Das wirkliche Geheimnis von Weihnachten

Weihnachten
wir sehen uns
mit anderen Augen

 

Es weihnachtet wieder. Die Stimmung ist gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich wie alle Jahre wieder auf das schönste unserer Feste. Auf der anderen Seite aber steht der Freude sehr viel entgegen.

In diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Der Terror und das Anwachsen der Gewalt sind noch bedrängender als schon zuvor geworden. Immer mehr Menschen flüchten aus ihrer Heimat. Sie kommen zu uns und sind  unser Thema Nr. 1 geworden. Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Einzelne Gruppen stehen sich mit Unverständnis und mitunter auch hasserfüllt gegenüber. Die Politik wirkt oft hilflos. Der europäische Zusammenhalt und viel beschworene Werte treten hinter nationalen Interessen zurück. Der Ton in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist aggressiver geworden.

Angst und Gewalt greifen auf verschiedenen Ebenen um sich, äußern sich in vielen Formen, verwirbeln sich in lebensbedrohliche Eskalationsspiralen und entladen sich immer wieder über unschuldigen Menschen.

In diese Zeit fällt Weihnachten 2015.

Für viele ist das Fest längst schon zu einer sehr fragwürdigen Konsumveranstaltung geworden, der man sich nur schwer entziehen kann. Der von Coca Cola ausgestattete Weihnachtsmann ist allgegenwärtig. Oder macht er sich in diesem Jahr rarer, weil er zur Reizfigur werden oder weil er mit seinem Geschenkesack als potentieller Gefährder verdächtigt werden könnte?

Andere blicken halb erwartungsvoll, halb skeptisch auf ein paar gemeinsame Stunden mit ihren Lieben, die gerade in diesen Tagen meistens so viel um die Ohren haben, dass der Stresspegel noch um einiges höher liegt. Schaffen wir das? Hoffentlich geht es gut mit dem trauten Beisammensein! Das Wort von der schönen Bescherung ist recht vieldeutig geworden.

Und dann ist da unter all dem anderen auch noch die alte biblische Weihnachtsgeschichte mit dem Engelsgesang. Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde Frieden.  Das klingt ziemlich krass, wenn man im Blick behält – und wie könnte man das nicht im Blick behalten -, was Menschen in Gottes Namen und um Gottes Willen daraus machen.

Trotzdem: Auch am Heiligabend 2015 wird diese Geschichte wieder viele Menschen – viele sehr unterschiedliche Menschen – in die Kirchen ziehen. Sie erweist sich noch immer als nicht verbraucht und verschlissen und ist davor bewahrt geblieben, zur Groteske zu werden. Im Gegenteil: Sie zeigt sich bis heute erstaunlich ironie-resistent und hat von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Es scheint ein Geheimnis über dieser Geschichte zu liegen, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Schon viele Generationen vor uns haben versucht, diesem Geheimnis mit Worten, in Bildern oder durch Musik Ausdruck zu verleihen. Das Jauchzen vielstimmiger Chöre, die Bilder und Figuren aus kostbarem Gold und tiefsinnige Weissagungen von göttlichen Geheimnissen sind uns reichlich überliefert und werden in diesen Tagen wieder hervorgeholt. Wer noch in diesen Traditionen zu Hause ist, steht möglicherweise ergriffen davor. Sehr vielen anderen erscheint das alles wie die Ausstellungsstücke in einem großen Museum, die man während eines  Besuchs mehr oder weniger staunend, verstehend oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, um bald darauf wieder in die eigene Zeit zurückzukehren.

Und doch: Alle Jahre wieder diese Ausstrahlung! Was ist für uns das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte?

Wenn wir sie mit den skeptischen Augen unserer Zeit betrachten, werden wir kaum etwas Übernatürliches feststellen können, das den Fragen unserer kritisch geschärften Denkweise standhält.

Das Geheimnis der beiden ganz unterschiedlichen Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und aus dem Matthäusevangelium lässt sich nicht an harten Fakten festmachen. Ihre äußere Welt ist so wie die unsere. Sie ist von Armut und den Strapazen der kleinen Leute bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geprägt.

Und von politischer Willkür, von Angst, Gewalt und Mord und der dadurch erzwungenen Flucht. Und kein Engel oder Gott schreitet direkt dagegen ein.

Das Geheimnis, bei dem dann allerdings auch Gott und seine Engel und ein wunderbarer Stern ins Spiel kommen und zu leuchten anfangen, liegt in der Verwandlung der beteiligten Menschen. Von dieser Verwandlung erzählt und lebt die Weihnachtsgeschichte.

 

Da ist als erstes Maria, ein junges Mädchen, das zunächst voller Fragen und Zweifel ist, bevor sie verstehen und annehmen kann, was mit ihr geschehen soll. Sie wird Mutter werden und soll Jesus zur Welt bringen.
Und dann Joseph, der Mann an ihrer Seite. Er ist zuerst fassungslos über diese ungeahnte Schwangerschaft und will sich heimlich davonmachen. Doch er ändert seine Einstellung, er bleibt da und nimmt die Vaterrolle an. Als das Kind geboren ist, werden als erstes Hirten, die als Tagelöhner auch die Nacht auf den Feldern zubringen mussten, in die Geschichte einbezogen. Sie werden Zeugen einer himmlischen Erscheinung, die sie erschrecken lässt. Und sie fürchten sich sehr. Doch dann lassen sie sich ansprechen und bewegen. Sie suchen und finden das neugeborene Kind und seine Eltern. Sie selbst werden dabei froh und dankbar und fangen an, darüber zu reden. Und schließlich kommen auch noch Gelehrte aus dem Morgenland, die den Himmel nach Zeichen erforschen und zunächst an der falschen Stelle suchen. Herodes im Königspalast weiß nichts von einem neugeborenen König. Im Gegenteil: Er wird misstrauisch und setzt seine Machtsicherungsmaschinerie in Gang, die vielen Neugeborenen und Kindern bis zu zwei Jahren in und um Bethlehem das Leben kostet. Doch die weisen Männer, die später auch als Könige betrachtet werden, sehen ihren Irrtum ein und lassen sich nicht täuschen. Sie machen sich erneut auf die Suche und finden und beschenken das neugeborene Kind königlich. Auch sie werden dabei selber froh.

Die Ausstrahlung und das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte beruht auf der Verwandlung der beteiligten Menschen. Ihre Verwandlung äußert sich darin, dass sie trotz anfänglicher Ängste und Zweifel, trotz großer Strapazen, trotz bedrückender Verhältnisse, trotz Feindseligkeit und Gewalt ein so tiefes und starkes Ja zu dem ihnen geschenkten Leben finden, dass sie späteren Zeiten als Heilige erscheinen und auch für uns heutige Menschen noch weihnachtlich leuchtende Beispiele sind.

Diese Verwandlung schaffen sie nicht aus sich selbst heraus. Die Erzählungen sprechen hier vom Eingreifen göttlicher Kräfte. In ihrem Kern handelt es sich dabei stets um klare Worte, zur rechten Zeit das Richtige zu tun: Maria und die Hirten werden von Engeln angesprochen und auf die tiefere Bedeutung des Geschehens hingewiesen. Joseph und die Weisen aus dem Morgenland werden von Gott im Traum auf den richtigen Weg gebracht.  Gott erweist sich in den Erzählungen nicht als eine Art allmächtiger Kriegsherr, sondern als guter Geist, der das zerbrechliche Menschenleben schützt und ins rechte Licht setzt, indem er die Verwandlung der Menschen betreibt.

Ja mehr noch: Auch Gott selbst verwandelt sich. Das wird besonders deutlich am Anfang des Johannesevangeliums in einer Art Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Der göttliche Logos, die Kraft, der Geist, das Wort – alles Hilfsbegriffe für den, die oder das Unbegreifliche(n), kurz: Gott selbst – wird Mensch und wohnt unter uns, und wir können seine Herrlichkeit im Angesicht des Menschen sehen.

Wo es wirklich weihnachtet, hat die Angst ihre letzte Macht verloren, weil Gott nicht länger dafür herhält. Er selbst verwandelt sich aus einem höheren  Wesen, das den Menschen Angst einjagt, in ein schutzbedürftiges Kind, das ausschließlich zur Liebe provoziert. Gott ist die Liebe, heißt es, und in genau dieser Liebe wirkt die verwandelnde Kraft.

 

Kehren wir zum Schluss wieder in unsere Zeit zurück, die am Ende des Jahres 2015 so von Unruhe, Angst und Gewalt erfüllt ist, dass bange Fragen aufbrechen: Ist die Menschheit noch zu retten, oder treibt sie unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

Die Möglichkeit zu einem Weiter so scheint immer unrealistischer zu werden. Es spricht einiges dafür, dass wir nur eine einzige Chance haben: Uns auch verwandeln zu lassen, beginnend im kleinen Raum unseres persönlichen Lebens und hinauswirkend in das große Ganze dieser Welt. Zu Weihnachten ist mit dieser Geschichte schon der Anfang gemacht. Und es ist höchste Zeit, dass wir heute neu anfangen, Weihnachten wieder als das ernst zu nehmen, was es unserem Kalender nach ist: die große Wende der Zeiten.

Gesegnete Weihnachten!

Weihnachten – Gott wird Mensch

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1, 14

Unübersehbar und einzigartig ist unser Weihnachten. Wie kein anderes Fest wird es erwartet, vorbereitet und gefeiert. Es ist das non plus ultra: Wenn wir uns über etwas ganz besonders freuen, dann sagen wir manchmal: Das ist wie Weihnachten!

Zu Weihnachten geht es um die ganz große Freude. Das hat schon der Wochenspruch vom 4. Advent zum Ausdruck gebracht. In der Weihnachtsgeschichte aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums verkündet der Engel die große Freude, welche allem Volk widerfahren soll.
Aber wie und was ist und bedeutet Weihnachten eigentlich genau?

Weihnachten, das Fest der Geburt Christi, ist kein historisch exakt zu bestimmendes Datum. Die ersten Christen kannten es noch nicht. Erst im vierten Jahrhundert wurde es zu einem bedeutenden Fest mit einem festen Datum.

Im Neuen Testament spielt die Geburt Jesu im Vergleich mit Ostern nur eine recht marginale Rolle. Für Paulus, dem ersten der Autoren des Neuen Testaments und Verfasser einiger nach ihm benannter Briefe, ist Weihnachten kein Thema. Auch Markus, der älteste Evangelist, erzählt nichts von der Geburt Jesu, sondern setzt mit seiner Taufe durch Johannes den Täufer ein.
Von Lukas haben wir die bekannte Weihnachtsgeschichte, die wir im 2. Kapitel seines Evangeliums finden: Lukas erzählt von der Steuerschätzung des Kaisers Augustus und dem dadurch veranlassten mühevollen Weg, den Josef mit der schwangeren Maria von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in das jüdische Land antreten muss. Von der Schwierigkeit, dort ein Quartier zu finden, und von der Krippe, in die das neugeborene Jesuskind gelegt wird. Von den Hirten auf dem Feld und der Erscheinung und Verkündigung der Engel. Davon, wie die Hirten zur Krippe kommen, die junge Familie finden und das Wort von diesem Kinde ausbreiten.

Ganz anders Weihnachtsgeschichte von Matthäus: Er erzählt von dem Stern, den Magier (Weise) im Orient entdecken. Sie deuten ihn als ein Zeichen für einen neuen König der Juden und ziehen nach Jerusalem, wo sie aber nur den alten König Herodes finden, der nichts davon weiß und um seine Macht fürchtet. Als seine Schriftgelehrten die alte Weissagung des Propheten Micha (5,1) zitieren, nach der der künftige Fürst Israels aus Bethlehem kommen soll, ziehen die Weisen von ihrem Stern geleitet dorthin, finden María und das Kind, beten es an, beschenken es mit Gold,Weihrauch und Myrrhe und kehren auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück. Herodes aber lässt in und um Bethlehem die Kinder bis zum Alter von zwei Jahren töten, was die junge Familie zur Flucht nach Ägypten veranlasst.

Die beiden Geburtsgeschichten des Lukas und des Matthäus sind ursprünglich zwei völlig selbständige Erzählungen, die im Kontext ihrer Evangelienbücher auch ganz unterschiedliche Aussageabsichten verfolgen. Erst viel später hat man sie als aufeinander folgende Ereignisse der einen (konstruierten) Weihnachtshistorie gedeutet und legendarisch weiter ausgeschmückt: Zur Krippe kam dann der Stall mit Ochs und Esel, und aus den Geschenke bringenden Magiern wurden die Heiligen drei Könige.

Johannes, der vierte Evangelist, geht das Thema ganz anders an: Er erzählt keine Geschichte von der Geburt Jesu, sondern bringt am Anfang seines Evangeliums einen feierlichen Hymnus, in dem er die Herkunft Jesu viel weiter fasst und viel tiefer deutet. Bis an den Anfang der Schöpfung geht er zurück: Am Anfang war das Wort. Gemeint ist der göttliche Logos, der viel mehr ist als ein bloßes Wort in unserem Sinne. Er ist letztlich Gott gleich und Gottes schöpferische Kraft. Von diesem Logos sagt nun der Spruch des Weihnachtsfestes und des darauf folgenden Sonntags: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Diese Umschreibung und Deutung der Geburt Jesu ist trotz ihrer formelhaften Kürze und trotz des Verzichts auf eine erzählerische Ausgestaltung theologisch viel bedeutungsvoller als die Weihnachtskapitel des Matthäus- und des Lukasevangeliums. Hier ist von der Inkarnation, der Fleischwerdung des Wortes, die Rede. Das heißt: Gott selbst wird in dem Jesuskind ein Mensch und teilt das Leben und Leiden der Menschen am eigenen Leibe bis zum Tod am Kreuz.
Das ist eine der tiefsten und weitreichendsten Grundaussagen des christlichen Glaubens. Alle Ideologien und alle Spekulationen über Gott werden dadurch überboten bzw. unterlaufen: Es gibt keine Erklärung, keinen Beweis, keinen Weg von uns Menschen zu Gott und jedes Bild, das wir Menschen uns von Gott machen, muss sich an diesem Satz messen lassen: Gott selbst kommt menschlich zu uns in einem Kind. Er wählt den Weg in die Schwachheit und Niedrigkeit. Er liefert sich aus und macht auf diese Weise sein eigentliches Wesen sichtbar: die Liebe.
Das menschliche Streben ist vom Eros geleitet: der Liebe zum Schönen, Edlen, Großartigen. Es ist die Bewegung nach oben zum Höheren. Gottes Liebe aber ist Agape, die Hinwendung zum Schwachen und Hilfsbedürftigen, der Weg nach unten, um Licht und Heil in die Finsternis der menschlichen Lebenswirklichkeit zu bringen.
In dieser Umkehr der Lebensrichtung und Neuausrichtung der Wertmaßstäbe wird das Besondere, Revolutionäre und – im Sinne einer Ökologie des Zusammenlebens – Zukunftsweisende des christlichen Glaubens sichtbar. Der Inkarnationsgedanke kehrt die Suchrichtung um: Gott ist nicht in einem fernen Himmel als ideales aber lebensfernes höheres Wesen zu finden, sondern in dem liebebedürftigen Nächsten, in dem sein Glanz und seine Herrlichkeit für die aufleuchtet, die Augen dafür haben.

Es ist besser

Es ist besser, mit den Engeln zu singen als mit den Wölfen zu heulen.

Wenn Worte eine Wirkung haben, und die haben sie, dann richten wir uns mit ihnen in unserer Welt ein.
„Die Sprache ist das Haus des Seins“, sagt der Philosoph Martin Heidegger dazu.

Wie haben wir uns eingerichtet?
Und ist da vielleicht ein Umbau oder eine Sanierung fällig?

Wenn wir mit den Wölfen heulen, leben wir in einer Wolfshöhle, lauern auf das nächste Opfer und fürchten uns, bald selbst ein Opfer zu werden.
Das Wolfsgeheul scheint allgegenwärtig zu sein. Die sich häufig hoch auftürmenden Empörungswellen bringen in der Regel kein Löschwasser, sondern gießen statt dessen Öl ins Feuer. (Und dabei gibt es kaum etwas, was Wölfe mehr fürchten als das Feuer.)

Besser ist es, mit den Engeln zu singen.
Das erscheint seltsam und befremdlich? Weil wir es verlernt und kaum wieder probiert haben.
Natürlich kann man sich damit lächerlich machen. Aber wir wären dabei in bester Gesellschaft.
Nur eins ist der Gesang der Engel nicht: Leeres, abgehobenes, realitätsfernes Trallala. Es ist vielmehr der Beginn einer neuen Realität inmitten der Trümmer, die aus dem Wolfsgeheul entstanden sind. Der Gesang der Engel ist die Grundsteinlegung für ein neues Haus, in dem Frieden herrscht und Freude wohnt.

Sicher sind das große Worte. Eben deshalb ist es Zeit, darüber zu reden.
(Weihnachten wäre dafür kein schlechter Zeitpunkt.)

Heiligabend

Ich hänge wieder Kugeln an die Zweige.
Ich stecke ein paar Lichter auf den Baum,
und dabei ist mir wie in einem Traum,
den ich mir selber immer wieder zeige.

Wie schön und schmerzlich leuchtet das Gedenken
an alle Jahre, die vergangen sind.
Ich war so lange, lange nicht mehr Kind.
Wird mir noch einmal jemand Freude schenken?

Es führt kein Weg zurück in alte Zeiten.
Die Gegenwart ist Gottes Ewigkeit.
Bist heute du, mein Herz, für sie bereit?

Im Buch des Lebens gibt es neue Seiten,
die heute für dich aufgeschlagen sind:
wirst gebraucht und zwar von diesem Kind.

4. Advent – Freut euch!

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! (Philipper 4,4-5)

Freude kann man doch nicht befehlen! Auch und gerade zu Weihnachten geht das nicht. Ja, es droht sogar gründlich schief zu gehen, wenn etwa die Mutter ihre ganze Familie auf Freude programmieren will, wenn riesige Erwartungen aufgebaut werden und alle bald genervt denken: Wenn es bloß erst vorbei wäre! Das ist der Stoff, aus dem manche moderne Weihnachtserzählungen und Spielfilme gemacht sind.

Weihnachten ist das Fest der Freude. Und genau deshalb ist es für viele auch ein schwieriges Fest.
Über Gott und die Welt meckern kann man mit vielen Menschen und dabei ein schnelles Einverständnis erzielen. Bei der Verabschiedung heißt es dann: Naja, mach’s mal trotzdem gut!
Mit der Freude ist das nicht so einfach, denn Freude ist etwas Zartes und Intimes. Sie rührt an etwas, wo wir ganz weich und verletzlich sind. Deshalb können sich bei echter Freude auch die Quellen öffnen, aus denen die Tränen fließen. Schmerz und Sehnsucht schwingen mit und finden in der tiefen Freude ihre Erlösung. Daran mag man nicht so ohne weiteres rühren. Erlittene Verletzungen und Enttäuschungen wirken lange nach.
Wo man diese Tiefe meiden will oder längst verdrängt und vergessen hat, wird auf Spaß gemacht. Die lustigen Musikanten stehen immer bereit.

Mit der Freude ist es wie mit unseren Wochensprüchen: Sie braucht einen Kontext, einen Raum, in dem sie sich ganz entfalten kann. Das Verstehen spielt dabei auch eine wichtige Rolle: Verstehen und sich verstanden fühlen.
Tiefe und dauerhafte Freude hängt deshalb auch nicht an den Dingen, die wir uns morgen schenken. Sie kann nur bei uns einziehen, wenn der zum Himmel stinkende Haufen aus verdorbenen Begegnungen, Kränkungen und Befürchtungen weggeräumt, wenn die Seele für das große Fest bereitet wird und die Ichmagdichtrotzdem-Worte wieder einen Weg in die Herzen finden können. Dazu braucht es starke, mutige und sensible Kräfte – wie diesen Herrn und Knecht, dieses Kind, von dem der christliche Glaube weiß und erzählt.

gezopftes Haar offen

Engel Gabriel …
mein gezopftes Haar offen –
ein Weilchen damals

Angelika Holweger

Im Mittelpunkt dieses Haiku steht der (Erz-)Engel Gabriel. Von ihm ist in der Bibel zweimal die Rede, zuerst im Alten Testament im Buch Daniel (Kap. 8 und 9). In der christlich geprägten Welt ist er aber durch seinen zweifachen Auftritt im ersten Kapitel des Lukasevangeliums mit Zacharias, dem späteren Vater Johannes‘ der Täufers, und vor allem durch seine Begegnung mit Maria bekannt.

Lukas erzählt (1,26ff.), wie der Engel Gabriel von Gott zu Maria nach Nazareth gesandt wurde. Maria war eine Jungfrau, die mit Josef aus dem Hause des Königs David verlobt war. Der Engel begrüßt sie als Begnadete und löst damit bei ihr ein Erschrecken aus. Doch sie soll sich nicht fürchten, denn sie hat Gnade bei Gott gefunden. Sie wird schwanger werden und einen Sohn gebären und ihm den Namen Jesus geben. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden, von Gott den Thron Davids empfangen und sein Reich wird kein Ende haben. – Maria kann das nicht verstehen, da sie doch von keinem Mann weiß. – Der Engel sagt ihr, dass der Heilige Geist und die Kraft des Höchsten über sie kommen wird und das Heilige, das geboren wird, deshalb auch Gottes Sohn genannt werden wird.
Das ist die Vorgeschichte, die der Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 vorangeht wie die Empfängnis der Geburt.

In dem Haiku von Angelika Holweger steht der Engel Gabriel am Anfang: Er füllt die ganze erste Zeile aus und setzt ein Geschehen in Gang, das durch die Andeutung der drei Punkte bis in die Lektüre des Haiku hinein fortwirkt. Auch heute noch ist von ihm die Rede, und in manchem weihnachtlichen Verkündigungsspiel wird er in diesem Jahr wieder in Erscheinung treten und Gestalt annehmen. Vorzugsweise wird diese Rolle von jungen Mädchen gespielt. Auch in der bildenden Kunst wurde Gabriel trotz seines männlichen Namens (Mann, Stärke Gottes) als weibliches Wesen dargestellt.

Die Verbindung des Engels mit der persönlichen (mein) Erinnerung (damals) einer Frau (gezopftes Haar offen) legt es nahe, hier an eine Szene in einem früher aufgeführten Spiel zu denken. Das Besondere und im tiefsten Sinne Evangelische daran ist, wie in dem Haiku die biblische Geschichte mit dem persönlichen Erleben verschränkt wird.

Mehr noch: Geht man davon aus, dass diese Erinnerung einige Jahrzehnte zurückreicht und zu einer Zeit spielt, als „kleine Fräuleins“ noch streng angehalten wurden, ihr Haar sittsam geschlossen zu tragen, kommt in dieser Szene etwas geradezu Revolutionäres zum Ausdruck: Entgegen aller nahezu klischeehaften Vorstellungen, dass die Kirche als Wächterin der Sitten der sinnlichen Freiheit alle nur denkbaren Riegel vorschiebt, kommt es ausgerechnet in der vielleicht am besten besuchten kirchlichen Veranstaltung eines ganzen Jahres dazu, dass hier zu Weihnachten ein solches Fräulein sein gezopftes Haar öffnen, sich unverknotet einer großen Gemeinde präsentieren und sich selbst so frei und wild und lustvoll erleben kann, wie es wohl in Gottes Absicht bei der Schöpfung gelegen haben muss.

Der Gedankenstrich am Ende der Mittelzeile öffnet Raum diesem Geschehen und Erleben nachzuspüren. Das Verständnis des beschriebenen Vorgangs benötigt Raum wie die geöffneten Haare selbst.

Die dritte Zeile stellt gleich zwei zeitliche Bezüge her.
Diese weihnachtliche Öffnung (nicht nur) der Haare – nach dem christlichen Verständnis öffnet sich auch der Himmel an diesem Tag – währt ein Weilchen. Im Diminutiv kommt das Liebliche und Lustvolle dieses Augenblicks, der nicht der Alltag ist, zum Ausdruck.
Die Verknüpfung mit der Rückschau auf damals unterstreicht, dass es dabei um etwas ganz Besonderes ging, das nicht im Strom der Zeit versunken ist, sondern tief verinnerlicht wurde und nun erinnert werden kann. Gleichzeitig wird mit diesem letzten Wort aber auch deutlich, wie sehr sich Zeit und Leben seither geändert haben. Die Freiheit ist zur Selbstverständlichkeit geworden, ihre Süße zur Erinnerung.

In dem Haiku von Angelika Holweger begegnen sich religionsgeschichtliche, kultur- und zeitgeschichtliche Bezüge und werden mit dem persönlichen Leben verwoben. Auf diese Weise wird ein sehr komplexes und dichtes Geschehen und Erleben sichtbar, das zwei verschiedene Zeiträume überspannt und vergegenwärtigt.
Für mich ist es zugleich auch ein sehr beredtes Zeugnis dafür, welche tiefen Erinnerungsspuren eine ganzheitliche persönliche Begegnung mit biblischen Gestalten und Themen hinterlassen kann.

Das Haiku kann sich aber auch in anderen Kontexten öffnen: Wie würde es im Munde einer Muslima klingen? Für sie heißt Gabriel auf arabisch Djibril, der Engel der Offenbarung, der Mohammed die Verse des Korans übermittelte, damals.