Gott 9.0

Gott ist für die einen der Urgrund und das große Gegenüber ihres Lebens. Andere halten Gott für einen unwissenschaftlichen Aberglauben. Andererseits glauben aber auch viele bedeutende Wissenschaftler an Gott. Wie passt das alles zusammen? Sind das Fragen, auf die sich keine gültige Antwort finden lässt und die jeder irgendwie für sich persönlich beantworten muss?

Vielen erscheint heute alles, was mit Gott zu tun hat, recht verworren und dem klaren Bewusstsein unzugänglich zu sein. Muss das so sein? Und woran liegt es, wenn uns das so erscheint?

Auf diese Fragen gibt das am im Herbst 2010 erschienene Buch der evangelischen Theologen M. und W. Küstenmacher und T. Haberer Gott 9.0 sehr aufschlussreiche, überzeugende Antworten: Es liegt an unserem Bewusstsein, das sich spiralförmig in verschiedenen Stufen entwickelt.
Jeder kann leicht nachvollziehen, dass und wie sich unser Bewusstsein vom Säugling bis zum gereiften Erwachsenenalter entwickelt. Das schließt auch unsere Vorstellungen von Gott und der Welt ein. Diese unterschiedlichen Bewusstseinstufen äußern sich in magischen Vorstellungen oder festen Formeln und Dogmen oder kritischen Fragen oder in neuen Erfahrungen auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens.
Was für die Entwicklung des einzelnen Menschen gilt, gilt auch für die Geschichte der Menschheit und ihres Bewusstseins, die allerdings nicht geradlinig verläuft. Das Bewusstsein der Menschheit in ihren verschiedenen Kulturen entwickelt sich spiralförmig vom naturhaften Instinkt (1) über magische Stammesvorstellungen (2), weiter zur Entdeckung des eigenen Willens und seiner Macht (3), dann hin zur Bildung großer Ordnungssysteme in der Politik wie im moralisch-geistigen Leben (4). Von dort geht es weiter zur rationalen Aufklärung und Unterwerfung der Natur (5), dann zur grünen Wende eines neuen Miteinanders (6) und schließlich hin zu höheren Bewusstseinstufen einer neuen Komplexität (7) und multiperspektivischen Vernetztheit (8) und …(9). Auf jeder der bislang neun Bewusstseinstufen wird das Wort Gott benutzt. Es dürfte jetzt klar sein, dass damit jeweils sehr unterschiedliche Vorstellungen verbunden sind.

Bildlich gesprochen hat unser menschliches Bewusstsein also ähnlich wie das Betriebssystem eines Computers verschiedene Updates erfahren. Stufe 9.0 taucht gerade auf. Wir bewegen uns aber für gewöhnlich noch auf Stufe 4 oder 5 oder 6 und reden deshalb eifrig aneinander vorbei. Wie aufschlussreich!

Manchen mag das auf den ersten Blick sehr fremdartig oder gar esoterisch erscheinen. Doch das ist ganz und gar nicht der Fall: Es handelt sich vielmehr um eine wohltuend nüchterne analytische Entwirrung des Traditionsknäuls, das vielen als undurchdringbares Gedankengestrüpp erscheint.  Das inhaltlich anspruchsvolle Buch ist flüssig geschrieben und voller interessanter Beispiele und Zitate. Dass es in der vielschichtigen Glaubens- und Kirchenwelt umstritten ist, darf nicht verwundern, sondern als Hinweis dafür gewertet werden, dass hier Kernfragen von tiefer Bedeutung für unser Verständnis angepackt werden.

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Haiku meets Bibel – 1. Neuland

Gibt es noch unentdecktes Neuland?
Geografisch gesehen ist diese Frage heute im Großen und Ganzen wohl zu verneinen. Und auch über fremde Kulturen wissen wir inzwischen recht gut Bescheid. Das mittlerweile akkumulierte Wissen, das nicht zuletzt im Internet abgelegt ist, übersteigt die Fassungskraft eines Einzelnen immens.

Da keiner mehr das gesamte Wissen zu überblicken imstande ist, kann man von „Inseln des Wissens“ sprechen. Was ist damit gemeint? Um einzelne Wissensbestände, kulturelle Zusammenhänge und Traditionen bilden sich Communities, deren Mitglieder eine teilweise recht starke Affinität zu diesen Traditionen entwickeln. Die intensive Beschäftigung mit diesen Inseln des Wissens prägt sich rückwirkend in die auf sie ausgerichteten Personen und ihren Austausch in einer Communitiy ein. Auf diese Weise trägt sie auch zur Identitätsbildung Einzelner und ganzer Gruppen bei. Man versteht sich selbst beispielsweise als Haikufreund und ist bestrebt, mit anderen Haikufreunden in einen Austausch und vielleicht auch in einen Wettstreit zu treten.

Warum ich mich für die eine oder andere kulturelle Tradition stärker interessiere, mag verschiedene Ursachen haben. Der Intensität des Interesses entspricht aber immer auch ein zeitlicher Aufwand für und eine emotionale Bindung an seinen Gegenstand. Die äußerliche Insel des Wissens erzeugt damit ein innerliches Pendant: eine Insel der Aufmerksamkeit, der Vorliebe und Beheimatung.

Andere kulturelle Traditionen und Wissensbestände bleiben demgegenüber in der Regel außen vor, erscheinen weniger interessant und werden nicht gleichermaßen reflektiert und angeeignet. Meistens werden sie nur gleichsam aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen. Sollte dabei allerdings der Eindruck entstehen, dass diese Traditionen mit einem bestimmten Anspruch auftreten, der der eigenen Insel des Wissens zuwider zu laufen scheint, werden diese fremden kulturellen Zusammenhänge nicht selten abgewertet und in den internen Gesprächen der Inselcommunity entweder ignoriert, tabuisiert oder zu einem Popanz aufgebaut.

Diese Abwehr andersartiger Traditionen kann man als einen natürlichen Schutzmechanismus von Kultur-Insulanern verstehen, die ihr eigenes Terrain gegen fremde Einflüsse verteidigen und vor der befürchteten Aufweichung, Verwässerung, Zersetzung und Zerstörung bewahren wollen.

Wir befinden uns also in einer paradoxen Situation:
Auf der Seite der uns zugänglichen Informationen verfügen wir über weltweit ziemlich umfassende Wissensbestände, auch bei den Kulturen und ihren Traditionen. Unentdecktes Neuland ist zumindest im größeren Maße kaum mehr zu erwarten.
Auf der Seite der Aneignung durch Einzelne und Gruppen jedoch leben wir im Status von Insulanern, für die andere Kulturtraditionen oft fremdes, wenn nicht gar bedrohliches Ausland sind, dem nur selten ein positives Interesse entgegengebracht wird, weil alle Kräfte auf den Ausbau der eigenen Insel gerichtet werden.

So gesehen sind die Kultur-Insulaner ringsum von lauter unentdecktem Neuland umgeben, wie es unsere Vorfahren einst auch im geografischen Sinne waren. Wir haben nur ein recht oberflächliches und lückenhaftes Bild von den anderen Welten außerhalb unserer Insel, ein Bild das vor allem von den Gerüchten und Klischees lebt, die wir für die Wirklichkeit halten.

Was ich hier als allgemeine Diskrepanz beschrieben habe, begegnet mir bei uns in der westlichen Welt konkret als wechselseitige Ignoranz zwischen der „Haiku-Welt“ und der christlichen Welt. Während man in den christlichen Kirchen das Phänomen Haiku als exotisches Gewächs einer fremden Kultur bisher kaum zur Kenntnis nimmt, behandelt man in den westlichen „Haiku-Gemeinden“ die christliche Tradition oft mit der Ignoranz von Konvertiten, die von ihren eigenen kulturellen Wurzeln nichts mehr erwarten. Ein nennenswertes Interesse der einen für die andere Seite ist nicht einmal im Ansatz erkennbar, eher schon eine eigen-artige Abwehr des Fremdartigen.

Als Theologe, der mit der christlichen Tradition einigermaßen vertraut ist und mit großem Interesse die „Haiku-Welt“ bereist, komme ich zu dem Schluss, dass beide füreinander so etwas wie unentdecktes Neuland darstellen. Was aus der jeweiligen Inselperspektive von außen völlig andersartig und fremd erscheint, könnte jedoch in tieferen Schichten bislang unentdeckte Entsprechungen und Parallelen aufweisen. Und es könnte für beide Seiten sehr fruchtbar sein, das Eigene im Anderen und das Andere im Eigenen zu entdecken. Die Voraussetzung dafür ist lediglich vorurteilslose Offenheit für die jeweils andere Seite und die Bereitschaft, die eigene Insel nicht mit dem Mittelpunkt der Welt gleichzusetzen.

Zur Entdeckung dieses interkulturellen Neulandes möchte ich unter der Überschrift „Haiku meets Bibel“ gern einladen und in loser Folge Beiräge dazu liefern. Einen ersten Beitrag zum Begriff „Offenbarung“ habe ich dazu hier bereits am 03.07.2012 veröffentlicht. Ich ordne ihn jetzt sachlich als Beitrag 2 der beabsichtigten Folge ein.

Respect Diversity

Bei der EURO 2012 präsentiert die UEFA die Kampagne
Respect Diversity – Football  Unites  (Vielfalt achten – Fußball vereint)

Hintergrund und Anlass dafür sind die Ausbrüche von Gewalt gegenüber denen, die divers (verschieden, anders) sind und damit zur Zielscheibe negativer Emotionen, verbaler Attacken und gewalttätiger Aktionen werden.
Fußball hat für viele Menschen heute geradezu religiöse Qualitäten: Fan kommt von Fanatiker. Fanatische Fans sind wie im Rausch auf eine einzige Sache fokussiert: Der Sieg ihrer Mannschaft. Sie genießen diesen Rausch in der Masse. Sie sind eine Macht. Und manchmal sieht man sie auch mit Tränen in den Augen zum Himmel flehen, wenn die eigene Mannschaft im Rückstand steht.
Gott sei Dank: Die meisten Fans sind nicht so fanatisch. Sie wissen, dass es ein Spiel ist und bleibt.

Respect Diversity heißt, den, der anders ist, anders denkt, andere Ziele hat, genauso zu achten, wie man selbst geachtet werden möchte. Das gilt nicht nur für den Fußball. Es ist die Existenzgrundlage für das menschliche Leben schlechthin.
Menschliches Leben ist Zusammenleben.
Mehr noch: Menschliches Leben wird reicher, wenn das Zusammenleben besser gelingt.
Die Andersartigkeit des Anderen muss nicht als Infragestellung und Bedrohung der eigenen Identität empfunden werden. Sie kann als andere, neue, interessante, bereichernde Möglichkeit begriffen werden, wie man das Leben auch sehen und gestalten kann. So ist sie letztlich sogar eine Befreiung aus dem Gefängnis der eigenen Begrenztheit.
Wo einer den Anderen achtet wie sich selbst, wächst etwas, das beide vereint: Verständnis, Solidarität, Freundschaft, Liebe, Frieden – das alles ist möglich.

Respect Diversity setzt aber – so verstanden – auch einiges voraus:
Im Grunde geht es um eine Ökologie des menschlichen Zusammenlebens.
Nicht mein eigenes Ich ist der letzte Maßstab, sondern das Gelingen einer guten Gemeinschaft.
Ist das utopisch in einer Welt, in der sich jeder selbst der Nächste zu sein scheint?
Nicht unbedingt, wenn wir noch besser begreifen lernen, dass ich mit dem Anderen reicher werden kann als ohne oder gegen ihn.
Es kommt entscheidend darauf an, dass viele Menschen diese Einsicht gewinnen, beherzigen und an andere auf einladende Art und Weise weitervermitteln.

(Nach-Frage:
Ist es nicht genau das, was die großen Religionen ihrem innersten Wesen nach anstreben?)