Das wirkliche Geheimnis von Weihnachten

Weihnachten
wir sehen uns
mit anderen Augen

 

Es weihnachtet wieder. Die Stimmung ist gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich wie alle Jahre wieder auf das schönste unserer Feste. Auf der anderen Seite aber steht der Freude sehr viel entgegen.

In diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Der Terror und das Anwachsen der Gewalt sind noch bedrängender als schon zuvor geworden. Immer mehr Menschen flüchten aus ihrer Heimat. Sie kommen zu uns und sind  unser Thema Nr. 1 geworden. Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Einzelne Gruppen stehen sich mit Unverständnis und mitunter auch hasserfüllt gegenüber. Die Politik wirkt oft hilflos. Der europäische Zusammenhalt und viel beschworene Werte treten hinter nationalen Interessen zurück. Der Ton in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist aggressiver geworden.

Angst und Gewalt greifen auf verschiedenen Ebenen um sich, äußern sich in vielen Formen, verwirbeln sich in lebensbedrohliche Eskalationsspiralen und entladen sich immer wieder über unschuldigen Menschen.

In diese Zeit fällt Weihnachten 2015.

Für viele ist das Fest längst schon zu einer sehr fragwürdigen Konsumveranstaltung geworden, der man sich nur schwer entziehen kann. Der von Coca Cola ausgestattete Weihnachtsmann ist allgegenwärtig. Oder macht er sich in diesem Jahr rarer, weil er zur Reizfigur werden oder weil er mit seinem Geschenkesack als potentieller Gefährder verdächtigt werden könnte?

Andere blicken halb erwartungsvoll, halb skeptisch auf ein paar gemeinsame Stunden mit ihren Lieben, die gerade in diesen Tagen meistens so viel um die Ohren haben, dass der Stresspegel noch um einiges höher liegt. Schaffen wir das? Hoffentlich geht es gut mit dem trauten Beisammensein! Das Wort von der schönen Bescherung ist recht vieldeutig geworden.

Und dann ist da unter all dem anderen auch noch die alte biblische Weihnachtsgeschichte mit dem Engelsgesang. Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde Frieden.  Das klingt ziemlich krass, wenn man im Blick behält – und wie könnte man das nicht im Blick behalten -, was Menschen in Gottes Namen und um Gottes Willen daraus machen.

Trotzdem: Auch am Heiligabend 2015 wird diese Geschichte wieder viele Menschen – viele sehr unterschiedliche Menschen – in die Kirchen ziehen. Sie erweist sich noch immer als nicht verbraucht und verschlissen und ist davor bewahrt geblieben, zur Groteske zu werden. Im Gegenteil: Sie zeigt sich bis heute erstaunlich ironie-resistent und hat von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Es scheint ein Geheimnis über dieser Geschichte zu liegen, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Schon viele Generationen vor uns haben versucht, diesem Geheimnis mit Worten, in Bildern oder durch Musik Ausdruck zu verleihen. Das Jauchzen vielstimmiger Chöre, die Bilder und Figuren aus kostbarem Gold und tiefsinnige Weissagungen von göttlichen Geheimnissen sind uns reichlich überliefert und werden in diesen Tagen wieder hervorgeholt. Wer noch in diesen Traditionen zu Hause ist, steht möglicherweise ergriffen davor. Sehr vielen anderen erscheint das alles wie die Ausstellungsstücke in einem großen Museum, die man während eines  Besuchs mehr oder weniger staunend, verstehend oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, um bald darauf wieder in die eigene Zeit zurückzukehren.

Und doch: Alle Jahre wieder diese Ausstrahlung! Was ist für uns das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte?

Wenn wir sie mit den skeptischen Augen unserer Zeit betrachten, werden wir kaum etwas Übernatürliches feststellen können, das den Fragen unserer kritisch geschärften Denkweise standhält.

Das Geheimnis der beiden ganz unterschiedlichen Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und aus dem Matthäusevangelium lässt sich nicht an harten Fakten festmachen. Ihre äußere Welt ist so wie die unsere. Sie ist von Armut und den Strapazen der kleinen Leute bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geprägt.

Und von politischer Willkür, von Angst, Gewalt und Mord und der dadurch erzwungenen Flucht. Und kein Engel oder Gott schreitet direkt dagegen ein.

Das Geheimnis, bei dem dann allerdings auch Gott und seine Engel und ein wunderbarer Stern ins Spiel kommen und zu leuchten anfangen, liegt in der Verwandlung der beteiligten Menschen. Von dieser Verwandlung erzählt und lebt die Weihnachtsgeschichte.

 

Da ist als erstes Maria, ein junges Mädchen, das zunächst voller Fragen und Zweifel ist, bevor sie verstehen und annehmen kann, was mit ihr geschehen soll. Sie wird Mutter werden und soll Jesus zur Welt bringen.
Und dann Joseph, der Mann an ihrer Seite. Er ist zuerst fassungslos über diese ungeahnte Schwangerschaft und will sich heimlich davonmachen. Doch er ändert seine Einstellung, er bleibt da und nimmt die Vaterrolle an. Als das Kind geboren ist, werden als erstes Hirten, die als Tagelöhner auch die Nacht auf den Feldern zubringen mussten, in die Geschichte einbezogen. Sie werden Zeugen einer himmlischen Erscheinung, die sie erschrecken lässt. Und sie fürchten sich sehr. Doch dann lassen sie sich ansprechen und bewegen. Sie suchen und finden das neugeborene Kind und seine Eltern. Sie selbst werden dabei froh und dankbar und fangen an, darüber zu reden. Und schließlich kommen auch noch Gelehrte aus dem Morgenland, die den Himmel nach Zeichen erforschen und zunächst an der falschen Stelle suchen. Herodes im Königspalast weiß nichts von einem neugeborenen König. Im Gegenteil: Er wird misstrauisch und setzt seine Machtsicherungsmaschinerie in Gang, die vielen Neugeborenen und Kindern bis zu zwei Jahren in und um Bethlehem das Leben kostet. Doch die weisen Männer, die später auch als Könige betrachtet werden, sehen ihren Irrtum ein und lassen sich nicht täuschen. Sie machen sich erneut auf die Suche und finden und beschenken das neugeborene Kind königlich. Auch sie werden dabei selber froh.

Die Ausstrahlung und das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte beruht auf der Verwandlung der beteiligten Menschen. Ihre Verwandlung äußert sich darin, dass sie trotz anfänglicher Ängste und Zweifel, trotz großer Strapazen, trotz bedrückender Verhältnisse, trotz Feindseligkeit und Gewalt ein so tiefes und starkes Ja zu dem ihnen geschenkten Leben finden, dass sie späteren Zeiten als Heilige erscheinen und auch für uns heutige Menschen noch weihnachtlich leuchtende Beispiele sind.

Diese Verwandlung schaffen sie nicht aus sich selbst heraus. Die Erzählungen sprechen hier vom Eingreifen göttlicher Kräfte. In ihrem Kern handelt es sich dabei stets um klare Worte, zur rechten Zeit das Richtige zu tun: Maria und die Hirten werden von Engeln angesprochen und auf die tiefere Bedeutung des Geschehens hingewiesen. Joseph und die Weisen aus dem Morgenland werden von Gott im Traum auf den richtigen Weg gebracht.  Gott erweist sich in den Erzählungen nicht als eine Art allmächtiger Kriegsherr, sondern als guter Geist, der das zerbrechliche Menschenleben schützt und ins rechte Licht setzt, indem er die Verwandlung der Menschen betreibt.

Ja mehr noch: Auch Gott selbst verwandelt sich. Das wird besonders deutlich am Anfang des Johannesevangeliums in einer Art Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Der göttliche Logos, die Kraft, der Geist, das Wort – alles Hilfsbegriffe für den, die oder das Unbegreifliche(n), kurz: Gott selbst – wird Mensch und wohnt unter uns, und wir können seine Herrlichkeit im Angesicht des Menschen sehen.

Wo es wirklich weihnachtet, hat die Angst ihre letzte Macht verloren, weil Gott nicht länger dafür herhält. Er selbst verwandelt sich aus einem höheren  Wesen, das den Menschen Angst einjagt, in ein schutzbedürftiges Kind, das ausschließlich zur Liebe provoziert. Gott ist die Liebe, heißt es, und in genau dieser Liebe wirkt die verwandelnde Kraft.

 

Kehren wir zum Schluss wieder in unsere Zeit zurück, die am Ende des Jahres 2015 so von Unruhe, Angst und Gewalt erfüllt ist, dass bange Fragen aufbrechen: Ist die Menschheit noch zu retten, oder treibt sie unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

Die Möglichkeit zu einem Weiter so scheint immer unrealistischer zu werden. Es spricht einiges dafür, dass wir nur eine einzige Chance haben: Uns auch verwandeln zu lassen, beginnend im kleinen Raum unseres persönlichen Lebens und hinauswirkend in das große Ganze dieser Welt. Zu Weihnachten ist mit dieser Geschichte schon der Anfang gemacht. Und es ist höchste Zeit, dass wir heute neu anfangen, Weihnachten wieder als das ernst zu nehmen, was es unserem Kalender nach ist: die große Wende der Zeiten.

Gesegnete Weihnachten!

Fröhlich*

sei das erste Wort in der  >  Wortklauberei.

Fröhlich ist mir sehr vertraut.
Ich kenne es vor allem aus dem kirchlichen Bereich. Vom weihnachtlichen O, du fröhliche bis zum österlichen Wir wollen alle fröhlich sein wird dort ein immer fröhlich Herz sehr hochgeschätzt.

Aber auch außerhalb der Kirche waren wir früher noch fröhlich.
In der DDR wurde eine Kinder- bzw. Pionierzeitung  Fröhlichsein und Singen genannt.
Und aus dem Westen, wo man und woman schon viel früher Englisch sprachen, erfuhren wir, dass Frolic jedem Hund schmeckt.

Heute fällt mir auf, dass Jüngere dieses Wort fast überhaupt nicht mehr verwenden.
Selbst Fröhliche Weihnachten oder Fröhliche Ostern höre ich kaum noch aus ihrem Mund.

Auch das zu fröhlich gehörende Hauptwort, die Freude, ist ziemlich aus der Mode gekommen.
Statt ihrer begegnet uns auf Schritt und Tritt viel Spaß. Kein Wunder, wir leben ja in einer Spaßgesellschaft – auch wenn es nicht immer lustig ist.

Ist fröhlich ganz und gar uncool geworden?
Hat sich das Wort in die Nische zwischen Kirche,  Kaffeefahrt und Volksmusik zurückgezogen?
Ein Wort von gestern, ein belächeltes Wort aus dem Rentnerleben?

Apropos Ältere: Mir fällt auf, dass sich viele ältere Menschen immer wieder bemühen, die Sprache der Jüngeren zu verstehen und sie zum Teil auch selbst verwenden. Umgekehrt läuft da aber kaum etwas.
Was sagt das über die Einstellung der Jüngeren gegenüber den Älteren und ihrer (Sprach-) Kultur?

Apropos Jüngere: Fröhliche Kinder – gibt es die heute noch?
Hier und da ist noch vom fröhlichen Kinderlachen die Rede, aber das scheinen die letzten Reste zu sein. Fröhliche Kinder sind out.
Welche Vorstellungen stecken in diesem Wortpaar?
Warum wird es heute kaum noch verwendet?
Welche Ausdrücke und Begriffe sind an seine Stelle getreten?
Was besagt diese Sprachverschiebung?

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* Wie aus den nachfolgenden ellenlangen Hinweisen (nur) für besonders Interessierte  zu ersehen ist,
waren die Altvorderen auch nicht ganz ohne.
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Band 4:

FRÖHLICH,laetus, an sich weniger als froh, wie kleinlich, reichlich, höchlichkein volles klein, reich, hoch, nur die annäherung dazu ausdrücken oder auch den sinnlichen begrif abstract fassen. derfröhliche ist gleichsam halbfroh, beginnt sich zu freuen, frohe empfindung, froher mut gehen tiefer als eine blosz fröhliche,als ein fröhlicher. doch werden beide wörter fast ganz gleich genommen und angewendet, schon das ahd. frawalîh nebenfrao, und auch mhd. steht frœlîch sehr oft, in vielfacher anwendung, z. b. mit vil frœlîchen siten ist blosz umschreibung des einfachen adverbs.Luther setzt in der bibel frölich viel häufiger als fro,meistens auch praedicativ, z. b. und solt sieben tage frölich sein fur dem herrn. 3 Mos. 23, 40; und sei frölich, du und dein haus. 5 Mos. 14, 26; mein herz ist frölich in dem herrn. 1 Sam. 2, 1; und waren frölich und schlugen die hende zusamen. 2 kön. 11, 12; das meer brause und was drinnen ist, und das feld sei frölich und alles was drauf ist. 1 chron. 17, 32; und das volk ward frölich. 30, 9; lasz mich hören freude und wonne, das die gebeine frölich werden, die du zeschlagen hast. ps. 51, 10, was an die frohen glieder vorhin bei N.mahnt; himel frewe sich und erde sei frölich. ps. 96, 11; mit im essen und trinken und frölich sein. Judith12, 13; seid frölich und getrost, vulg. gaudete et exsultate, ahd.gisëhet inti blîdet, wosehen und freuenwieder gleich genommen sind.Matth. 5, 12; lasset uns essen und frölich sein (goth. matjandans visam vaila). Luc. 15, 23. in andern bibelstellen ist es aber attributiv: jauchzet gott mit frölichem schall. ps. 47, 2; das were meines herzen freud und wonne, wenn ich dich mit frölichem munde loben solte. 63, 6; der die unfruchtbare im hause wonen macht, das sie eine fröliche kindermutter wird. 113, 9; ein frölich herz macht ein frölich angesicht. spr. Sal. 15, 13; du warest vol gedönes, eine stad vol volks, eine fröliche stad. Es. 22, 2; ist das ewre fröliche stad? 23, 7; und wil heraus nemen allen frölichen gesang. Jer. 25, 10; frewet euch mit den frölichen und weinet mit den weinenden (goth. faginôn miþ faginôndam, grêtan miþ grêtandam). Röm.12, 15; denn einen frölichen geber hat gott lieb (untê hlasana giband frijôþ guþ). 2 Cor. 9, 7. von diesem gern und freundlich gebenden sagt der Winsbeke 49, 4:

ist ër dâ bî ein vrœlîch man,
dërʒ wol den liuten bieten kan,
sô tuot sîn brôt dën nëmenden wol
nnd lachent beide einander an.

es braucht wenig andere beispiele:frölich und guter dinge; sag mir es frölich heraus. buch der liebe 227, 2;

ein frölichs vöglin sorgt für sie.
Scheid grobian H 3;

indessen findet sich die ganze zunft zusammen,
die auf dich frölich ist.
Fleming 587 (wie vorhin auf bei froh);

die lebhaftigkeit der französischen poeten hat ihrer kunst die benennung der fröhlichen wissenschaft (prov. gai saber) erworben.Hagedorn 3, iv;

und bin fröhlich in gott der mir in ewigkeit heil ist. Messias 11, 642;

der fröhliche pocal.
Gökingk 3, 110, vgl. freudenbecher;

um zu begreifen, wie es möglich ist, dasz das genie auf dem gipfel, bei dessen bloszem anblick uns schwindelt, sich frei und fröhlich bewege.Göthe 19, 343;

doch ich verstand dich nicht, bis du zum vater die mutter
schicktest und schnell das gelübd der fröhlichen ehe vollbracht war. 40, 231;

daheim regierten sie sich fröhlich selbst
nach altem brauch und eigenem gesetz.
Schiller 529b;

ich wäre wol frölich so gerne,
doch kann ich recht frölich nicht sein,
denn liebchen das wohnet so ferne,
das musz ich oft lassen allein.
Schmidt von Werneuchen 31;

dein ist das gröszte geschenk, und ich mit wenigem fröhlich
kehre heim zu den schiffen. Il. 1, 167;

in frölichen sätzen nachspringen; einen frölichen morgen wünschen. Ettnershebamme 3. 5. 10; gleichsam die fröhliche morgenröthe. J. P. lit. nachl. 4, 168; es frölich (frisch, mutig) angreifen. zeitschr. des thüring. vereins 4, 157.auch fröhlich nimmt, wie froh, den gen. zu sich: Arsace war der vertröstung frölich. buch der liebe 211, 1;

des laszt uns alle fröhlich sein.vers 6 des liedesvom himmel hoch da komm ich her;
des sollt ihr billig fröhlich sein.vers 3 des liedesvom himmel kam der engel schar;
fröhlich nun des stillen wunsches.
Voss.

man merke, dasz frölich, gleich frech (sp. 92),fruchtbar und fett ausdrückt, das fröliche feldin der angeführten stelle 1 chron. 17, 32; man sagt der fröhliche wachsthum, und in geil, das ja froh bedeutete, begegnet dieselbe vorstellung: jeder apfelbaum will einen feisten, frölichen und schwarzen grund; der birnbaum begehret einen frölichen, feisten und wol getüngten grund. Hohberg 3, 1, 339a.lat. laeta pabula, prata laeta, laetae segetes. sie lagerten sich auf ‚den fröhlichen mann‘ (so heiszt eine waldstelle in der Wetterau).endlich gilt fröhlich von einer frischen, heiteren farbe: zorn eim menschen kein fröliche farb in seinem angesicht geberen thut.buch d. liebe 234, 4; das colorit, welches in des Guido werken sanft und fröhlich ist.Winkelmann 2, 393. s. fröhlichkeit.

Der Spruch, der Sprecher und ich

Der Monatsspruch für September:
Sei getrost und unverzagt, fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken! (1. Chronik 22,13)

Wenn das jemand zu mir sagt, dann hat das in der Regel einen Grund. Und leider gibt es immer wieder viele Gründe zum Erschrecken und für berechtigte Furcht. Beispiele erübrigen sich.

Wenn das jemand zu mir sagt, dann spielt es für mich eine große Rolle, wer es sagt und wie er es sagt.
Davon hängt meine Reaktion ab. Sie kann schwanken zwischen: „Du hast gut reden, denn du steckst ja nicht in meiner Haut!“ und: „Das ist jetzt ganz lieb von Dir gemeint, aber so einfach lassen sich Angst und Schrecken nicht wegreden.“

Wenn das aber jemand zu mir sagt, der sagen kann: „Es werde Licht!“, und es wurde Licht, jemand der nicht nur redet, sondern mit seinen Worten Fakten schafft, dann wäre das etwas ganz anderes. Dann käme bei mir der Stein ins Rollen, der zuvor so schwer auf meinem Herzen lag.

Wenn ich dieses Wort heute höre, dann stehe ich vor der Frage, wie und von wem ich es mir gesagt sein lasse.
Und darin sehe ich die entscheidende Rückfrage zu der Frage, wie es weitergeht mit mir.

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – Das Jüngste Gericht

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.  (2. Korintherbrief 5,10)

Der Gedanke an ein Jüngstes Gericht, ein Weltgericht über alle Lebenden und Toten am Ende der Zeit, nimmt – mit Unterschieden in den Einzelheiten – in allen drei großen monotheistischen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, einen wichtigen Platz ein. Die Menschen werden am Ende von Gott oder seinem Beauftragten gerichtet und erhalten den gerechten Lohn für ihr Leben.

Die Vielzahl der biblischen Belege und ihre Variationsbreite machen deutlich, dass es sich dabei um ein zentrales Thema handelt, das durch die Geschichte hindurch unter wechselnden Umständen immer wieder neu entfaltet und modifiziert wurde.
Das ist wichtig für unser Verstehen, denn es kann dabei nicht darum gehen, aus allen Einzelaussagen ein puzzleartiges Gesamtbild zu erstellen, das dann die biblische Wahrheit ausdrückt. Vielmehr verhält es sich damit eher so wie mit der Sonne, die je nach Standort, Jahres- und Tageszeit sowie nach den atmosphärischen Bedingungen ganz unterschiedlich gesehen, empfunden und dargestellt wird.

In den Bekenntnissen des christlichen Glaubens steht, dass Christus wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Diese Erwartung hat die Menschen vergangener Jahrhunderte stark beschäftigt und vor allem geängstigt. Bildliche Darstellungen machen das auf oft sehr drastische Weise sichtbar.

Heute erscheint der Gedanke an das Jüngste Gericht vielen als eine überholte Vorstellung aus früheren Zeiten, erscheint als die Vergangenheit einer Zukunft, die von der Gegenwart als Ausdruck religiöser Phantasien und Ängste entlarvt und entkräftet wurde. Damit scheint das Thema erledigt zu sein.
Doch so einfach ist es nicht. Einen ersten Hinweis darauf geben schon die vielen Bücher und Filme, die das Thema Apokalypse aufgreifen und in immer wieder neuen Variationen ein mögliches Ende ausmalen, das als Katastrophe über die Menschheit hereinbricht.

Es gibt aber noch einen tieferen Zusammenhang, der auch im Hintergrund dieser modernen Neuauflagen des alten Themas steht. So schwer uns einerseits die Vorstellung eines Jüngsten Gerichtes heute fällt, so unerträglich erscheint uns andererseits der Gedanke, dass es ohne Folgen bleiben sollte, was ein Mensch in seinem Leben getan hat. Sätze wie Es gibt keine Gerechtigkeit! oder Es gibt doch eine Gerechtigkeit! werden selten ohne Bitterkeit oder Befriedigung gesprochen. Unser menschliches Empfinden verlangt danach, dass gute Taten und aufopferungsvolles Verhalten am Ende belohnt und böses Taten und die Verletzung bestimmter Normen bestraft werden. Wo kämen wir denn hin, wenn es anders wäre?!

Damit sind wir beim Kern des Problems angelangt. Gibt es diese ausgleichende Gerechtigkeit? Auch die großen Religionen des Ostens, der Hinduismus und der Buddhismus gehen in ihrer Karmalehre davon aus, dass es nicht ohne Folgen bleiben wird, was ein Mensch in seinem Leben tut.

Beweisen lässt sich jedoch nichts, was über die Grenzen unseres Lebens hinausreicht. Und innerhalb des Lebens müssen wir wohl oder übel einräumen und zugestehen, dass es oft nicht gerecht zugeht. Damit sind wir in bester Gesellschaft. In der Bibel ist es Hiob, der Gerechte, der sich über Gott beklagt: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. (Hiob 9,22). Und auch Hiob fordert unter der Last der ihm von Gott auferlegten Leiden: Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte! Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige! So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst. (9,33–35).
Nun scheint Gott selbst vor Gericht zu stehen. Wie kann er dass alles zulassen?  Mit dieser Theodizeefrage wird der Glaube an einen gerechten Gott und letztlich Gott selbst in Frage gestellt.

Was dann übrig bleibt, ist eine Lebenswirklichkeit, mit der sich der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus intensiv auseinandergesetzt hat. Er sieht einen schmerzhaften, aber unlösbaren Widerspruch zwischen der menschlichen Suche nach Sinn und Gerechtigkeit einerseits und der offenkundigen Sinnlosigkeit und dem Leid andererseits. Camus nennt es das Absurde und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch dem Absurden nicht entgehen kann. Er muss es annehmen, ohne sich resigniert mit ihm abzufinden. Er muss sich permanent dagegen auflehnen (franz. révolter), wie Sisyphus, der immer wieder neu seinen Stein den Berg hinaufrollt. Ob es allein dadurch aber zur Herausbildung neuer Werte zwischen den Menschen kommt, zu gegenseitiger Solidarität, Freundschaft und Liebe, wie Camus erhofft, muss wohl bezweifelt werden.

Den umgekehrten Weg ist der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) gegangen, der die Möglichkeit von Gottesbeweisen philosophisch widerlegt hat. Für ihn ist Gott ein Postulat der praktischen Vernunft, das zur Begründung der unbedingten Gültigkeit des Sittengesetzes unerlässlich ist. 

Die Philosophen haben sich an Gott und den Fragen nach der Gerechtigkeit abgearbeitet, ohne zu einer endgültig befriedigenden Antwort gekommen zu sein. Die tiefsten Fragen unseres Lebens lassen sich nicht objektiv und von außen beantworten. Der Grund dafür ist allerdings leicht erkennbar: Wir sind selbst ein Teil der Frage. Wir sind mit unserem Leben hineingestellt in den unaufhörlichen Strom von Fragen nach richtig und falsch, nach gut und böse, nach Leben und Tod. Als Teil der Frage sind wir aber zugleich Gefragte. Wir müssen Antworten finden und Entscheidungen treffen, ohne zuvor alles von außen über-blicken zu können. Es kommt entscheidend darauf an, wovon und wozu wir uns bewegen lassen. Und da wir Menschen uns vermutlich in der Mehrheit darauf einigen können, dass die Liebe das Wichtigste im Leben ist, kommt es entscheidend darauf an, was wir unter Liebe verstehen.

An dieser Stelle kommt Gott neu ins Spiel. Nicht als Über-Wesen, über dessen Existenz man streiten kann, sondern als das Wort (Johannes 1,1), das uns anspricht, das selbst menschlich wird (Joh 1,14), das die Liebe in der Selbsthingabe verwirklicht (Joh 3,16), das uns damit einen neuen Sinnraum erschließt und zum Leben und Bleiben in dieser Liebe einlädt (Joh 15,9-12).
Als von diesem Wort Angesprochene sind wir zugleich Gefragte und zu einer Antwort aufgerufen. Wir stehen in der Verantwortung, ob wir dieser Liebe durch unser Leben Raum und Gestalt geben. Da wir selbst es sind, die diese Liebe immer wieder trüben, können wir das nur, wenn wir uns von ihr reinigen lassen (Joh 15,1-3).
Damit hat das Gericht Christi schon begonnen. Es findet statt, wenn sein Wort in unseren Lebensraum tritt und in, mit und über uns verhandelt wird, ob wir mit unserem Leben jetzt seiner Liebe Raum geben. Es ist Zeit dafür.

Letzter Sonntag nach Epiphanias – Unser großer Sonnenschein

Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Jes 60,2

In den alten Zeiten, als die Nacht noch finster war und nicht bis ins kleinste Dorf durch elektrisch betriebene Lampen entnächtigt wurde, wie großartig war damals der Sonnenaufgang! Wie schnell und kraftvoll veränderte die aufsteigende Sonne alles, so weit das Auge reicht. Ja, erst dadurch, dass sie aufging, reichte der Blick des menschlichen Auges jetzt bis an den Horizont. Die Zeit der Finsternis war vorüber, und alle mit der Finsternis verbundenen Ängste und die durch die Angst in Gang gesetzten Schrecken lösten sich im Glanz des Lichtes auf.

Weil Menschen mehr sind als ein Stück Natur, haben sie schon und besonders in den alten Zeiten mehr darin gesehen als einen ganz normalen Naturvorgang. Viele Menschen in den alten Hochkulturen haben die Sonne verehrt und angebetet. Wer eine so große, alles verändernde und lebensspendene Kraft hat, muss doch ein Gott sein!

Doch dieser Sonnengott war sprachlos. Er zog täglich seine genau berechenbare Bahn und scherte sich nicht wirklich um das Wohl und Wehe, das die Menschen erlebten und sich gegenseitig antaten.

Ganz anders der Wort-Gott, der sprechende Gott der Herbräer! Der Gott, der mit ihnen durch dick und dünn ging, der ganz Präsente mit dem Namen Ich bin da. Der war wie ein Vater und machte seinen Kindern klar, was gut und böse ist. Von dem kam alles Leben. Der ging jedem persönlich unter die Haut, und wer ihn loswerden wollte, dem ging er nach. Sein Wort war Gesetz. Es diente dazu, das Leben zu erhalten und die Menschen vor sich selbst in Schutz zu nehmen. Wer dieses Wort in den Wind schlug, auf den kam es als gewaltiger Sturm zurück, der alles mitriss, was sich ihm in den Weg stellte. Und wer mit ihm lebte und es sich zu Herzen nahm, für den war es die Quelle des Segens.

Auf diesem Verständnis-Hintergrund entfaltet der Spruch aus dem Jesajabuch seine Leuchtkraft: Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Du bist mein Sonnenschein, sagen auch wir heute manchmal. Häufiger wird es zu den Kindern oder Enkeln gesagt. Dann heißt es: unser kleiner Sonnenschein.
Von dem HERRN können wir auch sagen: Du bist unser großer Sonnenschein!
Wir können von Gott am besten in Gleichnissen und Bildern reden. An diesem Beispiel kann uns aufgehen, welche Kraft und Bedeutung Gott für unser Leben gewinnen kann.

Wir können das Gleichnis sogar noch weiter führen: Heute wissen wir, dass sich die Erde um die Sonne dreht und Tag oder Nacht davon abhängen, ob wir der Sonne zugewandt oder von ihr abgewandt sind. Mit Gott ist das nicht anders. Er ist kein (n)irgendwo im kosmischen Urnebel verborgenes Superwesen, sondern die zentrale Kraft und Liebe in Person, um die unser ganzes Leben kreist. Wenn wir uns zu ihr hindrehen, geschieht es, dass über uns der HERR aufgeht, und seine Herrlichkeit über uns erscheint.
Genau das ist Epiphanias.

Die Epiphaniaszeit geht in der kommenden Woche zuende. Aber Gottes Herrlichkeit leuchtet und sein Weg mit uns führt weiter durch die kommenden Tage und Wochen. Wir werden in ihnen den Weg Jesu betrachten, in dem der christliche Glaube das menschgewordene Wort Gottes (Joh1,14) und das Licht der Welt (Joh,8,12) sieht.

Macht

Unter die Machtworte fällt auch der Begriff der Macht selbst. Macht im politischen Sinne ist unter den Menschen, die nicht aktiv an ihr teilhaben, weitgehend negativ besetzt. Das zeigt sich in vielen Gesprächen über Politik und findet auf machtvoll ohnmächtige Weise seinen Ausdruck in der hohen Zahl derer, die sich weigern, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Macht wird sehr schnell mit Machtmissbrauch in Verbindung gebracht. Dahinter steht die durch negative Beispiele und entsprechende Schlagzeilen immer wieder bekräftigte Erfahrung: „Macht korrumpiert, weil doch jeder zuerst an sich selber denkt und bei sich bietender Gelegenheit in die eigene Tasche wirtschaftet.“

Wenn „Macht“ und „Machtmissbrauch“ fast zu Synonymen werden, hat das Gründe und ist zugleich ein Grund dafür, den Begriff der Macht neu zu begründen.

Abusus non tollit usum – der Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Macht als solche ist weder gut noch böse, sondern das Potential, bestimmte Ziele im Kräftespiel widerstreitender Akteure zu verwirklichen. Dieses „Macht“ genannte Potential ist in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich ausdifferenziert. Während in der Kinderhorde schon die Überlegenheit bei den Körperkräften Macht verleiht, funktioniert Macht in komplex strukturierten Gesellschaften auf weitaus vielschichtigere Weise.

Diese Vielschichtigkeit ist einerseits eine historische Errungenschaft und soll der Machtregulierung dienen. Macht muss in der Gesellschaft gezähmt, begrenzt, geteilt und reguliert werden, damit nicht einfach weiter wie in der Kinderhorde das Recht des Stärkeren gilt. Andererseits ist die Vielschichtigkeit und Wirkungsweise dieser Regulierungsmechanismen nicht immer leicht zu durchschauen.
Vor allem aber sind die Instrumente der Machtregulierung wie Recht und Gesetz und die mediale Öffentlichkeit selbst ein Teil des Ringens um die Macht. Sie können von den Mächtigen beeinflusst und in ihrem Sinne genutzt oder verändert werden.

Der reinen Macht wohnt die Tendenz inne, sich selbst unangreifbar zu machen. Damit aber setzt sie sich selbst absolut und unterwirft sich alles, was ihr im Wege steht. Das kann mit offener Selbstherrlichkeit in der Manier absolutistischer Machthaber geschehen. Das kann aber auch in vermeintlich bester Absicht für „unser Volk und Vaterland“ erfolgen. An dieser Stelle offenbart
sich die mitunter bizarre Blindheit der Mächtigen, die beim unbeirrten Verfolgen ihrer Ziele den Blick für die Wirklichkeit verlieren, weil sie diese nur noch durch die Freund-Feind-Brille ihrer Machtinteressen betrachten. So kann es geschehen, dass einer über Leichen gehen und dennoch behaupten kann: „Ich liebe euch doch alle!“

Die hässliche Seite der Macht, die auch in ungerechtfertigter Vorteilsnahme und Bereicherung bestehen kann, erzeugt verständlicherweise Abscheu und Misstrauen gegen die Macht schlechthin.
Doch ist die Dämonisierung der Macht die falsche Konsequenz, weil sie nicht zu mehr kritischer Reflexion, politische Partizipation und Machtkontrolle führt, sondern das Gegenteil von alldem bewirkt. So trägt die Ablehnung jeder Form von Macht gerade dazu bei, dass die hässliche Seite der Macht um so stärker hervortreten kann, weil sie die Kräfte schwächt, die an Äußerungen der Macht leiden und zu ihrer Regulierung und Kontrolle beitragen könnten. Statt die Macht als solche zu diffamieren, sollte differenzierter über Machtbefugnisse und Machtbegrenzungen, Machtinteressen und politische Ethik, Machtmechanismen und Machtkontrolle aufgeklärt und weiter nachgedacht und gerungen werden

Der Begriff „Macht“ ist selbst ein Machtwort, weil sein Verständnis und seine Handhabung
wichtige gesellschaftspolitische Folgen haben.