VERSTEHER

Ich spüre wachsendes Unbehagen und Wut, wenn ich dieses Wort hören oder lesen muss.
Für mich ist es d e r Spitzenkandidat für das nächste Unwort.
Wenn das Verstehen und um Verstehen bemühte Menschen, die es wagen, gegen den oft stark verschmutzten Mainstream zu schwimmen, mit diesem Wort verächtlich gemacht werden, dann geht das sehr tief an die Substanz unserer geistigen Tradition und Kultur.

„PEGIDA-Versteher“ werden Frank Richter und Werner Patzelt in Dresden genannt, weil sie sich um eine differenzierte Sicht und den Dialog mit denen bemühen, die von vielen anderen einfach lauthals und hirnlos als „Nazis“ beschimpft werden.
Als „Putin-Versteher“ werden diejenigen abgestempelt, die sich um eine mehrperspektivische Sicht auf die Entwicklung in und um Russland bemühen.

Wo kommt dieses Unwort eigentlich her?
Das erste Auftreten, an das ich mich erinnern kann, war „Frauen-Versteher.“
Was für eine Verbalentwicklung!
Was für ein Unwort!

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11. Sonntag nach Trinitatis – Demut

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1.Petrus 5,5b

Bei diesem Bibelwort kann sich als erste Reaktion ein zwiespältiger Eindruck aufdrängen.
Viele werden sofort dem zustimmen, was hier über die Hochmütigen gesagt wird: Hochmut kommt vor dem Fall, heißt es einem alten Sprichwort. Heute nennt man es oft Arroganz. Solche Menschen sind nicht sympathisch, weil sie sich über andere erheben und damit selbst keine Sympathie, kein Mitgefühl für andere ausstrahlen. So erscheint es nur folgerichtig und gerecht, dass Gott als höchste Instanz ihnen Grenzen setzt.

Mit den Demütigen ist es heute nicht so eindeutig. Das Wort ist belastet. Es klingt nach falscher Bescheidenheit, Unterwürfigkeit oder – mit Nietzsche – nach Sklavenmoral und scheint nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Treffend kommt das in einem Satz zum Ausdruck, der die Veränderung in der Denkweise und Einstellung humorvoll und bezeichnend ausleuchtet: Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin. Unter der Voraussetzung, dass wir heute unser Leben selbst in die Hand nehmen und nicht auf eine gnädige Belohnung für ein fremdbestimmtes Wohlverhalten von oben warten, klingt der Satz sehr plausibel.
In dieser Perspektive erscheint der Wochenspruch als Ausdruck eines repressiven Herrschersystems, das denjenigen, die nach oben wollen, einen Dämpfer verpasst, und die Angepassten, die Systemkomformen, als Vorbild hinstellt.

Diese Betrachtungsweise zeigt, wie sehr unser Verständnis von Voraus-Setzungen und Grundannahmen beeinflusst wird, die uns in vielen Fällen gar nicht bewusst werden.
In diesem Fall ist es die Grundannahme, dass die im Wochenspruch enthaltenen Urteile über menschliches Verhalten herrscherlicher Willkür und Machtinteressen entspringen.

Ganz anders erscheint der Satz, wenn Gottes Urteil im Sinne einer im Leben selbst angelegten tieferen Wahrheit interpretiert wird. Dann erscheint Demut als die Lebenseinstellung und Fähigkeit, mit anderen realistische und liebevolle Beziehungen aufzubauen. Das kann nur, wer sich nicht über andere erheben muss, um sich selbst zu bestätigen und gut zu finden. Demut bedeutet, sich selbst mit seinen persönlichen Grenzen annehmen zu können und dadurch frei von Arroganz, Geltungssucht und der Angst vor dem eigenen Ungnügen auf andere zugehen zu können. Solchen Menschen begegnet die Gnade oder das Geschenk der Freundschaft und der Liebe, die nicht gegen andere, sondern nur gemeinsam mit anderen erfahren werden kann.

2. Advent – Erlösung

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

„Erlösung“ ist der zentrale Begriff in diesem Wochenspruch. Die Hoffnung auf Erlösung spielt auch an anderen Stellen der Bibel und in weiteren Religionen eine wichtige Rolle. Man hat sie deshalb als „Erlösungsreligionen“ bezeichnet.
In unserer Gesellschaft wird der Begriff oft ohne religiösen Bezug verwendet: „Der Ausgleich in der 91. Spielminute war eine Erlösung.“ Oder auch: „Der Tod war eine Erlösung.“ Hier geht es um das Ende einer als unerträglich empfundenen Spannung. Eine religiöse Jenseitserwartung ist damit nicht verbunden.

Was jeweils mit „Erlösung“ gemeint ist, ergibt sich also erst aus dem Zusammenhang.
Wie aber erfassen wir den jeweiligen Zusammenhang?
Wenn wir etwas hören und darauf reagieren, muss es ja schnell gehen. Dabei helfen uns bestimmte Muster. Wir ordnen das Gehörte einfach uns vertrauten Verständnismustern zu. Das hilft uns beim Verstehen. Das kann aber auch zu Klischeevorstellungen führen, die am Kern der Wahrheit vorbei gehen.

Ein Beispiel, wie das oft so läuft:
„Erlösung? Ach so, Kirche! Na, da geht es doch um’s Jenseits. Nein, damit hab ich nichts am Hut. Ich bleib mal lieber mit beiden Beinen auf der Erde. Wie sagte doch Heinrich Heine schon so richtig: ‚Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen‘ Punkt!“

Das ist wohl das heute geläufigste Muster. Aber ist es damit auch der für ein wirkliches Verständnis geeignetste Weg?
Um das zu beantworten, stellen sich zunächst zwei weitere Fragen:
1. Was ist in der Bibel und in der antiken Welt eigentlich ursprünglich mit „Erlösung“ gemeint?
2. Führt das hier vorgestellte Verständnismuster zu einem Verlust an Lebenstiefe, weil es wichtige Zusammenhänge ausblendet?

Über diese Fragen lassen sich lange Abhandlungen schreiben. Hier möchte ich nur kurz die aus meiner Sicht wichtigsten Antworten vorstellen:

1. In der Bibel und in der antiken Welt wurde „Erlösung“ ursprünglich als Loskauf aus der Sklaverei und Fremdherrschaft verstanden. Später begriff man, dass das menschliche Leben auch auf subtilere Weise entfremdet wird. Die zerstörerischen Kräfte, die durch Schuld und Beziehungsstörung (Sünde), durch Unwissenheit und Schicksalsmächte entfesselt werden, führen zu einer unheilvollen Versklavung, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Nur ein Münchhausen kann sich am eigenen Schopf aus diesem Sumpf ziehen. Mit dieser Erfahrung wuchs die Frage und das Verlangen nach einer tieferen und umfassenden Erlösung. Christen glauben, dass Jesus von Nazareth mit seiner aus Gottvertrauen gewirkten Liebe und Hingabe die Antwort darauf gefunden und gegeben hat. Wer ihm nachfolgt und aus dieser Kraft lebt, ist ein neuer, erlöster Mensch.

2. Wenn wir nicht mehr oder nur noch in einem verflachten Sinne von Erlösung sprechen, geben wir eine wichtige Antwort auf, ohne die ihr vorausgehenden Fragen und Probleme gelöst zu haben. Diese bestehen jedoch in zeitgemäßen Gewändern weiter und bedrohen unser aller Leben: als Angst, als Egoismus, als Ignoranz, als Sucht, als Abhängigkeit, als Ausgeliefertsein an die vielen Einflüsse und Kräfte, die auch unser Leben bedrohen. Wer diese lebensfeindlichen Mächte weder verdrängen noch von ihnen gebrochen werden will, der steht auch heute vor der Frage, wie er trotz alledem zu einem erlösten Leben finden kann – nicht erst in einem nebulösen Jenseits, sondern hier und heute.

Der Wochenspruch macht Mut, mit diesem Fragen nicht aufzuhören. Und er macht zugleich klar, dass es auch auf unsere Einstellung ankommt: „Seht auf und erhebt eure Häupter“, lautet die Aufforderung. Damit ändert sich die Blickrichtung und auch die Perspektive. Wenn sich der Blick von der Fixierung auf die Fesseln löst, dann kann die Befreiung – um ein anderes Wort für Erlösung zu gebrauchen – beginnen. Dann wird möglich, was viele nicht mehr für möglich gehalten haben.

Es bleibt eine Frage, ob es jemals eine erlöste Welt geben wird?
Die Erfahrungen aus der Geschichte sprechen eher für eine skeptische Antwort.
Das ungeheuerlich angewachsene Potential der Menschheit, das auch die Möglichkeit einer globalen Selbstzerstörung einschließt, kann auch zur der Antwort führen, dass wir überhaupt nur durch eine tiefgreifende Neuausrichtung unseres Zusammenlebens eine Zukunftschance haben.
Wird Erlösung zu einer Überlebensfrage?

Die Fragen sind gestellt. Eins erscheint mir aber schon deutlich und sicher:
Erlösung ist kein Naturereignis. Es geht um erlöste Menschen. Es gibt sie. Sie sind nicht fehlerlos. Im Gegenteil: Sie wissen um ihre Fehler und die fatalen Folgen, die daraus erwachsen können. Sie lernen, auf liebevolle und verantwortungsbewusste Weise damit umzugehen, und sie schöpfen die dazu nötige Kraft nicht aus dem eigenen Ego, sondern aus den Quellen der Spiritualität.

Hört, hört!

Im Jakobusbrief 1,19 heißt es:
Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.

Ist es nicht sehr oft umgekehrt unter uns Menschen? Wie würde unser Leben aussehen, wenn wir mehr Bereitschaft zum Hören aufbringen könnten, im Privaten wie in der Politik?

Hören heißt, nicht zuerst die eigene Meinung und den eigenen Willen durchsetzen.
Hören heißt, das eigene Ego hintenanstellen und zuerst offen sein für die Begegnung mit dem Anderen.
Hören heißt, darauf vertrauen und darauf bauen, dass es etwas Neues gibt und dass daraus eine Erneuerung kommen kann.
Hören heißt, das Wunder zulassen, dass Gott reden kann, wenn ich endlich schweigen lerne.
Hören ist der erste Schritt von mir aus in die Zukunft, die auf mich zukommt, wenn ich es mir erlaube, nicht der Gefangene meiner selbst zu bleiben.