaganda, mit der Überzeugung und Begeisterung aufgebaut werden, und durch Angst vor Sanktionen verschiedenster Art, mit denen Abweichler auf Linie gebracht werden? So ist es in obrigkeitlichen Ordnungen und totalitären Systemen üblich.
In demokratischen Strukturen soll dagegen von unten her entschieden werden, welchen Weg die Herde bzw. die Gesellschaft einschlägt und wer dabei die Führung übernimmt. Dabei kommt es zu einem ständigen Kampf um die Gunst der öffentlichen Meinung, bei dem in starkem Maße auch Misstrauen und Zweifel an der Integrität und Kompetenz der politischen Akteure verbreitet werden. Nicht wenige Menschen empfinden deshalb Abscheu und Verdrossenheit. Das kann zum Rückzug ins ausschließlich Private führen, aber auch zu einer neuen Hinwendung zu solchen Führergestalten, die wieder Klarheit, Ordnung und Sauberkeit herzustellen versprechen.

Die Menschheit hat es schwer mit sich selbst und der Gestaltung ihres gesellschaftlichen und politischen Lebens. Es scheint, dass sie nur zwischen verschiedenen Übeln und Mühsalen wählen kann. Winston Churchill goss diese Erfahrung in den vielzitierten Satz:
Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Welche Rolle kann der Glaube an den guten Hirten in diesem Zusammenhang spielen?
Gehört er nach der bei uns verbreiteten, aber auch umstrittenen Auffassung, dass Religion Privatsache sei, ausschließlich in den persönlichen Bereich der individuellen Frömmigkeit, Erbauung und Tröstung?
Oder besitzt er auch eine gesellschaftliche Relevanz?
Aus christlicher Sicht kann das eine nicht vom anderen getrennt werden. Es muss aber gleichzeitig wahrgenommen und sensibel reflektiert werden, dass eine Politisierung dieses Glaubens bei vielen Menschen berechtigte Ängste und Abwehr auslöst. Zuviel menschliche Anmaßung und Machtmissbrauch in Gottes Namen hat die Religion in Geschichte und Gegenwart in den Augen vieler eher als Quelle von Terror und Unterdrückung denn als Keimzelle von Gerechtigkeit und Frieden erscheinen lassen. Dabei steht die Warnung vor dem Missbrauch von Gottes Namen ganz oben unter den Zehn Geboten.

Der gute Hirte eignet sich nicht als Fahnenträger für eine bestimmte Partei. Er vertritt nicht die Partikularinteressen einer bestimmten Klientel, die im Kampf um die Macht gegen andere Interessengruppen durchgesetzt werden sollen. Er will nicht nur seine Schäfchen ins Trockene bringen, sondern denkt auch an noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. (Joh 10,16).
Das tut er nicht aus Ehrgeiz und Eigennutz, sondern mit ganzer Hingabe und unter Einsatz seines Lebens (Joh 10,11 und 15), weil es ihm darum geht, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen (Joh 10,10).

Mit der Bildrede vom guten Hirten wird ein Vorbild gezeichnet, das den Blick für die kritische Unterscheidung zwischen einer am Gemeinwohl orientierten Führung und einem auf den persönlichen Vorteil bedachten Streben nach Macht schärft.
Wenn dieses Vorbild rigoristisch als Vorschrift für politische Verantwortungsträger benutzt wird, führt das zu einer großen Ernüchterung und möglicherweise auch zum Generalverdacht gegen alle, die an der Macht sind, weil keiner völlig frei von eigennützigen Motiven ist.
Doch diese fälschliche weil unrealistische Verwendung des Bildes vom guten Hirten hebt seine Bedeutung und die Chance seines rechten Gebrauchs nicht auf. Gerade in einer Zeit, in der immer wieder festgestellt und oft auch beklagt wird, dass für viele der persönliche Erfolg über alle verbindende Werte geht, sind emotional bewegende und überzeugende, in der Tiefe der Persönlichkeit verankerte Vorbilder wichtige Wurzeln ethischen Handelns.
Unsere Kultur wäre ärmer, wenn sie das Bild vom guten Hirten vergessen oder nur noch als religiöse Karikatur seiner selbst im Museum der überwundenen Naivitäten aufbewahren würde.

Für Christen aber wirft die Bildrede vom guten Hirten ein helles, warmes Licht auf Jesus, der anders Herr ist als andere Herren. Auch den großen Tieren unter uns tut es mitunter not und gut, sich ihrer Bedürftigkeit nach Schutz und Fürsorge bewusst zu werden und als Jesu Schäfchen das Vertrauen und die Liebe zu diesem guten Hirten zu spüren.
Und hat nicht selbst diese Formatierung des eigenen Selbstbewusstseins eine gesellschaftliche Wirkung?

2. Advent – Erlösung

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

„Erlösung“ ist der zentrale Begriff in diesem Wochenspruch. Die Hoffnung auf Erlösung spielt auch an anderen Stellen der Bibel und in weiteren Religionen eine wichtige Rolle. Man hat sie deshalb als „Erlösungsreligionen“ bezeichnet.
In unserer Gesellschaft wird der Begriff oft ohne religiösen Bezug verwendet: „Der Ausgleich in der 91. Spielminute war eine Erlösung.“ Oder auch: „Der Tod war eine Erlösung.“ Hier geht es um das Ende einer als unerträglich empfundenen Spannung. Eine religiöse Jenseitserwartung ist damit nicht verbunden.

Was jeweils mit „Erlösung“ gemeint ist, ergibt sich also erst aus dem Zusammenhang.
Wie aber erfassen wir den jeweiligen Zusammenhang?
Wenn wir etwas hören und darauf reagieren, muss es ja schnell gehen. Dabei helfen uns bestimmte Muster. Wir ordnen das Gehörte einfach uns vertrauten Verständnismustern zu. Das hilft uns beim Verstehen. Das kann aber auch zu Klischeevorstellungen führen, die am Kern der Wahrheit vorbei gehen.

Ein Beispiel, wie das oft so läuft:
„Erlösung? Ach so, Kirche! Na, da geht es doch um’s Jenseits. Nein, damit hab ich nichts am Hut. Ich bleib mal lieber mit beiden Beinen auf der Erde. Wie sagte doch Heinrich Heine schon so richtig: ‚Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen‘ Punkt!“

Das ist wohl das heute geläufigste Muster. Aber ist es damit auch der für ein wirkliches Verständnis geeignetste Weg?
Um das zu beantworten, stellen sich zunächst zwei weitere Fragen:
1. Was ist in der Bibel und in der antiken Welt eigentlich ursprünglich mit „Erlösung“ gemeint?
2. Führt das hier vorgestellte Verständnismuster zu einem Verlust an Lebenstiefe, weil es wichtige Zusammenhänge ausblendet?

Über diese Fragen lassen sich lange Abhandlungen schreiben. Hier möchte ich nur kurz die aus meiner Sicht wichtigsten Antworten vorstellen:

1. In der Bibel und in der antiken Welt wurde „Erlösung“ ursprünglich als Loskauf aus der Sklaverei und Fremdherrschaft verstanden. Später begriff man, dass das menschliche Leben auch auf subtilere Weise entfremdet wird. Die zerstörerischen Kräfte, die durch Schuld und Beziehungsstörung (Sünde), durch Unwissenheit und Schicksalsmächte entfesselt werden, führen zu einer unheilvollen Versklavung, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Nur ein Münchhausen kann sich am eigenen Schopf aus diesem Sumpf ziehen. Mit dieser Erfahrung wuchs die Frage und das Verlangen nach einer tieferen und umfassenden Erlösung. Christen glauben, dass Jesus von Nazareth mit seiner aus Gottvertrauen gewirkten Liebe und Hingabe die Antwort darauf gefunden und gegeben hat. Wer ihm nachfolgt und aus dieser Kraft lebt, ist ein neuer, erlöster Mensch.

2. Wenn wir nicht mehr oder nur noch in einem verflachten Sinne von Erlösung sprechen, geben wir eine wichtige Antwort auf, ohne die ihr vorausgehenden Fragen und Probleme gelöst zu haben. Diese bestehen jedoch in zeitgemäßen Gewändern weiter und bedrohen unser aller Leben: als Angst, als Egoismus, als Ignoranz, als Sucht, als Abhängigkeit, als Ausgeliefertsein an die vielen Einflüsse und Kräfte, die auch unser Leben bedrohen. Wer diese lebensfeindlichen Mächte weder verdrängen noch von ihnen gebrochen werden will, der steht auch heute vor der Frage, wie er trotz alledem zu einem erlösten Leben finden kann – nicht erst in einem nebulösen Jenseits, sondern hier und heute.

Der Wochenspruch macht Mut, mit diesem Fragen nicht aufzuhören. Und er macht zugleich klar, dass es auch auf unsere Einstellung ankommt: „Seht auf und erhebt eure Häupter“, lautet die Aufforderung. Damit ändert sich die Blickrichtung und auch die Perspektive. Wenn sich der Blick von der Fixierung auf die Fesseln löst, dann kann die Befreiung – um ein anderes Wort für Erlösung zu gebrauchen – beginnen. Dann wird möglich, was viele nicht mehr für möglich gehalten haben.

Es bleibt eine Frage, ob es jemals eine erlöste Welt geben wird?
Die Erfahrungen aus der Geschichte sprechen eher für eine skeptische Antwort.
Das ungeheuerlich angewachsene Potential der Menschheit, das auch die Möglichkeit einer globalen Selbstzerstörung einschließt, kann auch zur der Antwort führen, dass wir überhaupt nur durch eine tiefgreifende Neuausrichtung unseres Zusammenlebens eine Zukunftschance haben.
Wird Erlösung zu einer Überlebensfrage?

Die Fragen sind gestellt. Eins erscheint mir aber schon deutlich und sicher:
Erlösung ist kein Naturereignis. Es geht um erlöste Menschen. Es gibt sie. Sie sind nicht fehlerlos. Im Gegenteil: Sie wissen um ihre Fehler und die fatalen Folgen, die daraus erwachsen können. Sie lernen, auf liebevolle und verantwortungsbewusste Weise damit umzugehen, und sie schöpfen die dazu nötige Kraft nicht aus dem eigenen Ego, sondern aus den Quellen der Spiritualität.

Gott 9.0

Gott ist für die einen der Urgrund und das große Gegenüber ihres Lebens. Andere halten Gott für einen unwissenschaftlichen Aberglauben. Andererseits glauben aber auch viele bedeutende Wissenschaftler an Gott. Wie passt das alles zusammen? Sind das Fragen, auf die sich keine gültige Antwort finden lässt und die jeder irgendwie für sich persönlich beantworten muss?

Vielen erscheint heute alles, was mit Gott zu tun hat, recht verworren und dem klaren Bewusstsein unzugänglich zu sein. Muss das so sein? Und woran liegt es, wenn uns das so erscheint?

Auf diese Fragen gibt das am im Herbst 2010 erschienene Buch der evangelischen Theologen M. und W. Küstenmacher und T. Haberer Gott 9.0 sehr aufschlussreiche, überzeugende Antworten: Es liegt an unserem Bewusstsein, das sich spiralförmig in verschiedenen Stufen entwickelt.
Jeder kann leicht nachvollziehen, dass und wie sich unser Bewusstsein vom Säugling bis zum gereiften Erwachsenenalter entwickelt. Das schließt auch unsere Vorstellungen von Gott und der Welt ein. Diese unterschiedlichen Bewusstseinstufen äußern sich in magischen Vorstellungen oder festen Formeln und Dogmen oder kritischen Fragen oder in neuen Erfahrungen auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens.
Was für die Entwicklung des einzelnen Menschen gilt, gilt auch für die Geschichte der Menschheit und ihres Bewusstseins, die allerdings nicht geradlinig verläuft. Das Bewusstsein der Menschheit in ihren verschiedenen Kulturen entwickelt sich spiralförmig vom naturhaften Instinkt (1) über magische Stammesvorstellungen (2), weiter zur Entdeckung des eigenen Willens und seiner Macht (3), dann hin zur Bildung großer Ordnungssysteme in der Politik wie im moralisch-geistigen Leben (4). Von dort geht es weiter zur rationalen Aufklärung und Unterwerfung der Natur (5), dann zur grünen Wende eines neuen Miteinanders (6) und schließlich hin zu höheren Bewusstseinstufen einer neuen Komplexität (7) und multiperspektivischen Vernetztheit (8) und …(9). Auf jeder der bislang neun Bewusstseinstufen wird das Wort Gott benutzt. Es dürfte jetzt klar sein, dass damit jeweils sehr unterschiedliche Vorstellungen verbunden sind.

Bildlich gesprochen hat unser menschliches Bewusstsein also ähnlich wie das Betriebssystem eines Computers verschiedene Updates erfahren. Stufe 9.0 taucht gerade auf. Wir bewegen uns aber für gewöhnlich noch auf Stufe 4 oder 5 oder 6 und reden deshalb eifrig aneinander vorbei. Wie aufschlussreich!

Manchen mag das auf den ersten Blick sehr fremdartig oder gar esoterisch erscheinen. Doch das ist ganz und gar nicht der Fall: Es handelt sich vielmehr um eine wohltuend nüchterne analytische Entwirrung des Traditionsknäuls, das vielen als undurchdringbares Gedankengestrüpp erscheint.  Das inhaltlich anspruchsvolle Buch ist flüssig geschrieben und voller interessanter Beispiele und Zitate. Dass es in der vielschichtigen Glaubens- und Kirchenwelt umstritten ist, darf nicht verwundern, sondern als Hinweis dafür gewertet werden, dass hier Kernfragen von tiefer Bedeutung für unser Verständnis angepackt werden.

Restauration

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Antanas Sutkus:
Restoration, Tytuvénai, 1964

Dieses Bild des litauischen Fotografen Antanas Sutkus ist in der Ausstellung Der andere Blick – Alltagswelten von Martin Parr, Tom Wood und Antanas Sutkus zu sehen, die vom 13.06. bis 05.08.2012 im Mönchehaus Museum in Goslar zu besichtigen ist.

Der andere Blick ist als Titel für die Ausstellung gut gewählt. Er ermöglicht auch andere Begegnungen, wie die Fotografie von A. Sutkus zeigt.