22. Sonntag nach Trinitatis – Beziehung ist alles

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Psalm 130,4

Beziehung ist alles! Die Bedeutung dieses Satzes reicht weiter, als es auf den ersten Blick scheint. Es geht dabei nicht nur um jene Tauschgeschäfte, bei denen man einen Spezi braucht. Das ganze Leben von der Wiege bis zur Bahre ist Beziehung. Krieg oder Frieden ist eine Frage der Beziehung, und auch Himmel und Hölle. Unsere primären Beziehungen entscheiden über das höchste Glück oder das tiefste Leid.

Gute Beziehungen wollen gepflegt werden, damit sie auch gut bleiben oder noch besser werden. Es kommt aber leider auch immer wieder vor, dass Beziehungen getrübt, nachhaltig gestört oder gar völlig zerrüttet sind. Besonders schlimm ist das innerhalb der Familie oder auch am Arbeitsplatz, wo man durch die Familienbande oder wichtige Verträge aneinander gebunden ist. Eine gestörte Beziehung ist eine Art Kommunikationsvergiftung. Man sieht den Anderen überwiegend in einem dunklen Licht, und was er sagt, erhält wie von selbst einen negativen Beiklang.

Wie können gestörte Beziehungen geheilt werden? Das ist eine der wichtigsten und zugleich schwersten Fragen, die uns das Leben stellt. Da es sich um persönliche Angelegenheiten handelt, kann auch die Heilung nur auf persönliche Weise erfolgen. Eine Pille gibt es dafür nicht.

Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang von Vergebung. Für diesen Begriff gibt es im Hebräischen des Alten Testaments und im Griechischen des NeuenTestaments jeweils verschiedene Wörter, die das Bedeutungsspektrum von Vergebung repräsentieren. Es reicht von der rechtlichen Tilgung einer Schuld, durch die gleichsam ein Schlussstrich gezogen und ein neuer Anfang gemacht wird, über die kultisch vollzogene Reinigung bis hin zur gnadenvollen, freundlichen Zuwendung.

Ein Ist schon okay, ich vegebe dir! zwischen Menschen bringt oft nicht die Entlastung und Befreiung, weil wir spüren, da ist noch etwas Unbewältigtes, das wie eine Wunde weiter schwärt und auch im eigenen Herzen eine bange Unruhe hinterlässt, die man als schlechtes Gewissen bezeichnen kann. Solche oberflächliche “Vergebung”, die vorschnell und häufig aus Konfliktscheuheit ausgesprochen wird, kann alles noch schlimmer machen, weil sie nicht halten kann, was sie verspricht, und deshalb wie eine Bestätigung der Beziehungsstörung wirkt, gegen die eben selbst mit gutem Willen doch nichts zu machen ist. Schwamm drüber kann nicht auslöschen, was tief in das Innere unseres Lebens eingeritzt ist.

Letzte, umfassende und restlose Vergebung kann nach den Worten der Bibel nur der gewähren und schenken, der uns bis in die letzte Tiefe unserer Existenz kennt, uns als seine Geschöpfe liebt und durch die Tilgung der Schuld, durch Reinigung und Erneuerung und durch seine gnadenvolle, freundliche Zuwendung zu neuem Leben verhilft. Deshalb ist ihm auch mit besonderer Ehrfurcht zu begegnen. Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Wenn Menschen bereit sind, einander in dieser Ernsthaftigkeit und Tiefe neu zu begegnen, wird Vergebung auch zu einer zwischenmenschlichen Möglichkeit: Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. (Epheserbrief 4,32).
Vergebung kann auch ein Prozess sein, ein Weg bei dem folgende Schritte wichtig sind:
Die offene Aussprache über das, was die Beziehung stört. Dabei sind das Aussprechen und das Zuhören gleichermaßen wichtig. Wenn es dabei zu wechselseitigem Verstehen komm, ist schon sehr viel gewonnen.
Wegnahme der Schuld, das wird heute oft in der Zurücknahme der wechselseitigen Vorwürfe bestehen, die das Bild des Anderen verdüstern und die Beziehung vergiften.
Die rituelle (Be-) Reinigung ist auch von großer Bedeutung, weil sie dem neuen Anfang eine sichtbare und einprägsam erlebte Gestalt verleiht. Dabei kann eine ganz profane Handlung wie ein gemeinsam getrunkenes Bier eine ungewöhnlich tiefe Bedeutung gewinnen.
Die freundliche Zuwendung schafft einen neuen Anfang. Das alte Bild vom Anderen wird ausser Kraft gesetzt. Neues Vertrauen kann langsam aufgebaut werden.

Es ist nicht gesagt, dass solche Schritte immer an das ersehnte Ziel führen. Wo sie gelingen, ist Sein Reich näher zu uns gekommen. Wo nicht, bleiben viele Fragen offen:

Oft ist das Wort zu hören: Vergeben kann ich, vergessen nie. Was ist davon zu halten? Wer Gewalt und sehr schlimme Kränkung erfahren hat, wird sehr wahrscheinlich sein Leben lang daran denken. Vergessen kann nicht befohlen werden. Man kann es sich ja nicht einmal selbst befehlen oder vornehmen. Aber wirkliches Vergeben heißt, es dem Anderen vergessen, es ihm nicht mehr vorhalten, es nicht mehr als Grund für eine Beziehungsstörung wirksam sein lassen.

Und wenn es zu Rückschlägen kommt? Da trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. (Matthäus18,21f.)

Und wenn es keine Aussöhnung gibt? Dann bleibt mir die Möglichkeit zu beten: Gott, der du die Liebe in Person bist, halte mein Herz offen für deine Gabe der Versöhnung und für meinen Nächsten, mit dem ich es schwer habe. Und wenn es möglich ist, öffne auch sein Herz. Amen.

7. Sonntag nach Trinitatis – Multikulti

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheserbrief 2, 19

Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die von verschiedenen Kulturen und Religionen geprägt sind und sich deshalb auch in ihrem Lebensstil und ihren Wertvorstellungen unterscheiden, ist ein Problem. Unverständnis, Irritationen, Ängste und Auseinandersetzungen sind dabei an der Tagesordnung. Wenn diese eine bestimmte Schwelle erreichen, wächst das Bedürfnis nach Abgrenzung und Durchsetzung der angestammten Leitkultur. Die Fremdlinge sollen sich anpassen und sich verhalten, wie es sich für Gäste gehört.

Dieses Problem hatten bereits die Christen im ersten Jahrhundert:
Jesus, seine Jünger, die Apostel und ersten Christen waren Juden. Für sie galt das Gesetz des Mose, das mit seinen vielen Geboten und Regeln das alltägliche Leben bis ins Detail bestimmte. Allein schon die Reinheitsgebote und Speisevorschriften machten ein Zusammenleben mit Heiden (Nichtjuden) praktisch unmöglich. Doch dann fanden auch Nichtjuden zum christlichen Glauben und ließen sich taufen. Konnten sie zusammen mit den jüdischen Christen eine Gemeinde und Kirche bilden??
Über diese Frage kam es unter den Aposteln zum Streit, bei dem sich Paulus, der das Evangelium zu den Heiden trug, schließlich durchsetzen konnte. Er hatte am tiefsten begriffen und begründet, dass der Glaube an und das neue Leben durch und mit Christus auch ganz neue, befreiende Konsequenzen für das Zusammenleben der Menschen eröffnete, die sich selbst und die anderen nun in erster Linie nicht mehr als Juden oder Nichtjuden, sondern als Christen verstehen und annehmen konnten.
In Eph 2,13 heißt es dazu: Christus ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft.

Daran wird sichtbar, dass der christliche Glaube, wenn er nicht zu einer bloßen Ideologie erstarrt, auch soziale und politische Konsequenzen hat. Die Kennzeichen dieser Konsequenzen werden in der Überwindung ehemals unüberwindbar erscheinender Gräben und in einer neuen Begegnung, die zu Versöhnung und Frieden führt, sichtbar.
Das kann nur funktionieren, wenn es starke Beweg-Gründe dafür gibt, die noch stärker sind, als das Trennende zuvor.

In unserer Zeit, in der sich nicht mehr die alten Machtblöcke, sondern verschiedene Kulturen und Religionen gegenüberstehen, werden religiöse Bindungen oft mit Intoleranz und Feindseligkeit gegenüber Fremden und Andersgläubigen gleichgesetzt. Leider geben Fanatiker auf allen Seiten immer wieder Anlass zu dieser Sicht. Damit wird das Wesen des Glaubens in sein Gegenteil verkehrt und Gott zu einem Götzen gemacht, der die eigenen Interessen und Ängste bedienen soll.
Die erste und schärfste Kritik an dieser Haltung übt der Glaube selbst:
In Eph 4,31-32 werden den Christen Weisungen für das neue Leben gegeben: Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Und ganz deutlich wird der 1. Johannesbrief: Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. (1.Joh 4,20).

Auf der anderen Seite sollte nicht vergessen werden, dass vor allem Christen nach dem Ende des 2. Weltkrieges zwischen den ehemaligen Erbfeinden Brücken der Versöhnung gebaut haben und auch zum gewaltlosen Ende der DDR einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Darin lebt der Geist fort, der von Jesus ausgeht und bis heute kräftig wirkt.

Wenn bei uns immer wieder behauptet wird, „Multikulti“ sei gescheitert, dann muss in zwei Richtungen gefragt und weitergedacht werden:
Zum einen gibt es natürlich ernst zu nehmende Gründe und leidvolle Erfahrungen für diese Behauptung, die nicht leichtfertig unter den Tisch gekehrt werden dürfen. Mit Sozialromantik ist diesen Erfahrungen nicht zu beizukommen.
Auf der anderen Seite steht die Frage, wie wir diesen Problemen in unserer klein gewordenen Welt begegnen wollen. Und da stellt sich dann auch die Frage nach dem Glauben ganz neu. Ist er noch stark, kraftvoll und ausdauernd genug, um aus beiden eins zu machen und den Zaun abzubrechen, der dazwischen ist, nämlich die Feindschaft.
Weiß Gott, leicht ist das nicht. Aber das hat auch niemand behauptet.