Das wirkliche Geheimnis von Weihnachten

Weihnachten
wir sehen uns
mit anderen Augen

 

Es weihnachtet wieder. Die Stimmung ist gemischt. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich wie alle Jahre wieder auf das schönste unserer Feste. Auf der anderen Seite aber steht der Freude sehr viel entgegen.

In diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Der Terror und das Anwachsen der Gewalt sind noch bedrängender als schon zuvor geworden. Immer mehr Menschen flüchten aus ihrer Heimat. Sie kommen zu uns und sind  unser Thema Nr. 1 geworden. Durch unsere Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Einzelne Gruppen stehen sich mit Unverständnis und mitunter auch hasserfüllt gegenüber. Die Politik wirkt oft hilflos. Der europäische Zusammenhalt und viel beschworene Werte treten hinter nationalen Interessen zurück. Der Ton in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist aggressiver geworden.

Angst und Gewalt greifen auf verschiedenen Ebenen um sich, äußern sich in vielen Formen, verwirbeln sich in lebensbedrohliche Eskalationsspiralen und entladen sich immer wieder über unschuldigen Menschen.

In diese Zeit fällt Weihnachten 2015.

Für viele ist das Fest längst schon zu einer sehr fragwürdigen Konsumveranstaltung geworden, der man sich nur schwer entziehen kann. Der von Coca Cola ausgestattete Weihnachtsmann ist allgegenwärtig. Oder macht er sich in diesem Jahr rarer, weil er zur Reizfigur werden oder weil er mit seinem Geschenkesack als potentieller Gefährder verdächtigt werden könnte?

Andere blicken halb erwartungsvoll, halb skeptisch auf ein paar gemeinsame Stunden mit ihren Lieben, die gerade in diesen Tagen meistens so viel um die Ohren haben, dass der Stresspegel noch um einiges höher liegt. Schaffen wir das? Hoffentlich geht es gut mit dem trauten Beisammensein! Das Wort von der schönen Bescherung ist recht vieldeutig geworden.

Und dann ist da unter all dem anderen auch noch die alte biblische Weihnachtsgeschichte mit dem Engelsgesang. Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde Frieden.  Das klingt ziemlich krass, wenn man im Blick behält – und wie könnte man das nicht im Blick behalten -, was Menschen in Gottes Namen und um Gottes Willen daraus machen.

Trotzdem: Auch am Heiligabend 2015 wird diese Geschichte wieder viele Menschen – viele sehr unterschiedliche Menschen – in die Kirchen ziehen. Sie erweist sich noch immer als nicht verbraucht und verschlissen und ist davor bewahrt geblieben, zur Groteske zu werden. Im Gegenteil: Sie zeigt sich bis heute erstaunlich ironie-resistent und hat von ihrer Ausstrahlung nichts verloren. Es scheint ein Geheimnis über dieser Geschichte zu liegen, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Schon viele Generationen vor uns haben versucht, diesem Geheimnis mit Worten, in Bildern oder durch Musik Ausdruck zu verleihen. Das Jauchzen vielstimmiger Chöre, die Bilder und Figuren aus kostbarem Gold und tiefsinnige Weissagungen von göttlichen Geheimnissen sind uns reichlich überliefert und werden in diesen Tagen wieder hervorgeholt. Wer noch in diesen Traditionen zu Hause ist, steht möglicherweise ergriffen davor. Sehr vielen anderen erscheint das alles wie die Ausstellungsstücke in einem großen Museum, die man während eines  Besuchs mehr oder weniger staunend, verstehend oder kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, um bald darauf wieder in die eigene Zeit zurückzukehren.

Und doch: Alle Jahre wieder diese Ausstrahlung! Was ist für uns das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte?

Wenn wir sie mit den skeptischen Augen unserer Zeit betrachten, werden wir kaum etwas Übernatürliches feststellen können, das den Fragen unserer kritisch geschärften Denkweise standhält.

Das Geheimnis der beiden ganz unterschiedlichen Weihnachtserzählungen aus dem Lukas- und aus dem Matthäusevangelium lässt sich nicht an harten Fakten festmachen. Ihre äußere Welt ist so wie die unsere. Sie ist von Armut und den Strapazen der kleinen Leute bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geprägt.

Und von politischer Willkür, von Angst, Gewalt und Mord und der dadurch erzwungenen Flucht. Und kein Engel oder Gott schreitet direkt dagegen ein.

Das Geheimnis, bei dem dann allerdings auch Gott und seine Engel und ein wunderbarer Stern ins Spiel kommen und zu leuchten anfangen, liegt in der Verwandlung der beteiligten Menschen. Von dieser Verwandlung erzählt und lebt die Weihnachtsgeschichte.

 

Da ist als erstes Maria, ein junges Mädchen, das zunächst voller Fragen und Zweifel ist, bevor sie verstehen und annehmen kann, was mit ihr geschehen soll. Sie wird Mutter werden und soll Jesus zur Welt bringen.
Und dann Joseph, der Mann an ihrer Seite. Er ist zuerst fassungslos über diese ungeahnte Schwangerschaft und will sich heimlich davonmachen. Doch er ändert seine Einstellung, er bleibt da und nimmt die Vaterrolle an. Als das Kind geboren ist, werden als erstes Hirten, die als Tagelöhner auch die Nacht auf den Feldern zubringen mussten, in die Geschichte einbezogen. Sie werden Zeugen einer himmlischen Erscheinung, die sie erschrecken lässt. Und sie fürchten sich sehr. Doch dann lassen sie sich ansprechen und bewegen. Sie suchen und finden das neugeborene Kind und seine Eltern. Sie selbst werden dabei froh und dankbar und fangen an, darüber zu reden. Und schließlich kommen auch noch Gelehrte aus dem Morgenland, die den Himmel nach Zeichen erforschen und zunächst an der falschen Stelle suchen. Herodes im Königspalast weiß nichts von einem neugeborenen König. Im Gegenteil: Er wird misstrauisch und setzt seine Machtsicherungsmaschinerie in Gang, die vielen Neugeborenen und Kindern bis zu zwei Jahren in und um Bethlehem das Leben kostet. Doch die weisen Männer, die später auch als Könige betrachtet werden, sehen ihren Irrtum ein und lassen sich nicht täuschen. Sie machen sich erneut auf die Suche und finden und beschenken das neugeborene Kind königlich. Auch sie werden dabei selber froh.

Die Ausstrahlung und das Geheimnis der Weihnachtsgeschichte beruht auf der Verwandlung der beteiligten Menschen. Ihre Verwandlung äußert sich darin, dass sie trotz anfänglicher Ängste und Zweifel, trotz großer Strapazen, trotz bedrückender Verhältnisse, trotz Feindseligkeit und Gewalt ein so tiefes und starkes Ja zu dem ihnen geschenkten Leben finden, dass sie späteren Zeiten als Heilige erscheinen und auch für uns heutige Menschen noch weihnachtlich leuchtende Beispiele sind.

Diese Verwandlung schaffen sie nicht aus sich selbst heraus. Die Erzählungen sprechen hier vom Eingreifen göttlicher Kräfte. In ihrem Kern handelt es sich dabei stets um klare Worte, zur rechten Zeit das Richtige zu tun: Maria und die Hirten werden von Engeln angesprochen und auf die tiefere Bedeutung des Geschehens hingewiesen. Joseph und die Weisen aus dem Morgenland werden von Gott im Traum auf den richtigen Weg gebracht.  Gott erweist sich in den Erzählungen nicht als eine Art allmächtiger Kriegsherr, sondern als guter Geist, der das zerbrechliche Menschenleben schützt und ins rechte Licht setzt, indem er die Verwandlung der Menschen betreibt.

Ja mehr noch: Auch Gott selbst verwandelt sich. Das wird besonders deutlich am Anfang des Johannesevangeliums in einer Art Weihnachtslied zum Ausdruck gebracht. Der göttliche Logos, die Kraft, der Geist, das Wort – alles Hilfsbegriffe für den, die oder das Unbegreifliche(n), kurz: Gott selbst – wird Mensch und wohnt unter uns, und wir können seine Herrlichkeit im Angesicht des Menschen sehen.

Wo es wirklich weihnachtet, hat die Angst ihre letzte Macht verloren, weil Gott nicht länger dafür herhält. Er selbst verwandelt sich aus einem höheren  Wesen, das den Menschen Angst einjagt, in ein schutzbedürftiges Kind, das ausschließlich zur Liebe provoziert. Gott ist die Liebe, heißt es, und in genau dieser Liebe wirkt die verwandelnde Kraft.

 

Kehren wir zum Schluss wieder in unsere Zeit zurück, die am Ende des Jahres 2015 so von Unruhe, Angst und Gewalt erfüllt ist, dass bange Fragen aufbrechen: Ist die Menschheit noch zu retten, oder treibt sie unaufhaltsam auf den Abgrund zu?

Die Möglichkeit zu einem Weiter so scheint immer unrealistischer zu werden. Es spricht einiges dafür, dass wir nur eine einzige Chance haben: Uns auch verwandeln zu lassen, beginnend im kleinen Raum unseres persönlichen Lebens und hinauswirkend in das große Ganze dieser Welt. Zu Weihnachten ist mit dieser Geschichte schon der Anfang gemacht. Und es ist höchste Zeit, dass wir heute neu anfangen, Weihnachten wieder als das ernst zu nehmen, was es unserem Kalender nach ist: die große Wende der Zeiten.

Gesegnete Weihnachten!

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Hoffnung und Optimismus

„Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ heißt es manchmal in schwierigen Situationen. Das Wort „Hoffnung“ begegnet uns in vielen Wendungen und Zusammensetzungen, und als ihrer selbst nicht so ganz sichere Antwort verwenden wir es neben „Ich glaube schon“ auch als „Ich hoffe mal“.

Doch im betonten Sprachgebrauch, so scheint mir, ist heute öfter von „Optismus“ die Rede als von „Hoffnung“.
Ich höre öfter: „Ich habe den Optimismus“ bzw. „Ich bin optimistisch“, als dass jemand von „Hoffnung“ spricht.

Ist das nur mein persönlicher Eindruck?
Was unterscheidet die häufig synonym verwendeten Begriffe „Hoffnung“ und „Optimismus“? Vor allem wohl die Wortbildung.

Die „Hoffnung“ ist von ihrem Ursprung her verbaler Natur: Sie geht darauf zurück, dass jemand da ist, der hofft. Und sie verbindet sich mit einem Ziel, auf das sie sich richtet. In diesem Zusammen-Hang ist sie ein konkreter Lebensakt, in dem eine Person eine Brücke hin zu einem Ziel baut. Beim Hoffen wird besonders deutlich, dass diese Brücke über einen Abgrund führt, der wohl nur durch Hoffen überwunden werden kann. Sprachforscher bezeichnen es als fraglich, ob eine Verbindung zu „hüpfen“* besteht, aber erhellend ist der Gedanke. Wer hofft, springt über einen Abgrund auf die andere Seite. Oder er gleicht dem Frosch, der in einen Milchbottich fällt und sich dadurch vorm Ertrinken rettet, dass er hüpft und hüpft und hüpft, bis aus der Milch schließlich Butter geworden ist.
Auch im Englischen legt sich ein Zusammenhang zwischen „hope“ und „hop“ nahe.
Im Lateinischen verbindet das Wortspiel „dum spiramus, speramus“ das Hoffen mit dem Atmen und lässt es damit als einen fundamentalen Lebensakt erscheinen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ganz anders verhält es sich sprachlich mit dem „Optimismus“:  Als klar erkennbare Ableitung aus dem lateinischen Superlativ von „gut“ tritt er erst im 18. Jahrhundert über die philosophische Hintertreppe in unsere Sprachwelt ein. Vom leibnizschen Fachterminus zur Bezeichnung der Idee, dass diese Welt die beste aller möglichen Welten sei, wandelt sich der Optimismus bald zu einer allgemeinen Auffassung und zuversichtlich bejahenden Lebenseinstellung.
Was ihm ursprünglich fehlt, ist ein Verb.
Das ist der Grund, warum ich mit den Augen Erich Kästners etwas skeptisch auf den Optimismus schaue, denn: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Doch da kommt schließlich ganz modern doch noch ein Verb daher: „optimieren“ heißt es.
Und wenn heute manche schöne Hoffnung zu schwinden droht, weil wir nicht mehr so viel hoffen können, so brauchen wir doch nicht zu verzagen, wenn wir immer mehr zu optimieren lernen.
Ob so ein Schuh daraus wird? Ein Schuh vielleicht. Die Schuhe sind heute schon so viel besser als früher.

Man kann es natürlich – gleichsam vom Idealismus her – auch genau anders herum sehen: Am Anfang steht, die innere Grundeinstellung. Was bin ich?
Und wenn ich Optimist bin, dann bringe ich auch dort, wo es wirklich darauf ankommt, leichter die Kraft zum Hoffen auf.
Wie wird man aber Optimist? Geht das auch ohne jede Hoffnung?
Das Umgekehrte ist jedenfalls möglich: Man kann Hoffnung haben, ohne ein Optimist zu sein.

——–

* Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. (2014), S.549f.

 

 

 

 

5. Sonntag nach Trinitatis – Hat das Zukunft?

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. Epheser 2, 8

Dieser Wochenspruch ist eine knappe und präzise Umschreibung des christlichen Weges zur Rettung und zum Heil der Menschen. Vor allem Martin Luther hat im frühen 16. Jahrhundert energisch und folgenreich darauf hingewiesen, dass die Seligkeit nicht mit guten Werken und Geld verdient oder erkauft werden kann. Das hat zu einer Reformation in Kirche und Gesellschaft geführt, zu einem Paradigmenwechsel, bei dem die bis dahin herrschenden Grundannahmen und Handlungsprinzipien überwunden wurden.

In den darauffolgenden fünfhundert Jahren hat sich viel verändert. Die christliche Religion ist nicht mehr die nahezu alle Lebensbereiche durchdringende und bestimmende ideelle Grundlage unserer Gesellschaft, sondern der mehr oder weniger feste Orientierungs- und Lebensrahmen einer starken Minderheit in einer säkularen und pluralistischen Welt. Als solcher vermag sich der Glaube jedoch auf Grund seiner universalen Weite und existentiellen Tiefe auch heute als anspruchsvolle und geschätzte Stimme in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen und dabei aus seiner langen Tradition heraus wichtige Impulse zu geben.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die christlichen Dialogpartner auf die Fragen und die Denkweise unserer Zeit einlassen und ihre Einsichten nicht als hermetisch abgeschlossene Sonderwahrheit, sondern anschlussfähig zur Sprache bringen. Sie tun damit nichts anderes als Paulus, der über die Grenzen von Kultur und Religion hinweg allen alles geworden ist (1.Korinther 9,22).

Nach diesem Exkurs zurück zu unserem Wochenspruch!
Was die Sprache anbetrifft, so muss an dieser Stelle das Wort, auf das hier alles zuläuft, etwas näher betrachtet werden: Luther übersetzt es mit selig. Damit ist ein Zustand angesprochen, der über das Glück dieser Erde hinausreicht, und die endgültige Befreiung von Not und Leid durch die ewige Nähe und Zuwendung Gottes zum Ausdruck bringen soll. Doch gerade seine religiöse Aufladung und Komplexität lässt dieses Wort im sprachlichen Kontext unserer Zeit fremdartig erscheinen. Es „greift nicht“ in den Verstehenszusammenhängen einer säkularen Gesellschaft.
Deshalb lohnt sich die Nachfrage, was im griechischen „Urtext“ des Epheserbriefes geschrieben steht. Das dort verwendete Wort σεσωσμενοι bedeutet wörtlich Gerettete. In der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ), die vor allem auf inhaltliche Genauigkeit ausgerichtet ist und diese in einer natürlichen, zeitgemäßen Sprache zum Ausdruck bringen will, lautet Eph 2,8: Durch Gottes Gnade seid ihr gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk.

Dieses Wort war vor nahezu zweitausend Jahren neu und für viele befreiend. Es hat vor fünfhundert Jahren erneut diese Aktualtät, Bedeutung und Kraft gewonnen, die zuvor verblast und vergessen schien. Kann es sein, dass dieses Wort auch in unserer Zeit, in der sich immer wieder die Frage stellt, ob und wie wir noch zu retten sind, zu einer aktuellen und richtungsweisenden Antwort wird?

Je nachdem wie inhaltlich eng fixiert oder wie weit auf strukturelle Analogien hin geöffnet hier gefragt und gedacht wird, wird die Antwort unterschiedlich ausfallen.
Das Christentum hat sich diesbezüglich in seiner Geschichte als erstaunlich offen und flexibel erwiesen. Nur so konnte es überhaupt möglich werden, dass die vergleichsweise engen Grenzen der jüdischen Religion und Kultur überschritten und der damals junge Glaube in die Weite der hellenistisch geprägten und römisch administrierten spätantiken Welt hinauswachsen konnte. Das ging nicht ohne innerchristliche Auseinandersetzungen mit denen, die dabei einen inhaltlichen Substanzverlust befürchteten. Ähnliche Kontroversen finden wir auch heute unter Christen wieder, wenn die Frage gestellt wird, wie der christliche Glaube in der säkularen Welt so zur Sprache gebracht werden kann, dass seine ursprüngliche, befreiende Wirkung hier und heute neu ankommt.

Wieder zurück zum Text! Der Begriff der Rettung lässt sich auf verschiedene Lebenszusammenhänge hin und in unterschiedlichen Interpretationsweisen verstehen. Schauen wir uns die beiden historisch bedeutsam gewordenen Zusammenhänge und Interpretationen etwas näher an, um dann nach Ähnlichkeiten und Unterschieden in unserer Zeit zu fragen:

Der Epheserbrief ist selbst schon ein Beispiel für die Neuinterpretation der ursprünglich innerjüdischen Frage, ob Menschen von sich aus in der Lage sind, Gottes Gesetz zu erfüllen oder ob sie auf diesem Weg zum Heil scheitern müssen und sich gerade durch ihr Bestreben mehr und mehr von ihrem Ziel entfernen.
War im jüdischen Kontext die Tora, das Gesetz des Mose, der kodifizierte Maßstab, nach dem gemessen und geurteilt wurde, so klingt das in Eph 2,1-3 ganz anders: Ihr wart nämlich tot – tot aufgrund der Verfehlungen und Sünden, die euer früheres Leben bestimmten. Ihr hattet euch nach den Maßstäben dieser Welt gerichtet und wart dem gefolgt, der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen. Wir alle haben früher so gelebt; wir ließen uns von den Begierden unserer eigenen Natur leiten und taten, wozu unsere selbstsüchtigen Gedanken uns drängten. So, wie wir unserem Wesen nach waren, hatten wir – genau wie alle anderen – nichts verdient als Gottes Zorn. (NGÜ).
Hier wird auf fast schon modern klingende Weise von dem (Un-)Geist gesprochen, in dem Menschen – ohne religiöse und kulturelle Unterschiede – sich selbst verfallen und auf dem Weg in ihr Verderben sind. Die Rettung liegt in der Befreiung von dieser Denk- und Lebensweise, die nicht auf dem bisherigen Weg durch das von dem Ungeist beherrschte Ich, sondern nur durch das Aufgehen und die Annahme einer neuen, existenztragenden Lebensgewissheit geschehen kann. Diese neue Möglichkeit schien durch die Teilhabe am Leben Christi, der mit seiner Auferstehung die Macht des Todes gebrochen hatte, Wirklichkeit werden zu können.

Für Martin Luther wurde dieser Vers in seiner Auseinandersetzung mit dem Ablasshandel der Kirche auf’s neue lebendig. Bei seiner Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? ging ihm auf, dass kein menschliches Werk oder Verdienst uns so gerecht und gut machen kann, dass wir damit vor Gottes Gericht bestehen können. Da musste auch der Handel mit dem der Kirche anvertrauten Schatz der guten Werke der Heiligen als absurder Versuch erscheinen, sich mit Geld von der eigenen Verantwortung und Schuld freikaufen zu können. Sola fide, allein der Glaube an die mit dem Christusgeschehen geschenkte Gnade und Liebe Gottes befreit uns nach Luther von der Angst und Verzweiflung vor der drohenden Verdammnis.

Für das säkulare Bewusstsein ist Gott zu einer ideologisch-religiösen Altlast geworden, die heute praktisch keine Rolle mehr spielt. Es geht doch sehr wohl ohne ihn, und wenn man bedenkt, was Menschen in seinem Namen bis heute anrichten, kann man leicht behaupten, es geht ohne ihn viel besser.
Dieser Einwand ist kaum zu entkräften. Nur ist er an die Voraussetzung gebunden, dass die Wirklichkeit Gottes mit dieser Vorstellung von Gott identisch ist.

Doch was geschieht mit der Verabschiedung Gottes aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein?
Er hinterlässt einige Lücken:
Da ist (1) die Sinn-Lücke: Gibt es keinen von Gott vorgegebenen Sinn, so müssen wir unserem Leben selber einen Sinn geben. Jeder ist dabei seines eigenen Glückes Schmied. Und so schmieden wir denn, dass die Funken fliegen.
Da ist (2) die Legitimationslücke: Wenn es keine letzte und end-gültige Instanz gibt, werden neue Fundamente gebraucht. Geht es nach universalen (Menschen-) Rechten? Wer definiert die, und wer regelt die Ausführungsbestimmungen? Hat die Vernunft unter den Menschen und Völkern eine Chance, oder ist am Ende alles nur eine Frage der Macht?
Da ist (3) die Gerechtigkeitslücke: Wenn Gerechtigkeit nur als „ein schöner Traum“ erscheint, weil sie nicht mit der Natur des Menschentieres zu verbinden ist, wie soll es dann jemals Frieden in Freiheit geben können?
Da ist (4) die Zeitlücke: Wenn die Ewigkeit komplett ausfällt und die Zukunft als Raum gegenwärtiger Hoffnung nicht mehr in guten Händen geglaubt werden kann, muss alles Verlangen nach Glück hier und jetzt befriedigt werden, weil aufgeschoben möglicherweise doch aufgehoben heißt.
Da ist (5) die Liebeslücke: Wenn bedingungslose Liebe nicht mehr denkbar erscheint, weil doch alles an Bedingungen geknüpft ist und weil alles seinen Preis hat und nichts mehr heilig ist, sind wir dann nicht endgültig Opfer unserer eigenen Verhältnisse geworden?

So stehen wir denn auch im 21. Jahrhundert vor der Frage: Sind wir noch zu retten?
Und wenn nicht alles täuscht, folgen die entscheidenden Prozesse des gesellschaftlichen Lebens in unserer hochkomplexen globalisierten Welt weitgehend noch immer den alten Prinzipien polaren Denkens, das zuerst und vor allem zwischen uns und den anderen unterscheidet und sich deshalb mit immer neuen Ängsten in einer Weise umzugehen genötigt sieht, dass daraus wieder neue Ängste erzeugt werden.
Solange wir eingepfercht im Hamsterrad dieser Ängste und Kämpfe leben, werden wir keine Rettung finden, sondern gezwungen sein, dieses Rad immer schneller zu drehen.
Rettung muss aus einer anderen Richtung kommen.

Wie das im einzelnen geschehen kann, ist sicher nicht einfach und nicht ohne Wirrnisse, Widersprüche und Rückschläge aufweisbar. Es erscheint eher wie ein Wunder, das uns über uns selbst hinauswachsen lässt. Nur ein neues Bewusstsein kann uns dazu bringen. Vielleicht ein Bewusstsein, in dem wir miteinander in einem tieferen, bislang noch kaum begriffenen Sinne und mit neuem Ernst „Vater unser im Himmel“ zu sprechen lernen.
Das mag utopisch klingen, aber gibt es eine andere Möglichkeit? Und nicht zu vergessen: Es hat früher schon einige Male funktioniert. Das kann uns Mut und Hoffnung machen.

Die Jahreslosung für 2013 – hier und jetzt und darüber hinaus

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
(Hebräer 13,14)

Hier und jetzt findet das Leben statt! Diese alte Einsicht, die der Grundhaltung der fernöstlichen Meditationen entspricht, ist von der modernen Psychologie bekräftigt worden. Die Verstrickungen aus der Vegangenheit und die Erwartungen an die Zukunft können unsere Gegenwart so stark überlagern, dass wir uns des realen Lebens berauben, das immer im Augenblick der Gegenwart gelebt oder auch verträumt und versäumt wird.

„Hier und jetzt!“ ist auch zu einer weitverbreiteten Grundhaltung in unserer Gesellschaft geworden. „Wann, wenn nicht jetzt?“, lautet die entsprechende Suggestivfrage. Hier und jetzt ist Party, knallen die Korken, zünden die Böller und Raketen. Allerdings ist am Morgen danach auch wieder hier und jetzt und damit Zeit und Gelegenheit, aufzuräumen und die Straße von den ausgebrannten Rückständen der großen Party zu säubern. Wer A sagt muss auch B sagen – oder doch lieber gleich A2?

Die neue Jahreslosung aus dem Hebräerbrief im Neuen Testament sieht das anders: Wir haben und leben eine Geschichte. Unsere Gegenwart ist darin eingebettet und kann nicht festgehalten werden.

Das wird auch von der Lebenserfahrung bestätigt, die jeder Mensch unweigerlich macht:
„Verweile doch, du bist so schön!“, funktioniert nicht. Es lässt sich nichts festhalten. Aber auch die schweren Zeiten gehen vorüber. „Alles hat seine Zeit“, steht schon im Alten Testament im Buch Kohelet, Kap.3.

Beide Auffassungen stehen zwar in einer unübersehbaren Spannung, aber nicht in einem unüberbrückbaren Gegensatz. Sie betonen unterschiedliche Aspekte unseres Lebenszusammenhangs: Leben, handeln und etwas verändern können wir immer nur im gegenwärtigen Augenblick. Nur in ihm sind wir da und präsent. Doch dieser Augenblick ist nicht ohne die vorausgegangenen, die in ihn hineinwirken. Ebenso wird unser Handeln in der Gegenwart von seinen Folgen in der Zukunft und den Erwartungen von der Zukunft beeinflusst.

Es kommt darauf an, beide Aspekte nicht gegeneinander auszuspielen, sondern so miteinander zu verbinden, dass dabei das Wesen des menschlichen Lebens nicht verfehlt, sondern erfüllt wird. Dieses Wesen besteht in der endlichen Freiheit bzw. begrenzten Autonomie des Menschen.

Die neue Jahreslosung betont, dass hier nicht alles ist. Wir haben eine Zukunft. Der christliche Glaube macht Hoffnung und Mut, diese Zukunft als etwas Lohnenswertes anzusehen, anzunehmen und anzugehen. Wir haben hier keine bleibende Stadt und können die Gegenwart nicht festhalten. Wer das versucht, verfehlt das Leben, das sich ständig im Fluss befindet und nie ganz kontrolliert und beherrscht werden kann.
Wir können aber nach dem fragen und suchen, was uns in diesem Fluss trägt, reicher macht und wachsen lässt.

Diese Suchbewegung aus der Kraft eines tiefen Vertrauens in den tragenden Grund des Lebens findet hier und jetzt statt und führt uns darüber hinaus zur Versöhnung mit der Vergangenheit und zur Bejahung und Gestaltung unserer Zukunft.